Cincinnati

Na endlich. Das wurde auch Zeit. Mit ihrem materialmüden Fauchen signalisierte die alte Kaffeemaschine, dass der Mocca durchgelaufen war. Ich stieß die Bettdecke weg und machte mich auf in die Wohnküche. Es war noch keine acht Uhr. Karlos stand an der Spüle, in Unterhose und grünem OP-Hemd, das er aus meinem Besitz ergaunert hatte. Irgendwo im Haus dudelte das Radio, der Sprecher raste durch das Morgenmagazin, als könne er auf diese Art schneller Feierabend machen und nach Hause kommen.

„Wie schreibt man Cincinnati?“ fragte Karlos heiser. „Mit einem n oder mit zwei?“

„Hm..?“

„Cincinnati! Schreibt man das hinten mit zwei n oder mit einem, oder wie?“

Mit tattrigen Fingern fahndete er in dem Geschirrberg nach einem Kaffeebecher. Er zog an einem Henkel, der ihm bekannt vorkam. Das Porzellan gab nach, ächzte, doch der Berg hielt zusammen und stürzte nicht ein. Die Aktion schreckte aber die winzigen roten Fliegen auf, die sich in de Spüle eine warme Stube eingerichtet hatten. Mit Wasseranschluss und Kochgelegenheit. Jäh flogen sie auf und taumelten durch die Küche.

„Drecksviecher!“ Karlos verschluckte sich beinahe vor Aufregung. „Verpisst euch!“

„Was hast du gemacht? Die Nacht durchgekokst?“

„Quatsch. Ich hab mir ne Erkältung gefangen..“

Er spülte einen verkrusteten Kaffeebecher mit Leitungswasser aus und rotzte ins Spülbecken.

„Mann, es hilft nichts. Wir müssen spülen. Die Viecher ernähren sich von Essensresten. Jede Wette.“

Jo, der war gut. Wir müssen spülen. Wir. Seit wir zusammen wohnten war es deutlich geworden: Karlos‘ Wesen definierte sich zu einem nicht unwesentlichen Teil aus einer soziopathischen Scheu vor Hausarbeit. Ich konnte mich nicht erinnern, seine Theaterhändchen je in Spüllauge erlebt zu haben. Aber gut. Es war ja nicht so, als hätte ich nichts von Karlos gewusst, bevor wir uns zur Wohngemeinschaft durchgerungen hatten. Es war eine dieser stillen, niemals ausgesprochenen Abmachungen: Karlos kocht, ich spüle. Aber vielleicht hätte man doch mal darüber reden sollen, in den knapp drei Jahren, die wir zusammenwohnten. Karlos hatte insgesamt einmal Spaghetti gekocht. Das zweite Mahl ging auf meine Kappe, und gespült wurde auch nicht sehr viel öfter. Zuletzt gab es dauernd Pizza aus der Schachtel, knoblauchtriefende Pizza von Wassilijs Imbiss The Best of Pizza’s, oben auf der Wuppe’rstra’ss’e.

Pjjsch..pschjjsch..pjj..

„Mistviecher! Die gehen mir auf den Sack!“ krächzte Karlos und schlug mit dem Geschirrtuch um sich. Die Insekten flogen einen in Zeitlupe an, setzten sich frech auf die Schultern, hockten da wie Raben. Surrten, putzten sich in aller Ruhe. Kackten Mini-Häufchen in unsere Nervenlandschaften, die eh schon gespickt waren mit lauter Anemonen.

Etwas giftigen Kräutern.

„Wo der Duden schon mal hier herumliegt.. was war mit Cincinnati?“ fragte ich.

„Na, hast du doch gestern Abend gefragt, wie man das schreibt.. Cincinnati.“

„Ich? Blödsinn. Du hast doch die Nacht durchgekokst, du Sau.“

Karlos schüttete sich Kaffee ein und nieste. Dreimal hintereinander. Feste. Mit Bröckchen.

„Wo ist deine Tasse?“

Ich nickte zum Geschirrberg. „Da drin. Aber lass gut sein, ich such mir selbst eine raus..“

„Dann muss ich das wohl geträumt haben mit Cincinnati, kann auch sein“, meinte Karlos und setzte sich. „Würde mich nicht wundern. Ich bin seit zwei Tagen nur am träumen. Kommt bestimmt von der Erkältung. Nachts hab ich Fieber und schwitze mir die Beine weg.“

Wenn Karlos in Fahrt geriet, ähnelte sein Schädel einer durchglühenden Eierkohle, selbst in der Früh um acht, den ersten Mocca in Arbeit.

„Heut Nacht war ich in Griechenland. Hab ich geträumt, mein ich. Ich hatte einen Bungalow gemietet, ein richtig edles Teil, schön weiß in die Klippen gehauen, und billig war’s auch, irgendwie kannte ich den Vermieter, weiß nicht. Jedenfalls, es musste noch was renoviert werden, und was finde ich unter ner Bohle im Fußboden..?“

„Ne Brieftasche?“

„Nee, besser! Ne Schatztruhe!“

Ich blickte einigen der aufgescheuchten Fliegen hinterher, die auf der Kaffeemaschine landeten.

„Und dann?“

„Und dann..? Bin ich ins nächste Dorf und hab dich angerufen, ob du kommen kannst, mir helfen, und am nächsten Tag warst du da und wir haben schön einen gesoffen.“

„Super. Und was war drin?“

„Wo?“

„In der Schatzkiste.“

„Keine Ahnung. Wir haben das Ding nicht aufgemacht. Wir sind direkt an den Tresen.“

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2 Gedanken zu „Cincinnati

  1. „Apostrophpizza von Wassilijs Imbiss The Best of Pizza’s, oben auf der Wuppe’rstra’ss’e“
    Wenn’s den Pulitzerpreis auch für einzelne Zeilen gäbe …

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