Fischbrötchen

Der Fischladen war das erste Haus am Platze und über die Stadtgrenzen hinaus bekannt für seine Fischbrötchen mit Mayonnaise.  Wer das vollverflieste, stets heruntergekühlte Geschäft in der Innenstadt betrat, musste sich auf eine lange Warteschlange gefasst machen, und so blieb genug Zeit, um sich auf die Begegnung mit der Ersten Verkäuferin einzustellen. Sich taktisch zu rüsten für den Moment, an dem man an der Reihe war und nicht das Glück hatte, von der zweiten oder dritten Verkäuferin bedient zu werden.

Es war eine Mischung aus Furcht und Bewunderung, die der Ersten entgegenschlug. Ein großes Weibsbild mit breiten autoritären Schultern, das stets enge körperbetonte Blusen trug und ein Jäckchen, unter dem ein großer, nach Luft schnappender Busen hin und herwog. Ein Busen, der, wenn sie einen Kunden vor versammelter Mannschaft abkanzelte, astmathische Geräusche von sich gab, wie zwei bis zum Anschlag aufgepumpte Ballons, die jeden Moment platzen.

„JA WIRD DAS HIER NOCH MAL WAS MIT DEM KLEINGELD, JUNGER MANN?! ODER MUSS ICH ERST RÜBERKOMMEN UND ES MIR SELBST HOLEN?“

Dabei verzog sie den Mund, als wäre ihr in diesem Moment alles, aber auch wirklich ALLES auf der Welt lieber, als über die Theke zu steigen und in den Taschen eines Kunden nach Moneten zu suchen.

Natürlich, es gab Beschwerden, hinter vorgehaltener Hand. Da der Junior-Chef aber selbst Manschetten vor einem Anpfiff  seiner langjährigen Mitarbeiterin hatte, gab es von ihm nur vorsichtige Andeutungen, ihre, je nun, etwas direkte Art könne den einen oder anderen Kunden eventuell überfordern, („BOCKMIST!“ bügelte sie ihn ab, „TOTALER SCHEISS!“), und so führte die Maßregelung lediglich dazu, dass die Erste die Kundschaft fortan siezte, eine Weile jedenfalls, beim Anranzen, „HE, SIE KNALLTÜTE, DA FEHLT NOCH EIN PFENNIG!“

Sensiblere Kunden trauten sich erst in den Laden, wenn die Erste Feierabend hatte, oder Dienstags, an ihrem freien Tag. Da war die Bude brechend voll, und vereinzelt war sogar ein freundliches Wort zu hören. („Entschuldigung, die Dame, aber Sie haben da etwas Hering am Ärmel.“)  Dass aber so viele andere Menschen die Demütigungen durch die Erste ohne Murren hinnahmen, lag einzig und allein an den herrlichen Backfischbrötchen mit hausgemachter Mayonnaise, die seit Generationen an diesem Standort verkauft wurden.

Zusätzlich angeheizt wurde der Kult durch eine im Außenbereich installierte kleine Belüftungsmaschine, ein richtiges Kraftpaket, das den Geruch von frittiertem Backfisch in der halben Innenstadt verteilte, herbei, herbei, bis auch dem letzten Passanten das Wasser im Mund zusammenlief – ob ihm das nun recht war oder nicht.

Ich erinnere mich an einen Samstagvormittag im Mumms, als dem schwer verkaterten Benzini, auch bekannt als Kater Karlo der Nordstadt, der Sabber aus den Mundwinkeln sickerte, nur weil die Tür aufstand und irgendjemand ein Fischbrötchen erwähnt hatte, „..mit doppelt Mayo..“

Das nächste Bild in meiner Erinnerung zeigt Benzini im Laufschritt Richtung Fischgeschäft, und noch ein Bild weiter kehrt er schon wieder ins Mumms zurück, die ganze Fresse mayonnaiseverschmiert, wie ein Pornodarsteller nach dem Scum Shot, aber ins eigene Gesicht!

Zurück zur Ersten. Es war weniger die große Klappe, die den Leuten Angst einjagte, es war dieses offensive Gesicht, mit dem das burschikose Weib ihre kleinen Unverschämtheiten servierte, dieser standfeste klare Blick, der einen zusätzlich unter Druck setzte, wenn man sich zum Beispiel erkundigte, wie denn Schillerlocken schmecken.

„WOHER SOLL ICH WISSEN, OB IHNEN DAS SCHMECKT ODER NICHT SCHMECKT!! STECK ICH ETWA IN IHREM HALS? BIN ICH FRAU NOSTRADAMUS??“

Die Erste hatte gewaltige Attentats-Titten, sie war ein Machtmensch, sie war die Machiavelli aller innerstädtischen stockkonservativen Fischläden und das exakte Gegenteil einer zuvorkommenden Fischfachverkäuferin heutiger Prägung. Niemals wäre sie auf die Idee gekommen, einen schönen Tag zu wünschen oder sich zu bedanken für den Einkauf, beehren Sie uns bald wieder. Nichts da. Sie war eine ganzjährige Jahrmarkts-Attraktion, die man aufmerksam beobachten musste, schliesslich war es jederzeit möglich, dass die Kundin vor einem in die Pfanne gehauen wurde – und dann war man dabei gewesen und hatte eine Woche lang was zu erzählen, was garantiert jeden, ich meine j-e-d-e-n interessierte.

„JA, WIRD DAS HEUTE NOCH WAS MIT IHNEN!? DAS MÜSSEN SIE SICH SCHON VORHER ÜBERLEGEN, WAS ES SEIN SOLL, EINE EINFACHE ODER EINE DOPPELTE PORTION! ALSO, HINTEN ANSTELLEN UND NOCHMAL VON VORN DAS GANZE, JUNGE FRAU! DER NÄCHSTE!“

Sympathisch war, dass die Erste ohne Ausnahme jeden für einen Volltrottel zu halten schien und dabei vor nichts und niemanden halt machte. Hierarchie spielte keine Rolle für sie. Selbst die Oberbürgermeisterin bekam ihr Fett weg.

„HE, SIE DA! HABEN SIE DEN SCHNEEMATSCH MIT HEREINGEBRACHT?? NICHT? NEIN!?? NA SCHÖN. SOLANGE SICH DER VERURSACHER NICHT MELDET, VERLÄSST HIER KEIN TROCKEN BRÖTCHEN MEHR DEN LADEN. MIT MIR NICHT, FREUNDE! DAS WÄR JA NOCH SCHÖNER, MIT MIR DEN MOLLI MACHEN!“

Es gab nur eine Möglichkeit, mit heiler Haut davonzukommen: Man durfte einfach nichts falsch machen, wenn man an der Reihe war. Dummerweise bot selbst das keine hundertprozentige Garantie. Der kleine Bergfrede hat mal in der Schlange vor mir nur ein winziges Sekündchen zu lange gezögert, bevor er die Bestellung aufgab, (ein Fischbrötchen ohne Mayo, was an sich schon Frevel war), schon wars vorbei. Zu lange gezögert. Aus, und vorbei.

„GLAUBEN SIE ETWA, ICH HAB DEN GANZEN TAG ZEIT, ICH STEH MIR HIER ZUM VERGNÜGEN DIE BEINE IN DEN WEISSEN BAUCH?! NEE, MEIN FREUND, ICH KÖNNT MIR AUCH WAS SCHÖNERES VORSTELLEN, ALS TAG FÜR TAG EIMERWEISE FISCH ZU VERHÖKERN! HE, SIE DA HINTEN! DIE TÜR ZU! DAS ZIEHT JA WIE HECHTSUPPE!“

Sie war eine Göttin.

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6 Gedanken zu „Fischbrötchen

  1. … das war die Chefin. Eindeutig daran zu erkennen, dass auch der Ehemann (immer hinten an der Fischtheke) tüchtig was abbekam. Die Spanierin ist immer noch da – schöne Hände – achte mal drauf.

    Jens

  2. hi glumm, du bist einfach unbezahlbar!
    ich kenn die verkäuferin ausem fisch schneider.
    war mein samstag stammprogramm: einkaufen mit meinen
    eltern im karstadt und vorher zu der fisch domina.
    ich pack das zeug nich mehr an!
    hennes

  3. Pingback: I hear you knocking « Glumm

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