Kleine Niete

Als Anhängerin der buddhistischen Lehre war sie davon überzeugt, dass die Seele des toten Hundes in ein Rotkehlchen gefahren war und dort sein nächstes Leben führte.

Auslöser war dieser raschelnde Herbsttag, als wir am Grab des Hundes standen und nach dem Rechten schauen wollten, einige Tage nachdem wir ihn beerdigt hatten. Genau in diesem traurigen Augenblick hob ein Vögelchen von dem Häufchen aufgeworfener Erde ab, drehte einige Runden über unsere Köpfe und flog lustig zwitschernd davon.

„Das war.. die Niete!“ rief die Gräfin überwältigt, und ihre Augen füllten sich mit Tränen.

Ach, kleine Niete.. Was nun dein richtiger Name gewesen ist, darüber gingen schon zu deinen Lebzeiten die Meinungen geringfügig auseinander. Für die Gräfin und mich warst du schlicht die Niete, die Nachbarskinder riefen dich Nita, weil sie sich nicht vorstellen konnten, dass ein Hund Niete heissen konnte, und Karlos begrüßte dich mit einem langgezogenen Dieeeter, wenn er zu Besuch kam. Dann war da noch der Stiefvater der Gräfin, der nannte dich stets Hektor, doch er nennt auch Nietes Nachfolgerin Frau Moll nur Hektor. Man kann davon ausgehen, dass Hunde für ihn Hektor heissen.

Ein Rotkehlchen also bist du geworden, nach Lesart der Gräfin.  Ein potentes kleines Rotkehlchen, das uns mehrfach an der frischen Luft begegnete, nahe des dicht bewachsenen Brachgeländes hinterm Sportplatz, wo Niete beerdigt ist, im Landschaftschutzgebiet.

Niete war ein hübsches Mädchen, ein Mix aus Collie und Schäferhund, mit einem Schuss Wolfspitz drin. Der lange Schwanz war wie ein goldener Tusch, den sie zur Begrüßung aufstellte, stolz wie Frau Kapellmeisterin am Tag der offenen Tür.

Vom Wesen her war Niete das genaue Gegenteil von Frau Moll, die eine Hütehündin ist und Besuch wie eine struppige Gouvernante zu empfangen pflegt, die Pfoten eisern in die Hüften gestemmt, die Maggie Thatcher unter unseren Hunden.

Niete dagegen war zugänglicher, sie wehte vertrauensvoll und freundlich auf alle Menschen zu, wie ein offener Mantel. Wenn wir im Sommer durch die Fußgängerzone Richtung Mumms schlenderten, lief sie ungeduldig voraus, sie konnte es kaum abwarten, die dunkle alte Milchbar nahe des Pressehauses zu betreten. Kaum hatte Niete das Mumms erreicht, hörte man das Gejaule und Gekläffe der Mummsbesucher, die unserem Hund Hallo sagten.

Besonders Meckenstock hatte sie ins Herz geschlossen. Was er einmal beinahe mit dem Leben bezahlt hätte, als er eine offene Wunde am Handgelenk hatte und ablecken ließ. In der folgenden Nacht wurde Meckenstock mit einer akuten Blutvergiftung ins Spital eingeliefert. Im Mumms spendierte er ihr schon Tage später wieder Pferdefrikadellen und Teegebäck, bis Niete abwinkte und sich für den Rest des Abends vorm Eingang ablegte, wo man sachte über sie hinwegsteigen musste. Bitte nicht stören. Die Dame verdaute.

Sie war sieben Jahre alt, an diesem Montag im November 93. Wie immer, wenn ich die Nachtdienstwoche im Hotel geschafft hatte, ging ich an meinem ersten freien Abend einen saufen. „Treib’s nicht so doll“, meinte die Gräfin, die gerade im Keller eine Waschmaschine angeworfen hatte, „und sei leise, wenn du nach Hause kommst.“ Und: „Die Niete ist so komisch“, hatte sie auch noch gesagt, da stand ich schon in der Jacke im Flur, „die schleicht so bedröppelt hinter mir her.“ Weil das aber so furchtbar ungewöhnlich nicht war, machte ich mich auf ins Mumms, ohne ein weiteres Wort darüber zu verlieren.

Nachts um drei kehrte ich heim, bekifft und blau und ein Näschen intus, wie üblich, und wie üblich liess ich den Hund noch zum Pipimachen in den Garten, während ich im Halbdunkel in der Küche saß und dicke perverse Brote mit Gewürzketchup verdrückte. Als ich die Haustüre aufmachte, um sie reinzuholen, wunderte ich mich, dass Niete nicht schwanzwedelnd auf den Stufen saß wie sonst, im Gegenteil, ich musste sie mehrmals rufen, bis sie endlich angeschlichen kam, mit eingezogenem Schwanz. Dann kroch ich zur Gräfin ins Bett und schlief auf der Stelle ein.

Dienstagmorgen fällt uns auf, dass Niete sich komisch bewegt, unbeholfen irgendwie. Sie schwankt hin und her, dann knicken die Hinterbeine weg. Wir wissen nicht, was los ist. Der Hund war noch nie richtig krank. Um elf ruft die Gräfin beim Tierarzt an, doch der ist schon fort. Die Spechstundenhilfe vertröstet uns auf 15 Uhr, wenn die Praxis wieder öffnet. „Dann ist auch die Tierärztin da.“

Mittags schellt es. Es ist Karlos. „Die Niete ist krank“, sag ich sofort, als er in die Küche tritt, doch das etwas faul ist, merkt er auch so. Anstatt laut kläffend zur Tür zu stürmen und Karlos in die Arme zu springen, bleibt der Hund wie gelähmt unterm Küchentisch liegen. Nur zwei, drei schwache Wuff-Laute gibt Niete von sich. Man spürt förmlich, wie gerne sie sich freuen würde, dass Karlos zu Besuch gekommen ist, aber sie ist dazu nicht in der Lage.

Dieter, was ist los mit dir?“ Karlos kniet sich nieder und krault bekümmert ihren Bauch. „Mit dem Blick stimmt was nicht. Mit dem Blick stimmt was ganz und gar nicht.“ Wir sitzen in der Küche und beratschlagen, was zu tun ist. Die Gräfin wird immer unruhiger, macht sich erstmals Sorgen, dass es vielleicht zu lange dauert, bis die Tierarztpraxis wieder öffnet. Dunkle Vermutungen machen die Runde. Einen Tag zuvor ist der Bruder vom dicken Hansen ins Krankenhaus eingeliefert worden. Diagnose: Hepatitis. Kann ein Mensch Hepatitis auf einen Hund übertragen? Hat der Bruder vom dicken Hansen Niete gestreichelt? Wir wissen es nicht.

Um drei Uhr fahren wir zur Tierarzt-Praxis. Ich sitze vorne auf dem Beifahrersitz, Niete im Arm. Sie kann sich kaum noch bewegen. Ich lege sie im Wartezimmer ab. Während die Gräfin auf die Ärztin wartet, rauche ich mit Karlos eine Kippe im Hinterhof. Es ist kalt.

„Wo kann man gleich was klarmachen?“ fragt Karlos.

Ich weiss, wo man was klarmachen kann. Ich weiss immer, wo man was klarmachen kann.

Niete liegt schon hell ausgeleuchtet im Behandlungszimmer auf dem Untersuchungstisch, als wir zurückkehren. „Guck mal, die Niete ist ganz gelb“, sagt die Gräfin und zeigt auf den Bauch. Sogar die Zitzen sind schon gelb. Wir fragen uns, wo die verdammte Ärztin bleibt. Wir hören zwar ihre Stimme aus dem Nebenzimmer, doch sie lässt sich Zeit. Wahrscheinlich kriegt irgendeine Scheisskatze eine Impfung verpasst. Dabei sind wir ein Notfall. Der Grund, warum ich nicht schreiend aufspringe und die Ärztin heranzerre: Wir wollen kein Notfall sein.

Als die Ärztin endlich eintritt, eine sportive Erscheinung in perfekt sitzender weisser Arzthose, ist „Gelbsucht“ ihr erstes Wort, als sie einen kurzen Blick auf Niete wirft, und ob wir einen Kaffee möchten. Die Gräfin, die auf einem Hocker direkt am OP-Tisch sitzt und Niete streichelt, nimmt einen Becher, ich nicht. Die Ärztin untersucht Zahnfleisch und Augen, erkundigt sich nach der letzten Impfung, nach der Farbe des Stuhlgangs und so weiter. Sie schiebt Niete ein Thermometer in den Hintern. 41 Fieber.

„Das an sich ist schon lebensbedrohlich. Ich würde Ihnen ja empfehlen, den Hund in die Klinik nach Duisburg zu bringen. Da ist er die ganze Nacht unter Beobachtung.“

Wir blicken uns an. Wir wissen nicht, was wir sagen sollen. Tierklinik ist teuer und besteht auf Barzahlung. Wir sind so gut wie blank. Die Ärztin nimmt uns die Entscheidung aus der Hand. „Wir können es auch hier versuchen.“ Während der Hund an den Tropf angeschlossen wird, erklärt uns die Tierärztin, dass hohes Fieber bei Hunden lediglich am auffälligen Verhalten zu erkennen ist. An Wegknicken der Läufe, Lähmungserscheinungen. „Eine heisse Stirn haben Hunde nicht.“ Was sie nicht sagt.

Weil Niete eine halbe Stunde am Tropf hängen muss, bevor wir sie dann doch mit nach Hause nehmen können, hole ich Karlos im Wartezimmer ab, wir fahren in die Stadt, ein Bier und ein Pack klarmachen. Ich fühle mich wie ein Arschloch. Der Hund kämpft mit dem Tod und mir fällt nichts besseres ein, als Pulver zu checken. In Karlos Wagen ziehen wir eine fette Line, dann bringt er mich zurück in die Praxis.

Ich kann von aussen in das Behandlungszimmer blicken. Das Bild zerreisst mir das Herz, wie die Gräfin da am OP-Tisch sitzt, den sterbenskranken Hund kraulend und traurig und verloren zum Fenster hinausschauend, wobei sie mich nicht erkennt, ihr Blick bleibt in der Gardine hängen. Als ich den Behandlungsraum betrete, schaut sie auf, als sähe sie mich zum ersten Mal im Leben. Wir kaufen in der Apotheke ein Thermometer und bringen Niete heim.

Abends gibt es Hähnchen, Nietes Lieblingsspeise, aber sie frisst nichts. Sie trinkt kaum Wasser, obwohl sie Durst haben muss vom hohen Fieber, doch sobald sie etwas säuft, kotzt sie alles wieder aus, die pure Galle. Während wir ohne Sinn für den Geschmack zu Abend essen, versucht Niete aus dem Zimmer der Gräfin, wo sie auf ihrer Schmusedecke liegt, zu uns zu robben, es gelingt ihr aber nicht. Sie schleppt sich ein Stück vorwärts und bricht zusammen. Man kann es kaum mitansehen, aber sie will unbedingt bei uns sein, unterm Küchentisch. Die Gräfin setzt sich daraufhin zu ihr auf den Boden und isst dort weiter.

Spät am Abend tragen wir Niete nach draussen, ins Gebüsch gleich gegenüber vom Eingang. Irgendwie muss sie doch mal Pipimachen. Weil sie von alleine nicht stehen kann, halten wir sie gemeinsam fest. Dennoch versucht sie einen Schritt nach vorn zu machen, es ist dunkel, es macht platsch!, sie fällt um, mitten in ihre Scheisse, wie ich vermute. Wir tragen sie in die Küche zurück und sehen die Bescherung: der Hintern ist urin-und blutverschmiert.

Die Gräfin ruft die Nummer der Tiernotärztin an. Die wiegelt ab, meint, Blut im Urin sei nicht ungewöhnlich bei diesem Krankheitsbild. Ich bekomme den Eindruck, dass man Niete schon aufgegeben hat, es uns aber nicht direkt sagen will. Ich bin groggy genug, um etwas zu schlafen, doch immer wenn ich in der Nacht wach werde, höre ich das Piepsen des Digital-Thermometers und das Fieberhecheln des Hundes. Die Gräfin macht kalte Umschläge, mit denen sie die Körpertemperatur des Hundes zeitweilig unter 40 Grad drückt. Sie selbst schläft so gut wie gar nicht. Sie ist gereizt, schimpft dauernd „Niete, jetzt bleib doch mal ruhig liegen“, weil die sich immer wieder aufzurichten versucht, was aber nicht mehr funktioniert. Nur der Kopf reckt sich noch. Es sieht alles so sinnlos aus.

Morgens um sieben klopft ihr Herz so stark, dass ich glaube, es springt gleich aus ihrer Brust und platzt. Um viertel vor Acht fahren wir langsam in die Praxis, umschiffen jegliche Unebenheit der Strasse.

„Um ehrlich zu sein, ich hab heute nicht mehr mit Ihnen gerechnet“, sagt die Tierärztin. Einmal, als die Gräfin aus dem Zimmer ist, streichle ich Niete’s Fell und flüstere „Tja, kleine Niete, das war’s dann wohl“, so sehr tobt ihr kleines Hundeherz. Diesmal bekommt sie einen Herzkatheter verpasst, mit Vitamin K gegen eine mögliche Vergiftung mit Rattengift. Wieso das nicht schon gestern geschehen ist, ich frage ich nicht. Überhaupt liegt der Grund der Gelbsucht im Dunkeln. Später erscheint auch der Doktor, es ist eine Gemeinschaftspraxis. Ein leger gekleideter Mann und Bartträger, der Tiere, so scheint es, nicht gerne anfassen mag. Er ist ratlos. Blut im Urin, Stuhlgang gestern normal, Fieber ein wenig gesunken. Er sitzt nachdenklich da, die Finger im Bart friemelnd.

„Haben Sie geröntgt?“ fragt er die Ärztin. Die verneint. Wir stehen still dabei, wir stellen keine Fragen, wir haken nicht nach, wir sind wie gelähmt. Wir haben Angst. Wir wollen keine Antwort. Wir wollen unseren Hund zurück. Wo wir mit dem Hund gewesen seien, will der Tierarzt wissen, am Tag, bevor die ersten Symptome auftraten. Wir waren nur im Park, und am Abend haben wir den Hund kurz in den Garten gelassen. Er vermutet eine Vergiftung. Der Venenkatheter wird abgestöpselt und Niete kommt wieder an den Tropf. Diesmal nehmen wir ihn mit nach Hause. Die Ärztin, die zunehmend flüchtiger wird, erklärt uns noch, wie wir den Tropf anlegen müssen, wenn wir daheim sind.

„Wie lange dauert es, falls Niete doch wieder auf die Beine kommt“, frage ich sie, beinahe trotzig.

„Zwei, drei Wochen“, sagt sie, blickt aber schnell weg.

Beim Bezahlen vorne am Tresen erzählt eine Frau, dass ihr Mops sechs Wochen lang Gelbsucht gehabt hätte, nun sei er wieder kerngesund. Wir schöpfen Hoffnung, obwohl ihr kleiner Zuckerhund alles andere als kerngesund aussieht.

Zuhause legen wir Niete eine Wolldecke in die Küche. „Dann müssen wir dich die nächste Zeit aber schön verhätscheln“, sag ich noch, da muss sie kotzen. Es ist wieder Galle. „Schnell!“ sagt die Gräfin. Ich soll ein Handtuch drunterschieben. Niete versucht zum x-ten Male, ihr Köpfchen zu heben, es sieht so furchtbar schief aus, und sie seufzt so schwer, wie ich noch nie ein Seufzen gehört habe. Ihre Zunge schiebt sich ganz klein aus der Schnauze heraus, und die Gräfin, in Tränen aufgelöst, wiegt sie im Arm.

Nietee! Nein! Nicht..!“

Es klingt, als ersticke der Hund, ich laufe hilflos im Rücken der Gräfin herum.

„Andi, mach den Tropf dran!“ ruft sie verzweifelt und ich hantiere ungeschickt an dem Beutel herum, da setzt das Herz aus. Niete atmet noch, jedenfalls kommt Luft aus ihrem Maul, es ist eher ein Auspusten. In ihrer Panik versucht die Gräfin, den Hund durch die Nase zu beatmen, umsonst.

Die Gräfin klagt laut, ich bin still.

Der tote Hund liegt drei Stunden lang in der Küche, auf ihrer Decke. Mittags geh ich rüber zu den Genossenschaftsgärtnern und leihe mir zwei Spaten und eine Schubkarre. Das Grab muss mindestens einen halben Meter tief sein, hat der Tierarzt noch gesagt, als ich ihn angerufen hab, weil wir zunächst nicht wussten, wo und wie wir den Hund beerdigen sollen.

Es ist ein grauer, nieseliger Novembertag. Die Gräfin schiebt die Karre, auf der Nietes Körper liegt, in ihre Decke gehüllt. Ihre Schnauze guckt oben ein Stück heraus. Ich trage die Spaten und geh voraus. Hinter der Fußballwiese ist ein Stück brach liegendes Land, wo im Sommer meterhoch die Brennessel stehen. Da können wir sie immerzu besuchen, da hat sie ihre Ruhe. Gleich nebenan dümpelt ein Bach.

Während die Gräfin praktisch ununterbrochen schluchzt und weint, als wir das Grab ausheben, setzen meine Tränen erst mit dem Begräbnis ein. Der Tod hat stets zwei Orte: da, wo er zulangt, und da, wo er in der Erde bleibt.

Der Akt des Sterbens hinterlässt ein Loch in der Küche. Wir sitzen Stunde um Stunde am Küchentisch und wissen nicht, wie uns geschieht. Wir bleiben die ganze Woche beieinander, wir flüchten aus der Wohnung, wir machen einen Tagesausflug nach Kaiserswerth, wir gehen sogar ins Kino und machen einen ersten langen Spaziergang ohne Hund, es ist ein stürmischer Novembersonntag, wie zum Hohn sind wir fast vier Stunden lang unterwegs, während wir mit Niete zum Schluss kaum noch ausgedehnte Touren unternommen haben. Aus Faulheit. Wir waren bequem geworden.

Nun waren wir auf der Flucht vor dem Loch in unserer Küche und schauten jeden Tag nach dem Grab. Die Todesursache blieb im Dunkeln. „Ihr Hund hat uns ja keine Zeit gelassen“, hatte der Tierarzt am Telefon noch bedauert und uns von der Möglichkeit berichtet, Niete nach Krefeld zu bringen, ins staatliche Veterinärinstitut, zur Feststellung der genauen Todesursache. Dann hätten wir den Hund aber nicht zurückgekriegt.

Die Gräfin macht sich Vorwürfe, zu spät zum Arzt gegangen zu sein, überhaupt zu sorglos gewesen zu sein, in letzter Zeit. „Nicht mal ein Fieberthermometer hatten wir im Haus.“ Sie glaubt, dass die Niete hätte gerettet werden können, wäre das Fieber früher festgestellt worden. So ein Blödsinn. Ich mag dieses „hätte“ nicht. Ich kann mit „hätte“ nichts anfangen. Ich versuche dagegen zu halten, dass Niete ein prima Hundeleben hatte. Eine Leine um den Hals war ihr weitgehend unbekannt, sie durfte nach Herzenslust herumstöbern, Kaninchen jagen, Jungbullen aufschrecken.

Ausserdem hatte sie sieben Jahre lang einen extralässigen Schutzengel gehabt. Sie hätte ein gutes dutzend Mal vorher tot sein können. Da gab es diese Szene auf den Bahnschienen, als Niete wie angewurzelt stehen blieb, hechelnd, nach einer erfolglosen Karnickeljagd. Ich hatte in der Nähe gestanden und den Zug kommen sehen, ich hatte geschrieen wie ein durchdrehender Oberst, sie solle endlich von den Schienen runterkommen, und erst in allerletzter Sekunde bequemte sie sich, die Bohlen zu verlassen, keine fünf Sekunden, bevor die hupende Lokomotive die Stelle erreichte und vorüberdonnerte. Danach war ich so erleichtert, dass sie von mir Prügel bezog, das erste und einzige Mal.

Die emaillierte Wasserschüssel steht noch sieben Tage später nach Nietes Tod an ihrem angestammten Platz in der Ecke, während ihr Napf mittlerweile gespült ist. Weil die Gräfin dem Tod so nahe wie möglich sein möchte, damit wir nicht so schnell vergessen und wieder in unseren Trott verfallen, isst sie einmal sogar aus dem Napf. Das weiße Hemd, das sie beim Sterben trug und am Ärmel getrocknete Blutflecken aufweist, wechselt sie erst am Ende der Woche. Ist das schon Kult? Beweinen wir uns selbst? Das Ende als Trio?

Einmal sitz ich auf dem Scheißhaus und brüte so vor mich hin, da höre ich plötzlich das altbekannte Bellen, draussen vor der Tür. So schnell hab ich mir nie wieder den Hintern abgeputzt. Erst draussen höre ich, dass es ein ganz anderer Hund ist, ein ganz anderes Bellen.

Der Tod ist ein komischer Vogel.

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3 Gedanken zu „Kleine Niete

  1. schon mansche schätze wurden vergraben
    wobei der tod keine rolle spielt
    es ist eher das unbedaxhte und die freundlicjkeit im wesen das einen vermisst
    keine spur von tristesse
    eine kunst der tierwelt nicht zu weinen
    doch sehr sensibel
    ihre seele ist greifbar

  2. Ich hab ja schon mal über Fräulein Schnuckmuck (ursprünglich Schnucki) geschrieben,die mir vor neun Jahren zugelaufen ist.während ich das hier schreibe,liegt sie in meinem Arm,erst gestern haben wir bei dem geilen Wetter einen Spaziergang gemacht.die Diskussion Hund oder Katze ist überflüssig.Tiere lügen nicht,Tiere enttäuschen Dich nicht,Tiere sind unschuldig.ich glaube,das ist der Grund,warum mir jeder Tierfilm,jede Geschichte mit einer sterbenden Niete nähergeht,als 30 Tote in einem Flüchtlingscamp.letztes Jahr starb Panther,von Katrin’s Tochter der Kater.es war schlimm.und wie ich irgendwann mal einschlafen soll,ohne dieses vertraute Schnurren in meinem Ohr,weiß ich echt noch nicht.

  3. Schnucki (als ich aus dem Knast kam,war aus Schnucki Fräulein Schnuckmuck geworden) und Baby (Katrin’s Katze) brachten bis letztes Jahr regelmäßig Mäuse nach Hause.Lebend.sie legten sie aus ihrem Maul einfach ab.am Anfang killten sie die Mäuse noch mit ihren Krallen,aber das wurde irgendwann langweilig. irgendne Maus war immer zu Gast.als wir uns vor zwei Jahren n neuen Herd holten und den alten abbauten,lag unter jeder einzelnen Herdplatte ne tote Maus-anscheinend alle vom Schlag getroffen.eines Nachts, wir lagen auf unseren Matratzen-wir hatten noch kein Bett-hörte ich ein Geräusch.ich machte die Tischlampe an und über meinem Kissen lief ne Maus.ich erschreckte mich und zuckte voll zusammen.als ich Katrin sagte,da wäre ne Maus,lachte sie mich doch glatt aus.fünf Minuten später wurde ich erneut gestört-von einem Urschrei Katrin’s. Die Maus war ihr überm Hintern gekrabbelt.von da an jagten wir das kleine Biest die halbe Nacht…irgendwann hatten wir raus wie man ganz schnell ne Maus fängt; einfach Shirt oder Handtuch auf die Maus werfen.die bewegen sich dann nicht mehr und man kann sie problemlos raustragen.vor ein paar Monaten wollte ich mir n Joghurt aus dem Kühlschrank holen.alles war angeknabbert,von Joghurts über Käse bis zum Aufschnitt.ich hatte abends öfters mal Geräusche gehört,aber mich nicht weiter drum gekümmert.wir konnten uns noch nicht so wirklich erklären,wie die Maus in den Kühlschrank gekommen war.wir schmissen die angenagten Sachen weg und-typisch für uns-dachten irgendwie dass das ne einmalige Aktion war.falsch gedacht! Ein Tag später das selbe Spiel.ich ging der Sache auf den Grund-das kleine Aas hatte sich durch dieses Miniloch im Kühlschrank gebissen,das wohl irgendne Funktion hat,wenn man den Schrank abtaut (wie gesagt,ich versteh auch gar nicht wie Dinge funktionieren).eine Chance gab ich mir noch.und richtig,ca ne Stunde später hörte ich ein Geräusch.ich machte die Kühlschranktür auf und das kleine Aas bediente sich gerade an dem Stück Käse,das wir liegen gelassen hatten.aber schneller als ich eigentlich gucken konnte war sie durch das Loch verschwunden.dann bestellten wir im Netz ne Lebendfalle- voll für’n Arsch,die Maus lachte uns aus.am Ende stellten wir einfach n Marmeladenglas auf das Loch.da tat sie uns schon leid,die war sicher wahnsinnig enttäuscht,wenn sie nicht mehr an all das tolle Fressen kam.es dauerte zwei Wochen und das Spiel begann von Neuem,sie hatte sich tatsächlich ein neues Loch gebissen.wir waren echt hin-und hergerissen,wir waren mittlerweile fasziniert vom anscheinend unerschöpflichen Mäuseehrgeiz und sogar ein bißchen stolz auf Cheesy (so hieß sie mittlerweile) an dem Tag stellten wir erstmal kein neues Glas auf das neue Loch.als ich abends nach Hause kam,empfing mich Katrin traurig.“unsere Maus ist Tod!“ Katrin wollte sich ne Stunde vorher ne Flasche Wasser aus dem Kühlschrank nehmen.als sie die Tür aufmacht,ist die Maus gerade in Action.Baby kommt angesprungen und bricht ihr mit einem Biß das Genick.was wirklich komisch ist: Baby hatte auf diese Art und Weise noch nie ne Maus gekillt. Und noch komischer:das war die letzte Maus,seitdem hatten wir keine Maus mehr zu Besuch.

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