Böhse Onkelz Müllsack drei Euro fuffzig

Abendrunde mit Frau Moll. Im Park kommt mir Ben entgegen, mit Kinderwagen und Hund. Ben, 23, kräftig, Personenschützer, bleibt seit einem halben Jahr daheim und kümmert sich um die kleine Pauline, 18 Monate, während seine Freundin eine Ausbildung macht.

„Gleich kommt die Frau nach Hause, ich muß Essen machen.“

„Ist wahr?“

„Quatsch. Ich kann nicht kochen, Bruder. Nur Strammen Max und für die Kleine das Fläschchen warm machen.“

„Ich kann auch nicht kochen“, sag ich stolz, „nur unheimlich lecker essen.“

„Siehste.“

Wäre es nach Leuten wie Ben und mir gegangen, stünden wir jetzt nicht mit großen Kochfleischgehirnen in den Anlagen rum, wir zögen immer noch klapperdürr durch die Savanne.

Seitdem der Frühling Einzug hält und die Temperaturen konstant im 20er-Bereich lümmeln, seh ich Ben täglich den Kinderwagen durch den Park schieben. Was heißt schieben. Mit seiner ganzen antrainierten Personenschützerpower jagt er über den Parcours, als wäre eine Bombe in seinem Kinderwagen, und zwischendurch bleibt er stehen und brüllt nach Taylor, seinem bekloppten Hund, der immerzu gerade was ausgefressen hat, „TAYYLORRRR, HIERRR!!“

Taylor, ein kastrierter Belgischer Schäferhundrüde, wirbelt wie ein ungelenkes Fohlen über die Wiese, und wenn er beim Nachlaufenspielen mit anderen Rüden übermütig wird, ist er nicht mehr zu stoppen: Er knallt ungebremst ins Distel-Gebüsch, wo er jaulend zum Stehen kommt.

Ben kennt das schon.

„Darf ich ihm gleich die Stacheln wieder einzeln aus dem Sack ziehen. Der ist einfach zu blöd zum Anhalten.“

„Nee, nicht zu blöd, der ist zu jung zum Anhalten“, springe ich dem Rüden bei.

„Kann auch sein, Alter“, meckert Ben bekifft. Wie das so ist mit dreiundzwanzig, ist Ben ein Kiffer vor dem Herren, am Wochenende ein Näschen Pep, warum nicht.

„Bruder, ich hab bei Ebay einen schwarzen Böhse Onkelz-Müllsack ersteigert, für drei Euro fufffzig.“

„Einen was?“

„Einen Böhse Onkelz Müllsack, schwarz, vom vorletzten Auftritt der Onkelz, 2005 am Lausitz-Ring.“

„Wieso, gibts die nicht mehr?“

„Die Onkelz haben sich aufgelöst! Wo lebst du denn?“ (Kein Bruder diesmal.)

Angeblich werden von den legendären letzten Onkelz-Konzerten nicht nur die vom Veranstalter ausgegebenen Müllsäcke mit Extra-Aufkleber versteigert, sondern auch die unverkauften Bierdosen, deren Mindesthaltbarkeit um einiges überschritten sein dürfte.

„Davon zieh ich mir noch ne Palette an Land, Bruder! 24 Büchsen!“

 

 

Bens scheue Freundin kommt in den Park, über den Kiesweg.  Taylor stürzt ihr jaulend entgegen. Ein seltener Anblick, Bens Freundin im Park. Ein seltener und ein klapperdürrer Anblick.

„Hallo“, wispert sie.

„Na“, meint Ben.

Sie blickt mir nie in die Augen. Ob nun aus Schüchternheit oder aus Scham, wegen iher schlechten Zähne, weiss der Geier. Sie guckt durch mich hindurch, den Mund halb geöffnet. Man sieht winzige weiße Zähnchen. Sie wirkt wie ein Gespenst, das sich morgens die Zähne putzt mit der Geisterzahnbürste.

Sie schaut kurz in den Kinderwagen, wo die kleine Pauline vor sich hinbrabbelt, und Ben erzählt ihr das gleiche wie mir zuvor. Von schwarzen Böhse Onkelz Müllsäcken, die man für drei Euro fuffzig im Internet..

„Du mit deinen blöden Onkelz“, sagt sie.

„Gar nicht blöd. Ich bin mit den Onkelz aufgewachsen. Fünfzehn Jahre hab ich nur Onkelz gehört..“

Sie verdreht die Augen.

Ich erinnere mich, wie ich Mitte der 80er Jahre erstmals Böhse Onkelz gelesen hab. Die Worte hatte jemand an eine Straßenlaterne in Solingen-Wald geschrieben, mit schwarzem Edding. Ich wusste nicht, dass es sich um einen Bandnamen handelte, ich dachte, da hätte jemand aus Spaß am Falschschreiben Böse Onkels falsch geschrieben. Ich erinnere mich, ziemlich lange dagestanden und Böhse Onkelz gelesen zu haben. Wieder und wieder.

Ben und seine Freundin wohnen um die Ecke. Ihre Bude ist mit Kleintier-Terrarien zugestellt. Sie halten eine große Würgeschlange, Echsen und Kröten und was weiss ich alles. Mir ist eigentlich alles suspekt, was auf dieser Erde unterwegs ist. Taylor, der Hund, wohnt im Sommer auf dem Balkon. Die Nachbarn rufen schon mal die Polizei. Wegen Ruhestörung oder wegen Tierquälerei. Dabei kümmert sich Ben vorbildlich um den Hund. Der wohnt halt nur auf dem Balkon im Sommer.

„Weißt du nicht, wer ne Perserkatze verkauft?“ fragt Ben.

Ich schüttle den Kopf.

„Keine Katze.. Ich will einen Goldhamster“, meint seine Freundin, was nun Ben mit einer Handbewegung abtut.

„Blödsinn. Wenn Taylor das Maul aufreisst, ist es um deinen Goldhamster geschehen. Dann ist der Brei.“

„Ist Taylor eigentlich kastriert?“ werfe ich ein.

„Klar. Wieso?“

Weil Frau Moll die Hitze hat. Sogar die Standhitze, die ganz brisanten Tage, an denen jede Hündinn den Schwanz aufrollt und den Weg frei macht für jeden noch so dummen Hundepimmel.

„Dann ist ja okay“, sag ich.

Taylor besteigt gerade Frau Moll und stößt zu, aber es ist bloß ein unrhythmisches theatralisches Scheinstoßen, als simuliere Taylor den Akt. Blitzschnell geht das alles, wie im Spielfilm, nur nicht so schön geschnitten und ohne Zeitlupe.

Ben und ich eilen hinzu, (man weiss ja nie), und ich hole Taylor von Frau Moll runter. Aber es ist nichts passiert. Taylor steht hechelnd auf dem Kiesweg, Frau Moll blickt um sich, als warte sie auf den Bus. Später liegt sie im Gras, alle viere von sich gesteckt. Die großen Wiesen im Park sind frisch gemäht, atmen aus. Oder sind das die Ausdünstungen der Genossenschaftsgärtner, die gelangweilt ihrer Arbeit nachgehen, mit stoischem Hass auf alles Grüne? Ist auch egal, es riecht gut.

„Taylor hat doch gar keine Eier mehr“, meint Ben’s Freundin. „Kann doch gar nichts passieren.“

„Wer weiß. Vielleicht hat Taylor noch einen versteckten Schuß frei“, sagt Ben und nimmt mich beiseite. „Bruder, sag mal, du bist doch im Internet. Kannst du nicht mal gucken, ob du da was findest über Australische Beutelmäuse? Granate, die Viecher.“

Er erzählt von Beutelmäuse-Männchen, die im Testosteronrausch draufgehen, sobald sie ausgewachsen sind.

„Die Männchen vergessen zu essen und zu schlafen, wenn sie ein Weibchen riechen. Die legen sich sogar in ganzen Grüppchen auf die Lauer und fallen über die Weiber her. Ach nee, Moment. Andersrum. Die Weiber über die Männchen. Ich weiß nicht genau. Irgendwie so. Jedenfalls, die Männchen sind nach zwei Wochen Sex völlig verausgabt und fallen tot um. Granate, oder?“

„Hm. Keine Ahnung. Ob das Granate ist. Und so was willst du haben?“

„Bruder, logisch. Zwei Wochen volle Action im Käfig!!“

Zuvor würde er gern wissen, wie teuer Australische Beutelmäuse sind, ich soll das bitte mal recherchieren im Internet, Bruder, wäre nett, echt, ungelogen, ich schwöre.

„Ein Terrarium haben wir noch frei.“ Bens Augen leuchten vor Begeisterung. „In der Natur überleben die Männchen nicht, weil sie sonst den Weibchen die Nahrung streitig machen, und so viel Nahrung gibt der Busch nicht her.“

Bens Freundin steht plötzlich vor uns, keinen halben Meter entfernt. Sie guckt durch mich hindurch, den Mund halb geöffnet. Ich seh kleine weiße Zähnchen. Sie wirkt wie ein scheues Gespenst, das sich die Zähne putzt mit der Geisterzahnbürste.

„Schön, ich werd sehen, was ich tun kann“, verspreche ich Ben und schnippe eine ausgerauchte Zigarette ins Gebüsch. Taylor, der jedes Mal regelrecht krank wird, wenn Frau Moll läufig ist, (seine Zähne klappern, er schläft nicht, er ist richtig gestört), jagt kläffend der Kippe hinterher, als wär’s es ein Nikotinstöckchen.

„Der ist bekloppt, wa?“ strahlt Ben.

Hätte ich doch besser die Fresse gehalten

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