Der Welten Gebell

Das Gebell mancher Strassenköter erinnert an Seehunde. Ein Sound, als verschluckten sie das eigene Gebell, als wollten sie es zum Ursprungsort zurückreiten: ALLES ZURÜCK AUF START, über den Kehlkopf schnurstracks in den Unterbauch, wo alles Gebell beginnt. Das sind die Seelenhunde.

Man erkennt sie an ihrem Gebell.

*

Im Coppel-Park, keine hundert Schritte entfernt, sind Goldwespen zu Hause, kleine Fledermäuse, eine Schar Stockenten und ein Fischreiher, der aber nur sporadisch auftaucht. Ein junger kräftiger Kerl, dessen Flügel Zeppelin-Schatten werfen, wenn er galant über die Parkbesucher hinwegsegelt.

Ein furchtloser Bursche, ganz im Gegensatz zu seinem Vorgänger. Der alte Fischreiher schlurfte durch die Luft wie eine alte Majestät, er war bedächtig und vorsichtig. Sobald man ihm zu nah kam, schwang er sich auf und verschwand.

Einmal verfolgte ich seinen Flug. Sah, wie er eine ausladende Runde über die Anlage drehte und schliesslich auf einem der gegenüberliegenden Hausdächer am Pappelweg landete. Komm, sagte ich zum Hund. Wir bewegten uns auf die Häuserzeile zu, deren Rückfront zum Park zeigt. Davor Gartenparzellen der Mieter, einige Blockhütten, Blumenrabatte.

Es dauerte seine Zeit.

Bei jedem Schritt vergewisserte ich mich, dass er noch hoch oben auf dem Dachfürst stand. Bewegungslos zeichnete sich seine Silhouette gegen den Himmel ab. Ein stoler Recke, der es nicht nötig hatte, die Stellung zu verändern. Erst als wir uns dem Haus bis auf zwanzig Meter genähert hatten und stehen blieben, entdeckte ich, das es nur ein Wetterhühnchen war, oben auf dem Dach. Oder wie die Viecher heissen. Arschlochhühnchen.

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Irgendwo in Parknähe gibt es eine rege Szene von Bookcrossern, die ständig Bücher freisetzen, wie sie das nennen, in Gefrierbeuteln verpackt gegen die nasse Witterung. Schundromane zumeist, aber gelegentlich ist auch mal ein Treffer darunter. Der wird sofort verhaftet und landet bei uns daheim auf dem Küchentisch und wird so schnell nicht wieder freigesetzt, wie es seine Bestimmung wäre, nach Lehrmeinung der Bookcrosser.

„Aber irgendwann muss so ein Buch auch mal ankommen dürfen“, meint die Gräfin weise und ich nicke angetan. Das hat sie schön gesagt.

*

Da freut man sich ja immer, wenn man durch die Anlagen geht und beobachtet Kinder, die Sachen spielen, die man selbst als Kind schon gespielt hat. Wer hat Angst vorm schwarzen Mann, Völkerball. Das ist natürlich nostalgischer Blödsinn. Sollen sie doch neue Spiele erfinden. Wer hat Muffen vorm weißen Vollweib.

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„Du bist manchmal so erschreckend nüchtern, da möchte ich schreiend weglaufen“, meint sie und hält inne. „Dabei war ich mal so ein nettes Mädchen.“

Ich erkenne nicht ganz den Zusammenhang, zumal ich ihr bloß von einem alten Weinpenner erzählt hab, der mir im Park begegnet ist und so geheimnislos nach Pisse stank.

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Abends sammeln sich die Enten am Teich und tuscheln. Ein Erpel lacht auf, laut und unverschämt. Manchmal wird daraus ein regelrechtes Mannschaftsschnattern.

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Eigentlich mag sie dieses ganze Säugetierdasein nicht.

„Diese neun Monate in einem dominanten Muttertier sind irgendwie.. wie soll ich sagen, anstrengend, und ein bißchen eklig. Natürlich auch faszinierend, mit der Nabelschnur und all das, klar, tolle Geschichte, aber ehrlich gesagt, als Pflanze heranreifen ist doch viel ordentlicher“, sagt sie. „Oder als Ei.“

*

„Meinst du, wir haben noch zwanzig Jahre Zeit?“

Sie hat gelesen, dass man 25 Jahre braucht, um sein Ziel zu erreichen, und fünf Jahre sind schon um. Eher sechs oder sieben. Die wir uns schon bemühen.

„Noch zwanzig Jahre, hm, könnte eng werden“, sag ich, „aber wenn wir Glück haben.. viel Glück,  dann .. ja, könnte es klappen.“

Aber sie ist schon woanders. Sie hat in der Küche zu tun. Sie blanchiert Kohl.

„Kannst du mal drei Minuten auf die Uhr gucken?“

Ich schau auf die Uhr.

„Wann? Jetzt?“

„Na.. ab jetzt.“

Drei Minuten. Zwanzig Jahre. What a difference a day makes. Das Blanchieren von Zeit.

*

*

„Ich versuche Talkshows voll zu vermeiden, weil ich mich dabei doch nur aufrege. Weil die ganze Quasselei nur mein Weltbild bestätigt, das ich nicht bestätigt haben will. Während du dich über so was amüsierst. Für dich ist das wie ein Zoobesuch. Du hast ja früher auch Aktenzeichen XY geguckt. All diese furchtbaren Menschen.“

– Die Gräfin –

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Ein Gedanke zu „Der Welten Gebell

  1. oh mister glumm,,ganz anderst ganz sensibel eine leise geschichte mit herrlichen blick und etwas verträumt,,auch schön,,toll geschrieben und viele bilder tun sich auf,,merci lz.

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