Kleine Anatomie des Schriftstellers

Es hat Generationen gedauert, bis sich der heutige Typ des Schriftstellers herausgebildet hat. In früheren Zeiten gab es Geschöpfe mit bis zu achtzehn Fingern, die noch in der Nacht, während des Schlafens, Texte verfassten, doch diese frühen Schreiber starben rasch an Erschöpfung.

Forscher fanden zudem Überreste von papierdünnen Wesen, die jeden Gedanken unmittelbar in ein Buch übertrugen, per Tintenstrahl. Damals muss es Bücher gegeben haben, groß wie Westeuropa. Sie trugen Titel wie „Flucht vor der Lava“ oder „Ersteinschlag“.

Wie alle anderen Lebewesen, wie etwa die Pampahasenforscherin oder der Suffragettendarsteller, befindet sich auch der Schriftsteller heutiger Prägung nicht am Ende seiner Entwicklung. Einige Dinge jedoch lassen sich festhalten.

Sätze sind die Zähne eines Schriftstellers, sie sind sein Strahlen. Man spricht nicht umsonst von einem Satz neuer Zähne. Wenn ein Schriftsteller schöne Sätze haben will, sorgt er für seine Zähne. Putzt sie regelmässig, zeigt sie dem Lektor, lässt sie reparieren.

Ist ein Schriftsteller, der seine Zähne nicht pflegt, demnach ein schlechter Schriftsteller? Nicht notwendigerweise, nein.

Aber man könnte es vermuten.

Buchstaben sind der Blutkreislauf des Schriftstellers. Das ist auch der Grund, warum ein erfolgreicher Schriftsteller niemals Blut spendet. Er würde sich nur ins eigene Alphabet schneiden – wer will das schon.

Der Plot einer Story sitzt in den Eingeweiden des Schriftstellers, ein gutes Lektorat in den eigenen Nieren. Es entgiftet den Text.

Die Knochen sind die einzelnen Kapitel eines Buches. Mal kurz, mal lang. Mal gebrochen und fehlgestellt, mal zusammengewachsen und gerade – aber immer ein Sammelsurium.

Gedichte sind die Fingerspitzen jedes Schriftstellers, der auch Gedichte schreibt. Schriftsteller, die keine Gedichte schreiben, benötigen nur das Gefühl, das Fingerspitzen eigen ist. Also, wie auch immer – Fingerspitzen sind wichtig für Schriftsteller.

Die Blase ist dafür bekannnt, noch jede Schreibhemmung zu beseitigen, seit sie sich diesen Ruf als Fluter jeder noch so stabilen Pisshemmung erarbeitet hat.

Das Herz jedes Schriftstellers sind seine Worte, das Herz pumpt die Buchstaben durchs Geläuf. Doch Obacht. Das Infarktrisiko wächst mit dem Wortschatz. Zuletzt macht es nur 1x kurz piff (oder paff) – kaputt dat Ding.

Im Bauch des Schriftstellers, tief innendrin, nahe der Seele, wohnt das Buch. Genau, der Bauch der Schriftstellers ist ein Buch mit einem a. Romane, Erzählungen und Short Stories sind die Beine, Schamhaare wie  Gedankenstriche.

Die Lunge ist das Fenster zum Hof jeder Schriftstellerwohnung. Man muss gelegentlich stoßlüften, aber nicht zu oft, weil ein gewisser Mief unerlässlich ist für jedes gelungene Milieu.

In den knöchernen Strukturen der Halseingeweide sitzt die Sprache insgesamt. Dort, wo mir einst dieser kleine dünne Propellerpickel wuchs, in Höhe des Kehlkopfes, der Tonspur. Ein Pickel wie ein Fädchen – wenn man es anblies, rotierte es wie die Blätter eines Helikopters.

„Das kommt von dem ganzen Bullshit, den du schreibst“, hatte der dicke Hansen damals gemeint. „Das hat sich entzündet. Ist doch logisch. Wenn ich deine Sprache wäre, ich würde auch krank werden und versuchen zu türmen. Bloß raus aus deinem Körper.“

„Wenn du meinst“, hatte ich geantwortet. „Fettsack.“

*

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4 Gedanken zu „Kleine Anatomie des Schriftstellers

  1. also,die verfassung ist ..blabla..aber auch so..
    im ersten moment
    später sah die sache genauer aus…nicht nur das kurtzzeitige lachen im grinsen,ich tippe hier mal auf spontanität (sponti)..-
    also verdächtlich..

  2. Pingback: der gedanke des poeten oder erweiterung zu: kleine anatomie des schriftstellers. von andreas glumm | textverreckt

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