Camilla, und die Anderen

„Junger Mann, sagen Sie, ist das hier.. kein Bahnhof mehr?“

„Nee, schon lang nicht mehr.“

„Das gibt’s doch nicht.. Ich muss nach Köln! Wo ist denn der Bahnhof hin??“

„Einfach links runter und der Beschilderung folgen, bis zum Haltepunkt Mitte.“

Der Alte seufzte.

„Ich bin ja nur zu Besuch. Man kennt sich gar nicht mehr aus in der Stadt.. Links runter, sagen Sie? Ist da der neue Bahnhof?“

„Na, ist ein Haltepunkt. Einfachs links den Weg runter.“

„Und der neue Hauptbahnhof? Wo.. ist der?“

„Der ist in Ohligs.“

„Ohligs? Was macht der denn in Ohligs!?“

„Hm, na ja. Der steht da und lässt Züge rein und rausfahren. Was Bahnhöfe so machen.“

Er entfernte sich murmelnd. Dann blieb er noch mal stehen, und drehte sich langsam um.

„Aber was ist hier in der alten Schalterhalle los..? Da ist doch was los bei euch..! Das seh ich doch!“

„Hier ist ne Ausstellung von Design-Studenten aus Europa. Treten Sie ein. Ist öffentlich. Ist umsonst. Kost nix.“

„Jessas, nein, da dank ich schön. Design? Um Gottes Willen! Muß ich nicht haben. Ich muß nach Köln, nach Nippes.“

*

Man kann nicht sagen, dass der Job eine besondere Herausforderung darstellte. Die bloße Anwesenheit genügte in der Regel, nur hin und wieder galt es eine Information rauszuhauen, während man eine Pausenzigarette in Arbeit hatte, mein Gott, es gab schlimmeres. Einen anderen Ein-Euro-Job zum Beispiel. Einen, wo man unter Aufsicht stand. Hier gab es keine Aufsicht, wir waren unsere eigene Aufsicht. Wir organisierten uns selbst, stellten Dienstpläne auf, stellten Anfragen beim Träger.

Viel los war nicht. Manchmal saß ich eine Stunde lang vor den Türen der alten Bahnhofshalle, einem rundum verglasten Schmuckstück der Fünfzigerjahre, und blinzelte gelangweilt in die Sonne. Und wenn ich keine Lust mehr hatte gelangweilt in die Sonne zu blinzeln, ging ich in die Schalterhalle und setzte mich auf einen Stuhl in der Ecke des Holzkubus, in dem die Exponate ausgestellt waren, und guckte mir bei elektrischem Licht meine Schuhe an.

Was Schuhe anbelangt, gibt es folgendes zu beachten: Schuhe müssen sich ihren Platz an meinem Fuß erst erkämpfen. Sie müssen robust sein, Widerstand leisten. Sie müssen das Maul aufmachen. Ich unterhalte mich nicht gerade selten mit meinen Schuhen, da müssen die Galoschen schon was drauf haben. Allgemeinwissen, Sie wissen schon. Paar spezielle Gedanken, wenn’s recht ist.

Der Holzkubus war etwa dreißig Meter lang, fünfzehn Meter breit und nach oben offen wie eine gewaltige Sperrholzkiste, so hatte man ihn in die Schalterhalle des alten Hauptbahnhofs gebaut. Ein großer Holzkubus in der gläsernen Schalterhalle eines denkmalgeschützten alten ex-Hauptbahnhofs, darin eine auf sechs Monate angelegte Internationale Design-Ausstellung, die meine Kollegen und ich für einen Euro die Stunde zu betreuen hatten, das war die Sachlage im Sommer 2006.

Wir, das war ein loser Haufen von sechs, gelegentlich sieben oder acht Leuten, je nachdem, wer vom Arbeitsamt gerade dienstverpflichtet wurde. Zwischendurch schied einer aus, weil er einen regulären Job ergattert hatte. Wir kamen aus allen Branchen. Gemeinsam war uns nur, dass wir ein paar Klamotten im Schrank hatten und nicht völlig ruiniert aussahen, obwohl wir langzeitsarbeitslos waren, schließlich handelte es sich um eine repräsentative Maßnahme. Man rechnete mit Gästen aus aller Welt. Englisch war von Vorteil. Paar Zähne auch.

Heidi, Ende Dreißig, bißchen pummelig, aber nicht unansehnlich, Mutter von zwei heranwachsenden Töchtern, hatte lange Zeit bei der Heilsarmee gearbeitet und war es gewohnt, Dinge zu wiederholen, weil die Kollegen nie richtig hinhörten, wenn sie etwas sagte. Wenn Heidi morgens den Sozialraum aufschloss, setzte sie erst mal Kaffee auf, für die ganze Mannschaft. Das hatte sie am ersten Tag der Maßnahme getan, und seither hielt es jedermann für selbstverständlich, dass Heidi das auch weiterhin tun würde, bis zum Ende aller Kaffeeplantagen und Maßnahmen zur Wiedereingliederung älterer Langzeitarbeitsloser.

Einmal hatte ich gutgelaunt die Tür zum Sozialraum aufgetreten und vor mich hingeflötet, und da ich mir sicher war, allein zu sein, liess ich noch schön einen fahren – es knatterte wie ein einlaufendes Fax, laut und übelriechend. Und genau in dem Moment, wo ich mir den Muff vom Hintern wedeln wollte, sah ich sie im fahlen Licht am Tisch sitzen, ganz still.

„Oha..“, sagte ich.

Heidi lächelte.

„Ich dachte..“, setzte ich an.

„Ja, ich weiß“, unterbrach sie mich belustigt, „das denken alle. Dass sie alleine sind, wenn ich im Raum bin.”

Das war ein trauriger Satz, natürlich, aber sie hatte ihn mit einem wissenden kleinen Schmunzeln eingeleitet, daher dachte ich, okay, das geht in Ordnung. Sie wird sich nicht gerade den Strick nehmen, wenn ich gleich hier raus bin.

*

Man hatte uns engagiert, um das Publikum an die Hand zu nehmen und durch eine Ausstellung zu führen, die im Rahmen eines internationalen Wettbewerbs entwickelt worden war, aber wir fungierten hauptsächlich als Aufpasser, weil die Besucher einfach nicht die Finger von den ausgestellten fünfzig Prototypen lassen konnten.

Mal stellten wir abends fest, dass irgendwo ein Stück Kunststoff abgebrochen war, konnten es aber nicht zuordnen, es lag im Gang herum. Mal fehlte ein Zinken an einer hypermodernen neuen Gabel, die sowieso kaum Zinken kannte, mal war das Micro Stadtauto beschädigt.

„Bitte nicht anfassen!“ „Please don’t touch!“ „Die Flossen da weg!“ hallte es durch den Kubus.

Im Spätsommer bummelte eine 30köpfige Delegation italienischer Bürgermeister und Bürgermeisterinnen aus dem Großraum Mailand durch die Ausstellung. Man war auf Besichtigungstour durchs Ruhrgebiet, wie der deutsche Organisator erklärte, und wollte sich anschauen, was Designstudenten aus Europa im Ruhrgebiet so auszustellen hatten.

„Ruhrgebiet..? Dass Solingen und das Ruhrgebiet wenig miteinander zu schaffen haben, ist Ihnen aber schon klar“, sprach ich zu ihm. „Oder nicht?“

Er blickte ertappt, ein bisschen angefressen, ein bisschen ganz schön griesgrämig.

„Das weiß ich schon, ja. Aber die Ausstellung passt nun mal in den Rahmen der Rundreise. Ich meine, die Damen und Herren sind ja alle aus der Umgebung von Mailand, also, die haben naturgemäß mit Design viel am Hut. Und ob Solingen nun zum Ruhrgebiet gehört oder nicht..“

Er wartete, dass ich naturalmente antwortete, interessiert die sowieso nicht. Weil von mir aber nichts kam, musterte er den Bratarsch einer italienischen Dorfbürgermeisterin, die sich in diesem Moment zum neokonzeptionellen Kuchengeschirr runterbückte, dem exzentrischen Beitrag einer Design-Studentin aus Ljubljana, wie das winzige Schildchen am Objekt verriet.

„PLEASE, DON’T TOUCH!“

Kollegin Camilla schnellte aus ihrem Stühlchen hoch, trotz ihres immensen Bratarsches.

Willkommen im Europa der Bratärsche.

„Heute Nachmittag sind wir im Binnenhafen Duisburg zu Gast“, fuhr der Organisator der Rundreise fort, während ich mich unauffällig aus dem Kubus entfernte. Das war eine Spezialität von mir, Ergebnis langjähriger Praxis:  Leine ziehen, mich verpissen, schön davonstehlen. Darin war ich die Nummer 1. Einer der ganz großen Könner auf dem Gebiet des Vom-Acker-Machens. Davonstehlen war der goldene Boden, auf dem ich mich bewegte.

Vor dem prächtigen Bahnhofgebäude stand Kollege Donato, ein lässiger Sizilianer, dafür bekannt, neunundneunzig Prozent seiner Arbeitszeit mit dem Handy am Ohr zu verbringen. Das restliche Prozentpünktchen gingen fürs Eingelen des Haupthaars und fürs Smoken drauf, wie er meinte. Er rauchte abwechselnd Pall Mall ohne Filter und Peter Stuyvesant, eine abenteuerliche Mischung. War Peter Stuyvesant die Zigarette für den Weltbürger, dem alles leicht von der Hand ging, so reichten Pall Mall laut Werbeplakaten bis weit in den Weltraum und waren starker Tobak.

Der Sizilianer machte keinen Hehl aus seiner Verachtung für Ein-Euro-Jobs und der Kunst-Ausstellung, diesem ganzen Design-Schnickschnack aus mobilen Zahnarztstühlen, ferngesteuerten Tischleindeckdichs und wellenförmigem Essbesteck. Auch ich hatte Schwierigkeiten, das ganze Brimborium Ernst zu nehmen, irgendwie kam mir alles wie Camping vor, was die Studenten sich ausgedacht hatten, alles andere als camp.

(Anstatt irgendwelche lächerlichen Kühlschränke zu “erfinden”, die übers Internet automatisch Milch nachbestellen, wenn die alte Packung leer ist, sollten sich Erfinder und Designer von heute lieber um die wirklich relevanten Dinge kümmern, etwa den unerbittlichen Kampf unter Geschwistern um die beste Zitze der Mutter. Da geht’s wirklich um die MILCH.)

*

Zur Mittagszeit floh die 60beinige Delegation aus Mailand ins benachbarte Edel-Restaurant.

„Sag mal, womit füttert ihr die Italiener denn ab?“ fragte ich einen der geschürzten Kellner, ein arroganter Bube mit Drei-Tage-Bart, der uns Ein-Euro-Jobber gern von oben herab behandelte. „Spaghetti Carbonara?“

Er zog die linke Augenbraue in die Höhe, wodurch die gesamte linke Gesichtshälfte ins Rutschen geriet. Er sah plötzlich sehr mitgenommen aus, wie nach dem Schlaganfall. So hättest du nie und nimmer einen Ein-Euro-Job bei uns ergattert, dachte ich, nicht bei uns, Freundchen, mit dieser Fratze, halb in den Hals gerutscht.

„Die kriegen Rheinischen Sauerbraten“, murrte er, „mit Möhrchen untereinander.“

*

Ich beobachtete die Schuljungs, die sich am Bahnhofsvorplatz die Beine in die Skateboards standen, wer der Chilligste war. Sobald einer der Picos sich herabliess und ein Kunststück vorführte, kam Trixi angesprungen, die ältere Pudeldame, die zum Inventar der Spielhalle Die Dose gehörte. Trixi hatte Herztabletten und ein neues Hormonpflaster verschrieben bekommen, und nun tanzte und hüpfte sie um die Skater herum, wie ein fabrikneuer Tischtennisball.

Dann war da noch Charly, der hagere alte Billard-Gauner mit dem Kaspergesicht, der in der Dose als Aufpasser beschäftigt war, sowie als inoffizieller Rattenfänger. Das Gelände um den alten Hauptbahnhof hatte einige Jahre brach gelegen, nun verteidigten die Ratten ihr angestammtes Revier, wollten es nicht kampflos hergeben. Langanhaltender Regen spülte die Viecher aus ihren Löchern, sie promenierten die Bahnhofsstraße rauf und runter, in einer Selbstverständlichkeit, die den alten Billard-Gauner Charly provozierte und fast um den Verstand brachte.

„VERFLUCHTES GELICHTER!“ brüllte er, und ging auf die Hatz.

Er hatte sich dieses Luftgewehr besorgt. Ich hörte einen Knall und ging nachsehen. Der alte Gauner hielt eine fette Ratte beim Schwanz gepackt und ließ sie kopfüber baumeln. Er erklärte sie schon für tot, bis die Ratte sich in seinen Händen plötzlich aufbäumte und nach ihm schnappte. Erschrocken warf Charly sie in Richtung Wiese, das Tier landete auf allen vieren und flüchtete im Zickzack davon, während der Rentner mit dem Luftgewehr nachsetzte, umsonst.

*

Meine Kolleginnen Camilla und Ute, zwei renitente Polit-Weiber, Lieblings-Begriffe faschistoid und Mandat, saßen in der Schalterhalle im Kubus auf ihren Aufpasserstühlchen und verquasselten die Zeit. Dieser unbändige Drang zu quasseln ohne Pause, es machte mich kirre, auch wenn ich mich gar nicht daran beteiligte. Ich musste mich echt in acht nehmen, dass ich nicht wahnsinnig wurde, wenn ich mich in der Nähe der beiden aufhielt. Dass sie mich nicht ansteckten. Dass ich nicht plötzlich in ihren Bann geriet und mitplauderte.

Camilla, sie hieß mit Nachnamen Taylor, seit sie in jungen Jahren einen US-Soldaten geehelicht und bald wieder verlassen hatte, Camilla Taylor also: Hätte sich mit diesem Namen nicht Karriere machen lassen, ich meine, was sprach dagegen?

Sie selbst, wie ich bald erfahren sollte.

Mir ist jedenfalls nie wieder ein Weibsbild begegnet, das beim Gehen so bekloppt mit den Armen ruderte und schlenkerte. Das heißt, es war ja nur ein Arm, der ruderte und schlenkerte, der andere konnte nicht rudern und schlenkern, er war von der großen Handtasche blockiert. Camilla marschierte durch den engen Kubus wie beim nordkoreanischen Militär, im Stechschritt, einarmig schlenkernd und quasselnd. Ein anatomisches Wunderkind, mit einer großen Handtasche.

Camilla hatte sich mit Ute angefreundet, eine fast zwangsläufige Geschichte. Ute, gelernte Sozialarbeiterin, hatte wie Camilla ihren langjährigen Job verloren. Darüber war sie korpulent und missgünstig geworden, sie glaubte, im Leben ständig zu kurz zu kommen und gönnte sich daher beim Abendessen gern eine Extraportion Kohlenhydrate.Sie war ein Bollwerk aus Nudeln, das mit den Männern abgeschlossen hatte. Männer existierten im Weltbild von Ute nur noch als faschistoide Tittengrabscher.

*

„Wenn schon dicke Titten, dann richtige Euter wie in alten Russ Meyer-Filmen, nicht die künstlichen Ballerbrüste mit Silikon drin“, stänkerte Kollege Norbert, ein arbeitsloser Foto-Laborant, der dabei erwischt worden war, wie er während der Arbeitszeit Pornos aus dem Internet gezogen hatte. Wir hatten alle herzlich gelacht, bis auf Camilla und Ute. Die nicht.

Meist hockten Camilla und Ute beieinander und hetzten über Kapitalisten und Männer und große Konzerne, was in ihren Augen alles ein und dasselbe war. Ich konnte nichts damit anfangen. Linke Aktivisten waren mir ein Greuel. Sie hatten zwar in vielem Recht, was sie anprangerten, das Dumme war nur, dass ständiges Rechthaben nach Rechthaberei klang, und das wollte niemand hören.

„Frag doch mal die Jugend“, hatte ich zu Camilla gemeint, „ob die noch groß Gerechtigkeit wollen. Ob die das Thema groß interessiert. Die wollen einen schicken Job und ein schickes Auto mit Interieur aus dem Urwald. Das wollen die. Deine beschissene Gerechtigkeit ist denen total schnuppe.“

Camilla quietschte vor Zorn. Ihre Schneidezähne waren stumpf geworden vom vielen Saxofon blasen, sie war ein begeisterte Amateurmusikerin, (begeistert, nicht begnadet), und sie quietschte, wenn sie sich aufregte, wie eine rückwärts rasende Tanzmaus.

„Ich kämpfe für Gerechtigkeit und nicht für so eine.. Jugend“, entgegnete sie erregt, „ich kämpfe für.. für.. für mich!“

Eigentlich mochte ich sie gern. Camilla hatte Herz, und sie quietschte schön mit den Schneidezähnen.

„Und was deine Gerechtigkeit betrifft“, fuhr ich fort. „Würde man alle Ungerechtigkeit auf der Erde aufzählen, müsste man um Mitternacht anfangen, ohne Pause bis zum nächsten Abend durchmachen und dann früh zu Bett gehen, weil am nächsten Tag noch soviel Arbeit wartet.“

„Du spinnst“, meinte Camilla.

Sie war ein Mensch, der sich ständig für neue große Dinge begeistern musste, sonst wurde ihr fad. Dummerweise haben große Dinge es so an sich, dass sie selten geschehen, und kleine Dinge fallen durch den Rost. Da muss man sich schon vorsehen, dass am Ende überhaupt was übrig bleibt.

Einmal liess Camilla alte Fotos herumgehen, Fotos aus Kinder-und Teenietagen, auf denen ihre Augen noch sanft und voller Melodie gewesen waren. Wenn sie nun eine Doppelschicht im Kubus fuhr, was am Wochenende gang und gebe war, also von morgens um zehn bis abends um sechs, dann bröckelte spätestens am Nachmittag ihr Make up und sie sah aus wie eine vertrocknete alte Farbpatrone. Arme Camilla.

„Du spinnst“, quietschte sie.

*

Zwei Monate nach Eröffnung der Ausstellung kamen immer weniger Besucher, wir hatten nichts zu tun. Die meiste Zeit saßen wir auf unseren Stühlchen und lasen Clever & Smart-Heftchen oder vertändelten sonstwie die Zeit. Ich guckte auf meine Schuhe, Donato schraubte seine 90 Prozent Handy am Ohr auf 97 hoch, befand sich in schwindelerregenden Flatratehöhen und rauchte Pall Mall und Peter Stuyvesant.

Ein paar Tage vor Ausstellungsende erschien ein alter Mann auf Krücken in der Schalterhalle, in Begleitung seiner beiden Töchter. Wir erfuhren, dass er an diesem Tag seinen neunundneunzigsten (!) Geburtstag feierte. Ja, tatsächlich, er wurde 99 Jahre alt an diesem Tag.

Zu diesem Anlass hatte er sich eine kleine Tour durch seine geliebte Heimatstadt gewünscht, inklusive Abstecher zum restaurierten Alten Hauptbahnhof im Südpark.

„Nee! Wat is dat schön jeworden hier!“ fuchtelte er mit der Krücke vor meiner Nase herum. „Ich bin ja nen aulen Schlieper!“

Schlieper sind traditionelle Solinger Messerschleifer. Was im übrigen keine einfache Sache ist, Messerschleifen. Das ist eine Kunst für sich. Als Jugendlicher hab ich mal einen Tag lang als Ferienjob in einer Hinterhofbude auf der Baumstrasse  Gemüsemesser geschliffen, das war schwerer als erwartet. Die Messer konnte der Chef hinterher samt und sonders in die Tonne kloppen, so stumpf waren die Dinger geworden, wie Frotteehandtücher.

Für seine bald hundert Lebensjahre war der Alte noch verdammt rüstig und rosig um die Backen. Er packte sich das ausgestellte futuristische Kochgeschirr der Design-Studentin aus Ljubljana und verteilte darauf seine Fingerabdrücke, als wäre er in eine Live-Ausgabe von Aktenzeichen XY geraten.

„Och, nee! So wat gab et aber früher nich!“

„Vati, nicht anfassen..!“ sprangen seine Töchter hinzu, auch schon um die sechzig. hingen doch überall diese freundlichen NICHT ANFASSEN-Aufkleber, VORSICHT, EINZELSTÜCKE!

„Nee, is jut. Ich pack dat nich an. Is ja jut..“

Keine zwei Ausstellungsstücke weiter, die Krücke hatte der Alte längst der Tochter zugeschoben, patschte er mit den Fingern über die transportable Herdplatte.

„Is ja gar nich heiß!“ zwinkerte er.

„VATI!!“

Ich gratulierte natürlich zum Ehrentag. „Was ein stolzes Alter“, sagte ich.

„Ich wohn in Widdert“, sagte er. „Kennste Widdert?“

„Ja, sicher kenn ich Widdert. Ich bin Solinger.“

„Ich wohn aber hinten durch, unten an der Wupper, Untenwiddert. Kennste dat auch, Jung? Nächstes Jahr werd ich hundert. Kannste kommen. Bringste paar Puppen mit.“

Je länger der Familientrupp zu Gast war, desto mehr interessierte der Jubiliar sich für die Ausstellung. Eine internationale Jury hatte die gelungensten Exponate prämiiert. Ganz vorn war ein mobiler Trinkbrunnen gelandet, den man an jeden Hydranten anschließen konnte. Die Töchter fragten mich aus, wollten dieses und jenes wissen, und ich erzählte, was ich so alles gelernt hatte während der sechsmonatigen Ausstellung. Viel war es nicht. Eigentlich gar nichts. Ich stand schließlich ständig draußen in der Sonne, woher sollte ich wissen, was es mit dem Modell des City Micro Stadtautos auf sich hatte?!

Ich geriet ins Schwimmen. Ich kapierte das winzige Ding nicht. Es hatte merkwürdig starre Hinterräder, deren Funktionsweise mir niemand erklären konnte, geschweige denn ich dem Geburtstagskind, das überraschend fit im Kopf war.

„Sieht aus wie ne Lokomotive!“ rief er, die Patschefinger schon im Chassis. (Kunsthochschule Berlin-Weißensee). „Aber wie kann dat denn fahren? Dar fährt doch nich! Is doch viel zu stieselig!“

„Tja, das ist äh ein integrales Fahrzeugkonzept für den Individualverkehr“, las ich aus der beigefügten Konstruktionszeichnung die Überschrift vor. „Vielleicht wissen meine Kolleginnen, wie das genau funktioniert, Moment.“

Ich rief nach Camilla und Ute, erhielt aber keine Antwort. Camilla watschelte gerade stupszähnig Richtung Klo, die unvermeidliche Bio-Möhre in Arbeit, und Kollegin Ute hockte draußen in der Sonne und gönnte sich eine Portion Fertig-Nudelsalat, direkt aus dem Plastikkanister. So blieb die Verantwortung wohl oder übel an mir hängen. Die beiden Töchter des Alten blickten einander an.

„Tja, man kann sich das Personal nicht aussuchen“, bedauerte ich, und draußen knallte die Büchse. Charley, der alte Billardgauner aus der Dose, war wieder in Aktion.

„VERDAMMTES GELICHTER!“

Am Tag der Finissage kam ich mit dem Geschäftsführer des Design-Instituts ins Gespräch, das ebenfalls im Alten Bahnhofsgebäude untergebracht war. Man suchte einen Mitarbeiter für die Bibliothek, die, frisch ausgestattet mit 10.000 Büchern rund ums Thema Design, neu eröffnen sollte.

„Mach ich“, sagte ich, und schlug ein.

6 Gedanken zu „Camilla, und die Anderen

  1. “Oha..”, sagte ich.

    Heidi lächelte.

    “Ich dachte..”, setzte ich an.

    “Ja”, unterbrach sie mich belustigt, “das denken alle. Dass sie alleine sind, wenn ich im Raum bin..”

    (hab so laut glacht, im Büro guckten alle rüber..)

  2. Hallo Herr Glumm,
    ich finde Ihre Sicht auf die Dinge toll, nach dem Lesen Ihrer Geschichten habe ich immer das Gefühl für kurze Zeit die Welt auch so zu sehen.

Hätte ich doch besser die Fresse gehalten

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s