27

Im Schnitt war ich drei Tage die Woche am saufen, drei Tage nüchtern, der Sonntag war der Tag des Herrn. Ich war siebenundzwanzig. Kein ungefährliches Alter. Ein dämonisches Alter. Siebenundzwanzig ist die Wende, die Abrechnung, die ernüchternde Einsicht, dass man nicht ewig ein Jugendlicher bleiben kann. Eine Ernüchterung, die nicht jeder überlebt.

Doors-Sänger Jim Morrison verreckte mit 27 an einer versehentlichen Überdosis Heroin, Kurt Cobain schoss sich eine Gewehrkugel in den Kopf. Brian Jones ertrank schlechtgelaunt im Swimming Pool. Janis Joplin erstickte im Schlaf nach einem Schuss Heroin in Verbindung mit ihrem Lieblingswhisky Southern Comfort, Jimi Hendrix reichten acht starke Schlaftabletten und die eigene Kotze. Delta Blues-Legende Robert Johnson erlag den Spätfolgen einer Syphilis, der manisch-depressive Manic Street Preacher-Sänger Richey J. Edwards verschwand spurlos und wurde für tot erklärt.

Ich lebte noch, aber ich war noch nicht überm Berg. Ich war noch nicht 28, da fehlte noch ein bißchen. Ich war seit beinah anderthalb Jahren mit der Gräfin zusammen, doch wenn man mit sich selbst nicht im Reinen ist, hilft auch die Liebe einer Blaublütigen nicht weiter. Es reicht, um sich nicht am nächsten Baum aufzuhängen, das schon. Immerhin. Ist ja auch schon mal was. Fürs erste. Besser als nichts. Junge, war ich mies drauf.

Ich war schon froh, wenn ich den Tag umkriegte und am Abend bewusstlos ins Bett sinken konnte. Endlich schlafen. Wegsacken, und träumen. Das Wunder, auf das ich nach dem Gewinn des Literaturpreises im Oktober 86 gesetzt hatte, fand nicht statt. Um zu schreiben, fehlte mir jegliches Durchhaltevermögen. Schreiben war anstrengend und damit eine Disziplin für die ferne Zukunft, fürs vierzigste oder fünfzigste Lebensjahr vielleicht, wenn der Spaß eh vorbei war. Bis dahin hieß es: überleben. Egal wie. Ich versuchte es mit drei Tagen saufen, drei Tagen clean, und der Sonntag war der Tag des Herrn.

*

Die Gräfin hatte mir den hoffnungslosen Vorschlag unterbreitet, über Nacht einfach mal 100 leere DIN A4-Seiten auf dem Schreibtisch auszulegen und abzuwarten, ob meine Schreibmaschine vielleicht von allein einen Roman tippen würde, „wenn du es schon nicht bringst.“

Tatsächlich legte ich eines Abends versuchsweise zehn blütenweiße Seiten aus, gleich neben Gabriele, meiner Reiseschreibmaschine. Eines hatte ich schon gelernt. Es ist ein gewaltiger Unterschied, ob man etwas bloß im Kopf durchspielt oder ob man der Versuchsanordnung folgt und abwartet, was passiert. Als ich die Blätter auf dem Schreibtisch platzierte, war ich erregt wie am Vorabend von Nikolaus, wenn man die Stiefel in den Flur stellt, die dicksten, die man hat.

Problem: Auch die Enttäuschung war real. Der leer gebliebene Stoß Seiten verdeutlichte nur, dass die kleine Gabriele nicht genug Eigenleben besaß, um ohne mich loszuschreiben. Und als ich aus welchem Grund auch immer meiner Mutter davon erzählte, schaute sie mich nur an, mit diesem besonderen Blick, Söhnchen, du bist zu alt für so einen Kram.

*

Ich hatte diesen Job im Turmhotel, wo ich den Sommer über das Gepäck für amerikanische Reisegruppen managte. Bei Bedarf jobbte ich zusätzlich als Nachtportier, wenn einer der beiden etatmäßigen Nachtportiers Sokolov und Möckendorf krank war oder in Urlaub.

Sokolov, ein kleiner zäher Rentner, stammte aus Sofia. Er war krankhaft sparsam. Er weigerte sich, verdorbene Wurst wegzuschmeißen, und wenn die Schlieren auf den Mortadellascheiben nicht mehr zu übersehen waren, schabte er sie heimlich ab, schon fiel im diffusen Licht des Frühstückbüffets nicht mehr auf, was wirklich auf dem Tablett lag.

Wäre er jünger gewesen, Sokolov hätte einen Eins-a-Foodstylisten abgegeben. Er hatte alle Tricks drauf. Sogar aufgeweichte Cornflakes, von den Gästen achtlos in der Milchschüssel zurückgelassen, machte er wieder knackfrisch. Keine Ahnung, wie er das hinkriegte. Sokolov war ein Zauberer. Ich musste oft kotzen.

Am schlimmsten aber war es, wenn er aufs Klo ging und die Pisse nicht abzog, um Wasser zu sparen.

„Ist doch Trinkwasser“, sagte er mit hochrotem Kopf und nahm einen Schluck. „Hier, siehst du.“

„Sokolov“, schrie ich ihn an, „du machst uns noch alle krank!“

„Wieso?“

„Weil du hier deine Bakterien verbreitest!“

„Bakterien? Wie, Bakterien?! Was für Bakterien?! Ich hab keine Bakterien! Was willst du!?“

Bei Dienstbeginn war ich aufs Personal-Klo gegangen und hatte versäumt, den Abzug zu betätigen, bevor ich den Klodeckel anhob. Schließlich konnte es immer mal sein, dass ein gülden Pfützchen in der Porzellanschüssel schimmerte, ein gülden Pfützchen aus der Nacht zuvor, oder.. ach, wer wusste schon, von wann die Pisse war.

„Sokolov! Du machst uns alle krank!“ schrie ich.

Bulgarische Schimpfworte quollen mir entgegen. Wenn Sokolov sich angegriffen fühlte, verteidigte er sich in seiner Muttersprache. Das war seine Linie. Er verließ niemals seine Linie. Er war fabelhaft.

„Bäh!“ machte ich.

Es war sinnlos. Er war eine fabelhafte bulgarische Pottsau.

Möckendorf dagegen, der andere Nachtportier, war ein stiller kleiner Rentner, der sehr zurückgezogen lebte. Seine fahle Gesichtsfarbe erinnerte an Fleischwurst, die zu lange im Kühlschrank gelegen und Geschmack angenommen hatte. Möckendorf war es auch, der mich in den Job des Nachtportiers einarbeitete. Er zeigte mir, wie man den Frühstücksraum korrekt eindeckte, wie man das Buffet aufbaute.

Zuletzt wollte er mir demonstrieren, wie das mit dem Wurst- und Käseschneiden ging. Ich fragte mich, was es da groß zu demonstrieren gab. In der Küche befand sich eine Wurstschneidemaschine, mit der man vermutlich auch einen Laib Käse bearbeiten konnte. Möckendorf ging vor. Er öffnete den Kühlschrank und zog ein silbernes Tablett hervor. Darauf lag ein Kranz Wurstaufschnitt, übriggeblieben vom Buffet der vorangegangenen Nacht. Möckendorf langte zu. Er vergaß völlig, dass ich hinter ihm stand und dabei zuschaute, wie er eine Scheibe Fleischwurst nach der anderen in sich hinein schob, verschlang, schmatzend wie ein Schwein.

Es war dieses gierig-sabbernde Hinschnappen in der Hotelküche früh um fünf, das sich in mein Gedächtnis einbrennen sollte. Möckendorfs verdammte Fleischwurstfresserei, Sokolovs güldene Pfützchen – irgendwie ahnte ich schon zu diesem Zeitpunkt, dass ich als Nachtportier kaum unbeschadet aus dieser Geschichte herauskommen würde.

*

Als der Sommer vorüber war, reisten keine Amerikaner mehr an, es gab kein Gepäck mehr zu tragen.

„Bis nächstes Frühjahr“, sagte mein Chef.

Ich ging zum Arbeitsamt und beantragte Arbeitslosenhilfe, doch das bißchen Kohle reichte gerade mal für die Miete und ab und zu einen saufen. Es war nicht viel los mit der Arbeitslosenhilfe damals. Zu allem Überfluss machten mir auch noch die Ohren zu schaffen.

Die Misere nahm ihren Lauf in der Libelle, einem Club am Stadtrand. Es war Samstagabend, als Blowbeat dort ein Konzert gaben. Blowbeat, für ihren druckvollen Rock bekannt, kamen aus Holland, wo sie zum besten Live-Act des Jahres gewählt worden waren. An der Leadgitarre stand Schnaat, einziger Nicht-Holländer in der Band und Freund von mir, und so drängelte ich mich trotz schwerer Erkältung bis nach vorn an die Boxen.

Zusammen mit Schnaat und Karlos hatte ich als Teenager halb Europa abgetrampt: Frankreich, England, Monschau. Wir waren vor südfranzösischen Fischern geflohen, die uns für blonde Nazis gehalten hatten, wir hatten in einem Londoner Bahnhof so viel Blödsinn getrieben, dass die Bobbies uns bis auf die Unterhose filzten, nur weil sie der Auffassung waren, dass man ohne Drogen nicht so viel Blödsinn treiben konnte – dabei tranken wir damals nicht mal Bier.

Wir hatten eine Menge Dinge gemeinsam erlebt und doch gelingt es mir bis heute nicht, über Schnaat zu schreiben, während mir Karlos relativ locker von der Hand geht. Warum das so ist, weiss ich nicht. Nur eines weiss ich: ob man über jemand schreiben kann oder nicht, sagt über seine Originalität nichts aus – gar nichts. Es steckt etwas anderes dahinter. Vielleicht komme ich eines Tages dahinter. Vermutlich nicht.

Schnaat war ein begnadeter Live-Gitarrist, seine Soli funkelten und kreischten. Er raste auf einen bestimmten Punkt zu, und wenn er ihn erreicht hatte, raste er einfach weiter, das Gesicht zur steckbrieflich gesuchten Visage verzerrt, roh und gemein – ein Gauner an der Rififi-Gitarre, der seine Zuhörer über die Dächer der Großstadt zerrte, in spitz zulaufenden Lackschuhen.

Ich nahm 1975 Gitarrenunterricht. Die Griffe, die ich damals lernte, beherrsche ich noch heute, doch mir fehlte das wirkliche Talent, das einen Musiker ausmacht, es ging nicht übers mühsam Erlernte hinaus. Außerdem war es ja so: Während Karlos und ich in den feuchten Maltesern Gründen saßen und eine Palette Dosenbier plattmachten, („Mann, ich bin so dermaßen nicht da“, sagte ich zu Karlos, „du auch?“), blieb Schnaat zuhause und büffelte an den Stahlsaiten, bis seine Finger blutig waren.

In späteren Jahren war ich ständig von Musikern umgeben, doch der einzig wirkliche Profi blieb Schnaat. Dass er es mit Blowbeat in den 80ern und frühen 90ern nie ganz an die Spitze schaffte – keine Ahnung, woran es lag. Letztlich waren es wohl nicht genug Leute, die Blowbeat liebten.

Wobei – niemand kann etwas für seinen Musikgeschmack. Den Musikgeschmack sucht man sich nicht aus. Man wacht nicht auf und denkt, hey, ich steh jetzt mal ne Weile auf Old Skool Detroit Techno House. So läuft das nicht. Musik erwischt einen oder erwischt einen eben nicht, und dann muss man zusehen, wie man damit zurechtkommt im Leben.

Übrigens auch mit der Musik, die Anderen gefällt. Die haben sich das auch nicht ausgesucht, die Anderen, was ihnen gefällt, genausowenig wie du, die machen das auch nicht extra, dass sie Hansi Hinterseer lieben. Dass sie zwanghaft mitträllern, wenn der Hansi im Fernsehen Stimmung macht. Das muß man akzeptieren. Möglicherweise wäre diesen Leuten sogar wohler, hörten sie statt Hansi Hinterseer Detroit Old Skool, man sucht sich das nicht aus. Es sind die Ohren, die befehlen, die Vorposten deiner Seele, und du gehorchst. Du bist Sklave deiner Hörzellen. Mehr ist es nicht. Hau ab.

*

Am Morgen nach dem Blowbeat-Konzert jaulte und fiepte es in meinem Schädel, als hätte ich direkt unter einem Starkstrommast campiert. Ich saß aufrecht im Bett und raufte mir die Haare, ich versuchte verzweifelt den Kopf freizukriegen, den Ton zu verjagen, hinauszuschaufeln, aber es half nichts, der Pfeifton blieb. Von nun an hatte ich einen Wasserkessel in den Ohren, der bei konstant hoher Hitze vor sich hin flötete.

Ich ging in die Stadt, damit der Verkehrslärm das verdammte Gejaule und Gefiepe überlagerte. Mitten auf dem Zebrastreifen blieb ich stehen und steckte den Finger ins Ohr. Ich wollte hören, ob das Geräusch noch da war. Es war noch da. Es ging nicht weg. Nicht an diesem Tag, nicht am nächsten Tag. Jeden Tag hoffte ich, dass die Aufregung sich legen würde. Dass jemand den Kessel von der Herdplatte nehmen und wieder Ruhe einkehren würde.

Die Vorstellung, dass es von nun an für immer so bleiben würde, trieb mich zum Ohrenarzt am Neumarkt.

„Kein Wunder“, meinte er mit Blick durchs Otoskop, „da ist so viel Ohrenschmalz drin, das hab ich lange nicht gesehen. Ein Wunder, dass Sie überhaupt noch was hören.“

Er packte die große Gummispritze aus und forderte mich auf, stillzuhalten und die Knie zusammen zu pressen.

„Den Schuh wegen mangelnder Hygiene brauchen Sie sich übrigens nicht anzuziehen“, meinte er wohlwollend, doch solche Schuhe pflegte ich eh nicht zu tragen. Ich mochte Turnschuhe mit weinroten Querstreifen, für den sportiven Winzer. „Manche Menschen produzieren Ohrenschmalz im Überfluss, und zu denen gehören Sie offensichtlich.“

Ich machte ihn darauf aufmerksam, dass ich schwer erkältet auf einem lauten Club-Konzert gewesen war, konnte das nicht der Grund sein für die Ohrgeräusche..? Doch der kauzige Doktor mit den großen rosigen Patschehändchen hörte gar nicht hin, zu sehr war er in seinem Element. Ein Ohrenarzt mit Leib und Seele und einer Mitarbeiterin, die neben mir am Stuhl stand.

„So, jetzt nicht erschrecken, junger Mann..“

Lauwarmes Wasser schoss in mein Ohr und hinterließ ein Gefühl, als wäre ein Staudamm gebrochen, der den Schädel überflutete.

„He! Stillhalten! Ist gleich vorbei..!“

Ein klebriges rötliches Sekret landete in der Petrischale. Der Doktor zeigte mir den Fang. Es sah nicht gut aus. Auch die Mitarbeiterin verzog das Gesicht.

„Sieht aus wie Schaschlik“, sagte ich unsicher. „Wie Currywurst..?“

„Ja“, schwitzte der Arzt und wiederholte die Spülung zweimal, dann erst war er zufrieden. „Jetzt müssten die Ohren frei sein.“

Ich stand auf und ging vorsichtig durchs Behandlungszimmer. Meine Schritte klangen wie Peitschenhiebe auf Kopfsteinpflaster, es fauchte aus meiner Nase, das Fauchen eines wilden Tieres.

„Besser jetzt?“ fragte der Doktor.

„Weiß nicht..“

Die Worte kamen so gleissend-hell, wie von einer scharfen Rasierklinge auf die Zunge gehoben. Ich fühlte mich vergewaltigt. Gestückelt. Ich machte, dass ich aus der Praxis rauskam. Auf der Strasse verfolgte mich ein Rasseln. Ich drehte mich genervt um, hinter mir war niemand. Es dauerte seine Zeit, bis mir aufging, dass es bloß lose Münzen in der Gesäßtasche waren, die beim Gehen klimperten.

Zu Hause schloss ich die Fenster, ich legte mich aufs Bett. Ich brauchte Ruhe, totale Stille. Ich hatte siebenundzwanzig Jahre in einer abgeschirmten Enklave gelebt, nun war der Schmalz weg. Keine Schnulzen mehr. Die Welt in ihrer überwältigenden Lautstärke. Sogar den Nachbarn auf der anderen Strassenseite, der im Hobbykeller leichte Laubsägearbeiten ausführte, konnte ich durch die geschlossenen Fenster hören. Thermopane. Es waren schrille Tage, damals.

*

Die Ohrgeräusche blieben. Einziger Effekt der Ohrspülung: das Gepiepe war klarer und heller als zuvor, jetzt, wo der Schmand fort war, meine private Rauschunterdrückung, das Dolby-System. Am heftigsten war es in der Nacht, wenn ich Stunde um Stunde wach lag und keinen Schlaf fand. Manchmal wußte ich nicht, ob es im Ohr fiepte oder ob ich es mir nur einbildete. Also steckte ich den Finger ins Ohr und versuchte den falsettartigen Ton zu isolieren. In der engen Schnecke rief ich zum Duell. Nur ich und die Fistelstimme. Die verfluchte Kastraten-Staffel. Ich hatte keine Chance. Getroffen sank ich in den Staub.

Wo andere Leute ihr Nervenkostüm hatten, stand bei mir die Schublade offen, darin lauter loses Garn und Flicken. Der fehlende Schlaf machte ein Wrack aus mir. Ich trank keinen Alkohol mehr, rauchte kaum eine Zigarette. Ich ließ das Kiffen sein und schnappte mir unseren Hund, einen jungen freundlichen Collie-Mischling, für Gewaltmärsche durch die Wupperberge. Um die Durchblutung zu fördern, wie die Gräfin riet. Um dem Nest zu entrinnen, sagte ich. Dem Nest in meinem Kopf.

Manchmal waren der Hund und ich den ganzen Tag unterwegs. Wir landeten in Autobahnraststätten und in dunklen vergessenen Hofschaften mit Namen wie Hoffnung, Jammertal und Habichtshöhe. Wir raschelten wie Laub im Wind, Kilometer um Kilometer, weiter, immer weiter,  bis mein Kopf endlich hinterherhinkte und etwas Ruhe gab.

Abends lag ich mit monströsen Kilometerbeinen im Bett, komplett k.o., und konnte doch nicht einschlafen. Die Gräfin stellte das Radio an, leise, nicht zu leise. Die Lautstärke musste exakt den Frequenzbereich meines Ohrgeräuschs treffen, sonst brachte es nichts. Ich war fertig mit den Nerven. Nichts ging mehr.

Mittags besuchte ich meine Eltern. Um halb stand das Mittagessen auf dem Tisch, eine feste Größe seit meinen Kindertagen. Ich war auf der Suche nach fester Größe. Mein Vater erzählte von Kollege Vandersee, dem bei einer Knieoperation versehentlich die Hauptschlagader durchtrennt worden war, worauf er fast verblutet wäre. Erst in letzter Sekunde wurde er gerettet. Noch beim Dessert wälzten sich Vaters Worte durch mein angegriffenes Nervensystem. Ich sah Vandersees pochende Hauptschlagader, vom aufblitzenden Besteck in meiner Hand attackiert. Sein Blut platzte warm über den Mittagstisch, ich schüttelte mich, schaute schnell zu Mutter hinüber, und biss ihr den kleinen Finger ab.

So ging es nicht weiter.

*

Wieder zum Ohrenarzt am Neumarkt.

„Junger Mann, hat die Spülung nicht geholfen?“

Er hatte nicht nur große Patschehändchen, er war überhaupt von großer und massiger Statur, eine lasche Trutzburg. Er sperrte mich in eine schalldichte Audio-Kabine, in die er Töne einspielte, in verschiedenen Lautstärken und Höhen. Ich sollte Bescheid geben, sobald der Ton getroffen war, den ich ständig im Ohr hatte. Das Ergebnis war alarmierend. Schon im Bereich einer chronischen Schädigung, sagte der Doktor. Ob ich erblich vorbelastet sei. Ob es in meiner Familie Fälle von Schwerhörigkeit oder Taubheit gäbe.

„Na sicher“, sagte ich. „Mein Opa.“

Im Jahre 1900 geboren, war er stets so alt wie das Jahrhundert. Ein stämmiger, laut polternder Herr, der mir zum 18. Geburtstag ein Buch geschenkt hatte, mit einem milden Lächeln, das sonst gar nicht zu ihm passte: Aus dem Leben eines Taugenichts.

Weil Großvater so schlecht hörte, dass man jeden Satz wiederholen musste, waren Teile der Familie gleich dazu übergegangen, alles zweimal hintereinander zu sagen, die Wiederholung in fetten Druckbuchstaben, wie im Revolverblatt.

„Junger Mann, Sie sind auf dem besten Wege zur Schwerhörigkeit“, hetzte der Doktor. Dabei glänzten seine Backen, als hätte er eine Nikolausmütze tief ins Gesicht gezogen. Ich glaubte ihm kein Wort. Ich war erkältet gewesen und hatte beim Rock-Konzert zu lange vor den Boxen gestanden. Und jetzt hatte ich den Salat.

Rockkonzert? fragte er.

Ja, Rockkonzert, sagte ich. Blowbeat.

Ach so, sagte er. Schall-Traumata. Dann haben Sie Tinnitus. Klare Sache.

Mit seinen für einen leidenschaftlichen Menschen besorgniserregend laschen Patschehändchen stellte er mir ein Rezept für ein Medikament aus, das die Durchblutung der Ohren fördern sollte. Ich probierte es aus. Es machte schrecklich müde. Ich steckte ein Buch ein und ging mit dem Hund spazieren, kam aber nicht weit. Ich las Der Untertan von Heinrich Mann und schlief auf der Parkbank ein, am hellichten Tag. Der Hund wachte über meinen Schlaf. Als ich die Augen aufschlug, stand das Falsettgeschwader im Ohr höher als je zuvor.

Am zehnten Tag setzte ich das Medikament ab.

*

„Geräusche im Ohr? Hat doch jeder“, sagte Schnaat, als ich neben ihm am Tresen stand. Ich war mir nicht sicher, ob er das ernst meinte oder ob er mir nur etwas von meinem Drama nehmen wollte. Er wusste nur zu gut, wie sehr ich mich in etwas reinsteigern konnte.

„Jeder hat doch Geräusche im Ohr. Ist doch normal.“

„Aber keine Dauersirene. Ich bilde mir das nicht ein.“

„Dann lass mal hören“, sagte Schnaat, und rückte nah an mich heran. Da standen wir am Tresen, Ohr an Ohr, wie im tiefen Winter, wenn ein Auto dem anderen Starthilfe gibt. Es gelang ihm zwar nicht, meinen Tinnitus heraus zu hören, er war sich aber sicher, einen Song von Blowbeat erkennen zu können. „Das ist unsere zweite Zugabe!“

*

Das Ende der Ohrgeräusche kam schnell. Es begann damit, dass ich das Ganze nicht mehr so ernst nahm. Einfach so. Von heute auf morgen. Begann ich den Schwarm, der seine Runden drehte in meinem Kopf, zu überhören und schickte ihn gen Süden. Raus aus meinem Ohr. Runter da. Ihr könnt mich mal. Wichser. Ohne Yoga, ohne Meditation. Kehrte mein Gleichmut zurück.

Nun könnte man sagen: warum nicht gleich so? Wenn es doch so einfach war. Hättest dir ein paar schlimme Wochen erspart. All die Nächte. Aber so funktioniert es nicht. Man muss erst durch das Chaos hindurch, bevor. Man muss immer erst durch das Chaos hindurch, bevor. Oder wie Buddha sagt: Glück ist das Überwinden von Leid.

*

Eines Nachts wurde ich wach und ging pinkeln. Ich stand vorm Klo und wunderte mich über die Stille. Ich steckte den Finger ins Ohr, um das Geräusch zu isolieren, das nicht mehr da war. Es war weg. Nichts mehr war da, gar nichts. Bis auf die übliche Zimmerlautstärke des Universums, das Grundrauschen der Milchstrasse. Ein Megaherz. Ich stieg zurück ins Bett, und schlief weiter. Ich schlief tagelang. Ich schlief einen halben Monat.

Als ich aufwachte, war ich 28.

September 87, Kahnbeinbruch

6 Gedanken zu „27

  1. wer konnte denn ahnen,daß der kleine scheisser da auffem foto (nicht gern an fremden daumen lutscht)..

    und wer konnte denn ahnen, dass er nicht versteht, wie das war früher noch auf dem schoß beim onkel glummi war..

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  2. „Da standen wir am Tresen, Ohr an Ohr, wie im tiefen Winter, wenn ein Auto dem anderen Starthilfe gibt.“
    Das war mal wieder ganz großes Glumm-Kino heute!
    Aber bitte am Ende nicht Bilder posten, die ganz neue Fragen aufwerfen, wodurch das Kino dann schon wieder ausgeblendet wird:
    Wer ist das Baby?
    Wie kam es zum Kahnbeinbruch?
    Warum dazu gleich der Arm in Gips?
    Und: Das ist doch hoffentlich nur ein tiefer Schatten, aber kein Schnurrbart, nein?

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