Hand und Beute

Es war reiner Zufall, dass ich an diesem Montagmorgen in der kleinen Bankfiliale in der Südstadt gelandet war. Ich hatte mir beim Doc am Marktplatz ein Rezept für eine 20er Schachtel Codeintabletten ausstellen lassen und gleich in der Apotheke darunter eingelöst. Danach ging ich zur Bank, um meinen Kontostand abzurufen. Das machte eigentlich keinen Sinn, vier Tage vor Monatsende und den Dispo ausgereizt bis zum Anschlag, aber eine Menge Sachen machten keinen Sinn und ich tat sie trotzdem. Manchmal machten genau diese Dinge am meisten Laune. Und ausserdem: Hatte sich das Steuerbüro, das die Abrechnungen für die Mitarbeiter des Turm-Hotels fertigstellte, nicht schon einmal vertan und die Gehälter ein paar Tage zu früh überwiesen..? Es war also nicht völlig sinnlos, was ich da tat.

Ich nahm die Bankcard und wollte sie gerade in den Schlitz des Kontoauszugdruckers schieben, da fiel sie mir ins Auge. Eine dicke Brieftasche. Sie lag da, als hätte der Geldkellner soeben den Raum verlassen, mit einem Tablett voller Brieftaschen, aber eine dagelassen, nur für mich; die dickste Brieftasche für den, der am meisten pleite war. Der am ehesten zur Stelle war und Ich! rief. Ich ich ich! Eine extragroße Kellnerbrieftasche prallvoll Banknoten. Ein Packen nagelneuer blauer Hundertmarkscheine quoll aus dem Fach für Bares, dazu einige rote Fünfzigmarkscheine. Oder waren es Fünfhundertmarkscheine..?

Ich musste nur noch hinlangen und mich aus dem Staub machen.

Die Entscheidung hatte im Bruchteil einer Sekunde zu fallen. Sehr viel mehr Zeit, um ungeschoren davon zu kommen, würde nicht bleiben. Wenn erstmal jemand bemerkte, dass seine Geldbörse nicht an dem Ort war, wo er sie vermutete, mit all den brandneuen, gerade vom Konto abgehobenen Banknoten, würde er sofort einen Riesenaufstand anzetteln. Niemand verlässt den Saal! Frau Schöller, Sie rufen die Kripo! Taschenpfändung!!

Noch bewegte ich mich in diesem Sekundenbruchteil, einem animalisch engen, hochbrisanten Raum, dennoch groß genug für eine Million Fehlentscheidungen und eine richtige. Ich zog das Plastikkärtchen aus dem Schlitz des Kontoauszugsdruckers, gerade noch rechtzeitig, bevor die Maschine die Daten einlesen konnte und ich im Nachhinein zu identifizieren gewesen wäre.

Aus den Augenwinkeln beobachtete ich, womit die wenigen Leute in der Bank beschäftigt waren. Der Kassierer an Kasse 1 unterhielt sich mit einem Mann, der mit dem Rücken zu mir stand und dem Kassierer die Sich versperrte, er konnte mich nicht sehen. Die beiden Männer schienen sich gut zu kennen, so vertraut gingen sie miteinander um. „Du doch nicht“, hörte ich ein Frotzeln, dann ein Männerlachen. Dahinter stand eine Frau in gebührendem Abstand an, ebenfalls mit dem Rücken zu mir. Kasse 2 war nicht besetzt. Eine weitere Kundin war am gegenüberliegenden zweiten Kontoauszugsdrucker damit beschäftigt, ihre Handtasche zu durchsuchen. Sie hatte vor mir die kleine Bankfiliale betreten und war mit den Gedanken woanders.

Die Brieftasche lag oben auf dem Stehpult, an dem gewöhnlich Schecks ausgefüllt werden, Überweisungen, Formulare, Spendenvordrucke etc. Wie ein saftiger Big Mac lag sie da, aus dem Salatblätter, Rindfleisch, Käse- und Tomatenscheiben herausquollen, beinah noch ofenwarm. Jetzt, durchfuhr es mich. Ich drehte mich zur Seite, griff wie unter Hypnose nach der Börse, nahm sie an mich und zog den Rückzug an. Nicht zu schnell, nicht zu langsam – locker dem Ausgang entgegen. Als hätte ich bloß meinen Kontostand abgerufen und zöge unverrichteter Dinge wieder ab. Wenn ich eins gelernt hatte im Leben (und aus alten amerikanischen Detektivfilmen): mach dich unsichtbar im richtigen Moment. Verschwinde in dir selbst, und du verschwindest für die Welt. Niemand wird sich je an dich erinnern.

Hinter der ersten Ausgangstür befand sich ein Zwischenraum, in dem Schliessfächer untergebracht waren. Drei, vier Schritte nur, doch bei jedem Schritt erwartete ich eine fest zupackende Hand im Genick, HE, SIE DA – STEHEN GEBLIEBEN! DAS IST MEIN GELD, FREUNDCHEN! DAS IST MEIN PORTMONEE! FRAU SCHÖLLER, RUFEN SIE DIE POLIZEI!

Ich drückte die zweite Tür auf, und stand draussen im Sonnenlicht. Ohne groß zu überlegen, eilte ich rechts die Strasse hinauf, vorbei am um die Zeit noch geschlossenen Getränkeshop, obwohl ich in die entgegengesetzte Richtung schneller aus dem Blickfeld gewesen wäre. Ich hätte links um die Hausecke des kleinen historischen Hotels verschwinden können, doch ich wählte instinktiv den längeren Weg, der aus dem Viertel hinausführte.

Ich bewegte mich schnell, aber nicht zu schnell. Kein Laufschritt, ich mahnte mich zur Gelassenheit. Ein Frühsommertag, alles wie immer, es ist niemand hinter dir her. Kopfsteinpflaster. Die Beute schwitzte in meiner Hand. Sie fühlte sich noch dicker an, noch gewölbter, noch praller als ohnehin vermutet. Ich steckte die Geldbörse unter Mühen in meine Gesäßtasche, ich wollte sie loswerden, ins Gebüsch pfeffern, nichts mehr damit zu tun haben.

Ich ging wie in Trance, den Blick stur geradeaus, jäh zuschlagende Filialtüren im Rücken, hastige Schritte von Bankangestellten, die die Verfolgung aufnahmen, über allem eine erzürnte bestohlene Stimme. Eine Stimme, die meine gewesen wäre, hätte man mich bestohlen. Doch es blieb ruhig, niemand folgte mir. Es ging bergauf. Tausend Mark, schätzte ich, eher mehr.

Nach hundert Metern bog ich in eine Hofschaft ein. Aus den Augenwinkeln nahm ich ein Sackgassenschild wahr, doch das betraf Fahrzeuge. Der Stadtteil war berühmt für mittelalterliche kleine Hofschaften, für Pattwege, die hinter Fachwerkhäusern herführten, sie miteinander verbanden. Ich folgte einem Heckenweg, der in einem sachten Bogen unversehends wieder auf die Strasse führte, die ich gerade erst verlassen hatte. Ich überquerte sie und verschwand wie benommen in einer Wohnsiedlung.

Dass ich überhaupt zugegriffen hatte, verdankte ich einem antrainierten Reflex. Jeden Abend, auf dem Weg zum Nachtdienst im Hotel, warf ich einen Blick in eine ganz bestimmte Telefonzelle, um zu sehen, ob dort zufällig irgendein armer Teufel seine Brieftasche liegen gelassen hatte. Es war ein lächerlicher Gedanke, doch ich wusste mir nicht mehr zu helfen. Ich wusste nicht, wie ich sonst an Geld kommen sollte, um meinen Heroinkonsum zu finanzieren, ausser es zu finden. Und ich wollte raus aus der Nachtdienstmühle. Ich hatte die Nase gestrichen voll von durchwachten Nächten, ich kam mit dem neuen Pächter-Ehepaar nicht zurecht.

Am Ende der Wupperstrasse stand eine gelbe Telefonzelle. Jeden Abend öffnete ich sie und warf einen Blick hinein, suchte die Ablage ab, den Münzfernsprecher, den Boden. Es war ein Spleen geworden, eine mickrige Manie, jeden Abend halb zehn, bevor ich meinen Dealer aufsuchte und dann zur Arbeit ging. Jeden Abend hoffte ich darauf, dass irgendwer sein Portmanee liegen liess, nach einem zornigen Telefonat vielleicht, oben auf dem Fernsprecher, dessen Oberfläche glatt poliert war von den Münzen, die der Apparat nicht geschluckt hatte, die ständig im Rückgabeschacht landeten. Um so eine Münze noch apparattauglich zu kriegen, rieb man sie auf der metallenen Oberfläche des Fernsprechers, bis sie sich auflud mit Magie und Magnetismus und es endlich schaffte in den Bauch des Fernsprechers.

Es war ein lächerliches Warten auf Wunder, ein Wunder, bei dem es stets einen traurigen Verlierer geben würde, und dennoch – ich konnte es nicht lassen. Sollte ich nur ein einziges Mal versäumen, die Telefonzelle abzusuchen, so würde genau an diesem Abend die vergessene Brieftasche auf mich warten.. garantiert..! Ich öffnete die Tür der Kabine, fand eine leere Telefonzelle vor und marschierte weiter Richtung Innenstadt. Dann klingelte ich bei meinem Dealer, kaufte ein Ration Heroin und begann den Nachtdienst.

Und plötzlich war es geschehen. Da hatte tatsächlich eine Brieftasche gelegen. Wenn auch ganz woanders. Anderer Stadtteil, andere Tageszeit, kein Telefonhäuschen. Ich verliess die Siedlung und folgte der Strasse bis zum Altenheim, zur Bushaltestelle. Einige Leute warteten unter dem überdachten Häuschen. Da ich jeden Moment Martinshorn und Blaulicht befürchtete, verzog ich mich auf den leeren Kinderspielplatz. Ich nahm die Brieftasche in die Hand, überflog den Packen herausquillender Noten mit den Fingerspitzen. Ich löste ein Ticket bis in die Stadtmitte und verzog mich auf einen Sitz in zweiter Reihe, weg vom Fenster. Um diese Uhrzeit waren nur Rentner im Bus, Rentner und ein stadtbekannter Irrenarzt, der mir zunickte. Ich bemühte mich neutral aus der Wäsche zu gucken, ein Mann Mitte Dreissig, der Montagmorgens den Bus nahm, kein Krimineller, der fett Beute gemacht hatte. (Ich war kein Krimineller, aber ich hatte Beute gemacht.) Der Anblick alter Menschen machte mich nervös. Was, wenn das Geld einer Rentnerin gehörte, die ihre Monatsrente abgehoben hatte? Zwar war in der Filiale kein älterer Mensch gewesen, doch möglicherweise hatte er sie bereits verlassen. Vielleicht hatte die Brieftasche längere Zeit auf dem Pult gelegen, und niemand hatte sie bemerkt. Bis ich gekommen war, mit meinem antrainierten Reflex. Aber welche Rentnerin schleppte eine Taxifahrerbrieftasche mit sich herum.

Während der Linienbus Richtung City rumpelte, saß ich auf dem Zaster, spürte ihn unter meinem Hintern. Das war kein kleiner Ladendiebstahl. Ich hatte richtig in die Scheiße gepackt. Ich stieg Haltestelle Schlagbaum aus und verschwand im Bärenloch, einer großzügigen Parkanlage, um diese Uhrzeit menschenleer. In dem Moment, wo ich mich hinsetzte und die Brieftasche in die Hand nahm, um die Kohle zu zählen, durchzuckte es mich: Du Penner, eine Bank hat Kameras! Ich bin gefilmt worden! Die haben Fotos von dir, alle Beweise in der Hand! Und auch wenn ich in dieser Bankfiliale nicht bekannt bin, die Kripo wird das Bild in die lokalen Zeitungen bringen:

WER KENNT DIESEN MANN?!

Ich konnte das Geld nicht behalten. Ich zählte die Beute. Es waren genau 1800 Mark und etwas Kleingeld. Ausser dem Schotter befand sich nichts in der Börse, absolut nichts. Keine Telefonnummer, kein Foto, kein Pass, kein Zettel, nichts. Nur Geld. Es gehörte keiner Rentnerin. Vielleicht dem Mann, der mit dem Kassierer geflachst hatte. Vielleicht war er der Betreiber des Getränkeshops um die Ecke der Bank. Man würde mich schneller kriegen, als ich auch nur einen Hunni verbraten könnte. Keine Chance.

Zehn Minuten später stand ich am Schlagbaum in der Telefonkabine. Ich wählte die Handynummer von Rinaldo, seine Frau Gina war am Telefon. Sie sprach kaum Deutsch. Rinaldo hatte sie aus seiner Heimat Süditalien einfliegen lassen, nun lebte sie in einem fremden kalten Land, dessen Sprache sie kaum verstand.

„Wo ist Rinaldo?“ fragte ich, doch Gina nuschelte sich einen zurecht, ich verstand nur soviel: Er war nicht daheim. Es war zum Heulen. Ich hatte die Taschen voller Kohle. Ich fühlte mich hundeelend plötzlich. Ich hatte keine Lust auf Codein. Ich wollte eine Nase, eine fette Nase.
„Rinaldo in Baus“, nuschelte Gina. Rinaldo und Gina waren zwar nicht verheiratet, die Beiden hatten jede Menge Probleme, doch wenn die Rede auf sie kam, sprach Rinaldo stets von seiner Frau.
„In Baus. Rinaldo in Baus!“
Ich kapierte nicht. Was meinte sie? Sie rollte das r so stark, dass es aus ihrem Mund wie Rrrrinaldo klang, und je mehr Gina sich aufregte, desto mehr r’s rollten ihr über ihre Lippen und knallten in mein Ohr.
„Gina, sprich deutlicher. Wo ist..?“
„IN BAUS! RRRRINALLDO IN  BAUS“

Es war nichts zu machen. Ich wollte sie gerade laut und vernehmlich fragen, wann Rinaldo zurückkommt, da fiel der Groschen. Rinaldo hatte mir Tage zuvor erzählt, dass er das Bad renovieren wolle und dafür Material brauche, Fliesen und solche Sachen. Und wenn Gina in ihrer Hilflosigkeit nicht mehr als Baus herausbekam, dann war Rinaldo vermutlich im Bauhaus unterwegs, Klamotten kaufen. „Bauhaus meinst du? Rinaldo ist im Bauhaus?“

„BAUS!! JA! RRRINALLDO IN BAUS!“

Ich erfuhr, dass es noch mindestens eine Stunde dauern würde, bis er zurück war, also entschloss ich mich, an Rinaldo vorbei zu handeln und von Gina zu kaufen. Mit Gina hatte ich noch nie Geschäfte gemacht, aber ich wollte nicht länger warten.

Die Wohnung lag keine zwei Minuten entfernt. Gina verkaufte mir einen Hunni. Für hundert Mark gab es genau ein Gramm, und sie rückte nicht ein Zehntel mehr raus.

„Du nicht hier ziehen“, sagte sie.

Als Gina aus ihrer süditalienischen Heimat gekommen war, war sie eine hübsches kleines Ding gewesen, unbedarft und schüchtern. Innerhalb eines Jahres hatte das Pulver es fertig gebracht, aus Gina eine überschminkte Tussi zu machen, die sich ungeniert die Fotze kratzte. Der Babyspeck aus ihrem Gesicht war gewichen, dunkle hohlen Wangen stützten ihre Fassade. Was da vor mir stand und mich unverblümt aufforderte, die Wohnung zu verlassen, war eine verdammte Bruchbude.

„Bin schon weg“, sagte ich, und machte, dass ich rauskam. Sie wollte nicht, dass ich Rinaldo in die Arme lief, sie wollte den Hunni für sich einsacken. Beim Verlassen der Wohnung warf ich einen Blick ins Bad und war überrascht: das sah tipptopp aus, was Rinaldo da auf die Beine stellte. Armaturen in Chrom blinkten mich an, elegante Geschichten, alles mein Geld. Vielleicht wollten die drei ja bald heiraten. Rinaldo, Gina und Heroin.

Ich war jetzt richtig heiss auf die Schore, ich hatte keine Lust, eine halbe Stunde zu warten, bis ich zu Hause war. Ich schlug den Weg zurück ins Bärenloch ein. Mitte der 90er Jahre war der Park kahl und zugig, für ein Näschen suchte ich ein windstille Ecke. Ich durchschritt fast die gesamte Anlage bis zum Rand der alten Mülldeponie, bevor ich endlich eine geschützte Mulde fand, die als Grillplatz genutzt wurde. Auf dem Notizbuch zog ich den Hunni in zwei Etappen weg, jedes Nasenloch bekam ein halbes Gramm.

Obwohl ich die Tage zuvor nicht bei Rinaldo gekauft hatte, sondern mich mit Codein über Wasser gehalten hatte, kannte ich das Material, das Gina mir vertickt hatte. Die Qualität war nicht berauschend. Ich wurde nicht mal so stoned, dass es meine Angst überblendete. Da war immer noch das Problem mit den Überwachungskameras. Ich wusste nicht, was ich machen sollte. Das Geld zurückbringen? Ein Hunni war schon weg. Und ich konnte die angebrochene Brieftasche ja schlecht inkognito unter der Tür her in die Bankfiliale schieben – hier, der Rest. Eine Anzeige würde es auf jeden Fall geben, wenn mich irgendwer auf einem Foto erkennen sollte. Da konnte ich die Kohle auch gleich behalten. Es ging hin und her in meinem Kopf. Es nahm kein Ende.

Ich nahm die Abkürzung über die Kullerstrasse. Eine viel befahrene laute Strasse. Als ich eine Gründerzeitvilla passierte, hörte ich eine bekannte Stimme.

„He! Was machst du denn hier!?“

Die Gräfin absolvierte ein Praktikum bei einem Steinmetzbetrieb. Mit ihrem Chef reparierte sie an diesem Tag einen Treppenaufgang. Sie setzte gerade die oberste Treppenstufe, als sie mich daherlaufen sah.

„Erst dachte ich, ach, guck mal an. Isser wieder am checken, bei dem Sturmschritt. Kannst du dich nicht mal besser tarnen mit deinen blöden Obeinen?“

In den gesamten zwei Jahren ihrer Umschulung ist sie mir kein einziges Mal über den Weg gelaufen, ausser an diesem Tag. Was machst du hier? fragte sie, und ich zeigte ihr die Brieftasche. Komm mit. Der Chef arbeitete so lange allein weiter. Sie konnte es erst kaum fassen. Ich war gerade an dem Punkt angelangt, den Bus zurück nehmen zu wollen, um das Geld abzugeben, doch die Gräfin war strikt dagegen. Auch das Problem mit dem Foto beeindruckte sie nicht. Die haben keine Kameras. So ne winzige Filiale. Die machen sowieso bald dicht. Sie war scharf auf die Kohle. Falsch. Sie war scharf auf Urlaub.

Tatsächlich ging die ganze Beute für vierzehn fabelhafte Tage Südholland und ein paar Schulden drauf, so gut wie nichts für weitere Schore.

*

Ich hatte die ganze Sache schon vergessen, als ich zwei Jahre später an der Gordelerstrasse vor der Fußgängerampel stand und grün anforderte. Während ich wartete, rauschte der Verkehr vierspurig vorüber, auf der gegenüberliegenden Strassenseite wartete ein Pulk Leute.

Dann war grün, ich ging über die Strasse. Merkwürdigerweise war ein Mann auf dem Gehsteig stehengeblieben, hatte sich nicht bewegt. Ich ging auf ihn zu, mir nichts dabei denkend, und wollte ihm ausweichen, als er sich in den Weg stellte und seine Dienstmarke zeigte.

Er nannte seinen Namen und forderte mich auf, mit aufs Revier zu kommen. Erst dachte ich, es ging um Pulver, doch da ich nichts auf der Tasche hatte, blieb ich ruhig. Dann stellte er eine merkwürdige Frage, die eine Bankfiliale betraf. Ob ich dort jemals „Geldgeschäfte“ erledigt hätte. Nee, sagte ich, mir war längst schummrig. Wir haben aber Beweise, sagte er. Beweise? Ja, Beweise. Fotos. Fotos, die genau zeigen, dass sie ein Portmanee an sich genommen haben, das Ihnen nicht gehörte.

Auf dem Revier zeigte er mir die Akte, der er persönlich angefertigt hatte, inclusive Fotos. So richtig gut war ich darauf nicht zu erkennen, meiner Meinung nach, ich wunderte mich, wie er mich in der Stadt wiedererkannt hatte.

„Na, an Ihren Obeinen. Die sind unverwechselbar.  Die hatten sich mir eingeprägt.“

Ungelogen: Der Wachtmeister mit dem scharfen Blick ging zehn Tage später in Pension.

*

bringt 1960:

..

In unseren Träumen und auf Opium kehren wir ins Universum zurück, leicht wie Astronauten, dämmernd.

..

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6 Gedanken zu „Hand und Beute

  1. Die Reaktion der Gräfin ist großartig, ich habe allerdings mit ihr gerechnet, keine Sekunde gedacht, dass sie dich mit dem Geld zurückschicken würde. Doch nicht die Gräfin, die ist doch nicht blöd…

  2. Bis vor einem Jahr lief das so ab: wenn Snick Richtung Wuppertaler Platte fuhr,stand ich am Lüttringhauser Bahnhof mit den Geldscheinen in der Rechten. Snick stieg kurz aus,drückte mir den Bubble in die Linke und nahm.gleichzeitig die Kohle entgegen,dann stieg er wieder ein.daß das nicht ewig funktionieren würde,war klar.ich hatte aber eher an einen aufmerksamen Zugführer gedacht,dem das irgendwann auffallen würde.
    Letztes Jahr war es dann soweit.Nachdem mir Snick die Kugel in die Hand gedrückt hatte,ging ich die Treppen vom Bahnhof runter und wollte schnell nach Hause.Auf einmal:“Hallo,bleiben Sie bitte mal stehen! Polizei!“ Aus dem Nichts waren auf einmal ein Typ und ne Alte aufgetaucht,beide so um die 30,eher jünger,zivil-und hielten mir ihre Marke vor die Nase.ob ich eben Drogen gekauft hätte.es ratterte in meinem Hirn.ich wußte,wenn sie gleich meine Daten durchgeben würden, wäre ich eh als Drogi enttarnt,weil vorbestraft.ich laberte einfach drauflos,daß ich zugeben würde mit Drogen zutun zu haben,aber gerade eben hätte ich einfach nur einem Kollegen Geld gegeben,daß ich ihm geschuldet hätte.die übliche Scheiße folgte. Perso wurde überprüft,dann wurde ich richtig schön gefilzt,von oben bis unten.währenddessen durfte ich mir von den beiden Anfängern n Vortrag anhören,daß KIFFEN immer noch verboten wäre und blablabla. Kinder eben. Schwachköpfige Bullenkinder.dann durfte ich meine Jacke wieder anziehen,durfte Portemonnaie, Schlüssel,Kippen wieder einstecken und man verabschiedete sich. Während der ganzen Zeit,knappe 20 Minuten,hatte ich die Schorekugel zwischen Zeige- und Mittelfinger. Die Bullen waren nicht auf die Idee gekommen,ihnen meine Hände zeigen zu lassen…
    Als erstes rief ich Snick an…

  3. Ich glaub,hab ich sogar gemacht,bevor ich Snick angerufen und gewarnt habe.und bei den Bullen vorher sogar noch ein bißchen Reue gezeigt,daß ich kaputter Typ überhaupt was mit Drogen zutun habe.

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