Scheintot, und dann die Würmer

Der neue Pächter des Turm-Hotels konnte nichts mit mir anfangen. Er hielt mich für einen Faulpelz, einen Beatnik, einen verdammten Nachtwächter, der ihm auf der Tasche lag, und weil ich die Nase vom Nachtdienst lange  schon voll hatte, schlossen wir einen Aufhebungsvertrag und ich war raus aus der Geschichte.

Eine Weile bezog ich Geld vom Arbeitsamt, bis der zuständige Sachbearbeiter, ein ganz gewitztes Bürschchen, mich mit einer Arbeitsbeschaffungs-Maßnahme in einer kommunalen Bau-Schreinerei auf dem falschen Fuß erwischte. Glumm in der Schreinerei, super Idee. Da konnte man mich auch gleich beim Ordnungsamt einsetzen, Sünder notieren. „Das bringt nichts“, sagte ich.

„Aber irgendwas müssen wir doch mit Ihnen machen“, verzweifelte der Mann von der Arbeitsagentur.

Pepe hatte es früh erkannt. Als er wegen gewerbsmäßigem Schmuggel sechs Monate absitzen musste, schrieb er mir ellenlange Briefe aus dem Knast, vollgestopft mit Visionen, wie Karlos und ich ihn mit waghalsigen Hubschraubermanövern aus der JVA befreien. Zudem beschwerte er sich bitter darüber, dass er für seine Sucht bestraft werde. Ich will doch nur mein Leben leben, wie es mir gefällt, schrieb er. Meinem Job nachgehen und am Wochenende feiern. Und dann zählte er einige Freunde auf, die auch nichts anderes wollten, als ihrem Beruf nachzugehen und am Wochenende zu feiern. Zu jedem Freund fiel ihm der passende Beruf ein, nur bei mir geriet er ins Stocken und musste passen. Es war aus den Zeilen herauszulesen, wie sehr ihn das in diesem Moment selbst überraschte, dass ihm zu meinem Leben nichts einfallen wollte, wie ich mein Geld verdienen könnte.

Die Gräfin begreift bis heute nicht, wie es möglich war, dass ich als erstgeborener Sohn einer gestandenen bergischen Klempnerlegende mit zwei inaktiven Händen zur Welt kommen konnte.

„Deine Mutter war garantiert mit einem anderen Kerl im Bett“, zog sie mich auf, mit skeptischem Blick. „Einem Kerl allerdings, der deinem Vater verflucht ähnlich gesehen haben muss.“

Der Träger der Arbeitsbeschaffungs-Maßnahme war hauptsächlich für den Bau von Spielgeräten zuständig, hatte aber auch die Pflege städtischer Spielplätze unter sich. So ein bißchen Laubfegen war allemal besser als acht Stunden zu hobeln und zu fräsen, die Fresse voller Sägespäne. Jeden Morgen, wenn es in der Schreinerei um die Einteilung für die Spielplätze ging, stand ich in vorderster Front.

„HIER, MEISTER! ICH! ICH!!“

In der Regel wurde ich gemeinsam mit Harri, dem Punker, zur Spielplatzpflege eingeteilt. Harri war Asthmatiker und arbeitete gern an der frischen Luft. Er brauchte die frische Luft, sonst drohte er einzugehen. „Ich hab voll die Luftsucht, Alter.“

Einmal setzte man uns vor einer Kindertagesstätte in Ohligs ab. Zum Grundstück gehörte ein Garten mit tausend Bäumen und einer Tonne Laub, die sollte zusammengekehrt und abtransportiert werden. Es war kurz vor Weihnachten und nasskalt. Die meiste Zeit saßen wir im Aufenthaltsraum, wo wir den Kindern den heißen Kakao wegsoffen. Die stapften derweil durch den nahen Wald, Moos suchen für die Krippe mit dem Jesukind. In einer Ecke des Pausenraums stand schon der Christbaum, darunter lagen Geschenkpäckchen, die alle seltsam platt wirkten.

„Ist wohl ein Rentier drübergelatscht“, meinte ich.

Harri verzog keine Miene. Mit Mitte Dreißig hatte er nicht nur seinen Irokesenschnitt und einen Teil seines Lungenvolumens verloren, sondern auch einen Großteil seines Humors.  Saufen war auch passé. Er trug einen blondgefärbten Mecki und war stolz auf seine Leberwerte.

„Meine Leber ist gepflegt wie ein englischer Vorgarten.“

Als er das zum ersten Mal behauptete, musste ich lachen, beim zweiten Mal auch noch. Danach nicht mehr. Harri war ein sehniger Punk und steckte schon das zweite Jahr in der ABM. Ich weiss nicht, ob es an der regelmäßigen Arbeit lag, dass Harry so spießig und solide geworden war, aber er gab schon beinah ein trauriges Bild ab. Nichts gegen einen Punk, der Drogen und Saufen an den Nagel hängt, aber er muss ja nicht gleich erwarten, dass alle andere Menschen der gleichen Ansicht sind.

Wie die meisten Malocher lebte Harri konsequent fürs Wochenende. Da zog er mit seinen alten Kumpels Didi, Würmchen, Schlotti und Fauser los und graste die Umgebung nach Punkrockkonzerten ab, von denen er montagmorgens begeistert berichten konnte, bevor er am Dienstag wieder durch seinen gepflegten englischen Vorgarten schlurfte und die Klappe hielt, weil alles erzählt war vom Wochenende. Dann kam der Mittwoch und Harri wurde depressiv. Er hielt sich für eine ziemliche Flasche. Je länger die Woche dauerte, deso weniger mochte er sich leiden.

„Einen Punk wie mich gibt es hunderttausendmal in Europa“, klagte er, „dazu noch die aus Amerika, die aus Kanada und Australien und.. die aus Hongkong, die sind auch nicht viel anders. Und ich krieg noch nicht mal richtig Luft.“

Ich bin kein großer Freund von Leuten, die sich ständig selbst niedermachen, das sollte man lieber Anderen überlassen, die können das besser. An diesem Montag aber war Harry richtig aufgebracht, er stank sogar ein klitzekleines bißchen nach Jägermeister. Er erinnerte mich beinah an die Anfangszeit in der Bau-Schreinerei, als er seinen rechten Daumen verloren hatte, an der Bandsäge, mit 2,2 Promille im Blut und guter Laune.

„Harry, was is los?“

„Schlotti. Der Schlotti ist verreckt.“ An einer Überdosis Heroin. An den alten Bahngleisen. Der Schlotti. Das war zwar schon einige Tage her und hatte sich bereits herumgesprochen, doch Harri hatte bislang keinen Ton gesagt. Als ich ihn nun fragte, was genau geschehen war, war er nicht mehr zu halten.

„Die waren zu dritt, der Schlotti, der Müller und.. noch einer, komm jetzt nicht drauf, wie der heisst. Jedenfalls haben die sich einen Druck gemacht an den Gleisen am Nordbahnhof. Die Schore war eins a, kaum gestreckt, die sind sogar gewarnt worden, das Material wär besser als sonst, aber die haben das nicht ernst geommen.“

„Logisch“, werfe ich vorsichtig ein. „Wie oft erzählen Dealer irgendwas von Bombenschore und dann ist es doch der gleiche Staub wie immer.“

„Die packen sich also den Löffel voll und machen sich einen Knaller, bis der Schlotti plötzlich blau anläuft und umkippt. Der war ja voll besoffen. Atemstillstand. DER VERRECKT UNS! hat der Müller gebrüllt. Kennst du den Müller, den asigen Müller, dieses asoziale Stück Scheisse?“

„Müller..? Fledermaus Müller?“

„Nee, der nicht. Ist auch egal. Anstatt Hilfe zu holen, hat der Müller Schlotti die Pumpe aus dem Arm gezogen und sich schnell noch den Rest weggedrückt. Dann sind er und der.. Dingens stiften gegangen und haben Schlotti verrecken lassen. Der Zug ist noch drübergerattert, weil sie ihn nicht mal von den Gleisen runtergeschafft haben. Die hatten sogar ein Handy dabei, die Schweine. Die hätten nur den Notruf wählen müssen.. “

Ein bißchen konnte ich Müller und den dritten Unbekannten schon verstehen. Das ist der Albtraum jedes Junkies: jemand kackt ab, und du bist dabei. Den ganzen Hustle mit Krankenwagen und Bullen kann niemand gebrauchen. Ausserdem ist man in aller Regel dicht bis unter die Hutkrempe und nicht zurechnungsfähig. Was soll man da schon erwarten. Die großen heroischen Taten? Ich sagte nichts.

Im Falle seines Abgangs hatte Schlotti laut Harri schon Wochen zuvor einen letzten Wunsch geäussert: Seine Kumpel sollten sich auf der Beerdigung einen hinter die Binde giessen und zuletzt die leeren Gläser auf den Sarg schmeissen, wenn er unten in der Grube lag. Mit voller Wucht, wie beim Polterabend, damit die Würmer sich blutige Füße holten und ihn nicht mehr anknabbern konnten, für den Fall, dass er nur scheintot wäre. Das war seine größte Angst.

Scheintot, und dann die Würmer.

„Und? Habt ihr die Gläser ins Grab geschmettert?“

„Wir hatten schon genug Trouble mit der Friedhofsverwaltung, weil wir ein Stück von den Ramones in der Kapelle gespielt haben. Danach sind wir alle ins besetzte Haus am Schlagbaum. Da war alles versammelt, was Rang und Namen hatte, die ganze Prominenz aus dem Bergischen. Auch einer von den Toten Hosen war da und die alten Jungs von Syph.“

Harri steckte sich eine Kippe an.

„Da saßen sie alle rum und haben sich ein Video reingezogen, von so ner Fete, auf der Schlotti auch gewesen war, auf nem alten Schloss in Wuppertal. GUCK MAL, DER SCHLOTTI! DER LEBT JA NOCH, DER SACK! DER IS JA GAR NICH HINÜBER! Und so weiter..“

Als spät am Abend die meisten Leute längst hinüber waren, kam plötzlich der asige Müller die Treppe runter gerannt, voll die Panik in der Stimme.
„HAT EINER NE SÄGE DABEI? DA OBEN LIEGT DIE DAISY TOT IM BETT! DIE IST TOT! ICH BRAUCH NE SÄGE!!“

„Was für ne Säge?“ Ich verlor den Überblick. „Und welche Daisy?“

„Daisy, die frühere Freundin vom Schlotti. Weil sie so mies drauf war nach der Beerdigung, wollte sie sich oben im Zimmer vom Müller den Goldenen setzen. Der Müller hat das mitgekriegt und Schiss bekommen, dass sie ihm das ankreiden würden, wenn Daisy tot in seinem Bett lag, also wollte er sie klein machen. Zersägen. Portionieren, damit er sie aus dem Haus schaffen konnte, unbemerkt von den Nachbarn.“

Harri rieb sich die müden Augen und stand auf.

„Der Müller hat sogar noch rumgefragt, auf wie viel verschiedenen Müllkippen er Daisys Körper am besten verteilen sollte, damit das nicht so auffällt mit den Leichenteilen. Der hat das absolut ernst gemeint. Ich stand nur da im besetzten Haus und hab das Maul nicht mehr zugekriegt, ich hab mich nur noch gefragt, Harri, in welchem Film bist du eigentlich gelandet? Ich mein, begreifst du das? Am Tag der Beerdigung will Daisy genauso elendig verrecken wie ihr Schlotti, und der Müller will ihre Leiche zersägen. Wie scheisse doof sind Punks eigentlich?“

Harri schien plötzlich weit weg. Wie in Trance. Als kehrte er noch mal zu seinem alten Kumpel Schlotti zurück. Zu den alten Zeiten. Den glücklichen Tagen.

„VERFICKTE SCHEISSE!“ schrie er und haute mit der Faust auf den Tisch. Die Kinder waren noch im Wald. Auf Moos-Suche.

„Und was ist mit Daisy passiert? Hat Müller sie nun zersägt oder nicht?“

„Ach was, nee.. Der Müller hat erst mal ordentlich auf die Fresse gekriegt“, meinte Harri unwirsch. „Dann sind wir hoch zu Daisy. Die war nicht tot. Blau schon, aber nicht tot. Wir sind ne Stunde mit ihr rumgelaufen, immer hin und her. Wir haben ihr kaltes Wasser ins Gesicht geschüttet, Mund-zu-Mund-Beatmung, das ganze Programm. Und als sie endlich zu sich kommt, ist sie stocksauer. He, ihr Arschlöcher! Warum holt ihr mich zurück?? Ich war so schön tot. Blöde Funz.“

Wir nahmen die zwei Besen, die an der Wand lehnten, und gingen raus auf den Spielplatz, bißchen Laub fegen. Ein scharfer Wind fegte um die Ecken, wie geschnitten Brot.

„Harry-Brot“, scherzte ich. Harri zog einen Jägermeister aus seiner Weste. „Auch nen Schluck?“
„Hau ab“, sagte ich.
Wir stapften quer durch den großen Garten rüber zum Spielplatz, ne Runde schaukeln.

***

Der Mann gefällt mir schon länger, er weiss, was er alles nicht will, und das ist eine Menge:

Linkes Auge hinkt

Lesen.

***

500beine rechnet mit Spitznamen ab:

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Spitznamen schleifen sich mit der Zeit ab. Es werden immer weniger Leute, die ihn benutzen, und am Ende weiss überhaupt niemand mehr Bescheid und du bist nur noch Herr Lauterjung und Frau Puppenheim.

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