Das Gold bleibt im Tresor

Ein Lächeln betritt ihr Gesicht.

„Bin ich hier richtig?“

„Setz dich“, meint die Gräfin, „und mach dich nich so breit.

*

Es gibt tatsächlich noch TV-Sender, die haben kein 24-Stunden-Vollprogramm. Die stellen stattdessen in der Nacht ein solides Testbild auf den Bildschirm, und zur Untermalung wird das Nachtarbeiterprogramm des staatlichen Radiosenders eingespeist,

Gospelmusik, mit Mahalia Jackson.

Ich liebe alte Schinken. Eine Dreiviertelstunde und länger starre ich wie gebannt auf den Bildschirm, auf dem sich nichts tut. Ein Testbild ist ein Standbild voller Kästchen und ovaler Kreise, mit Farben aufgefüllt in allerhand Abstufungen. Dazu Gospelstimmung. Nun gibt es ja nicht allzu viele Berufe, denen ich nachtrauere, weil ich sie nie ergriffen habe. Einer dieser nie ergriffenen Berufe ist der des Nachtredakteurs auf Nederland 3, wo in der Nacht noch wie in den alten Zeiten ein Testbild auf dem Bildschirm steht und sich nicht von der Stelle rührt. Nederland 3 ist der Fels in der Brandung der weltweit 43.000 TV-Vollprogramme, die niemals Ruhe kriegen.

„Da tät ich gern arbeiten“, sagte ich einmal zum Arbeitsvermittler der Agentur für Arbeit, „nachts, bei Nederland 3“,  und er blickte mich an, als müsse er meine Einweisung ins Landeskrankenhaus nur noch gegenzeichnen.

Eingewiesen, wie gesehen, Bruchhausen.

*

„Als verkrachte Künstlerexistenz hat man es ja schon schwer“, erkannte der Mitsubishi Boy goldrichtig, „aber wenn man gleich mehrere verkrachte Existenzen in einer einzigen Person ist, dann wird es eng.“

*

Es gibt Tage, wer da in unsere Erdgeschoßwohnung kommt, der glaubt einen Pet Shop zu betreten, eine Tierhandlung, einen zoologischen Fachhandel, so streng riechen zwei schräge Vögel und ein mittelgroßer Terrier, die unter einem Dach hausen.

*

Zwischenblutung und Riemchensandalen zählen zu den Dingen, die sollten Freundinnen unter sich bekakeln, daran hat kein in groben Zügen normaler Mann auch nur den Hauch eines Interesses. Im Gegenzug möchte auch keine Frau etwas hören von Prostata und juckenden Hämorriden.

„Allein das Wort jucken in diesem Zusammenhang verursacht bei mir gelinde gesagt Desinteresse“, so die Gräfin.

*

Das kleine windschiefe Häuschen meines Großvaters war vor dem Krieg ein stattliches dreigeschossiges Schieferhaus gewesen, doch in einer Bombennacht 1944 fiel es in Schutt und Asche. Mein Großvater baute es nach dem Krieg eigenhändig wieder auf, doch weil Geld und Material knapp war, reichte es nur zum einstöckigen Häuschen, in dessen Keller später die Werkstatt meines Vaters untergebracht war, der sich als Gas-und Wasserinstallateur selbständig gemacht hatte.

„Bei deinem Opa in der Küche fühlte man sich wie in einer Puppenstube“, erzählt die Gräfin, die Großvater zum 90. Geburtstag ein klingendes Glückwunschtelegramm überbrachte, damals arbeitete sie als Eilbotin bei der Deutschen Post. „Wenn man die Küche betrat, erwartete man automatisch winziges Geschirr und Messerchen.“

Opa hatte ihr persönlich die Tür geöffnet, obwohl das Häuschen an diesem Jubeltag voller Gäste war, im Mai 1990. In der  Hand hielt er eine angebrochene Flasche Korn, und er liess sich nicht davon abbringen, dass sie ihm zu Ehren einen Klaren mittrinken müsse, „Depeschen ausfahren hin oder her.“

„Also musste ich mich in der Puppenstubenküche auf die Eckbank zwängen und zwischen all den alten Männern ein Schnäpschen runterstürzen. Und da erst erkannte mich dein Opa und wusste, wo er mich hinstecken sollte. Du bist doch dat Kleen vom Andreas, dröhnte er und schenkte noch einen ein. Ich muss noch fahren, protestierte ich, doch das ließ er nicht gelten. Wenn die Polente dich stoppt, schiebst du alle Schuld auf den aulen Bock aus dem kleinen windschiefen Häuschen.

*

Ist das schon mal jemandem aufgefallen? Dass man kaum noch hört, dieser oder jener Mensch habe ein gutes Herz. Gibt es keine guten Herzen mehr? Sind sie ausgegangen? Ist die Luft aus den Schläuchen?

*

„Sollte es jemals soweit kommen, dass ich mir das Leben nehmen will, dann geh ich ins Wasser“, sagte sie einmal zu mir. Eine sehr weibliche Art der Todessehnsucht.

Ich stelle mir Ertrinken eher schrecklich vor.

Ich kenne das Gefühl, keine Luft mehr zu kriegen, und seither weiss ich, dass diese Art des Freitods für mich ausscheidet. Ich hab zweimal keine Luft mehr gekriegt. Einmal war ich als Junge Sonntags beim Spiel unserer Ersten Mannschaft. Mir war langweilig, ich turnte am Geländer herum, das die Zuschauer vom Spielfeld trennt, und versuchte einen Feldaufschwung wie am Reck, doch der Holm des Geländers war zu dick, ich verlor den Halt und stürzte zu Boden. Ich landete genau auf dem Rücken, da, wo die Lunge sitzt, und augenblicklich blieb mir die Luft weg. Wer keine  Luft mehr kriegt, der sagt keinen Ton, der schreit nicht rum, der ist still in Panik. Der hat überraschte Gedanken wie: ich sterbe. Ich soll sterben? Ich? Ich war höchstens 10 Jahre alt. Meine Atmung war blockiert. Niemand bemerkte etwas von meinem Todeskampf. Es fühlte sich merkwürdig weich und matt in meinem Innern an, dieser Zustand des Nicht-Atmens. Ich war ein Angler, der es gewohnt war, die Angel auszuwerfen, und jetzt war der See futsch, die Hände leer. Plötzlich ging es wieder.  Ganz langsam setzte die Atmung wieder ein. Ich atmete. Ich holte Luft.

Das zweite Mal keine Luft kriegen war eine Ecke heftiger, es war ein Asthmaanfall, aber da hab ich jetzt keine Lust darüber zu reden.

 

Das Gold bleibt im Tresor, Susanne Eggert, 2011

4 Gedanken zu „Das Gold bleibt im Tresor

  1. „es war ein Asthmaanfall, ich hab keine Lust darüber zu reden.“
    mal wieder ein meisterwerk. diese aufbauschende spannung, was wohl passiert mit einem schlag zu niche gemacht. super.

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