Das Geheimnis der großen Schuhe

1

Freitagabend. Das Mumms ist voll wie ein Karnickelschlauch. Man könnte Wühlgebühren kassieren, so wie die Leute sich schubsen, knutschen und gegenseitig das Bier wegfressen. Es ist ein Drama.

„Ach nee! Und was, bitteschön, soll daran ein Drama sein?“ höhnt Schwarte. Er trägt eine schwarze PVC-Brille mit dicken Gläsern und die froschgrüne Beat-Jacke mit den Silberknöpfen, die er auf einem Flohmarkt in Antwerpen gestohlen hat. Auf der Flucht vor dem Standbesitzer landete er in einer Frittenbude, wo er gegen einen Pistazienautomat knallte, der zu Bruch ging. Der ganze Boden war voll Splitter und kullernden Pistazien.

„Das war ein Drama, Alter! Kannst du da mithalten?“

„Ich steh seit ner halben Stunde im Mumms und bin immer noch nüchtern“, geb ich zurück, „an einem Freitag! Das ist das Drama.“

„Hou, das ist natürlich..!“ setzt Schwarte an, wirbelt dann ruckartig herum. „He, Gesichtshure! Was willst du von mir?!“

Ein rotwangiger Hippie, der im Gedränge etwas verloren hat und den von schwarzen Gumminoppen und Dutzenden von Schuhen übersäten Fußboden absucht, blickt entgeistert auf. „Meinst du.. mich?“

„Natürlich mein ich dich, Gesichtshure, wen denn sonst? Du schwulst mich doch schon den ganzen Abend an! Und jetzt nimm die Flossen von meinen Füßen!“

„Aber ich such doch nur mein ..“

„Ach, leck mich! MARINAA!!! Noch ein großes Gelbes!“

„Nichts da, Schwarte, du kriegst nichts mehr. Du hast genug. Du bist voll wie ein Pisseimer.“

„Wie.. ich krieg nix mehr..?“

„Na, wie ich das gesagt hab, Schwarte! DU, BIER? NEIN! HEUTE NIX MEHR, SCHWARTE VOLL GENUG! Und lass gefälligst die Leute in Frieden!“

„Voll genug, voll genug, was will die denn..“ Schwarte glubscht vom Tresen weg auf den langen Elias zu, der nahe dem Ausgang an der Marmorsäule lehnt. „Eli, du musst mich aus der Scheisse rausholen.. Marina verkauft mir nix mehr zu saufen.“

Der lange Elias, der Maschinenbau studiert und in den Semesterferien gerne als Kranführer jobbt, hievt in aller Seelenruhe zwei Glas Hellbier vom Tablett des Kellners, der sich gerade in einem Jutesäckchen verheddert.

„HE, WAS IS DAS DA UNTEN.. ?“

„Och, da isses ja! Mein Jutetäschchen!“ springt die Gesichtshure rosig hinzu, und auch der lange Eli und Schwarte feiern ihren gelungenen Hellbier-Coup und stoßen miteinander an.

„Die Marina ist ein ganz harter Hund“, lullt Schwarte. „Dabei bin ich überhaupt nich voll, keinen Hacken .. Ich hab nur niedrigen Blutdruck..“

Sie trinken ihre Beute auf ex, und Schwarte gerät ins Rutschen, mit dem Rücken langsam am Tresen hinunter, fast in Zeitlupe, bis er mit dem Hintern am Boden ankommt.

„Alter, ist das heiss.. als hätt ich nen Bunsenbrenner am Buckel.“

„VOLLSAUF!“ zetert Marina. „JETZT REICHTS, SCHWARTE! RAUS MIT DIR!!“

Während das Publikum amüsiert den Gang versperrt, packen Eli und ich den besoffenen Schwarte unterm Arm und schleppen ihn in unserer Mitte an die Luft. Mummstrassenluft, Benzin und Schnaps.

„Am besten, wir legen ihn ein Stündchen in deine Karre“, sag ich zum lange Eli. Er fährt eine blaue Ente aus den Siebzigern, topp in Schuss. Auf dem Weg zum Parkplatz kommen wir am China-Restaurant Lotus Garden vorbei.  Ein Kellner steht vor der Türe und raucht eine Kippe.

„Eh, du China-Kracher!“ grölt Schwarte. „Tu ma Feuer!“

Wir schieben Schwarte auf den Rücksitz von Eli’s Ente, decken ihn zu und kehren ins Mumms zurück.

2

Als Schwarte auf dem Rücksitz erwacht, ist es bereits hell, der Wind fegt durch die Ritzen. Er bibbert erbärmlich, er hat nur eins im Kopf: so schnell wie möglich heim. Die Bushaltestelle ist gleich gegenüber vom Mumms.

Kommt eine Frau daher. Viel zu große Schuhe. Ihre Haare flattern.

„Hast du mal ne Kippe?“ fragt Schwarte.

„Tabak.“

„Egal.“

Sie reicht ihm den Schwarzen Krauser.  „Wo kommst du her, um die Uhrzeit?“ fragt sie.

„Dahinten, aus der Ente.“

„Was für ne Ente?“

„Na, die blaue Ente, dahinten auffem Parkplatz.“

„Ach so, ein Auto.“ Ihre Schuhe sind so riesig groß, man kann sogar hinten reingucken. Da ist jede Menge Platz. „Und wieso wartest du auf den Bus, wenn du Auto fährst?“

„Nee, der Wagen gehört dem langen Eli. Ich hab nur drin gepennt. Ich fahr kein Auto.“ Schwarte friert so sehr, er kriegt kaum die Kippe gedreht. Der Tabak krümelt zu Boden. „Ich penn überhaupt viel. Ich hab niedrigen Blutdruck.“

Normalerweise ist die Anmache genau hier zu Ende, weil Frauen von Machosprüchen wie „Ich hab niedrigen Blutdruck“ und „Ich penn viel“ die Nase voll haben, nicht aber in diesem Fall. Nicht in dieser Geschichte. Da ist noch Platz.

„Und wenn du nicht pennst? Was tust du dann?“

„Wenn ich nicht penne? Dann.. hab ich irgendne Scheisse am dampfen, glaub mir das. Schulter ausgekugelt, Läuse am Sack, immer ist irgendwas, nie ist nix. Kennst du Phonebone? Da spiel ich Bass. Ne Boogieband. Phonebone.“

„Phonebone, he! Die kenn ich. Ich mach auch Musik. Aber erst seit zwei Wochen. Da vorn kommt mein Bus, die 81. Machs gut!“

„Ja, is gut“, bibbert Schwarte, „hier, dein Tabak. Machs gut.“

Gleich hinter der Linie 81 fährt die Linie 84 vor. Er löst bis Widdert, Endstation. Verdammt große Schuhe, die Tante, denkt er. Echte Schluffen. Aber sonst nicht übel. Kurzentschlossen steigt Schwarte aus und läuft rüber zur 81. Klopft an die Scheibe.

„Was is jetzt? Kommst du mit?“ ruft er, noch betrunken vom Vorabend. Da traut man sich schon mal Dinge, die man sich sonst nicht zutraut. Frauen in grossen Schuhen ansprechen, zum Beispiel. Frauen, deren Haar flattert. Sogar im Sitzen. Im Bus. Hinter der großen Scheibe. Hat die da drin einen Propeller am laufen? staunt Schwarte.

Super Sache.

Endstation Widdert. Schwarte bewohnt zwei schräge Zimmer unterm Dach, der bordeauxrote Teppichboden ist fast wie neu. Und da ist die froschgrüne Beat-Jacke mit den Silberknöpfen, logisch. Der belgische Boogiefummel.

„Ich hab keine Lust auf fummeln“, meint die Frau, die selbst im Bett ihre Schuhe anbehält, aber das kriegt Schwarte schon nicht mehr gebacken. Er ist auf der Stelle weggedämmert.

3

Samstagmittag. Der lange Eli pocht an die Dachluke. „Aufstehen! Ich brauch meinen Autoschlüssel!“

Schwarte ist noch tief im Tran. „Äh..“

„Mach die Tür auf!!“

„Wa..?“

„VERDAMMT, HIER IST DER ELI! AUFMACHEN!“

Schwarte müht sich verkatert auf die Bettkante. Irgendwo in der Nähe brettert ein Achtzylinder über Kopfsteinpflaster.  „Alter, was war das denn gestern, hör mal? War gut?“

„Du hast in der Ecke gelegen und geweint“, erzählt Eli gutgelaunt, „wie immer.“

Schwarte fährt zusammen. „Im Mumms?? Nee! Sag das nich, im Mumms! Nich schon wieder im Mumms!“

„Nee, war Spass. Du bist umgekippt, wie immer. Sonst war nix.“

„Nich geweint?“

„Nich geweint.“

Schwarte greift nach dem Porzellanbecher, auf dem dick Betthupferl geschrieben steht und der randvoll gefüllt ist mit Traubenzucker.

„Du auch, Eli?“

„Lass mal. Sag mal, was sind das für Mauken unter deiner Decke?“

„Was für Mauken?“ Schwarte reibt sich die Augen, wobei etwas Mehl zu Boden sinkt. Weizenmehl, Typ K. Tatsächlich, ein Paar Frauenschuhe lugt unter der Bettdecke hervor. Große Schuhe, echte Quadratlatschen. „Scheisse, das ist die Ische, die heut morgen an der Haltestelle stand.“

„Bestimmt ne Orthopädie-Studentin“, vermutet Eli. „So. Was ist jetzt, Schwarte. Fährst du mit ins Mumms, ne Runde nachlegen?“

Mit der Linie 84 in die Stadtmitte.

4

Als King of Absturz wird Schwarte vom Stammpublikum aufs wärmste empfangen, inmitten von Rauchschwaden und einer illegalen Zockerrunde mittags um zwölf. Benzini ist auch schon da und zeigt die Wunden der vergangenen Nacht, Hacki hat sich heiser gevögelt, Golo Redemann quasselt sich warm. Es dauert keine zwei Stunden, und Schwarte steckt wieder mitten im von Marina ausgesprochenen absoluten Alkoholverbot. Auch der lange Elias schlägt derart zu, dass ihm das gefürchtete Stangenbier-Rheuma den Rücken hochkriecht und er in der Hocke gegen den Tresen strullert, was Schwarte so nicht akzeptieren kann: „Nich immer mir in die Halbschuhe!“

„Halt, der Spruch ist von mir“, beschwert sich Karlos, als er mit stoppschildroter Birne zur Eingangstür reinglotzt.

„IHR GOTTVERDAMMTEN PRIMATEN! EUCH GEHTS WOHL ZU GUT!“ faucht Marina und droht mit dem feuchten Aufnehmer, doch da sind die beiden Saufasseln Schwarte und Eli längst über alle Berge: gegenüber, an der Bushaltestelle.

„Zweimal Endstation, Meister!“

Der Fahrer guckt misstrauisch, sagt aber nichts. Was soll er auch sagen?

„Busfahrer haben Bus zu fahren!“ stänkert Eli, der Fall ist erledigt.

Unterm Dach in Widdert legt er sich gleich lang, und zwar weit nach hinten, ins ungemachte Bett. Rummss!

„HE!! Was soll das?!“ quietscht eine Frauenstimme, und ein großer Schuh tritt erbost die Decke zurück.

„Hups..“, murmelt Eli, „die ist ja auch noch hier“, und Schwarte versteht die Welt nicht mehr. „Ich hab niedrigen Blutdruck. Deswegen verpenne ich auch alles. Wahrscheinlich verpenne ich noch meinen Tod. Dann sitze ich hier auf meiner Bettkante und frag, wie spät isses, dabei schmore ich längst in der Hölle, mit nem Dreizack im Hintern und singe Hosianna…“

Die Frau gähnt ausgiebig.  „Sag mal, der Lange hier, ist das dein Kumpel?“

Schwarte nickt und schaut ungeniert zu, wie sie sich ankleidet.

„Ich muss jetzt nach Hause“, sagt sie. „Gleich ist Versammlung.“

„Versammlung?“ meint Schwarte. „Ich komm mit.“

Sie nehmen die Linie 84 zurück in die Stadt, wo sie umsteigen in die Linie 81 Richtung Merscheid. In Höhe der Stadtwerke pennt Schwarte ein. Die Frau packt ihn kurzerhand auf die Schulter und schleift ihn nach Hause.

Als Schwarte aufwacht, ist es mitten in der Nacht und stockfinster. Er hat keine Ahnung, wo er sich befindet. Da sind Stimmen. Sie kommen aus dem Nebenzimmer. Er steht auf. Er fröstelt. Er öffnet die Tür. Schwarte sieht zwei Frauen, die um ein Fußbänkchen herum sitzen. Darauf ein Stammtischwimpel.

„Ahh, da ist ja unsere Penntüte ..“, begrüßt ihn die Frau mit den Quadratlatschen. „Ausgeschlafen?“

„Geht so“, meint Schwarte und knibbelt an seiner Beat-Jacke. Ein Silberknopf fehlt. Verdammt. „Tja, ich fahr dann mal nach Hause.“

„Moment..“  Die beiden Frauen stecken die Köpfe zusammen und tuscheln. „Sag mal, bei dir pennt doch der lange..?“

„.. Eli? Kann sein. Weiß nich, ob der noch da ist. Gestern Abend war er da.“

„Wir kommen mit.“

Mit dem Bus in die City, wo sie umsteigen und so weiter.

5

Unterm Dach in Widdert.

„Macht’s euch gemütlich, Kinder!“ ruft Schwarte ausgelassen. Er hat sich während der Busfahrt gefangen und mixt eine Lage Kölschbier mit Traubenzucker. Das ist so richtig nach seinem Geschmack, das bringt ihn auf Trab.

„Einmal war ich so blau, Alter, ich konnte keinen Apfel mehr von einer Kohlrabi unterscheiden: ICH KENNE SIE NICHT, JUNGE FRAU! HAHA, HA!“ Ein Riesenlacherfolg, vor allem bei Schwarte selbst. „So, Mädel! Dann lüfte mal deine Schuhe! Zeig uns dein Geheimnis..!“

„Schuhe? Welche Schuhe?“

„Welche Schu..? Na die, die du die..“, Schwarte gerät ins Stottern, „..ganze Zeit anhast, natürlich!“

„Willst du uns veräppeln? Wir sind vom Barfuß-Club. Wir laufen barfuss durchs Leben. Das hier sind keine Schuhe, das sind Füße!“

Die beiden Damen schrauben vier nackige Prachtexemplare in die Höhe. Schwarte, eben noch große Klappe, zeigt sich nun zutiefst verunsichert.

„Dann seid ihr.. Fuß-Nudisten?? Ja aber.. wieso sind eure Quanten so groß.. dass man hinten.. also, reingucken kann..?“

„Reingucken? Wovon sprichst du? Du solltest dir vielleicht mal ne Brille zulegen, Boogieboy.“

Ne Brille? Du Scheisse! Schwarte fährt sich erschrocken durchs Gesicht. „Meine Ray Ban!!“ Er fällt auf die Knie und krabbelt über den weinroten Teppichboden, auf der Suche nach dem guten Teil, aber das liegt unter Garantie im Mumms in der hintersten Ecke. Die Mädels schütten sich aus vor Lachen, wovon der lange Elias erwacht und sich krachend erhebt. „Was is hier los..?“

Schwarte weiß auch nicht. „Was soll schon los sein, Eli..? Nix is.“

Dabei stimmt das gar nicht. So gesehen.

*

Schuhfrau 4, Susanne Eggert

 

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4 Gedanken zu „Das Geheimnis der großen Schuhe

  1. „Also wenn du mal ein Buch veröffentlichst, das kauf ich todsicher!“ schreibt der Typ ins Kommentarfeld und hebt sich das zweite 5,0 Original ans Gesicht.

  2. die Brille besitze ich heute noch,obwohl ich sie nie trage,
    ich wusste erst später als ich die abgekauten löcher ,hinter den Ohren einmal austrug..
    ein riesen tohuwabohu ,,..wegen nix..-
    zwei tage später kaute er schon wieder am ray banner.
    eine neue ..
    ich sagte zu ihm :ach das war deine brille..-
    er glaubte mir kein Wort..-hihi

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