Der Russe

Nachtdienst im Turm-Hotel. Ich lehne im Büro am Fenster und blicke hinunter in die Stadt. Es schneit leicht, geradezu gnädig, wie Kamelle, in Zeitlupe vom Prinzenwagen geworfen.

„..hallo..?“

Ein klägliches Rufen, von der Rezeption her.

„Moment“, sag ich.

Am Tresen wartet ein Mann um die vierzig. Wirres Haar, Haltung leicht gebückt. Ich hab ihn noch nie gesehen. Vermutlich ist er im Laufe des Tages angekommen, vor meinem Dienstbeginn. Er presst einen Streifen feuchtes Klopapier an seine Schläfe.

„Aspirin“, flüstert er, und reicht eine leere Tablettenschachtel rüber.

„Kopfschmerzen?“ frag ich.

Er hält den Kopf schief. Redet hastig. Ich kapiere kein Wort.

„You got headache?“

„Aspirin..“, wimmert er.

Okay, okay. Neben der alten Telexmaschine hütet die Chefin so etwas wie eine Hausapotheke. Ein grüner Verbandskasten, auf dem ein Andreaskreuz und das Wort Kraftwagen aufgedruckt ist, in Sütterlin. Ich wühle mich durch Tupfer und Einmalhandschuhe bis zum Boden durch, wo eine Lebertranpille in Aspik auftaucht, sowie zwei andere Tabletten, ohne Packung, ohne Aufschrift. Doch, Moment. Auf der Rückseite entziffere ich Distrin. Aber was weiß ich, was das für Pillen sind. Gegen Durchfall? Für Durchfall? Für nach Transplantationen?

„One moment..“, sag ich. Die Gräfin besitzt ein dickes Buch, in dem alle gängigen Medikamente verzeichnet sind. Ich ruf zu Hause an.

„Oh ja, das Pillenbuch“, sagt sie, „das hab ich Mimi Schulz geliehen.“

„Kennst du zufällig Distrin? Hinterher scheißt der Kollege mir hier die Bude voll.“

„Wer?“

„Na, der Russe. Der steht hier und hat Kopfschmerzen.“

„Kenn ich nicht.“

„Natürlich kennst du ihn nicht.“

„Nein, ich meine Distrin. Distrin kenn ich nicht.“

Während wir telefonieren, tigert der Mann vor der Rezeption auf und ab, feuchtes Klopapier an die Schläfe gepresst, die Augen blutunterlaufen. Er stöhnt. Er koddert wie ein Truthahn.

„Was war das denn?!“ fragt die Gräfin. „Bist du auf dem Klo?“

„Quatsch. Das ist der Russe. Der geht mir hier kaputt.“

„Woher kommt der denn?“

„Na, aus Russland! Oder der Tschechei. Was weiß ich denn. Ich weiß ja nicht mal, welches Zimmer er hat.“

Die Gräfin gibt mir Adresse und Telefonnummer der Notapotheke durch.

„Die wissen bestimmt, was Distrin ist, ruf da an. Am besten, die verkaufen ihm gleich Aspirin.“

„You drive car?“ frag ich den Russen zunächst und imitiere einen Mann am Lenkrad. Brumm brumm. Weil ich Automatik fahre, brauche ich nicht zu schalten. Alles hat seine Vorteile. Er hebt abwehrend die Hände.

„No. No.. carr.“

Dann muss er sich das Aspirin wohl mit dem Taxi kommen lassen. Andererseits, wenn er aus Russland kommt, wird er dafür kaum Kohle haben. Oder? Ich kenne Russen hauptsächlich aus dem Schrebergarten um die Ecke. Wenn die auf ihrer frisch renovierten Datscha feiern, das klingt wie tausend Bälger im Strandbad, alle die Riesenrutsche runter, ins Wodkabecken. „Die Russen sind ein komisches Volk“, meint auch die Gräfin. „Die gehen so schwerfällig, und feiern so wild. Ich glaub, von denen wiegt jeder so viel wie die ganze Welt.“ Anders die Chinesen, sagt sie. Die ähneln ihren eigenen Reisfeldern. „So zart und biegsam.“

Ich ruf in der Apotheke an.

„Ich hab hier einen Hotelgast, der hat Kopfweh, spricht aber weder deutsch noch englisch“, sag ich.

„Woher kommt der denn?“

„Aus Russland, glaub ich..“

„Oh, also, russisch spreche ich auch nicht..“

„Nee, deswegen ruf ich nicht an. Ich hab in unserer Hausapotheke eine Pille gefunden, auf der steht Distrin. Ist das ne Schmerztablette?“

„Distrin? Moment. Ich schau mal im Computer nach.“

Sie findet nichts. Wir quasseln noch ein bisschen, ihre Stimme ist freundlich und warm. Vermutlich hat sie ihren Eisprung. Ich stelle sie mir in Unterwäsche vor, aber das bringt dem Kerl hier auch nichts. Immerhin hab ich einen angehenden Steifen.

„Wenn gleich ein Mann im Taxi vorfährt, der den Kopf schief hält und unverständliches Zeugs brabbelt, verkaufen sie ihm dann eine Packung Aspirin?“

„Aber sicher doch, junger Mann.“

„You must go by taxi“, erkläre ich dem Russen.

Sein Blick ist verzweifelt.

„Taxi“, wiederhole ich. Das Wort kommt ihm bekannt vor. Auf dem Anmeldeblock für Beherbergungsstätten mache ich die Rechnung auf:

TAXI 10 MARK, ASPIRIN 10 MARK = 20 MARK.

Er starrt auf den Zettel, wiegt die beiden Distrin-Pillen in der Hand. Die Rechnung behagt ihm nicht. Dann steckt er die Tabletten ein, und zieht gebeutelt von dannen.

„He, Mister.. your room! What is your room?“ ruf ich ihm nach, doch erst als er am Aufzug angekommen ist, hält er den Zimmerschlüssel in die Höhe. 42. Das ist im dreizehnten Stock. Er steigt vorsichtig in den Lift und fährt ab. Na, super. Jetzt krepiert der mir da oben.

Es schellt. Auf dem Bildschirm des Überwachungsmonitors erkenne ich Herrn Schmidt, unten in der Tiefgarage. Herr Schmidt, Vertreter für Frisörbedarf, („Die großen Scheren sind die Bimboscheren“, gestattete er mir einmal einen Blick in den Musterkoffer), ist ein penibler Gast. Frühstückt grundsätzlich Punkt sechs, und wenn er exakt zwanzig Minuten später fertig ist, türmt er das Geschirr, die leeren Milchdöschen und Marmeladentöpfchen so ordentlich aufs Tablett wie ein höheres Töchterchen.

„Hallo Herr Schmidt“, sag ich über die Gegensprechanlage. „Sagen Sie, haben Sie zufällig Aspirin in der Tasche?“

„Oh, nein, leider. Die letzte hab ich einem Geschäftsfreund überlassen.“

Per Knopfdruck öffne ich ihm die Zwischentüre zu den Aufzügen.

„Gute Nacht“, wünscht er noch, der schmierige Arschlappen.

Es kommen noch weitere Gäste in dieser Nacht, die gerne ausgeholfen hätten, doch niemand hat eine Pille in petto. Vermutlich liegt der Russe sowieso längst distrinbestußt auf seinem Zimmer. Erstickt an seinem Erbrochenen. Zwangstransplantiert. Und ich bin schuld. Totschlag. Ich plädiere auf Totschlag aus Versehen. Da kann mir keiner was.

Punkt sechs erscheint Herr Schmidt zum Frühstück, („Na, ist der Brummschädel weg, junger Mann?“), und um halb sieben steht die Chefin auf der Matte.

„Was ist Distrin?“ frag ich.

Sie hat keine Ahnung.

„Könnte gegen Verstopfung sein. Oder Depressionen. Warum?“

Ich schildere ihr den Sachverhalt, worauf sie meint, ich hätte dem armen Mann einfach die Lebertranpille verabreichen sollen, als Placebo.

„Damit hätten Sie nichts falsch machen können. Die liegt schon seit den Sechzigern ganz  tief im Verbandskasten, die wirkt garantiert nicht mehr. Gegen gar nichts.“

Mit zwei riesigen blauen Gepäcktaschen steht plötzlich der Russe an der Rezeption. Rasiert, ausgeschlafen. Am flöten. Piekfeiner Anzug. Er legt eine goldene MasterCard auf die Rezeption.

„Aspirin, särr gutt“, sagt er, und zeigt zwei aufrechte Daumen.

„Jaha.. sicher“, sag ich.

„Sicher“, strahlt auch die Chefin und klopft mir demonstrativ auf die Schulter. So feste, das fällt schon auf.

„Good man here! Good ambulance!“

Wir strahlen alle drei.

4 Gedanken zu „Der Russe

Hätte ich doch besser die Fresse gehalten

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s