Geht doch um nix (2)

Karlos war in die Siedlung gezogen, in der alle Strassen Vogelnamen trugen: Finkenstrasse, Drosselstrasse, Lerchenstrasse. Nur eine Starenstrasse fehlte. „Gibts hier keinen Star?“ zog ich Karlos auf, wenn ich mal wieder bei ihm versumpft war. „Nee“, antwortete er, „du wohnst ja nicht hier.“

Die Häuser waren im Karree gebaut, aus großzügig grünen Innenhöfen schallte das Gelächter spielender Kinder. Karlos hatte eine dieser Zweizimmerbuden unterm Dach, in der die halbe Stadt abgetaucht war. Wenn ich zu breit war, um noch die Treppe runterzukommen, blieb ich über Nacht. Koksen etwa endete grundsätzlich erst am nächsten Mittag, auch wenn ich für Szeneverhältnisse kein großer Kokser war. Koksen war für mich immer so, als würde man im Gehirn ein Scheinwerferlicht anknipsen, den ganz dicken Super Trouper, der den Schädel bis in die entlegendste Ecke neongrell ausleuchtete, das war mir einfach zu anstrengend.

In einem der beiden Dachzimmern hatte Karlos ein riesiges Bett stehen, groß genug für ganze Familien, Unterschlupf für Clans. Als ich wach wurde, war mein Maul staubtrocken, weil ich im Traum so viel gequasselt hatte, mit drei dicken schwarzen Mamas in der Bahn, den ganzen Traum lang. Eine richtige Diskussion war im Traum entbrannt, doch jetzt, wo ich wach war, hatte ich vergessen, worum es ging. Obwohl der Traum, gefühlsmäßig, gerade mal ein paar Sekunden vergangen war. Es geht mir bis heute nicht in den Kopf, wie das sein kann, dass man beim Wachwerden auf die Schnelle alles vergisst, nur weil die Schranke hochschnackt.

Und dann der dumpfe Schlag. Ich hatte schon auf ihn gewartet. Selbst Sonntag morgens war er zu hören, jedenfalls, wenn Überstunden anstanden. Er kam aus der Gesenkschmiede, einen halben Kilometer Meter Luftlinie von der Finkenstrasse entfernt. In regelmäßigen Abständen sauste der Hammer nieder, wie ein Gongschlag aus der Eisenzeit, bedrohlich und bleiern, ein Sound aus alten Zeiten, der einen daran erinnerte, wie kurz das Leben ist. Nicht mehr als ein kindlich-trotziges Aufstampfen. Karlos und ich lagen noch im Bett, benommen von der Nacht, lauschten dem Gesenkhammer und rauchten eine Zigarette.

„Hab ich ein komisches Zeugs geträumt“, meinte Karlos. „Ich hab einen Puff aufgemacht, da baumelten  Huren von der Decke, und das Treppenhaus war mit Koks gepflastert.“

„Och“, sagte ich.

„Ja, und ich hatte eine Knarre in der Hand und wollte die Huren einzeln von der Decke schiessen, aber die Knarre hatte Ladehemmung, verstehst du, die Kugeln verreckten alle im Lauf, eine nach der andern, die hingen von der Decke runter wie Schaufensterpuppen.“

„Och.“

„Ja, och! Genau!“

Während Karlos im Traum versucht hatte, Prostituierte von der Decke zu ballern, hatte ich mir im Eilzug nach Basel den Traum-Mund dusselig gequasselt, mit drei dicken schwarzen Soul-Mamas. In der Gesenkschmiede fiel der nächste Hammer und formte ein Werkstück.

„Vielleicht ne Kurbelwelle oder so“, murmelte Karlos. „Keine Ahnung.“

2 Gedanken zu „Geht doch um nix (2)

  1. „In regelmäßigen Abständen sauste der Hammer nieder, wie ein Gongschlag aus der Eisenzeit. Ein Sound aus alten Tagen, bedrohlich, bleiern, der einen daran erinnerte, wie kurz das Leben ist, nicht mehr als ein trotziges Aufstampfen.“

    , schreibt der king. und lava. nikkt.

Hätte ich doch besser die Fresse gehalten

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