Brown shoes don’t make it

In der Zigarettenpause stand ich mit diesem Mittzwanziger zusammen, einem neugierigen kleinen Nerd. Wir unterhielten uns über Musik, und als die Sprache auf mein Alter kam und er ein bißchen rechnete, machte er große Augen.

Dann hast du ja die 70er richtig miterlebt?! staunte er.

In diesem Moment hätte ich ihn um sämtliche Passwörter seiner Erbtante bitten können, er hätte bereitwillig alles herausgerückt inklusive Erbtantchen selbst, nur weil da jemand LEIBHAFTIG vor ihm stand, der Led Zep und Zappa und Punk und Wir Kinder vom Bahnhof Zoo überlebt hat und ihm davon, vielleicht, erzählen konnte – ich hätte es ausnutzen sollen, verdammt. Hab ich denn gar nichts gelernt in diesem Jahrzehnt?? Außer überleben?

Und Zappa hören.

Bobby Browng goes down, Frank Zappas einziger Monster-Hit, erschien 1980 und strotzte nur so vor Witz: My car is fast, my teeth are shiney, I tell all the girls they can kiss my heini verhohnepiepelte er den All American Boy, ein später, ein verdienter Erfolg für Zappa, doch unsere große Zappa-Zeit war da eigentlich schon vorüber.

Das war Mitte der Siebziger, als wir uns abends beim Rüttgers trafen, einem fanatischen Zappa-Verehrer, der immer auf dem neuesten Stand war und Bootleg-Scheiben aus Übersee sammelte.

Rüttgers riesige naturkrause Matte ähnelte meiner, war aber dunkler, negroider. Mehr Animal. Er war ein paar Jahre älter und der erste in unserer Clique, der eine eigene Bude hatte, nachdem sein psychopathischer Vater ihn in einer Nacht-und Nebelaktion, die wir alle miterleben durften, rausgeworfen hatte, die Treppe runter, Sack Klamotten hinterher: LASS DICH HIER NIE MEHR BLICKEN, DU STÜCK SCHEISSE! DU MACHST DEINER MUTTER NUR KUMMER!

Keine zweihundert Meter entfernt bezog er eine kleine Genossenschaftswohnung, die sich schnell zur lokalen Zappa-Zentrale mauserte. Rüttgers im Tross auf die Bude rücken, wo aus allen Tüten, Pfeifen, Shilums gekifft wurde, das zählt zu den schrägsten Erinnerungen an 1977, als wir Haschisch und Acid-Trips entdeckten während die Rote Armee Fraktion Polit-Bonzen entführte, deren Namen wie Knäckebrot klangen. In der bergischen Diaspora blieben die Steine im Pflaster, bei uns hieß es, RÜTTGERS, SCHMEISS DIE MÜTTER AUF DEN PLATTENTELLER UND MACH NOCH EINEN RUND, DU PENNER!!!

Wer jemals nächtelang gemeinsam gekifft und gesungen hat, vergisst das nie wieder, auf alle Ewigkeit bleibt ein rührendes Gefühl von Zuneigung zurück. Man kann nicht gemeinsam die Nacht durchsingen, wenn man sich nicht liebt, und Jungs mit Siebzehn lieben bedingungslos, besonders sich selbst und sämtliche besten Kumpel.

Das prägendste Zappalied befindet sich auf dem Live-Album Fillmore East, The Mothers, 1971. Es heisst Do you like my new car? und ist beinahe ein Theaterstück. Von einer lässigen kleinen Straßenmelodie getrieben liefern sich zwei Kerle mit den schneidigsten männlichsten Stimmen der Rockgeschichte ein Wortgefecht, eine Art Talking Blues. Niemals wieder hat eine Rock-Nummer so sehr unsere Phantasie angeregt wie Do you like my new car?, unterbrochen von einem Instrumental-Chaos, durch das man hindurch musste, um geläutert und erfrischt wieder zum Groove zu gelangen.

Do you like my new car? ist eine großformatige Comic-Show, die sich um ein neues futuristisches Auto namens Fillmore dreht. Ein grosses Auto, das durch Hollywood kurvt und alles aus dem Weg hupt, ICH HUP SE KAPUTT, tja, Zappa wusste schon immer sehr genau, worum es im Leben geht.

Nach dem Hören von Fillmore East waren wir regelmäßig so im Eimer, als hätten wir einen Zehnkampf plus Boxen über 12 Runden hingelegt, wir schleppten uns ausgepumpt über die Ziellinie und waren für den Rest des Abends versaut für jegliche andere Musik.

Überm Rüttgers wohnte ein undurchschaubarer bleicher Bursche, der versuchte LSD in Heimarbeit herzustellen. Sein Gesicht war aschfahl, aber die Bäckchen glühten wie Abendrot, sobald das Gespräch auf Acid kam. Kiffen war nicht sein Ding, und außer zu Rüttgers und uns hatte Holbein keinerlei Kontakt zur Szene. Er war zufällig an uns geraten, weil er schon eine Weile dort wohnte, als Rüttgers einzog.

Holbein studierte angeblich Chemie in Bonn, aber man sah ihn nie zu Vorlesungen fahren oder gar büffeln. Und über die Experimente, die er laut Rüttgers zuhause anstellte, verlor er kein Wort. Auch von Rüttgers, sonst doch so leutselig, erfuhren wir in dieser Hinsicht wenig. Einmal hörten wir ihn im Treppenhaus lauthals schimpfen, „du jagst uns noch alle in die Luft!“, worauf der bleichgesichtige Holbein seinen Mantel zuknöpfte, den Gürtel festzurrte und beleidigt davonmarschierte.

Dass es tatsächlich um LSD in Heimarbeit ging, erfuhren wir erst viel später. Holbein hatte sich auf dem Speicher eine kleine Dunkelkammer eingerichtet, weil gewisse Derivate unter Lichteinwirkung sofort verfielen, wie er mir und Pepe in einer vertraulichen Stunde anvertraute. Holbein, sonst doch so gehemmt, blühte richtig auf, als er von Massenformeln, Molekülen und Problemen bei der Vakuum-Herstellung sprach, und Pepe und ich glotzten ihn an, wir kapierten kein Wort.

Er war ein LSD-Soldat, eine seltene Pflanze mit bleichem Fruchstand. Weil er trotz mühsamer Recherche nicht an Mutterkorn herankam, unerläßlich für die Herstellung von LSD, versuchte er an eine Alternative zu gelangen, an den Samen einer Pflanze namens Morning Glory. Aber das klappte auch nicht. Es gab zwar eine Menge Schieber, die mit LSD dealten, aber von der Herstellung hatte niemand einen blassen Schimmer, geschweigedenn hatte je einer von Morning Glory gehört.

Bis auf Betty aus Remscheid. Die meinte eines Tages, Morning Glory, logisch, kenn ich, ist ne Teesorte, kann ich klarmachen, ein Früchtetee ist das, aber als wir Holbein davon erzählten, fing er vor Wut an zu schnauben und zu zittern und stieß nur gepresst hervor, „und dann muss das LSD fünf Minuten ziehen oder was!?“

Ich weiß nicht, was aus Holbein geworden ist, das Haus, in dem er und Rüttgers und ein gewaltiger Haufen Zappa-Platten wohnten, wurde 1978 abgerissen. Holbein verschwand in der Rheinschiene und wurde nie wieder gesehen, Rüttgers zog in die Nordstadt.

Aber zurück zu Zappa.

Zappa war der rotzfreche Gockel aus der Raucherecke, der sich über alles lustig machte. Die blassen Laumänner aus der Bibelstunde bekamen ihr Fett weg genauso wie die Mädels, die sich tonnenweise Clerasil ins Gesicht klatschten, weil sie es nicht besser wussten, aber alles zu wissen glaubten über schnieke Boys mit wiehernden weißen Zähnen. Das ganze Mittelmaß, all das Plastik – Zappa hatte für jeden ein As im Ärmel.

Frank Zappa und die Mothers of Invention sprachen den schroffen Siebzigern mehr aus dem Herzen als alle Saturday Night Fevers, Nevermind the Bollocks und Grandmaster Flashs zusammen. Zappa war düster und kompliziert, er war radikal, er war boshaft und wenn er Lust hatte, war er sogar eingängig und lud zum messerscharfen Schunkeln ein. Wer verletzt zurückblieb, hatte gut hingehört.

Zappa hasste alles, was mit Plastik und braunen Schuhen zu tun hatte, braune Plastikschuhe führten direkt in den Untergang. Das körnige Schwarzweiß-Poster, das Seine Haarigkeit Frank Zappa splitternackt auf dem Scheißhaus zeigt, prankte auf WIRKLICH jedem vierten WC inklusive Steuerbehörde, Davidswache, Puff in Barcelona. Ole! Rekordwert. Bis heute.

Als ich das erste Mal einen Film der Marx-Brothers sah, war ich irritiert. Konnte das sein..!!? Dieser durchgeknallte Kerl mit Zigarre im Mund, obszönem Ziegenbart und höhnischem Dada-Grinsen, ich mein, was zum Teufel hatte Frank Zappa in einer Komödie aus den 40er Jahren zu suchen?? Wie alt war der Kollege denn??? Fortan und bis zum Ende aller Screwball-Komödien waren Frank Zappa und Groucho Marx für mich ein und dieselbe Person, darauf lasse ich bis heute nichts kommen.

Gelacht haben wir beim Rüttgers mit der krausen Matte wie im Leben vermutlich nie wieder. In der kleinen Erdgeschossbude in Meigen roch es wie im Stall, wenn zwölf Jungs am Abend das Rollo runterließen und sich dicht gedrängt gegenseitig Kopfschüsse aus dampfenden Shilums verpassten bis zum finalen Lachkollaps, wobei Rüttgers den Einpeitscher gab.

Er war die Nordkurve von Frank Zappa.

Er kannte sämtliche Texte in-und auswendig, und wir folgten ihm ergeben. Noch heute wundere ich mich, wie selbstverständlich mir manche Text-Passage in den Sinn kommen, plötzlich und ohne Anlass. Wie etwa CAMARILLO BRILLO, das ich das letzte Mal 1982 herum gehört haben muss:

WELL, I WAS BORN TO HAVE ADVENTURE, SO I FOLLOWED UP THE STEPS..

Rüttgers, ältestes von vier Geschwistern, hatte ein herausplatzendes kehliges Organ, das dichte Kraushaar kämmte er zu einer Afro-Krone mit Seitenscheitel hoch, was ich in dieser Form nur noch ein einziges Mal gesehen hab, beim Sänger von Boney M, der gar kein Sänger war, wie sich später herausstellte. Rüttgers hingegen war ein echter Shouter, er war die begnadete europäische Autokino-Stimme von Frank Zappa, wenn der Maestro daheim in Nordamerika im Bett lag, Zigarren paffte und einschlief.

Obwohl, Zappa schlief nie.

Rüttgers hatte ständig Trouble mit den Nachbarn, die nachts kein Auge zutaten, es muss die Hölle gewesen sein. Gelächter, Geschepper, Gegröle, Klospülungen, Mütter, Gekiffe die ganze Nacht.

Bei dem hohen THC-Gehalt heutiger, auf Power getrimmten Marihuanasorten hat Kiffen nur noch wenig mit dem gemütlichen Ablachen früherer Zeiten gemein. Obwohl. Moment. Gemütlich ablachen?! WIR!? DAMALS? Dass ich nicht lache. War es nicht 1977, als wir einen Afghanen rauchten, der direkt aus der schwarzen Schuhcremefabrik des Teufels zu kommen schien? Der einem die Augen von innen verschnürte, der einem die Sterne in den Leib trieb? Und was war mit dem sagenhaften Pfund Sensemilla, im Schrebergarten von Benzinis Opa gezüchtet und geerntet und in zwei heißen Septembernächten verbraten, dass wir alle dachten, au weia, das wird nie wieder, da bleibt was zurück im Kopf, das kann nicht gutgehen?

Es blieb was zurück. Es blieb eine Menge zurück. Ich danke Gott für alles, was je zurückblieb in meinem Kopf.

Danke, o Herr!

Ein anderer Kumpel von Rüttgers war Banane-Martin. Banane-Martin war der Knaller, immer auf der Suche nach Brösel und Pillen, ein echter Fall von schwerem Haschischaucher. Jeden Abend, als Showdown quasi, führten Banane-Martin und Rüttgers einen Einakter auf, im bekifften Kopf.

Es war aus einer simplen kleinen Situation heraus entstanden, doch mit der Zeit dickte die Sache mehr und mehr an, wie ein Schneeball, der durch den Schnee rollt und mehr und mehr Masse ansetzt bis zuletzt ein riesiger Jux übrigblieb und alle den Lachflash bekamen und sich jeden Abend bepissten vor Vergnügen, dabei war alles, was wir zu sehen bekamen, Bauerntheater. Bergisch-Afghanisches Bauerntheater.

Den Anfang machte Rüttgers. Zugedröhnt zog er ein langes Solinger Brotmesser aus der Besteckschublade und wackelte von hinten auf Banane-Martin zu, der wie gewohnt am Kopfende des Tisches saß und sich schon wegduckte mit seinem ungewaschenen, gestresst schlotterndem langen Haar. Er wusste nur zu gut, was nun folgte, doch bekifft konnte Banane-Martin sich nicht wehren, bekifft war er hilflos, ein greinendes Äffchen auf der Drehorgel, und je näher Rüttgers ihm auf den Pelz rückte, das Messer in der Hand, von hinten, desto schlimmer wimmerte und greinte Banane-Martin bis er zuletzt mit den Nerven am Ende vom Stuhl rutschte und den großen hysterischen Kiffertod starb, während Rüttgers, der Ripper mit der krausen Boney M-Matte, ungerührt weiter auf Banane-Martin einstach, (pantomimisch natürlich), dabei More trouble every day schmetternd, von Zappas grandiosem Live-Album Roxy and elsewhere, während wir Jungs längst den Überblick verloren hatten und alles und jeden anfeuerten im Zimmertheater Meigen: Wir drehten durch, jeden Abend, und jede Vorstellung war garantiert ausverkauft, 12mal Afghanistan, 12mal Kinder, bitteschön.

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7 Gedanken zu „Brown shoes don’t make it

  1. he Mister Glumm,,
    das ist mal wieder ne geschichte nach meinem geschmack
    Es blieb was zurück. Es blieb eine Menge zurück. Ich danke Gott für alles, was je zurückblieb in meinem Kopf.

    Danke, o Herr!
    (wenn es ihn gibt)
    und wenn nicht danke ich zappa
    der absolute querkopf und ultrasoundtüftler
    ich liebe ihn
    und zweimal live erlebt
    im gleichen jahr / in berlin und münchen
    und münchen war der echte knaller
    wie deine geschichte
    ich danke dir

    lz

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  2. – Zappa war düster und kompliziert, er war radikal, er war boshaft und wenn er Lust hatte, war er sogar eingängig und lud zum messerscharfen Schunkeln ein. Wer verletzt zurückblieb, hatte gut hingehört. –

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  3. zappa – der vielleicht genialste soziopath des abendlandes. danke fürs hochholen ins vorderhirn. fillmore east (was nach dem konzert geschlossen wurde) war auch für mich eine initiation. favourite ist aber yellow shark.

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