Die Unke

1

Nach dem Nachtdienst, es war noch düster, stand ich vorm Kiosk am Mühlenplatz, wo ich nicht gerade als Stammkunde bekannt war, und holte mir die Zeitung, Papers und ein Päckchen Tabak.

„Ist schon wieder eine tot“, sagte die Büdchentante. Ich verstand sie nicht, der Straßenverkehr war zu laut. Ich beugte mich ein Stück vor in ihren warmen hellen Kiosk.

„Wer ist tot?“

„Ist wieder eine tot. Schlimm ist das. Dabei sah die gar nicht so aus. Als wäre sie süchtig. Gewesen.“

Im ersten Moment glaubte ich, sie meinte eine der üblichen Seite 1-Leichen in BILD oder Express, weil die Frühausgaben der Revolverblätter direkt vor uns lagen, neben dem Wechselgeldteller, aber dann ging mir auf, dass sie etwas anderes meinte. Sie sprach von Solingen, unserer Heimatstadt, wo neuerdings ein Junkie nach dem anderen über die Wupper ging, und ich bekam einen Riesenschreck. Hatte es etwa die Unke erwischt? Sie wohnte quasi um die Ecke. Meine Stammdealerin. Seit zwei Tagen war sie nicht aufgetaucht, wie vom Erdboden war sie verschluckt.

Ich nickte in Richtung Treppenaufgang zum Kaufhof, wo es jetzt noch leer war, wo aber im Laufe des Tages die Junkies und Punks eintrudelten und abhingen, mit ihren Zahnlücken.

„Sie meinen.. eine von denen?“

„Nein, keine von denen. Die hatte doch ein Zuhause. Die sah gar nicht so aus, als würde sie Drogen nehmen. Komisch, das sieht man den Leuten gar nicht mehr an. Früher wusste man genau, wer raucht und wer spritzt. Aber heutzutage..“

Die Büdchentante war eine schmale Person mit großen Augen und schiefem Mund, der merkwürdig unbeteiligt blieb, während sie redete.

„Und woher wissen Sie das?“ fragte ich und steckte das Wechselgeld ein.

„Na, ich wohne doch da, am Grünewald. Um halb drei heut Nacht haben sie die junge Frau gefunden. Sie hatte auch wieder Arbeit als Masseurin und war so froh, dass sie die kleine Wohnung gekriegt hat. Eine Schande ist das mit dem Zeugs.“

In mir arbeitete es fieberhaft, welche Junkiebraut am Grünewald wohnte, die mir bekannt war, aber mir fiel keine ein.

„Da denkt man immer, die Stadt wäre so harmlos, und jetzt ist schon wieder eine tot. Dabei sah die gar nicht so aus..“ Ihre Augen kreiselten wie Blaulicht. „Die war doch noch so jung. Zwanzig, zweiundzwanzig. Tut mir richtig leid um das Mädel. Sie hat noch bei mir geklingelt, ob ich vielleicht Kopfschmerzen für sie hätte.“

Sie meinte wohl Kopfschmerztabletten, aber egal. Wenn sie so jung gestorben war, dann kannte ich sie eh nicht.

Jede Generation hat ihre eigenen Leichen.

Die Büdchentante starrte an mir vorbei, fixierte einen fernen Punkt im Frühverkehr, wo die Lastwagen drängelten und wummerten und hupten. So blieben wir beide stehen, jeder für sich, eine achtel Schweigeminute lang, bevor ich unbeholfen „tja..“ sagte und nach Hause ging. Ich kannte sie nicht.

 

2

Nachdem ich am späten Nachmittag endlich die Kohle beisammen hatte und in die Stadt gefahren war, schob ich das Rad in den Hausflur neben der City-Pizzeria und lief die drei Stockwerke hoch. Oben angekommen drückte ich die Klingel.

1x kurz, 1x lang.

„Die scheiss Tür ist doch offen“, hörte ich die Unke schnofeln. Ihre Nasenscheidewand war vom vielen Sniefen so porös geworden, sie klang schon wie ein marodes Industriepferd. „Komm rein, Mann.“

Sie saß im Bademantel vor einem niedrigen Wohnzimmertisch und zeigte ihre stämmigen, ungeheuer weißen nackten Schenkel. Der Tisch war mit Utensilien übersät. Es roch wie immer gut in der Wohnung, nach Badezusätzen und Pflegemilch. Nach einem Vollbad.

„Da bin ich“, keuchte ich.

„Das seh ich“, schnoberte sie.

Erledigt vom Radfahren und dem beginnenden Affen fiel ich in den Ohrensessel, einem gemütlichen Altertümchen, das sie auf einem Flohmarkt in Antwerpen erstanden hatte, damals, als sie noch clean gewesen war, ein ansehnliches Mädchen namens Marlen, das aufs Büro ging und abends vorm Fernseher einschlief . Nun hiess sie nur noch die Unke, wenn die Rede auf sie kam. Ihre Augen drückten sich wie Mozartkugeln aus den Höhlen hervor, waren ständig gerötet, schwammen geradezu in Tränenflüssigkeit. Es war, als hätte sie ein Depot angelegt, um jederzeit Zugriff auf ihren Trauer zu haben. Um stante pede losheulen zu können. Frauen haben viele Augen, wenn sie weinen, hatte die Gräfin einmal gemeint.Vermutlich sind die Tränen der Frauen ihre vielen Augen.

Schweiss tropfte mir aufs T-Shirt.

„Willste dich was frisch machen..?“

„Nee, schon okay..“, sagte ich. Sie grinste mich an. Erst da ging mir auf, wie sie das meinte. Manchmal war ich auch zu blöde.

„Ja klar“, beeilte ich mich. Frisch machen bedeutete, Junge, relax erst mal, du bist ja komplett aus der Spur, hier, ich streu dir ne kleine Strasse. Zieh das mal weg, dann sehen wir weiter. Dann kommen wir zum Geschäft.

Mitte der Neunziger bestand das Leben nur noch daraus, die Zeit zwischen zwei aufeinanderfolgenden Näschen möglichst kurz zu halten. Ein Tag war unersättlich wie der andere, der Rausch längst einem finalen Abschmieren gewichen. Auch wenn ich das Pulver kein einziges Mal intravenös zu mir nahm, ich hatte Schiss vor Spitzen, sah ich zunehmend schlecht aus – Heroin und Gesichtszüge, eine tragische Liaison.

Ergebnis: ein schläfriger alter Hund.

Die Unke ging einer regulären Arbeit auf dem Steuerbüro nach und empfing ihre Stammkunden erst nach halb Sieben und keine Sekunde früher. Wir waren vier handverlesene Leute, auf die sich sich verlassen konnte. „Damit erst gar kein Gerede aufkommt in der Szene.“

Eigentlich machte es wenig Unterschied, ob der Stammdealer nun ein Kerl oder eine Frau war. Eine Frau kümmerte sich vielleicht mehr. Als ich einmal länger als versprochen auf mein Dope warten musste, hatte sie bereits in weiser Voraussicht etwas Methadon besorgt, damit ich über die Nacht kam. Ein männlicher Dealer hätte gesagt, scher dich zum Teufel und schau zu, wie du zurecht kommst, und jetzt raus hier.

Einer ihrer Kunden war ein blässlicher Krankenpfleger, der penibel auf sein Äusseres achtete. „Ich bin unheimlich weiß und ich komme aus dem Beton“, war sein Standardsatz, den er zu zelebrieren pflegte, als wäre er das unentdeckte Mitglied der Einstürzenden Neubauten. Weil er auf Station im Krankenhaus in den Giftschrank gegriffen hatte, war ihm gekündigt worden, und nun ballerte er sich allmählich um den Verstand. Aber nicht vor halb Sieben.

Ich war spät dran an diesem Tag. Ich war der letzte.

„Mann.. du schwitzt ja immer noch wie ein Schwein..“, näselte sie. Ich stöhnte zustimmend.  Sie reichte eine Illustrierte rüber, auf der etwas Pulver zu einer kleinen Pyramide aufgeschichtet war. „Um Sieben musst du weg sein, ich hab noch ein Date.“

„Ich dachte, ich wär der letzte für heute.“

Weil die Unke nicht antwortete, blinzelte ich zu ihr hinüber. Ihre Augen waren geschlossen, der Mund stand offen. Millimeter für Millimeter sank das Kinn auf die vorgewölbte Brust, und hakte ein. Braunes Pulver, feucht geworden vom Nasenrotz, klumpte aus  ihrer Nase. Sie war breit wie tausend Russen. Ich nahm ein Messerchen vom Tisch und teilte die kleine Pyramide auf der Zeitung in zwei Lines, die ich nacheinander wegsniefte. Ich lehnte mich zurück. Gedämpft erreichte der Lärm der Innenstadt den dritten Stock.  Die Unke schnarchte. Ich schielte auf das Holzbrett, das vor ihr auf dem Tisch lag. Den Hügel Heroin darauf schätzte ich auf fünfzig Gramm. Sie hatte frisch Nachschub bekommen. Ich sass da, hörte das Geschnarche meiner Stammdealerin, deren Sucht ich täglich mitfinanzierte, und starrte gierig auf den Hügel.

„Wieviel?“ murmelte die Unke.

„Was..?“ Aufgeschreckt kramte ich die Geldscheine aus der Hosentasche. „Zwei Blaue..“

Sie stiess die Augen auf, wie Schlagladen. „Zwei Blaue? Hey.. hast du im Lotto gewonnen?“

„Im Lotto.. pff. Ein Junkie gewinnt nicht im Lotto. Ein Junkie hat nicht mal die Zusatzzahl richtig.“

Sie kicherte bräsig. Wahrscheinlich war sie die ganze Zeit wach gewesen und hatte alles verfolgt. Hatte antesten wollen, ob ich ihr Pulver antastete, wenn sie wegdämmerte. Doch ich war wie gelähmt gewesen. Natürlich hätte ich sie gerne bestohlen. Gerade soviel, dass es auf Anhieb nicht aufgefallen wäre. Erst am Abend, bei der Abrechnung. Wenn sie auf dem Rechenmaschinchen fein säuberlich die Tageseinnahmen eintippte und mit dem Wareneingang verglich. Frau Unke beliebte auch nach Feierabend auf dem Büro zu arbeiten. Das allerdings hätte ein Typ nie und nimmer getan.

„Zweihundert also?“ brummelte sie, ganz busisnesslike jetzt. Sie schob das Messer ins Pulver, nahm eine Breitseite und schüttete das Dope aufs Zellophan, das vorbereitet auf der elektronischen Feinwaage lag. „Voila, exakt drei Gramm.“

„Bei zwei Blauen kannst du ruhig noch was draufpacken.“

„Hab ich doch schon. Schon vergessen?“

„Na ja, nein, aber.. “ Wir mussten beide lachen. „Abzieher-Lady“, sagte ich. Sie streute mir noch einen.

„Schon gehört?“ sagte ich beim Rausgehen. „Letzte Nacht ist wieder einer abgekackt. Ne junge Frau, am Grünewald.“

„Nee“, sagte sie.

3

Auf dem Rückweg hielt ich in der Papageiensiedlung. Ich hatte kaum mein Rad abgeschlossen und war im Treppenhaus, schon riss Felix die Wohnungstür auf.  Ich wurde süchtig erwartet. Die zweihundert Mark, die ich bei der Unke gesetzt hatte, hatte ich zuvor hier abgeholt, in der WG. Die war jung, die WG. Drei Jungs und ein Mädel, Anfang Zwanzig, auf dem Weg in die Sucht. Ich lieferte knapp zwei Gramm ab, der Rest blieb für mich. Die Unke war von ihrem Lieferanten beschissen worden, dann hatte die Unke mich beschissen, nun beschiss ich die Greenhorns aus der Papageiensiedlung. Ob die auch noch jemanden bescheissen würden, fragte ich mich und verabschiedete mich so schnell wie möglich.

Im Hausflur begegnete mir ein verschwitztes junges Mädel, dem es nicht gut ging. Es hechelte die Stufen hoch und drückte die Klingel.

„Ist offen..“

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2 Gedanken zu „Die Unke

  1. man hatte kaum zeit..
    fürs jetzt
    da lag die ewigkeit schon näher am ziel
    was hätte mensch auch gross reden sollen
    na wie gehts ,oder na ..wie wars?
    tja!-

  2. Snick ist ein Phänomen. Ich kenn ihn seit ich denken kann,seine Schwester war bei meiner in einer Klasse,sein Bruder gab mir mal als Köttel Tennisunterricht.wir hatten nie viel miteinander zutun,einmal landete er auf einer von Tom’s Parties,aber sonst nichts.natürlich wußte man später voneinander,daß wir der Schore nachjagten.Anfang der Nuller traf ich ihn dann zufällig vorm Penny.die Hand voller Bubbles fragte er mich,ob ich Interesse hätte. Ich hatte.seitdem ist er,mit kurzen Unterbrechungen,mein Checker. Er fährt einmal die Woche nach Heerlen,natürlich auf Tief.und er blieb bis jetzt cool,wenn die Grenzbullen ihn mal filzten.zweimal wollten sie ihn zum Röntgen mitnehmen,aber dann ließen sie ihn doch vorher gehen.angeblich ist es zu teuer,wenn sie auf Verdacht röntgen- und dann doch nichts finden würden.keine Ahnung ob das stimmt.
    Er gab seinen Job als Ergotherapeut im Tanni auf und widmete sich ganz der Dehlerei.dabei befolgt er ein paar Regeln,zum Beispiel keine Kunden aus Remscheidcity,egal wie oft er schon angelabert wurde. Trotzdem ist es für mich kaum nachvollziehbar,daß er bis zum heutigen Tag bei den Bullen ne weiße Weste hat. Immerhin vertickt er am Döppersberg auf der Platte,die Bubbles zwar im Mund versteckt,aber trotzdem.
    Leider sind zu seiner 100 prozentigen Zuverlässigkeit ein paar kleine nervige Eigenheiten mit den Jahren dazugekommen. Jack Daniels/Cola ist seine zweite Leidenschaft und leider erzählt er verdammt viel uninteressantes Zeug von seiner Speedmetalband,in der er tatsächlich immer noch drumt oder von Zombiefilmen.und wenn du keinen Plan von Slayer oder Walking Dead hast,schaut er dich nur ungläubig abschätzend an-und erzählt weiter.und beim nächsten Mal hat er wieder vergessen,daß er dir alles schon achtmal erzählt hat und fängt von vorne an. Dabei ist er keineswegs dumm.wenn er mal nüchtern ist,dann kann ein Gespräch mit Snick auch Spaß machen.Faszinierend find ich auch,wenn man mal bei ihm zu Hause ist und die Bude aussieht wie Sau (Hussi hat letztens heimlich einen Staubwedel fotografiert,der an der Lampe hing,wirklich rekordverdächtig) und er anfängt über Junks zu lästern,die sich gehen lassen.aber das ist Snickboy.
    Einmal im Jahr geht er ins Krankenhaus,dann wird untersucht,wieviel Atemaussetzer er nachts hat,wegen seinem Schlafabnöl und ob er ne neue Maske braucht.und so bin ich nun schon seit einigen Tagen ohne Gift,denn Snick ist mal wieder im Hospital.wo?in Solingen.mir ist es zu anstrengend ne neue Quelle aufzutun,könnte eh keiner auf die Schnelle mit seinem Preis-Leistungs-Verhältnis konkurrieren.Dann warten wir lieber noch ein paar Tage…

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