Die Wiese war unsere Strasse

Fußballspielen war der Befreiungsschlag. Ich war sechs Jahre alt und am ersten Scheideweg meines Lebens. Es reichte mir nicht mehr, meine geliebten Matchboxautos am geöffneten Wohnzimmerfenster übers marmorne Fensterbrett zu schieben und blutige kleine Unfälle zu inszenieren, nur um die auf dem Bürgersteig flanierende Nachbarschaft bei Laune zu halten, die zudem ständig waghalsigere Überholmanöver forderte. Mit kleinen Blechschäden kam man da nicht mehr weit. Ich war noch nicht in der Schule, aber schon ein alter Blechschaden-Hase, ich legte ein Vollkaskofiasko nach dem anderen hin, doch nun war es genug. Ich musste raus aus der Bude, bevor es die ersten Toten gab auf dem Fenstersims.

Die Hasseldelle, ein weitläufiges Areal am Stadtrand, war waldreich und voller Wiesen. Ich erinnere mich, wie ich auf solch einer Wiese mit den Großen Fußball spielte. Weil ich der Kleinste auf dem Feld war, stellte man mich ins Tor. Niemand wollte ins Tor, dessen Pfosten aus zusammengeknüllten Jacken bestand. Im Tor war man allein auf sich gestellt, von der Rasanz auf dem Spielfeld abgeschnitten, mit dem Fußballgott auf du und du. Es war perfekt, es war wie für mich gemacht. Ich hechtete über den Grasboden, ich machte mich lang wenn der Ball angeflogen kam, ich streckte mich wie eine Wasserpumpenzange. Auch wenn ich einen Treffer nicht verhindern konnte, ich hörte zum ersten Mal ein Lob auf dem Fußballplatz und eine neue Welt tat sich auf.

„Der Kurze hat ja richtig was drauf“, staunten die Großen, meine zwölf, dreizehn Jahre alte Strassenidole, unerreichbar eigentlich, und einer applaudierte. „Der springt der Pille hinterher wie ein Flummi!“

Ab sofort war ich jeden Tag auf der Wiese, bis die Dunkelheit anbrach und Mutter mich zum fünften Mal hintereinander hineinrief.

Dass ich nicht im Tor blieb sondern Stürmerstar wurde, lag nur daran, dass Tore schiessen noch mehr Laune machte als dem Ball hinterherhechten und  einzufangen. Einer der Großen, er hiess Alex, sprach bei meinen Eltern vor. „Der Kleine gehört in den Verein.“ Er spielte selbst beim RSV und übernahm die Anmeldung.

Den Sportplatz in Kohlfurth kannte ich vom Blick aus unserem Küchenfenster, der bis weit ins Tal reichte, wo die Wupper floss und der RSV beheimatet war, Luftlinie keine zwei Kilometer entfernt. Der seltsame Platz bestand zur Hälfte aus schwarzer Asche (etwa in der Mitte, von Tor zu Tor) und Rasen an den Rändern. Warum das so war, dafür habe ich noch heute keine Erklärung. Ich hab das jedenfalls nie wieder irgendwo gesehen, diese Melange aus Asche und Rasenplatz. Als wäre dem RSV beim Anlegen des Spielfeldes das Geld für Saatgut ausgegangen.

Gleich in der ersten Saison 1966/67 wurde ich Torschützenkönig der E-Jugend, Gruppe 5 . Als ich auch in der zweiten Saison eine Hütte nach der anderen machte und aus Lob mehr und mehr Warnung geworden war, „Ihr müsst den Lockenkopf decken!“, sprachen Vereine beim RSV vor. Auch die Union, größter Club der Stadt, schickte einen Co-Trainer, um mich abzuwerben, doch meine Eltern, die mit Fußball nicht die Bohne am Hut hatten, waren dagegen. Der Platz des RSV war zwar ein Unikum, lag aber in der Nähe der Hasseldelle, und das war es, was zählte.

Besonders für meinen Vater. Ein vorsichtiger Mensch. Schon einige Jahre zuvor hatte er eine Offerte der Firma Brandt Hagen abgelehnt, die für ihre Zwieback-Verpackung ein neues Kindergesicht suchte. Wer Brandt damals mein Schwarz-Weiss-Foto zugespielt hatte, auf dem ich im Kinderwagen sitze und grinse, (eine Locke kringelte sich keck auf der Stirn), ist heute nicht mehr nachvollziehbar. Meine Eltern lehnten das Angebot ab. Sie wollten nicht jedes Mal mein Gesicht anschauen, wenn sie Zwieback kauften.

Für kein Geld der Welt hätte Papa dein Lächeln verkauft, erzählte mir Mutter viele Jahre später.

(So einen Vater hätte Timm Thaler haben müssen, dachte ich.)

So wurde ich also nicht Timm Thaler, und ich blieb auch beim RSV. Ich lernte besser mit dem Ball umzugehen und entwickelte mich mehr und mehr zum eigensinnigen Fummelkopp. Ein Fummelkopp sucht den Sololauf, treibt den Ball voran, um ihn behalten zu können, so lange es geht. Interessant wird es dabei ab zwei, besser drei Gegenspielern, die man hintereinander ausknipst. Die man umfummelt, nass macht, dumme Beine sein lässt und zu Standvieh degradiert.

Zwar ruhen die Augen des Fummlers beim Solo auf dem Lederball, darüber hinaus nimmt er aber jede gegnerische Regung wahr, jede noch so unmögliche wie mögliche Blockade muss vorausgesehen und einkalkuliert werden.

Bei jedem Dribbling durch die gegnerische Abwehr gibt es diesen Moment, wo du zu scheitern drohst, wo du dich beinahe vertändelst oder wo ein Spieler deinen Trick fast durchschaut und es dir erst in allerletzten Augenblick gelingt, den Ball mit der Fußspitze oder der Hacke mitzunehmen und du weiterfummelst. Jetzt bist du der King.

Immerzu heisst es beim Dribbling den Ball zu feiern, zu kosen, zu huben, zu hadern, aufzubocken, zu frikassieren, zu tunneln, zu erbeuten.

Ganz zuletzt ist nur noch den Keeper vor dir.

Ein wilder Hund ist der Torwart. Er ist der Mann, der wild wild sein Haus bewacht, und er darf eine Menge mehr als du: Er darf dir die Pille vom Fuß beissen, wenn er anders nicht zurande kommt, er darf sich sogar darauf werfen und unter sich begraben, als wäre das Leder totes Material. Der Keeper, der Hund, ist der wahre Todfeind des Stürmers, er ist der Drecksack, dem es zuletzt die Kirsche eiskalt durch die krummen untalentierten Beine zu schieben gilt.

1: 0 für Deutschland durch Weeeeeberr!!

Abdrehen, Küsschen, Jubel.

„Hab ich euch nicht gewarnt, ihr sollt den verdammten Lockenkopf decken??“

*

1968 stiess Tornato zu uns, der grösste und leidenschaftlichste Fummelkopp aller Zeiten, eine mitleidlose kleine Dribbelmaschine, und ich war plötzlich nur noch die laufende Nummer 2, was die Fummelei betraf.  Tornato war der Garincha des RSV, bloß doppelt so verspielt und absolut unfähig, einen Treffer zu erzielen. Wenn Tornato den Ball abgab, dann aus Versehen.

Sein anarchischer Umgang mit dem Ball war geprägt von einem tiefen Verständnis für Physik. Er wusste instinktiv, in welche Richtung sich dieser runde, mit Luft aufgepumpte Behälter bewegt, wenn man ihn tritt, und wie man ihn treten muss, wenn man ihn woanders haben will.

Er war ein Genie, er fiedelte seine Gegner um den Verstand. Er tanzte sie aus, er belästigte sie, er liess sie hinter sich wie eine Schar gründelnder Enten.

Tornato war klein und wendig, er kam aus Süditalien und sprach nicht nur kaum ein Wort Deutsch, er sprach auch wenig Italienisch. Er war ein wortkarger kleiner Aussenseiter, der niemals lachte oder sonstwie die Miene verzog. Das war komisch. Ich meine, wie konnte ein Junge, der auf dem Fußballfeld vor Phantasie und schrägen Einfällen nur so strotzte, im sonstigen Leben so eine graue Maus sein. Nach den Platzverhältnissen war Tornato das zweite große Kuriosum des RSV.

Tornato stiess in der D-Jugend zu uns, im Alter von zehn Jahren, mit Gummibeinen und diesem undurchschaubaren, gleichmütigen Gesichtsausdruck. Er steckte mich in die Tasche, gegen ihn war ich bloß ein Mittelstürmer, ein Gerd Müller, der zwar immer noch viele Tore erzielte, doch als Künstler reichte ich nicht an ihn heran. Aber ich war ihm nicht böse. Er war einfach zu gut, um ihm böse zu sein – ausserdem spielte er ja in meinem Team. Wir profitierten von seinem Können.

Und ich konnte seine Lust am Dribbling, seine Leidenschaft gut nachvollziehen. Denn auch wenn Fußball eine Menge brillianter Dinge zu bieten hat, ein Dropkicktor aus 30 Metern Entfernung oder einen direkt verwandelten Einwurf in der Nachspielzeit, nichts geht über diesen Moment, wenn man einen Lauf hat und die Gegner reihenweise aussteigen lässt. Es ist der totale Rausch. Ohne, dass du selbst genau weisst, was du als nächstes tun wirst, überrascht du den Verteidiger mit der nächsten Trickexplosion, der nächsten Finte, und, nicht zu vergessen: Jeder Verteidiger muss mit einer eigenen Finte ausgespielt werden, es ist kaum möglich, die gleiche Finte noch einmal zu verwenden in derselben Spielsituation. Du musst immer noch einen Trick mehr drauf haben.

Aber Tornato fummelte nicht nur den Gegner um den Verstand, auch sich selbst verschonte er nicht. Immer wieder passierte es, dass er eine gesamte Hintermannschaft schwindlig spielte, doch sobald er allein auf den Torwart zulief, war sie plötzlich da, sie war im letzten Winkel noch zu spüren, an der Eckfahne und bis hoch zum Flutlichtmast: seine verfluchte Angst vorm Torwart.

Es war jedes Mal so, als wäre er aus einem rassigen Traum erwacht und nun baute sich die Wirklichkeit vor ihm auf, groß und unüberwindbar und universell fischte sie ihm mühelos den Ball vom Fuß, wie nebenbei. Ich kann mich an keinen einzigen Treffer erinnern, den Tornato je für den RSV erzielt hätte.

Niemand von uns Jungs hat Tornato wirklich je kennengelernt. Nicht mal der Duce, der andere kleine Italiener in unseren Reihen, verbrachte ausserhalb des Platzes Zeit mit ihm, und so blieb er bis zum Schluss ein Rätsel. Dass wir trotz seines Supertalents und zwei, drei weiteren guten Spielern bis auf ein Jahr in der Bestengruppe stets in den unteren Jugend-Ligen kickten, lag an der unglückseligen Zusammensetzung unseres Teams.

Es gab im Einzugsgebiet des RSV zu viele hüftsteife Krücken und Schussel, die einen Stammplatz sicher hatten. Mal war der Vater einer Krücke unser Trainer, mal bekamen wir ohne so ein Schussel kein vollständiges Team zusammen. Man musste Minimum acht Mann aufbieten, sonst wurde das Spiel gar nicht erst angepfiffen und ging automatisch 0:2 verloren.

Eines Tages erschien Tornato nicht mehr zum Training, am folgenden Samstag fehlte er beim Spiel. Seine Familie, von der wir nicht mehr wussten, als dass es eine unüberschaubare Anzahl von Geschwistern gab, war zurück in die Heimat gegangen, eine lang geplante Geschichte, doch Tornato hatte kein Wort gesagt. Aber welches Wort hätte er denn auch nehmen sollen, ein deutsches wohl eher nicht.

Drei Jahre später, in der A-Jugend, kehrte er noch mal nach Kohlfurth zurück, genauso, wie er gegangen war, ohne Ankündigung, Knall auf Fall. Diesmal war er nur mit dem Vater gekommen, der wieder seine Arbeit bei Rasspe aufnahm, dem Hersteller von Landwirtschaftsgeräten sowie Hauptsponsor und Namensgeber des RSV, Rasspe Sport Verein. Toranto war kaum gewachsen, hatte sich aber in Italien einen schlimmen kleinen Nudelbauch angefuttert. Seine Ballbehandlung war weiterhin großartig, er fummelte auf engstem Raum, als wollte er das Völkerrecht aushebeln, er war der Reiter, der die feindlichen Linien in der Nacht durchstiess, übertölpelte, Haken schlagend. Wäre es irgendwie möglich gewesen, unsere Gegner hätte ihn liebend gern zur unerwünschten Person erklärt und an der nächstbesten Grenze festsetzen lassen, bis zum Saisonende. Und darüber hinaus,

Doch etwas war anders geworden. Er war nicht mehr der Alte. Kaum 17 Jahre alt, machte er einen erschöpften Eindruck. Der kleine Bauch, für den seine Mama viele Portionen Nudelteig geknetet und gekocht haben musste, war nur das äusserliche Anzeichen für seine Schwermut. Schon nach zwei, drei Spielen geschah es, dass er plötzlich den Ball abgab, in einer völlig unbedrängten Situation. Hätten wir uns Jahre zuvor vielleicht noch darüber gefreut, dass Tornato sich mannschaftsdienlich zeigte und den Ball zum Nebenmann weitergab, das Spiel flüssig machte, so wussten wir nun nicht, was wir davon halten sollten.

Einmal, nach dem Training, gingen wir gemeinsam in Richtung Vereinslokal, wo auch die Umkleidekabinen und Duschräume untergebracht waren, und ich wurde das Gefühl nicht los, dass er uns etwas sagen wollte. Tatsächlich holte er Luft, doch er räusperte sich nur und schwieg. Der kleine Italiener habe es mit dem Herzen, sagte unser damaliger Trainer, als Tornato kurz darauf in die Heimat zurückkehrte, ohne den Vater, und sich erhängte.

*

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Ein Gedanke zu „Die Wiese war unsere Strasse

  1. Hab ich erst jetzt gelesen. Saustarker Text über das Wesen des Fußballs, vor allem jetzt nach Enke.
    Und: Echt wahr, dass du fast das neue Brandt-Zwieback-Gesicht geworden wärst? Gibt’s ja gar nicht … Starke Haltung vom Vater.

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