Ein Faible fürs Ausserirdische

Unten am Klauberger Bach kommt uns Frau Heller entgegen, mit trippelnden kleinen Schritten, dahinter folgt Cara, die ruhige Rehpinscherdame. Frau Heller redet schon aus zwanzig Metern Entfernung auf mich ein.

„Ich muss aufpassen, dass der böse Mann uns nicht sieht. Der mit dem Schäferhund.“

Erst denk ich, sie macht Spaß, doch als sie vor uns steht, in ihrem rosa Mäntelchen, das Make up einmal quer durchs Gesicht gerutscht, spüre ich ihre Erregung.

„Hier läuft so ein Verrückter rum, kennen Sie den? Der hetzt seinen Schäferhund auf andere Hunde. Hab ich Ihrer Frau auch schon von erzählt. Ein Rauschgiftsüchtiger ist das. Ganz rote Augen hat der. Ein rauschgiftsüchtiger Trinker. Der schlägt auch seine Frau. Man hört so manches.“

Ich schätze, sie meint Tim, einen in der Nachbarschaft wohnenden Dauerkiffer. Tims Hund kläfft sich um den Verstand, sobald er einem anderen Hund begegnet, egal ob Rüde oder Weibchen. Ob er wirklich zubeißen würde, weiß ich nicht, aber Tim hat tatsächlich ein Problem mit der Töle, die er aus dem Tierheim hat.

Während Frau Heller spricht, mit lustig zwinkernden kleinen Augen, legt sich Cara, die Rehpinscherdame, in einiger Entfernung ab. Cara kennt das Spielchen. Wenn ihr Frauchen einmal lostütet, kann man es sich auch gemütlich machen. Warum lange in der Gegend herumstehen, mit vier kurzen krummen Beinen? Ein intelligenter Hund. Ich kenne da ganz andere Vertreter.

„Kreislaufwetter ist das. Furchtbar, ne. Gibt bald wieder Schnee, wissen Sie.“

Sie spricht schnell und kantig, als würde sie beim Reden kleine Zwiebelchen hacken.

„Geht mir auf die Pumpe, das Wetter. Kreislaufwetter ist das. Furchtbar, ne!? Letzte Woche ist bei mir in der Siedlung auch eine umgekippt. Nee, ist nix für mich, das Wetter. Geht mir auf die Pumpe, wissen Sie. So Kreislauf. Gibt bald wieder Schnee, am Sonntag.“

Ichl versuche mir vorzustellen, wie sie wohl als Teenager ausgesehen haben mag. Als sie tanzen ging, auf Feten. Sie muss ein Rock’n Roll-Monster gewesen sein, damals. Ein heißes Fetengerät. Man kann sie sich auch gut auf einem dieser kommunistischen knatschbunten Propagandaplakate der 50er Jahre vorstellen. Wie sie als junge Bäuerin voranschreitet, im Schlepptau zehn andere Bäuerinnen, mit glühenden KPD-Bäckchen. Fähnchen schwenkend. Terrorlächelnd.

Als sie mir das erste Mal über den Weg lief, schon einige Jahre her, das Make-up durchs Gesicht gerutscht wie ein schwerer Ausnahmefehler, da musste ich aufpassen, dass ich nicht loslachte, so verschroben kam sie rüber.
Mittlerweile freue ich mich regelrecht, sie zu sehen, die tapfere kleine Rentnerin und ihre kleine Hündin. Immer unterwegs, immer unter Dampf. Immer am quasseln.

Nicht jeder mag verrückte alte Frauen, die durch die Welt stapfen und aus vollem Hals Seemannslieder singen, natürlich. Nicht jeder hat ein Faible fürs Ausserirdische. Die Frau jagt den Leuten Angst ein, mit ihrem lauten Anderssein. Und sie ist ja nicht nur laut und schrill, sie ist auch noch: ALT. Und alte Menschen leben nicht so laut. Alte Menschen verstecken sich daheim. Alten Menschen fehlt die Kraft und die Lust, „Seemann, lass das Träumen“ durch den Wald zu dröhnen.

Sie dreht sich um und macht ein paar schaukelnde Schrittchen auf Cara zu, stoppt abrupt ab, macht kehrt. Stop and Go, das ist ihr Verkehr. Sie kann nicht anders. Sie springt von Thema zu Thema, wie ein Eichhörnchen. Wenn man Geduld hat und lange genug wartet, kehrt Frau Heller irgendwann zum Ursprungsthema zurück.

„Haben Sie den Bekloppten heut schon gesehen, mit seinem Schäferhund? Der ist kriminell. Der ist rauschgiftsüchtig. Und dann lacht der immer so dreckig, wenn er uns sieht. Sagt zu seinem Hund, der soll sich Cara schnappen und auffressen. Das ist ein Krimineller. Der nimmt Rauschgift. Der läuft doch immer hier rum. Der hat ganz rote Augen. Müssen Sie aufpassen. Böse Menschen gibt es, nicht?“

Tim hat mir kürzlich von der verrückten Alten mit dem kleinen Hund erzählt, die ihm abends dauernd übern Weg läuft.

„Die glaubt, mein Hund frisst ihren kleinen Kacker. Die ist voll bräsig, die Alte.“

Frau Heller trägt merkwürdig festes Schuhwerk, eine Mischung aus Teufelshufe und Stöckelschuh. Ihr Haar ist laubrot gefärbt, auch der verblichene Mantel ist mal rot gewesen, jetzt ist er zahnfleischrosa. (Wenn man nicht mehr viel Zahnfleisch hat, diese Art Rosa.) Dann ist da die Handtasche, die sie vor sich herträgt wie einen heißen Kochtopf, gerade von der Feuerstelle genommen. Die Handtasche ist in Hundekreisen berühmt für die selbstgemachten Getreideplätzchen, die darin lagern. Nur dass Frau Müller ihre Leckerchen nicht so liebevoll verfüttert wie ältere Damen das in der Regel tun, nein, sie schmeißt mit den Leckerchen um sich, als wäre es Kamelle. Wie ein zorniges Funkenmariechen auf dem Rosenmontagswagen. Die Hunde müssen sich sehr vorsehen.

Einmal, es war Sommer, haben wir Frau Heller unten an der Wupper getroffen. Die Wupper ist ein schwarzer mystischer Fluss, der strudelige kleine Geräusche von sich gibt, wenn er durchs enge Tal zuckelt. Als werfe er Blasen auf, wie ein Geysir, wupp, wupp, wupp, geht das. Daher hat der Fluss seinen Namen. Wupper. An diesem Sommertag aber war statt dem wupp-wupp der Wupper die laute Operettenstimme von Frau Müller zu hören, lange, bevor wir sie zu sehen bekamen.

„SEE-MANN“, trällerte sie mit Verve und Wehmut, „LASS DAS TR-RÄU-MEN..“.

Der Gesang schallte durch die Wupperberge, dass die Krähen aufflogen. Die wussten nicht, was los war. Ob Untergang drohte. Havarie.

„..DENK NICHT AN ZU-HAUS, SEEMANN, WIND UND WELLEN
RRU-FEN DICH HIN-AUS..“

Dann erst sahen wir sie den Waldweg hochkurven, ein alter Seebär, Cara im Schlepptau, zehn Meter dahinter, schnaufend.

„DEINE HEI-MAT IST DAS MEEER, DEINE FREUN-DE SIND DIE STERR-NE, ÜBER RIO UND SHANG-HAI..“

Wir unterhielten uns ein bißchen, und sie erzählte, dass man ihrer 57jährigen Tochter letzten Montag den halben Magen wegoperiert hatte.

„Oh, die sieht schlecht aus. Die raucht zuviel. Vier Packungen am Tag. Ist doch nicht normal, oder? Und dann die Türken, mit denen sie rummacht. Das bleibt doch nicht in den Kleidern hängen, oder? Immer nur Türken. Ist doch nicht normal. Jetzt ist der halbe Magen weg.“

Dann musste sie weiter. So wie jetzt auch. Sie muss immerzu weiter.

„Cara, komm..“, ruft sie, „wir müssen weiter. Frauchen muss noch in den PLUS“, doch Cara bleibt liegen. Hat keine Lust. „Cara, komm bei Mama..! Hier ist lecker Pfütze. Komm, lecker Wasser. Cara, komm. Bei Mama!!“

Nichts zu machen. Cara bleibt stur. Einmal haben wir zufällig mitgekriegt, wie Frau Heller, der Alien, die kleine Rehpinscherdame der Einfachheit halber an der Leine hinter sich herzog, die ganze Strasse rauf, wie einen störrischen Würfel. Als hätte Cara in meinen Gedanken gelesen, erhebt sie sich nun und schaukelt lässig an uns vorüber, an mir und meinem Hund. Die Beiden haben eine Art Stillhalteabkommen geschlossen, von dem wir Menschen nichts wissen. Sie ignorieren sich auf ganzer Linie. Sie sind Luft füreinander. Nicht mal schlechte Luft oder lästige Luft, nein, einfach nur.. Luft.

Cara folgt ihrem Frauchen, deren merkwürdiges Schuhwerk, dieser Mischung aus Teufelshufe und Stöckelschuh, beim Gehen Geräusche macht, als hätte sie einen nassen Delfin im Schuh. Ein schöner Sound. Ein großartiges Konzert.

„Grüßen Sie ihre Frau“, ruft sie und wackelt davon.

Ja, sie hat den Dreh raus, genau wie die alte Erde. Ich freu mich schon auf den Frühling, wenn die Ausserirdische wieder im original Plissee-Röckchen aus den 60ern aufläuft, mit großen Karos, und auf ihrem Kopf sitzt ein großer lila Hut.

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5 Gedanken zu „Ein Faible fürs Ausserirdische

  1. und immer wieder immer wieder SIE lesen. Einfach richtig feine lebendige Schreibe. Alleine dieser satz “ Sie spricht schnell und kantig, als würde sie beim Reden kleine Zwiebelchen hacken.“ vielen dank Herr Glumm

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