Ulkige Füße – wumm

Nicht zu fassen, sag ich, als ich nach Hause komme, ich hab mich voll auf die Fresse gelegt. Wo? Den Kannenhof runter. Schon wieder? Ja, schon wieder. Der obere, der steile Teil des Kannenhof scheint für mich zunehmend eine Art Sonderwirtschaftszone darzustellen: Wie wirtschafte ich den Tod, wie meinen Fall.

*

Ende vergangenen Jahres passiert es zum ersten Mal. Wochenlang lag Schnee, der Frost wollte nicht weichen. Ich ging den Kannenhof runter und wechselte die Strassenseite, vergaß dabei aber das Blitzeis, das sich über Nacht gebildet hatte und unterm Schnee lauerte.

Der Fuß sauste weg, als wäre ich auf eine verborgene Bananenschale getreten. Für einen winzigen Cartoon-Moment lag ich waagerecht in der Luft, bevor ich lang mit dem Rücken aufschlug. Der Hinterkopf titschte zwei Mal auf, dong-dong, wie ein Flummi. Zum Glück trug ich eine Mütze, die den Aufprall abfederte, zusätzlich zum Schnee.

*

Ich bin Fußgänger. Selbst den Bus nehme ich nur, wenn es mich in einen anderen Stadtteil verschlägt. Mit dem Hund bin ich täglich zwei, drei Stunden in der Pampa unterwegs. Da steigt schon rein statistisch die Sturzgefahr.

Letzten Donnerstag war es wieder soweit. Diesmal lag nirgends Schnee, und Blitzeis war auch nicht im Spiel. Diesmal stolperte ich bei Sonnenschein über die eigenen Beine. (Ein Grund mehr, die guten alten 500beine weitgehend ruhen zu lassen.)

Von Natur aus zähle ich zu denjenigen, die vorwärts fallen beim Gehen. (Walking and falling at the same time, Laurie Anderson). Als würde ich mit jedem Schritt eine Schneise hauen. Man hört praktisch das Brechen von Mauerwerk, ich säble alles nieder, was sich mir in den Weg stellt. Führend dabei ist das linke Bein, mit dem ich meine Energie vorausschicke. Die linke Klebe. Die Machete. Das Gefühlsbein.

Ich geh, fühl + und komm um.

Donnerstagvormittag, den Kopf voller Gedanken, marschiere ich den Kannenhof runter. Auf dem Bürgersteig. Bis ich plötzlich aus dem Takt gerate. Wie aus dem Nichts schlägt die Spitze meines linken gegen die Hacke des rechten Schuhs, ich verliere das Gleichgewicht.

Mein Oberkörper verlagert den Schwerpunkt nach vorne, das vorwärts Fallen beschleunigt sich – alles in dem vollen Bewusstsein, mich nicht länger auf den Beinen halten zu können. Zwei Meter geradeaus  – ich gerate auf die Strasse, und stürze. Mit den Händen voraus. Rollsplitt bohrt sich in die Handflächen, ich lande auf der rechten Körperseite.

Ein Schulmädchen, das auf der Wupperstrasse gemeinsam mit mir aus dem Bus gestiegen war und gut zwanzig Meter voraus ist, dreht sich um.

„Alles klar?“

Ich warte einen Moment.

„Na ja klar.“

*

Das Schöne am bergauf gehen ist das oben ankommen. Das Schöne am bergab gehen ist das oben gewesen sein. Alles in allem ist oben am besten.

*

Plutonium strahlt 24.000 Jahre. Das ergab jetzt ein Langzeit-Test, der 22.000 v. Chr. begann und letzte Woche beendet wurde. Bei einem kleinen Empfang nahe Kiew wurden herzhafte Plutonium-Teilchen gereicht.

*

„Sieben Milliarden, das kann doch nicht gutgehen“, meint die Gräfin erschrocken, als sie vom neuen Höchststand der Weltbevölkerung erfährt.  „Glaubst du, die Menschheit will es bis zu Gott hinauf schaffen, mit einer 7-Milliarden-Räuberleiter? Was meinst du?“

*

Wir rätseln hin und her, wie es gelingen könnte, die Zahl der Menschen zu verringern, und finden eine Lösung: Wir müssen lernen, Nahrung rein virtuell aufzunehmen. Dann haben wir in einem ersten Schritt sieben Milliarden total dünne Menschen. Danach muss man weitersehen.

*

Nachdem wir verärgert feststellen mussten, dass ausrangierte Brennstäbe aus deutsche Kernkraftwerken bei uns im Hinterhof zwischengelagert werden, in doppelt Zellophan verpackt, rufe ich beim Deutschen Atomforum an.

„Finden Sie das in Ordnung?“

„Bitte sehr?“

„Dass ihr euren Müll bei uns hinkippt!“

„Herr Glumm? Momentchen.. ich verbinde.“

Kleine Pause mit Cäsiummusik. Dann die Geldsackstimme.

„Was wollt ihr denn noch!??“

„Hm….?“

„Wie, hm??! Das heisst bitte! Spreche ich nicht mit Endlager Glumm??“

„Endlager..?“

„Schnauze! Was wollt ihr denn noch? Ihr habt Luft zum Atmen, Internetanschluss und eine Kaffemaschine, also, bei aller Liebe zum Pöbel, aber irgendwann muss es mal gut sein!“ schnarrte es aus dem Hörer. „Und ihre Badewanne ist nächsten Monat als Abklingbecken gebucht. Guten Tag.“

Das informelle Gespräch war beendet.

*

Ich steh beim Bäcker an und betrachte die uralte Frau links von mir. Sie muss fast neunzig sein. Ihr Anblick erinnert mich daran, wie ich meiner Mutter vor Jahren in den Mantel half. Ich bemühte mich, die widerspenstige Beule glatt zu streichen, die sich auf dem Schulterstück des Mantels gebildet hatte, fast wie der Knauf eines Treppengeländers, bis mir aufging, dass es sich um ihren beginnenden Buckel handelte. Verdammt.

Die alte Frau lächelt. Sie ist klein. Ein wenig ärmlich. Ihre Schühchen sind so ausgetreten, dass sie eine Nummer zu groß wirken, die braunen Nylonstrümpfe leiern aus, werfen Falten. Sie stützt sich umständlich auf den Rollator und sucht in ihrem Portmanee nach Kleingeld, obwohl sie noch nicht an der Reihe ist.

Je länger ich ihr wohlmeinendes knuspriges Gesicht betrachte, von einer verflachenden Dauerwelle abgerundet, desto wärmer wird mir. Es ist einer dieser Momente, wo mir eine Person in unmittelbarer Nähe so sympathisch wird, dass ich sie am liebsten an meiner Zuneigung teilhaben lassen möchte.

Wissen Sie was, Sie sind wunderbar.

Aber das sagt man nicht. Man denkt es nicht mal. Man fühlt es nur. Wenn man Glück hat.

„Die Dame.. Sie wünschen?“

Die pummelige Verkäuferin hinterm Tresen hat Mühe, die Alte in der Schlange auszumachen, so klein ist sie.

„Drei Kümmelbrötchen“, piepst es links von mir. Dabei lächelt sie so unschuldig, dass aus meiner Sympathiewelle schnell eine mittlere Flut wird, ein generationsübergreifender Nylonstrümpfchen-Tsunami.

„Der Herr.. Sie wünschen?“

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3 Gedanken zu „Ulkige Füße – wumm

  1. fallobst..hihi

    und das junge gemüse.

    mit radio activity..

    wichtig ist sich nicht zu schämen beim stolpern
    noch wichtiger , das subjekt des anstosses auszumachen
    um andere rassanten zu informieren über das drohende
    links einharken und rechts abschmiern.hihi…göttlich

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  2. Shit happens…
    aber es ist sehr beruhigend, dass es anderen Leuten auch so geht 🙂

    Bin vor gut einem Jahr sowas von auf die Fresse gefallen, das hat mich richtig traumatisiert… so gaaaanz langsam erhole ich mich davon,
    allerdings ist der , inzwischen verheilte, Nasenbeinbruch für immer und ewig ein Zeichen meines Unfalls.

    GLG vom Berg gegenüber nach Solingen

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