Der weisse Prinz

Schon bevor er Freitagabends im überfüllten Mumms aufkreuzte, hörte man von der Straße her seinen heiseren Gesang:

„Linkes Bein hüpft hin und her, rechtes Bein tut sich nicht schwer, zwei Beine geh’n von ganz allein, in das nächste Wirtshaus rein..“

Das Lied hatte er irgendwo aufgeschnappt, doch wie immer, wenn er irgendwo etwas aufschnappte, was ihm gefiel, machte er es zu seiner eigenen Sache. Die Eingangstür flog auf, und eine kapitale Kinnlade schob sich um die Säule herum und schaufelte sich den Weg zum Tresen frei, wie ein Löffelbagger.

„Platz da, ihr Haderlumpen!“

Benzini war da. Das Wochenende konnte losgehen.

Sonntagnacht, ein Uhr. Das Wochenende war praktisch gelaufen. Als der Zapfer die letzte Runde einläutete, ließen Benzini und ich das Mumms hinter uns und zogen Richtung Eissporthalle, um seinen Wagen abzuholen. Unsere Schritte hallten durch die verlassen daliegende Fußgängerzone, vorbei an den leeren Fabrikhallen und efeubewachsenen alten Villen der Schneidwarenfabrikanten, die in der Dunkelheit dastanden wie die Herren Konsul beim letzten Stehempfang, mit ratlosem Häppchengesicht.

Benzini rotzte auf den Boden.

„Was glaubt Jacki eigentlich, wer sie ist? Chicoree! Dass ich nicht.. lache!“

Der Zorn hatte ihn ernüchtert und mit jeder neuerlichen Aufwallung in seinem Blut wurde ein weiterer Schnaps vernichtet, während ich nur mühsam Schritt hielt. Jacki war eine leicht unterkühlte Mumms-Kellnerin mit blonden Zöpfen, der Benzini seit langem nachstellte. An diesem Abend hatte es zunächst gut ausgesehen. Ausserordentlich gut sogar. Endlich hatte sie seinem Drängen nachgegeben.

„Jungs, ich bin vorne! Ich bin so was von vorne“, war Benzini ausser sich vor Freude auf mich zugetorkelt. Jacki und er hatten geknutscht und gefummelt auf dem Gang runter zum Pott, „wie zwei scheißheiße Teenies!“ Was danach vorgefallen war, keine Ahnung, jedenfalls sah man, wie Jacki die rote Kellnerinnenschürze in die Ecke pfefferte und  abhaute,  Benzini hektisch hinterher, ein untersetzter kräftiger Gangster auf Säbelbeinen. Es dauerte keine Minute, und er kehrte zurück, alleine, fluchend, zehn Jahre gealtert. Seither fluchte und rotzte er quasi in einem fort.

Der Parkplatz hinter der Eissporthalle war leer bis auf Benzinis Wagen, den wir Mittags dort geparkt hatten.

„Wir müssen uns ranhalten“, grunzte Benzini und ließ den Motor kommen. „Ist schon zwei Uhr. Fast zu spät.“

„Ist immer zu spät“, gähnte ich.

„Halt die Fresse, Glumm.“

Ich sah ihn mir von der Seite an. Seinen vierschrötigen Schädel hätte man auch auf der Osterinsel aufstellen können, zwischen den anderen Steinlegenden: Benzini, der Kater Karlo der Südsee.

„Wat is?“ stierte er zu mir rüber.

„Na nix. Mach los.“

Unser Ziel war das Getaway, die angesagteste Rockdisco im Bergischen. Offiziell schloss der Schuppen schon um zwei Uhr, doch inoffiziell konnte es auch drei, halb vier werden. Darauf bauten wir. Das war unsere Chance.

„Das schaffen wir“, raunte Benzini. „Ich geb Gas, bis ich in meinen Stiefeln sterbe!“

„Oder in Pantöffelchen“, murmelte ich.

Benzini fuhr Auto, als hätte er ein Military-Pferd unterm Hintern, vor ihm schwieriges Gelände und jede Menge Konkurrenz. „LASS GEHN, FURY!“ liess er an guten Tagen die Zügel schleifen, an anderen kam er aus dem Treten und Brüllen nicht heraus:  „GOTTVERDAMMTER KLEPPER, ICH MACH PFERDEGULASCH AUS DIR!!“

Nach seiner Lehre als KFZ-Mechaniker hatte er eine Weile auf einer US Air Base bei Heidelberg gejobbt, als einer der wenigen Zivilen. Nun war er wieder in der Stadt und importierte amerikanische Strassenkreuzer und Gangsterschlitten. Privat mochte er es eine Nummer kleiner. Er fuhr einen weißen NSU Prinz Baujahr 71, mit integrierter Bordbar in der Heckablage, gleich neben der Batterie. Zur Grundausstattung gehörte eine Pulle Strohrum für Notfälle, ein bißchen Beerenwein und Tonic, sowie mindestens eine Flasche Gin. Ungeöffnet. Beefeater in der Regel. Gordon’s Dry ging auch in Ordnung.

Gin war unser Hauptnahrungsmittel. Gin machte ordentlich besoffen, auf die britische Art. Der Beigeschmack von billigem Parfüm, das Renommee einer alles gleichschaltenden Zukunftsdroge, das ganze lauwarm abgemischt mit Tonic oder O-Saft, runter damit – brrrh.. Innerhalb kürzester Frist verzeichneten alle Beteiligten zehn, zwanzig Pfund Übergewicht. Nur vom Ginsaufen. Beefeater.

Gordon’s Dry war auch in Ordnung.

„Na sicher hat Jacki einen Dachschaden“, sagte ich. „Alle Alten haben einen Dachschaden. Das ist doch das Schöne an den Alten. Oder nicht.“

„Das Schöne, das Schöne..“, brummelte Benzini mit rußiger Stimme. Er war zutiefst beleidigt. Er war verletzt. „Die kann mich mal, die blöde Funz. Was glaubt die eigentlich, wer sie ist?“ Er zündete sich eine Camel ohne an.

„Was war eigentlich los?“

„Na nix“, maulte er. „Das isses ja. Gar nix war los. Und plötzlich haut die ab.“

„Quatsch. Keine Alte haut einfach so ab.“

„Ach nee?! Weg ist weg. Drauf geschissen.“

Wie an den meisten Sonntagen waren wir schon seit den Mittagsstunden zusammen. Es hatte sich mit der Zeit so eingespielt. Der Grund war simpel: Sonntags öffnete das Mumms, unsere Zentrale, von der aus sämtliche Aktionen sternmarschmäßig ihren Anfang nahmen, erst um 18 Uhr. Da blieb viel Zeit für zu Hause bleiben, tumb in den Fernsehapparat stieren und den Kater pflegen.

Spätestens nach dem Mittagessen kam Benzini im weissen NSU Prinz vorgeprescht, mit einem Getöse, als würde er notlanden. Er hatte die Nase voll vom Sonntag. Von dieser verdammten Langeweile. Von Dressurreiten im ZDF und Margaret Rutherford im Ersten. Meine Mutter blickte aus dem Fenster.

„Da kommt der Zigeuner“, stöhnte sie.

„In mir fließt uraltes Zigeunerblut“, kokettierte Benzini gerne. Angeblich gab es in der langen Linie seiner Vorfahren rumänische Trickdiebe und Bänkelsänger. Ob es stimmte, konnte keiner sagen, aber wir glaubten es gern.

„Mach hin, du taube Nuss!“ brüllte er und stiess die Beifahrertür auf. Kaum hatte ich einen halb Fuß im NSU, gab er Gas, mit fliegender Türe.

„TÜR ZU!“

Die Pistenbar in der Eissporthalle öffnete Punkt zwölf, Sonntags war Happy Hour. Ausnahme: wenn im Winter Discolaufzeit war. Dann waren 50 Pfennig Discoaufschlag fällig, pro Drink. Aus Protest blieben Benzini und ich im weißen Prinz sitzen, hörten die Greatest Hits der Kinks und nippten an der Bordbar. Aber niemals Strohrum. Der lag bei neunzig Prozent. Der war nur für Notfälle. Es war Sonntagmittag. Ein Notfall.

„Ich hol den Strohrum rüber“, sagte ich und kletterte nach hinten.

Das Rumsitzen im Auto und Kinks hören nervte spätestens dann, wenn Apeman das zweite Mal durchgelaufen war. „I’m a King Kong Man, I’m a Voodoo Man, I’m an Apeman.“ Los, in die Pistenbar. Wir bestellten große Bier und ein Skatblatt. Bauernskat war unsere Spezialität. Eine Variante von Skat, wenn man bloß zu zweit ist und Langeweile hat. Wenn der dritte Mann fehlt.

„He, Glumm, auf dem Tisch gehn se kaputt!“ stieß Benzini mich an, wenn ich selbstvergessen den Mädels nachglotzte, die in der Eislaufhalle ihre Runden drehten und die Mini-Röcke hochwarfen. Ich machte den Stich, dann passierte nichts mehr. Man hörte nur noch das Kratzen der gehärteten Kufen auf dem Eis und das Malmen von Benzinis kapitaler Kinnlade. So ein Sonntagmittag in der Pistenbar konnte verdammt einschläfernd sein.

Meistens blieb es bei zwei, drei Bier und einigen Partien Bauernskat, bis es endlich sechs Uhr war und die Zentrale auf der Mummstrasse öffnete. Aber es passierte immer mal wieder, dass wir 100 Mark auf dem Deckel hatten und die Eissporthalle stratzevoll verliessen.

Einmal, im Winter, kurz vor sechs, torkelten wir der nahen Schwertstrasse entlang, als Benzini vor Solingens Traditions-Gymnasium, höherer Lehrbetrieb für Jungen seit 1841, krakeelend zusammenbrach.

„MAHHAAAAAH..!!“

Er legte sich lang und zog eine wilde Show ab, das hatte ich noch nicht gesehen. Er rotierte und schubberte über den vom Schneeregen nassen Bürgersteig wie ein Breakdancer, ein tollwütiger B-Boy. Schon nach den ersten Drehungen hatte er ein Loch in der Jacke, am Schulterstück. Da es bereits dämmerte, hatte er sich für den Nervenzusammenbruch den Lichtkegel einer Straßenlaterne ausgeguckt. Das war obligatorisch. Benzini wollte gesehen werden, wenn er den Irren gab. Nichts war schlimmer, als nicht gesehen zu werden, wenn man durchdrehte. Es sah aus wie im B-Western, aber in voll ausgeleuchtetem Cinemascope, und ich war der Producer im Hintergrund, der mit fahrigen Fingern im Drehbuch blätterte, um zu sehen, was da los war.

Nur: ich fand nichts.

Benzini war schon das ganze Wochenende neben den Schuhen gewesen. In der Nacht auf Samstag, als wir morgens um drei im weissen Prinz aus dem Getaway gekommen waren, hatte er den armen Hitler aus dem Schlaf geklingelt und gebollert. Hitler, ein türkischer Landsmann, führte eine Snackbude am Schlagbaum und war penibel darauf bedacht, keinen Ärger mit dem Ordnungsamt zu haben. Dazu gehörte auch, nach Ladenschluß kein Bier oder Spirituosen zu verkaufen. Er hielt sich verzweifelt an alle Vorschriften, der kleine graue Mann aus Anatolien, dem ein schnurgerader Schnurrbart wuchs, doch wenn ein kräftiger weißer Löffelbagger, der im selben Haus unterhalb der Karateschule wohnte, mitten in der Nacht gegen seine Tür bollerte und Flaschenbier verlangte, dann wusste auch Hitler sich nicht mehr zu helfen.

„Mann, laß den armen Kerl in Ruhe“, hatten Karlos und ich noch versucht auf Benzini einzuwirken, aber nur  halbherzig, schließlich waren wir genauso durstig und scharf auf Bier. Wir saßen in der Bredouille. Nur Benzini wußte, was er wollte. Er wusste immer, was er wollte, und wenn er es nicht bekam, ging er zu Boden wie ein ungehöriges Balg und krakeelte solange, bis er es bekam.

„ZEHN KÖLSCH, HITLER! AUF KOMMI!“

„Psst..! Machen bittäh keine laute Herrrmann.. bittäh“, wiegelte der kleine Mann aus Anatolien ab und füllte eine große Plastiktüte mit Flaschenbier und drückte leise die Türe zu. Immerhin hatten wir für ein großzügiges Trinkgeld zusammengeworfen.

Der arme Hitler.

„Glumm, du Schwanzlutscher, hilf mir hoch!“ grunzte Benzini gegenüber vom Gymnasium, aber ich wusste Bescheid. Reichte ich ihm tatsächlich die Hand, würde er mich nur  in die Tiefe ziehen und sich kaputtlachen. Am Tresen war ich oft genug auf solche Spielchen reingefallen. Benzini klopfte einem auf den Brustkorb, he, was hast du da!? Und wenn man dann an sich hinunterguckte, bekam man einen Nasenstüber versetzt, lässig mit dem Stinkefinger. Das war so richtig nach seinem Geschmack. Er war ein sehr verlässlicher Bursche. Traditionsbewusst. Mit Säbelbeinen und rußigem Timbre.

Ich ließ ihn gewähren auf dem Trottoir und ging einfach weiter. Tat so, als wüsste ich nicht, zu wem er gehörte. Sorry, kenn ich nicht, den Penner. Ist mir zugelaufen. Dummerweise war ich aber selbst so abgefüllt, dass ich in den Straßenverkehr geriet, was die Autofahrer zu wütenden Ausweichmanövern zwang. Benzini krümmte sich vor Lachen, auf dem Beton. Wagen fuhren im Schritttempo vorüber, die Fahrer wollten sehen, was da los war. Benzini zeigte jedem den Muschifinger und blökte wie ein Viehdieb. Es war die pure Testosteronshow.

Natürlich, auch Männerfreundschaften handeln von nichts anderem als Liebe. Karlos steckte mir einmal zum Geburtstag ein abgegriffenes Taschenbuch vom Flohmarkt in den Briefkasten, ohne jegliche begleitenden Worte. Einfach nur das Buch, fertig. Es war Ich denke of an Piroschka, eine wehmütige kleine Ballade von der unschuldigen ersten Liebe. Das Zusammensein mit Benzini hingegen bedeutete ständig die Machtfrage. Er wollte immerzu klären, wie weit er gehen konnte, wer wen dominierte. Es war ein Kräftemessen wie unter jungen Ziegenböcken, deren Geweihe aneinanderkrachten. Diesmal jedoch gab es keinen Sieger. Ich hatte nicht die Macht, ihn von dem Blödsinn abzubringen, den er auf dem Asphalt anstellte, er hatte nicht die Macht, mich in die Tiefe zu reissen, damit ich mich sinnlos auf dem Boden co-wälzte. Wir wankten durch die feuchten Malteser Gründe Richtung Mummstrasse. Unentschieden war ein guter Ausgangspunkt unter Freunden. Es war eh alles nur Testosteron, und Bauernskat am Sonntag.

Mit Benzini war es wie beim Fußball. Vielleicht konnten wir deshalb so gut miteinander, auch wenn wir nicht die dicksten Freunde waren. Er nannte mich stets seinen elftbesten Freund, aber er nannte alle seine Kumpel seinen elftbesten Freund. Im Hobbyteam der Mumms Kickers spielte er Verteidiger, er war ein ungemütlicher Gegenspieler. Stürmern wie mir, ich spielte bei den Anarchos, stand er neunzig Minuten lang auf dem Fuß, er war unerbittlich. Sobald man den Ball in Besitz hatte, kam er angewatzt und stocherte einem mit den ungelenken Füßen solange zwischen den Beinen herum, bis er die Pille zu packen bekam und ins Aus spitzelte, mit diesem dreckigen Grinsen im Anschlag.

Sein Herz aber gehörte dem American Football, seit er auf der US-Airbase gejobbt hatte. Nachdem er zurück in der Heimat war, stieg er bei den Steelers ein und spielte Bundesliga. Obwohl er spät mit dem Sport begonnen hatte, schaffte Benzini noch den Sprung ins Nationalteam. Zwei A-Länderspiele bestritt er Anfang der 80er Jahre im Rahmen einer Italienreise, auch wenn er die halbe Zeit breit war.

Abgesehen von unseren Bauernskatsonntagen waren wir zumeist im Trio unterwegs, mit Karlos als drittem Mann. Eine Weile war noch ein Vierter mit im Bunde, ein verschlagener Bursche namens Zerra. Er war mit fünfzehn von der Schule geflogen, weil er alles vermöbelte, was ihm komisch kam. Er machte stets kurzen Prozess. Ein, zwei präzise Handkantenschläge, ein trockenes Knacken, dann war nichts mehr zu hören. Nicht mal ein Mucks.

Zerra war der einzige echte Schläger, mit dem ich näher zu tun hatte. Zwar hatte auch Benzini etwas von einem Schläger, aber es fehlte ihm an Brutalität. Er hatte ein zu gutes Herz. Auf seine Art war er sogar schüchtern. Der Premiumproll, den er so gerne gab, war größtenteils Attitüde, eine selbstgezimmerte Showtreppe, die Benzini gekonnt hinabstieg, Stufe um Stufe auskostend. Ich mochte ihn sehr.

Als wir Zerra kennenlernten, hatte ihn sein Alter gerade vor die Tür gesetzt. Er lebte mit seinem Bluthund, der ohne Unterlass an der Kette lag und den man so gut wie nie zu Gesicht bekam, in einem leerstehenden Abbruchhaus am Frankfurter Damm – ohne Strom, ohne Heizung, nur mit Kerzenlicht. Zerra war eine Ein-Mann-Hausbesetzung. Das Haus stand der zukünftigen Stadtautobahn im Wege, die Bagger konnten jeden Tag anrücken.

„Und dann?“ fragte ich. „Was machst du dann?“

„Da wird sich schon was finden, Alter. Weißt du, wir haben doch alle dieselbe Mami. Die wird schon für mich sorgen.“

Zerra hatte ein ziemliches Schoss raus. Manchmal wünschte ich mir, ihn zu packen und alles, was falsch gelaufen war in seinem Leben, aus ihm herauszuschütteln. Und dann mal sehen, was noch übrig blieb. Ob man damit arbeiten konnte. Er hatte es nicht leicht, keine Frage. Während Benzini, Karlos und ich noch bei den Eltern wohnten und das Leben auf Autopilot justieren und geniessen konnten, war er ganz auf sich gestellt. Er sprach leise und grinste einen dabei so schief und herausfordernd an, als könne er jeden Moment zuschlagen. Nur vor uns hatte er Respekt. Ihm schien das Herz überzulaufen, als wir einmal zu viert untergehakt aus dem großen Mühlenhof-Kino kamen, wo wir Quadrophenia von den Who gesehen hatten.

We are Mods! We are Mods!“ brüllten wir beseelt von den Filmszenen am Strand von Brighton, wo sich Rocker und Mods gegenseitig aus dem Parka geprügelt hatten, und zogen durch die Stadt. Wären uns zu diesem Zeitpunkt irgendwelche Ledernacken über den Weg gelaufen, Zerra hätte sie ganz allein kurz und klein geschlagen, ohne Vorwarnung. Doch es gab keine Rocker in der Stadt. Wir waren ja nicht mal Mods, aber wen scherte das schon – Zerra war überglücklich. Endlich hatte er Freunde gefunden. Bis die Nacht hereinbrach und er mutterseelenallein zum Abbruchhaus am Frankfurter Damm marschierte, wo zum Wärmen nur der Bluthund blieb.

„Wieso nur?“ sagte er zu mir. „Weißt du, der Hund spürt doch, dass ich seine Wärme brauche, wenn ich friere. Das macht ihn stolz. Das macht ihn glücklich. Er wird gebraucht. Mein Hund erfährt Liebe. Machst du jemanden stolz und glücklich?“

Mir fiel erst nichts ein.

Dann: „Na, doch. Dich, Zerra.“

Anfangs hielt ich ihn für einen Analphabeten, doch dann fand ich heraus, dass er mehr Bücher las als wir alle zusammen. Bücher, aus denen er sich seine eigene Straßenphilosophie zusammensetzte. Sie erlaubte ihm, sich alles nehmen zu dürfen, was er zum Leben brauchte. Jahre später wurde ich zufällig Zeuge einer für Zerra typischen Situation. Weil er einen Heroin-Affen hatte, aber keinen Pfennig Geld in der Tasche, nahm er einem Junkie, mit dem er für einen Deal verabredet war, sämtliche Packs ab, die er bei sich trug. Er musste dafür nicht einmal laut werden. Ich schlag dich zu Brei, wenn du die Packs nicht freiwillig rausrückst, raunte sein Blick. Was sollte Dirk H. machen. Einen Kopf kleiner, dünn und klapprig, und nicht die Bohne asozial. Er weinte. Das bisschen Pulver war alles, was er besaß. Er sah mich hilfesuchend an. Ich saß in der Nähe und wartete auf den Bus, genau wie er. Er bettelte mich an, tonlos. Ich sehe ihn noch dasitzen, unterm Dach der Bushaltestelle. Er wusste, dass ich Zerra von früher kannte, doch es war allers schon zu lange her, ich konnte nichts für ihn tun. Und Zerra? Er vermied jeden Blickkontakt mit mir.

Benzini hatte den Motor wieder ausgeschaltet. Er kam nicht darüber hinweg, wie es gelaufen war mit Jacki.

„Erst macht die Funz mich heiß, und ne halbe Stunde später lässt sie mich dastehen wie einen dummen Jungen, da soll mal einer durchblicken.. Nur weil ich einen Joke gemacht hab? Ich denk, Frauen wollen Männer mit Humor. Oder was wollen Frauen?“

„Im Zweifelsfall“, erwiderte ich, „immer das andere.“

Wir waren noch keinen Meter weit gekommen. Wir standen auf dem Parkplatz hinter der Eissporthalle und hörten Kinks. Die Songs hatten durchweg 15 Jahre auf dem Buckel, aber das machte nichts. Ray Davies sang uns aus dem Herzen. Er sang von Rüden, die am liebsten faul in der Sonne liegen und sich den Sack lecken, er sang von uns. Mochten Gleichaltrige die Zukunft planen und nach Brotberufen greifen, unsere Party ging weiter, auch ohne Einladung. Im NSU, in Pistenbars, am Baggerloch, auf dem Trottoir gegenüber dem Gymnasium, egal wo.

Where have all the good times gone„, lautete der Schlachtruf im Schwenkbereich des ewigen Sommers. Wir waren bereit zum Kampf. Wichtige Schlachten, wir ahnten es, erledigen sich nur im Überdruss. Oder sie schwelen weiter bis zum jüngsten Tag.

„So jetzt! Ab die Post!“

Der Motor heulte auf, Benzini heizte der Boxengasse entlang bis er die Bismarckstrasse erreichte und nach rechts abzweigte. Warum Benzini plötzlich meinte, losfahren zu müssen, wusste ich nicht. Ich fuhr kein Auto, ich mischte mich niemals ein. Ich korrigierte niemals einen Fahrstil, ich stieg nicht automatisch mit in die Eisen, wenn es brenzlig wurde vor der Kurve, ich war der perfekte Beifahrer. Hauptsache, wir blieben in der Spur. Und solange man mich nicht tötete, war mir alles recht.

Wir erwischten den Bordstein der Verkehrsinsel, als wir in den Kreisverkehr einbogen. Auch wenn der NSU den Bordstein nur tuschierte, der Wagen begann sich sofort zu drehen, wie ein Kreisel, drei Mal, vier Mal, um die eigene Achse. Ich wusste nicht, wo mir der Kopf stand, bis wir endlich zum Stehen kamen. In Fahrtrichtung. Wir hatten Massel gehabt. Rote Bremslichter in der Ferne.

„Scheiße, was war das denn?!“ rief ich.

Benzini sprach kein Wort. Er war bleich. Die Augen zum Schlitz verformt, trat er das Gaspedal durch. Das Ganze kam mir vor wie in einem Actionfilm, eine Nummer, die niemand geplant hatte, aber perfekt gelaufen war. Benzini und der weiße Prinz in: Masseltoff!  Dann hörten wir es. Gleichzeitig. Es flapperte, irgendwo tief unterm Wagen. Ein stetes Gubbeln, der weisse Prinz rutschte leicht zur Seite weg.

„Ein Platten! Na Scheisse! Das hat noch gefehlt!!“ Benzini hielt an, stieg aus. Er trat gegen die Karre. „Erst zieht die Funz Leine, und jetzt hab ich auch noch einen Platten! Ich kotz gleich um mich!!“

Mit geplatztem Reifen flapperten wir die Strasse hoch bis Hästen, von wo es nur noch bergab ging, in Richtung Getaway. Benzini schaltete den Motor aus, wir rollten die Serpentinen hinunter. Ohne Licht. Im Blindflug. Flapp. Flapp. Benzini klebte an der Windschutzscheibe. „Ich seh nix, verdammt!“ Es flapperte ohne Unterlass, wie ein Tonband, das gerissen war, aber sich unaufhörlich weiterdrehte.

„Ich mach mir die scheiß Felge im Arsch, verdammt!“

Natürlich hätte man aussteigen können, den Wagen abstellen und per Anhalter weiter, aber im besoffenen Kopf war das keine Option. Es ging darum, nicht von der Schmiere erwischt zu werden. Ein rein sportlicher Ansatz. Ohne den Motor noch mal anzuwerfen, steuerte Benzini den riesigen Parkplatz vorm Getaway an. Stoppte unmittelbar vor einer erleuchteten Telefonzelle, um Licht zu haben für den Reifenwechsel.

„Lass uns erst was trinken, bevor das Getto dicht macht“, meinte ich, weil ich keine Lust hatte, mir die Hände dreckig zu machen.

Das legendäre Getaway in Glüder, einem idyllischen Tal an der Wupper, stand direkt gegenüber dem Campingplatz und war ein großes muffiges Rockding, das Publikum aus der ganzen Region anzog. Besonders Motorradfahrer nutzten den Laden gerne als Ziel einer Wochenendtour, aber in einer Sonntagnacht war bloß Stammpublikum übrig. Verstocktes bergisches Gesindel. Der gute alte Jay, eigentlich zum Gläsereinsammeln engagiert, hing stockbesoffen überm Flipper, in voller Länge.

„Jay, schmieriger Arschlappen“, zwickte ihn Benzini, „du hast hundert Freispiele!“, doch Jay öffnete nicht mal die Augen, mambelte nur „verpiss dich“ und schlief weiter. Wir bestellten Bier und Rapidos an der Bar gegenüber der Tanzfläche. Die Rapidos gaben mir den Rest. Mir fielen dauernd die Augen zu, während Benzini gegen die laute Rockmusik ankrächzte. Es ging immer noch um Jacki. Sie liess ihm keine Ruh.

„.. auf dem Garagendach hinterm Mumms fängt sie wieder an, von Chicoree zu schwärmen. Das juckt mich doch nicht, hab ich gesagt. Ich hör Kinks und Stones, kein Jazz. Ja klar, hat sie gelacht, ihr hört doch alle Kinks.“

„Stimmt doch“, warf ich hundemüde ein.

„Ja, aber wie sie das gesagt hat, als wären die Kinks Asis und ihr Chicoree der König der Welt.“

„Chicoree? Was redest du immer von dem bitteren Scheißgemüse? Was soll das?“

„Wie Chicorre?! Chick Corea, du Schwanzlutscher, nicht Chicoree! Der spielt am Mittwoch in Dortmund. Ob ich mitkomme, hat sie gefragt. Nee, hab ich gesagt, in der Westfalenhalle ist die Akustik wie in ner riesigen Badeanstalt, ohne mich, ausserdem ist Jazz Pussymusik. Un ab da war Sense. Nur wegen so nem Scheiss. Haut die ab. Die kann mich mal. War doch nur Spaß. Was soll ich mit ner Funz ohne Humor. Oder?“

Jay war aufgewacht und stieg vom Flipper. Er hatte Pupillen, groß wie Wagenräder. Er war gar nicht betrunken, er war auf Pilzen. Auf Psilos. Psilocybin, und er hatte nichts besseres zu tun, als mir den Mund wässrig zu machen. Angeblich gab es gleich hinterm Campingplatz eine kleine Pferdewiese, auf der die saftigsten Mushrooms wuchsen.

„Kannst du gar nicht verfehlen“, meinte er und erklärte mir den Weg.

Kurzentschlossen stieg ich in der Dunkelheit die Wiese runter, während Benzini oben auf dem Parkplatz versuchte, den Reifen zu wechseln. Als ich auf etwas trat, das sich wie ein Haufen störrischer Zweige anfühlte, bückte ich mich. Das waren keine Zweige – das war NATO-Draht.

„AUA!“ schrie ich verspätet. „VERDAMMTE SCHEISSE!!“

Komischerweise spürte ich nichts, rein gar nichts. Ich war zu müde und zu betrunken, um überhaupt noch etwas zu spüren. Was zum Teufel machte ich hier überhaupt!? Pilze suchen mitten in der Nacht? Welche beschissenen Pilze!? Was sollte ich mit Psilos in meinem Zustand? Ich wollte nur noch ins Bett. Ich sah zum Parkplatz hoch. Benzini winkte mir zu, vorm NSU hockend.

„Komm hoch und hilf mir endlich, Schwanzlutscher!“

Woher wusste er, wo ich war? Er konnte mich unmöglich gesehen haben in der Dunkelheit! Benzini hatte seherische Qualitäten!

„Quatsch. Ich hab dich da unten um Hilfe schreien gehört“, sagte er, als ich auf dem Parkplatz ankam. Da er ohne Wagenheber arbeiten musste, hatte er den weissen Prinz kurzerhand auf dem rechten Oberschenkel aufgebockt. Die Radkappe lag vor der Telefonzelle.

„Versuch du mal, die Pelle aufzuziehen. Ich halt die Kiste oben. Brauchst du nur draufstecken und die Muttern festziehen.“

„Womit?“

„Na, dem Schraubenschlüssel!“

„Wo..?“

„DA!!“

Kaum hatte ich den Ersatzreifen in der Hand, verlor ich das Gleichgewicht und taumelte rückwärts. Ich stolperte und flog der Länge nach hin, in die hell erleuchtete, geöffnete Telefonzelle. Im Fallen riss ich den Telefonhörer von der Gabel, er gongte gegen die Seitenscheibe. Ich lag auf dem Rücken, zu überrascht, um Scheiße zu brüllen. Aufstehen ging auch nicht. Es war, als wäre ich in eine fremde Dekoration gestürzt, mit der ich nichts anfangen konnte. Der Hörer baumelte hin und her, das Baumeln liess aber schon nach und wurde langsamer. Benzini stöhnte auf, ließ den Wagen vom Oberschenkel ab und holte sich den Ersatzreifen.

Zehn Minuten später war das Ding aufgeschraubt. Benzini hatte es allein hingekriegt. Er fuhr die paar Meter bis zur Telefonzelle, um mich einzusammeln.

„Steig sein, du Sack! Mach schon! Steh auf!!“

Ich mühte mich auf den Beifahrersitz. Kaum hatte ich einen halben Fuß drin, gab er Gas. Mit fliegender Türe.

„TÜR ZU!!“

*

Advertisements

5 Gedanken zu „Der weisse Prinz

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s