Vrouwen, Visionen, A3

Frauen – da blickst du nicht durch, auch als Frau nicht. Das ist die wichtigste Erkenntnis meines Lebens.

– Die Gräfin –

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first 3, Susanne Eggert, 2011

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Rasieren der Körperbehaarung: Heutzutage legen die Backfische schon vorm ersten Sex das Schamjäckchen ab und hängen es über den Bügel. Früher waren robuste Naturen gefragt in der Wildnis. Es gab Schamhaarpartien, bei denen mir spontan der Begriff Sassafrass einfiel, ohne jetzt ganz genau zu wissen, warum.

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Wenn ich mich Scheiße fühle, kannst du machen, was du willst, dann bist du auch Scheiße!

– Die Gräfin –

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Du hast Schuld, dass die Sterne wackeln.

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Ihr Rezept gegen die zunehmende Kälte: Tee trinken und mollige Damen zeichnen. Das wärmt die Finger.

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„Ich muß so dermaßen pinkeln“, klagt die Gräfin, als wir auf der Autobahn unterwegs sind, „ich krieg schon Muschivisionen.“

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„Ich hatte mal einen Stecher..“, setzt sie an.

„Wann?“

„Na, wann.. Als ich jung war, natürlich.“

„Hm. Ach so. Und?“

„Der war so dicht behaart, der hatte ne Schamhaarmatte, ich dachte schon, ich werde da unten gewischmobbt.“

*

Als ich am Morgen über die neblige Korkenziehertrasse gehe, steht da dieses Grüppchen Teenies und raucht und hat mächtig Spaß, kurz vor Schulbeginn. In der Parallelklasse, höre ich heraus, hatte am Vortag die alte Kunstlehrerin, genervt vom ständigen Handy-Geklingel, alle Handys einkassiert – dabei aber nicht bemerkt, dass sämtliche Schüler bloß den Taschenrechner abgaben. Ich schätze, ich bin die alte Kunstlehrerin, und mache, dass ich schnell weiterkomme. Hoffentlich merkt keiner was.

*

A3 Richtung Zeeland.

„Erzähl mal was“, sagt sie.

„Erzählen..? Was denn?“

„Na, irgendwas. Unterhalte mich. Dann fahre ich auch langsamer. Und ich fahr ja schon langsam, dir zuliebe.. Tempo 100, pff. Ist doch nicht schnell.“

Sie will schnell ankommen, darum geht es ihr. Damit sie das lästige Autofahren hinter sich hat.

„Bleibt ja immer an mir hängen, die scheiß Fahrerei.“

Wir fahren beide ungern Auto – ich als Beifahrer, sie als Fahrer. Und je älter ich werde, desto schlimmer wird es. Vor allem Autobahn. Es ist die ständige Präsenz des Todes, die mitfährt, Bilder von Verletzten, die auf dem Asphalt herumliegen, in Brei und Scherben.Es macht mich kirre. Die blutigen Bilder tauchen ganz unvermittelt vor meinem inneren Auge auf, lauter Fetzen von Kampfgeschwindigkeit & Automassaker. Ich muss die Bilder jedes Mal abschütteln wie ein Hund die Nässe. Besser ist natürlich, erst gar nicht in den Regen zu geraten.

Früher, klar, früher ist es immer alles gut gegangen. Auf der Autobahn zum Beispiel. Wenn man jung ist, geht alles immer gut. Man ist nach München gefahren und weiter nach Wien und überall heil angekommen, mit krummen gesunden Beinen, die Venen intakt, der Kopf.  Aber diese Zeiten sind vorbei. Das wissen alle.

Sie drosselt herunter auf Tempo 95, uns zuliebe, und ich sterbe direkt 0,1 Tode weniger.

„Fahr Tempo 90, und ich erzähl dir was.“

„Au ja.“

Mein Plan: Wenn die Gräfin die Geschwindigkeit so weit herunterdimmt, dass sie zum Schluss stehenbleibt, müssen auch die Wagen hinter uns stehen bleiben. Alle müssen schließlich stehenbleiben, alle dürfen weiterleben, mit Gliedmaßen, die nicht abgetrennt im hohen Bogen auf die Weide fliegen, wo holländische Kampfschafe blöken.

„Also, erzähl.“

Ich seufze.

„Was denn? Mir fällt nichts ein.“

„Dann fahr ich wieder schneller“, droht sie.

Sie kann knallhart sein, wie alle Frauen. Hastig durchleuchte ich mein Gehirn mit der Grubenlampe nach Erzählbarem, doch der Stollen ist dicht. Blickdicht. NICHTS DA ZUM ERZÄHLEN. Auf dem Rücksitz weiß der Hund nicht mehr, wo er es suchen soll. Mal liegt er auf seinem Platz, mal steht er auf, mal versucht er einen Schritt und lässt sich nieder, wieder, mit einem Seufzer, so schwer, als habe man bei ihm gerade Rücksitz-Krebs diagnostiziert, vom vielen Autofahren. Frau Moll hasst die Autobahn fast noch mehr als wir.

„Geschichte“, drängt die Gräfin. „Erzähl was. Mir ist langweilig.“

Das Tachometer klettert wieder in den roten Bereich. Ich ächze bei jedem Teilstrich.

„Also.. schön.. Äh.. Die drei Rockettas wohnten..“

„NEIN! KEINE ROCKETTAS-STORY!“

„Warum nicht?!“

„Die machen mich verrückt, deine drei Rockettas! Mit denen kann ich partout nichts anfangen! Ich hasse die Rockettas! Die sind so.. dämlich! Wenn ich den Namen schon höre. Die sind wie die Daltons!“

Mist. Da hätte ich wenigstens einen Anfang gehabt: Die drei Rockettas und ihr Mütterlein lebten in einem kleinen Haus. Es war so winzig klein, dass die drei stadtbekannten Rowdies in der Nacht, wenn sie schliefen, die Beine aus dem Fenster hängen mussten.  Aber sie mag ja nicht mal den Anfang hören.

„NICHT DIE SCHEISS ROCKETTAS!“

Ich habe noch ein letztes As im Ärmel. Ein kleines As. Ist zwar keine Geschichte, aber heut morgen passiert, am Küchentisch, bevor wir losgefahren sind. Kommt ja immer gut, so was Authentisches. Vor allem bei Frauen am Steuer.

„Drei..“

„NEIN!! NICHT DIE DREI ROCKETTAS..!!“

„..hör doch erst mal zu. Also. Drei Löffel Zucker schütte ich heut morgen in meinen Kaffee und wundere mich, warum der nicht süß wird, also hab ich noch einen reingetan. Und? War immer noch nicht süss.“

Pause.

„Wahnsinn“, sagt sie spitz.

„..bis ich plötzlich feststelle, Moment! Ich hab das verdammte Umrühren vergessen.“

„Och?“ sagt die Gräfin. „Und?“

„Wie, und? Reicht das nicht? Auch noch Ansprüche stellen, he..!? HE!“

Ein heftiger Regenschauer geht plötzlich nieder, von einer Sekunde zur anderen, und die Gräfin wird gezwungen ein Abbremsmanöver einzuleiten, weil der Wagen vor uns auch in die Eisen steigt, und dabei fängt unser Toyota an zu stottern und zu schlingern, als mache er Männchen – eins nach dem anderen.

„Das hat der von dir“, sagt die Gräfin. „Das Männchen machen.“

„Von mir?!“

„Von wem denn sonst! Vom Hund etwa?“

Zum Glück lässt der Schauer so schnell nach, wie er gekommen ist. Wir sind quasi durch ihn durch gerast. Manchmal ist Rasen nicht übel, klar.  Wo sie schon mal dabei ist, drückt die Gräfin das Gaspedal feste durch, bis auf 130 Kilometer pro Stunde. Klingt nicht viel, aber alle 130 auf einmal unterm Hintern, ist ganz schön happig. Ich halt mich am Handschuhfach fest. Der Hund fiept wie ein Topf Muscheln.

Es ist eine Kausalkette, das Leben. Alles hängt immer mit allem zusammen. Es gibt keine isolierte Betrachtung.

Nirgends.

„Weißt du, was das ist, Leben?“ starte ich einen philosophischen Versuch, der mich wie aus dem Nichts bedrängt, als wir wieder in ruhigem Fahrwasser dahingleiten. „Man lebt, man stirbt, und zwischendurch lernt man ein paar Leute kennen.“

„Stimmt“, sagt sie. „Und wenn man Glück hat, nette.“

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4 Gedanken zu „Vrouwen, Visionen, A3

  1. Pingback: Aus dem nichts – movin' out

  2. Wenn wir nachts fahren, schaue ich alle fünf Sekunden Mr. Serious an aus Angst, dass er einpennt. Wo hab‘ ich damals nur das Vertrauen hergeholt, als ich im Auto schlief, wenn Papa fuhr? Übrigens habe ich nach meiner ersten Autobahnstunde geweint. Aber erst Stunden später, nachdem ich gemerkt hatte, wie schnell ich gefahren war und wie gefährlich das ist. Und dass ich jederzeit hätte die Kontrolle verlieren können.

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