Glumm: Siesta. Eggert: Fire!

Fire!, Susanne Eggert, 2011

*

Hitze hält Einzug, schwüle Hitze, „eine perfide Hitze, die einem von hin in die Kniekehle tritt“, stöhnt sie. „Ja. Wie Schweinebauch“, stöhne ich. Das kneift und seufzt unterm Rock der Natur, es gärt und es blubbert.

„Junge, ist das heiß.. ich hör schon mein Herz wischen“, stöhnt sie.

Zu heiß zum lachen reicht nur zum glucksen. Ist das anstrengend. Nicht mal das Notizbuch kriege ich gestemmt. Das Schwitzbuch. Hinten im Garten, jenseits aller Geschäftigkeit: Nachmittag, um den 20. August herum. Mad dog days. Null Windhauch, null Lüftchen, korrekte Siesta, komplettes Verharren – bis auf diese Table Dance Wespe. Sie balanciert entlang dem Schatten, von einer Wäscheleine schnurgerade ins Gras geworfen.

„Wassermelone“, flehen Nachbarskinder mit batterieschwacher Stimme, und ihre Stimmen werden schon schwächer, „Mama Melonee..“

Die Gräfin hat sich im Bikini unterm Sonnenschirm lang gemacht, auf der schmalen Campingliege. Wie eine Skispringerin nach dem Abheben vom Schanzentisch liegt sie da, die Arme eng angewinkelt, regungslos, als wäre sie schon ausgestopft, eine ausgestopfte Skispringerin in den Tropen. Nur ihre Augenlider zucken im Traum, einem Traum, in dem Brombeeren heiß vom Strauch genascht werden, schweres süßes Pastillenfleisch, im Anschluss: Lippenbrand.

„Lassen wir Frauchen schlafen“, flüstere ich dem Hund ins Ohr, der träge am Essigbaum lehnt. Der steht in voller Montur da, der Essigbaum, die Blüten wie rote Zündkerzen vor motorblauem Himmel. Biblisch diese Ruhe, nur unterbrochen von einer langen Hundezunge, die ab und zu ins Leere abknallt – ein dunkles, ein durstiges Peitschen, Faaah-lllopp!!

Diese Glut. Dieser Nachmittag. Das Gras, gestern erst gemäht von der Kolonne  Genossenschaftsgärtner, über Nacht verrottet, verheut. Bei all den röhrenden Gerätschaften bleibt es schwer verständlich, dass ohne elektrische Schubkarre gearbeitet wird. Der Gartenzaun knackt.

„Komm“, sag ich zum Hund. „Los.“

Wir beschleichen die Hinterhöfe. Wir gucken uns weisse Unterhosen an, die in der Sonne hängen, wobei die Unterhosen, die man an Wäscheleinen nebenan sieht, nicht identisch sind mit den seidenen Maserati aus der TV-Werbung, und wir grüßen die nette Polin von nebenan, die Brote backen kann groß wie Kopfkissen, sie röchelt am offenen Fenster. Ein Eiswagen bimmelt. Eine Hecke wird geschoren. Plötzlich Lärm überall.

Flucht um die Ecke in den Wald, wo die Hoffnung auf einen leisen schattigen Korridor trügt, wo mein Atem Watte zieht und würgt, wo die Lunge brennt – weiter zum Altenbau –  letzte Eckkneipe! vor den Wupperbergen! 100 Prozent Eiche!

Heute: Hitzeröggelchen.

„Habt ihr Pils in Flaschen, Chef?“

„Nur vom Fass.“

„In Ordnung. Ein Glas Bier.“

Manchmal trifft man Leute, von denen man glaubt, sie seien längst ausgestorben. Ein Mann und eine Frau sitzen am Tresen. Er, Busfahrer bei der Rheinisch-Bergischen, hat einen Adamsapfel in der Kehle sitzen, groß wie eine verlorene Wette: Wetten, ich schlucke dieses Hühnerei in einem Haps runter? Seitdem steckt es da, das Mahnmal für verloren gegangene dumme Wetten, und zieht Blicke.

Das ist aber auch ein dralles Säckchen.

„Komm ich morgens von der Nachtschicht nach Haus, will die mit mir tanzen!“ schlägt er die Hände vors Gesicht.

Seine Bekannte gluckst.

„Mensch, Manni! Wie die Zeit vergeht! Vor zehn Jahren wärst du froh gewesen, hätte überhaupt jemand auf dich gewartet!“

„Ach, hör auf. Als ich im Badezimmer hinter ihr stehe, macht sie sich die Haare und ich krieg das ganze Spray in die Augen.“

„Mensch, Mannii! Maahhaaaha!“

„Hier Jung, dein Pils.“

Der Wirt tätschelt Frau Moll, die sich knurrend abwendet. Glück gehabt, Wirt. Manchmal wollen Fremde ihre Hand zurückhaben, doch die Hand bleibt im Hund.

Und Manni? Weiss nicht, ob er nächste Woche 47 wird oder schon 48. „Na, is auch schnuppig puppig. Schieb noch zwei Rachenputzer rüber, Chef.“

Im Radio läuft ein Reggae, der mir nicht gefällt. Das Glas Bier, gerade geleert, schon wieder ausgeölt. „Tschö, Jung. Nimm den Hund mit.“

Überm Asphalt streckt die Luft alle viere von sich, es ist ein Schwirren und Pökeln. Ich verliebe mich kurzfristig in einen korpulenten großen Mann mit Hosenträgern, der durchgeschwitzt an der Bushaltestelle wartet, den Trenchcoat überm Arm gefaltet. Wie eine überbackene Trophäe steht er da und sondiert den Sommerfahrplan Linie 98 Richtung Papiermühle.

„Puuh..“, stöhnt er.

5 Gedanken zu „Glumm: Siesta. Eggert: Fire!

  1. @ Gräfin: ein klasse Bild! Wie die gelbe Hitze wabert, wie die Mütze schmilzt, wie das altrosafarbene Cop-Ohr wie sein Revolver ist (irgendwie) – nur andersrum; wie sie den Lungenzug genießt … lässig und zufrieden die beiden; cool, trotz der Hitze.
    (Ich mache mir aber Gedanken, ob er koscher ist. Könnte ja auch gerade ein Küken erwürgen, genau sehen tut man´s nicht …) Schöner Zaun.

    @ Glumm:
    „wo mein Atem Watte zieht und würgt, wo die Lunge brennt“ – find ich gut.
    „ausgestopfte Skispringerin“ – find ich gut.

    Ich hoffe, es wird nicht so schnell langweilig gelobt zu werden. Ich lobe gern. Vielleicht könnt ihr die gesammelten Lobesamen beim Anstehen in der Anerkennungsschlange futtern.

  2. Lieber BS,

    du wolltest erfahren, wenn es eine billigere variante von meinem bild „fire“ gibt. das orginal kostet 600 euro.
    das weiß ich jetzt :
    als druck auf eine leinwand gezogen (80x60cm) wären 90 €. incl. versand.
    als posterdruck (80x60cm) sind es 40 €. incl. versand.

    beide möglichkeiten sind sehr schön geworden, sowohl farbmäßig als auch im kontrast.
    du müßtest mir das geld überweisen, danach schicke ich dir das gewünschte bild.
    du kannst es dir ja in ruhe überlegen.
    ich habe im augenblick wegen meiner ausstellung viel um die ohren, aber nächste woche können wir das machen, wenn du magst.

    liebe grüße
    susanne

Hätte ich doch besser die Fresse gehalten

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