Karlos (2) – Kinski

Die knarrende Treppe im Haus gegenüber der Stadtkirche erstreckte sich über drei Etagen. Wenn ich die Mitte erreicht hatte, kam sie mir schon entgegen, die verruchte Stimme von Klaus Kinski, stets auf dem Weg ins Bordell, um etwas Zunge zu ergaunern, Ich bin so wild nach deinem Erdbeermund.

Was nun nicht zwingend bedeutete, dass Karlos wach war. Es war auch möglich, dass er wieder eingepennt war, nachdem er sein Lieblingsalbum aufgelegt hatte, sein Mantra, Francois Villons Erdbeermund, das er selbst noch im Schlaf inhalierte.

Damals war es schwer in Mode, den Bizeps mit ausgewählten Gedichten anzudicken. Vor Verlassen des Hauses vielleicht ein dürres Reclam-Heftchen einzustecken, aus der Reihe Universal-Bibliothek, mit Texten von Dickinson, Poe, Beckett. Schnaat bevorzugte Arthur Rimbauds Kracher Eine Zeit in der Hölle/Une Saison en Enfer in der Gesäßtasche, die zweisprachige Ausgabe Deutsch/Französisch, aus der wir uns beim Saufen gegenseitig vorlasen.

Einst, wenn ich mich recht erinnere, war mein Leben ein üppiges Fest, da öffneten sich alle Herzen, da flossen alle Weine..

Was für herrliche Worte, besonders wenn man selbst erst neunzehn ist und mittendrin steckt, wenn allein die Vorstellung, dereinst zurückzublicken noch sentimentale Verzückung auslöst, weil das Alter noch weit weg ist, in einer anderen Dimension, weil du noch nicht gehörnt bist vom schmutzigsten aller Nebenbuhler, dem Verfall.

Karlos war vernarrt Klaus Kinski. Lange vor unserer Zeit war Kinski mit Rezitationsabenden durch die Republik gezogen. Er hatte große Hallen gefüllt mit Gedichten von Rimbaud und Francois Villon, es war Kinskis beste Zeit gewesen.

Es war großartig. Er wimmerte, er flehte, er  gärte, er tanzte, er bellte, er mordete. Er klang wie der leibhaftige Chef-Insasse, der live zugeschaltet aus dem späten Mittelalter zu uns sprach, Francois Villon, in Pariser Spelunken geboren und nun als gebrochene Bestie um einen Kuss bettelnd, um Verzeihung, um Absolution.

Kinski war Villon. Die robust-zarte Beklopptheit, diese Mischung aus ein wilder Geselle sein zu wollen und wirklich einen an der Klatsche zu haben, sie hatte Kinski schon 1959 ins Aufnahmestudio getrieben. Mich erinnerte der Erdbeermund an die Märchenplatten meiner Kindheit, an Grimms Märchen, mit dem Unterschied, dass der Märchenerzähler hier selbst der Höllenhund war, der das Tor zu Gold und Edelstein bewachte.

Aber es gab auch zärtliche Passagen, zart wie in der Kindheit, wenn man den Schorf vorsichtig von der Wunde abknibbelt und darunter schimmert schon der Glanz einer neuen rosa Haut.

Da Karlos ein bedingungsloser Verehrer von Kinski war und wir damals eine Menge Zeit miteinander verbrachten, konnte auch ich das Gesaue und Gezärtel im Erdbeermund stellenweise mitsprechen, mitmorden, mitbetteln, bis das Album sich eines Tages verabschiedete und ohne viel Worte materialmüde auseinanderbrach.

Oben an der Mansarde angekommen, klopfte ich kurz an die Zimmertür und stieß sie auf, ohne auf Reaktion zu warten. Karlos lag im Dunkeln und verschwand unter einer riesigen Daunendecke. Es war weit nach Mittag. Nur seine Nasenspitze lugte hervor, rot und cholerisch, ein gewaltiges Teil, mit dem man nach Würmern graben konnte.

Es stank nach Schweiß und nach Schnaps. Wobei der Schnapsgestank davon abhing, was am Vorabend getankt worden war. Lag Baumrinde in der Luft, war es Amaretto gewesen, müffte es nach geschmolzenem Fliegenfänger, dann Metaxa. Mir blieb die Luft weg. Das war nicht der Vorhof der Hölle, das war die Hölle, Rimbauds Une Saison en Enfer, und da lag der Höllenhund in seinem weichen Kerker, und er schnarchte.

“Wenn Karlos schon wach ist..”, hörte ich seine Mutter aus dem Erdgeschoss durchs Spalier der Treppengeländer rufen, “er soll runterkommen, Essen ist gleich fertig..!”

Pause.

“Willst du einen Happen mitessen?”

Ich antwortete nicht, Karlos schlug die Augen auf und  murmelte “Die soll mirn 103er hochbringen” und gackerte. Ein Lebenszeichen. Er wach wach. Jedenfalls nicht tot.

Auf Ich bin so wild nach deinem Erdbeermund gab es auch helle, geradezu zärtliche Passagen, die einem das Gefühl vermittelten, Kinski hätte beim Rezitieren seine übliche Abordnung Schmetterlinge empfangen, doch vieles auf der Platte blieb düster, Gejammer. Es gab Tage, da ging mir Kinskis Stimme auf den Geist, ich konnte ihn nicht ertragen, besonders im Sommer, wenn draussen das Leben drängte und ich mittags in einem efeuumrankten Haus in der City der Dunkelkammer unterm Dach entgegenstieg, wo einen alte Socken und trübes Sprechtheater erwartete.

“Nun mach schon hin”, stiess ich Karlos an, “draussen ist heller Tag, die Puppen warten”, und wenn er die Decke endlich fortstieß und empört Richtung Badezimmer tapperte, (“einmal schön auspennen, nee, is nich drin, vergiss es, die Herrschaften wollen das nicht”), nahm ich den Erdbeermund vom Plattenteller und suchte eine Alternative. Was so einfach nicht war, bei Karlos’ spärlich bestückter Plattensammlung:

The Monkees, Ernst Jandl.

Ich zog die olle Klampfe unterm Bett hervor, eine verstimmte und nicht mehr ganz bundreine Wandergitarre, die so gerade für zwei, drei knackige Chuck Berry-Riffs taugte, die Schnaat mir im Haus der Jugend beigebracht hatte, with no particular place to go, und wenn Karlos vom Pott kam und meinen Duckwalk an seiner verstimmten Klira sah, war er ruckzuck in den Klamotten. Er war ausgehfertig in nicht mal einer Minute, mit einer rasend schnellen Kippe im Hals, in der Eile falschrum aufgesetzt.

“Mann, Glumm, lass uns endlich losmachen, du Penner!”

*

1983, re. Karlos, li. Glumm

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Ein Gedanke zu „Karlos (2) – Kinski

  1. – Was für herrliche Worte, besonders wenn man selbst erst 19 ist und mittendrin steckt, wenn allein die Vorstellung, dereinst zurückzublicken noch sentimentale Verzückung auslöst, weil das Alter noch in einer anderen Dimension steckt, weit weit weg und noch nicht gehörnt vom schmutzigsten aller Nebenbuhler, dem Verfall. –

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