Schularbeiten, ja?

Ich brauch immer einen Anlass, um zum Frisör zu gehen, sonst bleib ich lieber zuhause, ich gehe nicht gern zum Frisör und sitz da rum. Diesmal ist es eine Vernissage, die mich zum Telefon greifen und einen Termin machen lässt, oben auf der Wupperstrasse bei meiner Stammfrisörin.

Die ist aber heute gar nicht da, ihre kroatische Mitarbeiterin bedient mich, um halb zwölf am Mittag. Sie hat mir schon mal die Haare geschnitten. Eine langsame Person, um die dreißig, die irgendwann von ihrer Chefin die Order gekriegt hat, während der Arbeit keine Kaugummis mehr zu kauen. Seither ist sie noch langsamer geworden.

So langsam, nach nicht mal einer Minute fallen mir sämtliche Augen zu und ich höre nur noch das Klappern der Scherenblätter, so weich und leise, als säße die Kroatin am Frühstückstisch und schmiere sich ein großes Butterbrot, mit gleichmäßigen, rhythmischen Bewegungen. Und keine zehn Minuten später wird mir der Kittel abgenommen und ich hab kurze Haare. Genial.

*

Wenn wir gemeinsam das Haus verlassen, erkundigt sie sich gelegentlich, ob ich alles dabei hab. Den Haustürschlüssel, meinen Tabak, das Obst…?
Mit das Obst meint sie mein Notizbuch. Das Obst ist aus den 90ern herübergerettet, als mein Vater mich noch mit Notizbüchern versorgte, den Werbegeschenken vom Großhändler.

Die Notizbücher von Maschinen Brüne aus Remscheid hatten es der Gräfin besonders angetan, sie waren knallorange. Wie Rechtecke sahen sie aus, aus saftigen Apfelsinen gestanzt.
„Hast du dein Obst eingesteckt?“

Für mich ist so ein Notizbuch eher wie das Spray für den Asthmatiker, der penibel darauf achtet, nicht ohne seinen Turbo-Haler aus dem Haus zu gehen, für den Notfall. Es könnte ja sein, dass man unterwegs was Schönes hört, oder ich schnapp was Kräftiges, Schräges auf. Was großes Schwarzes. Ich gebe zu: ja, ich bin ganz schön scharf auf Aufgeschnapptes. Was ich früher alles aus den Kneipen herausgeschmuggelt hab.
Oder ich überrasche einen Gedanken in meinem eigenen Kopf. Wie ein Dieb in der Nacht steigt er über den Balkon ein, und wenn ich ihn auf frischer Tat stelle, wird er per Handschlag begrüßt: „He, du! Noch’n Kompagnon dabei? Steht jemand Schmiere?“

Es kann schließlich gar nicht genug Gesindel eindringen, wenn man schreibt. Ich liebe den kriminellen Hintergrund. Das wäre das Höchste: Immer so schreiben, als wäre es verboten. Als würde man sich ständig glücklich übergeben. Das wäre wohl das allerhöchste.

Total verboten.

*
Ich hatte schon früh das Gefühl, dass die meisten Mädels einen zuverlässigen Partner suchen, der ordentlich was in der Hose hat. Da waren sie bei mir aber an der falschen Adresse. Ich war nie besonders zuverlässig.

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„Nun guck doch nicht so traurig“, meint die Arzthelferin, als ich im Wartezimmer sitze. Na, wie bitteschön soll man denn gucken, als Versehrter? Als Kriegsversehrter?? Alltag ist Krieg, aus dem niemand heil herauskommt. Ich auch nicht. Warum auch.

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Wenn man vom kühlen Grund des Alten Kannenhofs hinauf in die Stadt kraxelt, steigt alle dreihundert Schritte die Temperatur um exakt ein Grad Celsius an. Leider ist nach tausend Metern Schluß und man erreicht die Innenstadt, sonst könnte man Kilometer um Kilometer dem Ultratotalsommer entgegenkraxeln, wann immer man dazu Lust hat in den Beinen.

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„Eines Tages“, sagt sie düster, „werden dich deine Beine verraten.“

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Aus der Sicht des Hundes sind die Rollen im Haus klar verteilt. Die Gräfin ist die First Lady, ich bin der Second Mister, der Hund ist der King. Und wie begrüßt der King die First Lady, wenn man ihn ausnahmsweise den ganzen Nachmittag allein zu Hause gelassen hat, ohne Beschäftigung und der Napf ratzekahl leer? Mit einer hingegurgelten Kanonade aus Schimpflauten, wie sie nur der wölfische Blutadel hervorzustoßen vermag: man kapiert kein Wort, aber es ist unanständig laut und hat Biss.

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Ich war schon immer der Überzeugung, dass eine Niederlage lediglich dazu dient, den nächsten Kantersieg einzuleiten.

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Und dann gibt es Tage, da wird man wach und möchte sich am liebsten auf der Stelle erschießen, aber mit der Option, sich am nächsten Morgen in alter Frische direkt noch mal ein Loch in den Schädel zu ballern.

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„Kartoffel-Chips sind wie Kinder-Heroin“, meint die Gräfin. „Eine Sucht, die man sein Lebtag nicht mehr los wird. Man nimmt Herzrasen in Kauf, Sodbrennen und ein schlechtes Gewissen, wenn man die nächste Tüte in einem Haps leer gemacht hat. Und wofür das alles? Für ne Messerspitze Glutamat.“

*

Ein älterer Herr spaziert durch die Kneipe wie durch die Fußgängerzone. Er bleibt vor mir stehen, blickt freundlich auf mein Notizbuch nieder, das ich gerade aus der Jacke fische.

„Schularbeiten, ja..?“

(aus Keiser-Eck 88 auf 500beine)

Ein Gedanke zu „Schularbeiten, ja?

  1. „Und dann gibt es Tage, da wird man wach und möchte sich am liebsten auf der Stelle erschießen, aber mit der Option, sich am nächsten Morgen in alter Frische direkt noch mal ein Loch in den Schädel zu ballern.“

    „Ich hatte schon früh das Gefühl, dass die meisten Mädels einen zuverlässigen Partner suchen, der ordentlich was in der Hose hat. Da waren sie bei mir aber an der falschen Adresse. Ich war nie besonders zuverlässig.“

    Das ist beides so gut, dass muss von Helene Hegemann abgeschrieben sein, also von Airen.
    Ach, der hatte es von Glumm? Schau an!

Hätte ich doch besser die Fresse gehalten

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