Auf dem Bahnsteig Richtung Düsseldorf

Ein Sonntag am Haltepunkt Mitte, Richtung Düsseldorf. Die Luft rasierwassergeschädigt, Sand weht über den Bahnsteig. Aus der Sahara.

Ich hab seit Tagen Rückenschmerzen, gebe aber die Hoffnung nicht auf, dass mir gleich jemand ins Kreuz springt und alles renkt sich wieder ein. So richtig mit schweren Wehrmachtsschuhen, wie die beiden 50jährigen sie tragen, die neben uns auf den Zug warten. Alte Kameraden, die gestern einen gehoben haben.

„Wenne jung bist“, sagt der eine, er trägt eine Schiebermütze, „dann denkste, äh, der spinnt, wenne Rollmops und solche Sachen hörst. Aber zwanzig Jahre später, nach ner durchzechten Nacht, da leckst du dir die Finger nach so nem Rollmops, oder nich? Oder nach ner sauren Gurke. Was herzhaftes. Oder nich.“

„Da ist was dran“, sag ich zur Gräfin.

Wir stehen etwas entfernt. Sie sagt nichts. Der andere Mann sagt auch nichts. Er steht nur da, und blickt abwesend in die Ferne. Über das Ende des Bahnsteigs hinaus. Was ist denn da zu sehen? Da ist doch gar nichts zu sehen.

Junge, hab ich eine schiefe Haltung heute. Als hätte man mich angefahren und bei der anschließenden Fahrerflucht gerammt. Ob einer der zwei Herren vielleicht mal mit den schweren Schuhen..?

„Ne Gurke..“ Die Gräfin verzieht das Gesicht. „Na, ich weiss nicht.“

Am Fahrausweisautomat steht eine kleine Familie. Hartz IV würde ich mal tippen, jetzt rein vom Image her. Vom Habitus. Der Vater, vom Nichtstun wabbelig und fahl, weil ihn keiner mehr einstellen will, nicht mit 51, nicht mal eine Zeitarbeitsklitsche, die Mutter Halbtagsstelle, kaufmännische Angestellte, BAT-Tarif, zwei missratene Blagen, alles Scheiße.

Und dann droht auch noch der kleine Sonntagsausflug in den Benrather Schlosspark ins Wasser zu fallen, weil der Ticketautomat den zerknitterten Zehn-Euro-Schein partout nicht annehmen will.

„Den hätten wir zu Hause lieber gebügelt“, versucht der Vater einen Scherz und lacht ansteckend. Die ganze Familie lacht mit. Ich nehme postwendend alles zurück. Er, Geschäftsführer, gutaussehend, sie Vollzeit-Hausfrau, Hobby Free Webspace, zwei Kinder, alles in Butter. Bis auf die Banknote, die ein ums andere Mal aus dem Schlitz des Automaten zurückgeschossen kommt, wie eine Rolling Stones Zunge, die den Hals nicht vollkriegt von dem großartigen Ulk.

Erneut prompter Stimmungswechsel, als der Vater der Tochter die alles entscheidende Frage aus dem Geo-Quartett nicht beantworten kann: wieviele Indianerstämme leben heute noch in Mexiko, Paps?

16?
31?
45?

„Keine Ahnung.. Woher soll ich das wissen?“

„Auch nicht grade schlau“, meint das Mädchen. „Voll die Blamage.“

Der Sohn, er ist im Kindergartenalter, drückt aufgekratzt alle dreißig Automatentasten durch und singt ICH BIN EIN FREMDER MANN AUS DÜSSELDORF. Wie aus dem Nichts akzeptiert die Maschine genau in diesem Augenblick den Geldschein und nimmt ihn an, mit einem leichten Rattern, tief im Inneren, wo das Maschinenherz sitzt und eins und eins zusammenzählt.

„Der Schein ist drin!“ jubelt die Gemahlin des Generaldirektors.

Der Zug läuft ein. Die beiden alten Knaben drängeln sich an uns vorbei.

„Dann erzähl mal deinem 16jährigen Söhnchen, ne saure Gurke wär was leckeres..“ Der Mann mit dem Käppi ist nicht weit gekommen. „Der hält dich doch für total plem-plem.“

Der Andere sagt kein Wort. Sein Gesicht, so aus der Nähe, eine große Steppe und Grasland auf dem Kopf.

Der Gräfin kräuselt sich gefährlich das Näschen.

„Ne saure Gurke…“

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Ein Gedanke zu „Auf dem Bahnsteig Richtung Düsseldorf

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