Kleine Insektenkunde

Nishi Schumann hatte ihre Ausbildung zur Hotelfachfrau mit Bravour bestanden und war nun auf dem Sprung in die große weite Welt der internationalen Hotellerie. Sie hatte sich in Luxus-Resorts in Mailand und Moskau beworben, doch die Antworten ließen auf sich warten. Schließlich heuerte sie im Turm-Hotel an. Sie wollte Erfahrung sammeln, nicht zu Hause rumsitzen.

„Warum denn ausgerechnet bei uns?“ fragte ich.

„Ja wieso denn nicht? Ist doch schmuck hier, die ganze Aussicht hier oben im elften Stock und so, an klaren Tagen sieht man sogar den Dom und das Bayer-Kreuz in Leverkusen. Ist doch phantastisch. Dazu der geregelte Dienst, die netten Kollegen, ich mein du arbeitest schließlich auch hier – als Sprungbrett ist das Turm-Hotel voll okay find ich.. na klar ist das nicht Miami und so elegant.. na ja.“

Sobald sie den Mund aufsperrte, tanzten und surften die Worte, ihre Redegeschwindigkeit stellte alles in den Schatten. Es war 22 Uhr 20. Sie hatte seit zwanzig Minuten Dienstschluss, doch da ihr Wagen über Nacht in der Werkstatt war und der nächste Bus erst in einer Dreiviertelstunde fuhr, kauerte sie in meinem geliebten Chefsessel und futterte einen gemischten grünen Salat mit Joghurt-Dressing, wobei die Gabel unablässig gegen ihre Schneidezähne schlug: zangg zangg zangg! Auch wenn Nishi Schumann ein kleines Persönchen war, die Zähne standen wie Reklametafeln in ihrem Maul. Es klang grausam, es war stupid. Ich starrte verzweifelt in den Kabelfernseher. Hörte sie ihren eigenen Krach wirklich nicht? Natürlich kannte ich das Phänomen, dass man Geräusche toleriert, solange man sie nur selbst produziert, aber das hier war schon Umweltverletzung, das war ein Mordsound! Ich stand kurz davor, Nishi die Gabel zu entreißen und auf sie einzustechen, damit Ruhe war.

Und: Wie zum Henker konnte sie freiwillig auch nur eine Minute länger im Turm-Hotel ausharren als nötig?! Warum wartete sie nicht unten am Busbahnhof auf die letzten Bahn, bei diesem lauen Sommerlüftchen? Warum saß sie in meinem schönen Chefsessel und klaute mir den Spätfilm? Doch alle stillen Einwände kümmerten sie nicht, Nishi Schumann, wohnhaft in Remscheid, geboren in Japan, spachtelte ihren Krachsalat mit einem Gleichmut zu Ende, dass ich schon wieder den Hut zog vor soviel gelebtem Stumpfsinn.

ZZANGG ZZANKK!! schepperte es im Büro, ZZZANKK, wie in einer prolligen Porzellan-Manufaktur.

Eine Woche später fing sie mich abends in der elften Etage ab, als ich gerade aus dem Aufzug stieg. Sie war völlig aufgelöst, hatte hektische Flecken am Hals, Speichel flitzte umher wie aus der Spritzpistole.

„Endlich kommst du, da bist du ja endlich die Ablösung – Himmel sei Dank. Ich werd noch verrückt, hier hoppeln so eklige Insekten über den Flur.. die sehen aus wie so winzige Ziegen! Voll eklig! Ich kann die gar nicht richtig beschreiben!“

Ziegen? Was redete die da?

„Was für Ziegen?“

„Na keine.. Ziegen, so Insekten mit so Hörnern! Ich hab schon den ganzen Nachmittag versucht den Chef zu erreichen aber da geht keiner ran, bin ich froh, dass du hier bist – so was ekliges hab ich im Leben noch nicht gesehen, Gott ist mein Zeuge!!“

Ich hatte keine Ahnung, wovon sie sprach, sie war hysterisch und durch den Wind. Und wenn nur Gott ihr Zeuge war und sonst keiner, tja, schwierig. Ihr Kündigungsschreiben an den Chef hatte sie bereits aufgesetzt und unterzeichnet, sie bat mich, es der Chefin am folgenden Morgen auszuhändigen. In der Aufregung verdoppelte sich ihre Redegeschwindigkeit noch und erreichte locker die Frequenz, mit der Kolibris Zungenschlag üben.

Sie führte mich den Gang runter bis zur Wäschekammer.

„Da hab ich sie zuletzt gesehen. Hier sind sie reingehüpft über den Flur – ich weiß das klingt verrückt, du denkst auch die Schumann spinnt, aber jede Wette wenn du das Viech gesehen hättest mit so langen dünnen Hörnchen, so Antennen am Kopf. Iiih! Da geh ich nicht rein!“

„Setz dich erstmal hin“, schlug ich vor, „und beruhige dich.“

„Nein! Ich muss hier raus!“ schrie sie.

Es klingelte. Ihr Vater war mit dem Wagen gekommen, um sie abzuholen. Die Gegensprechanlage war gestört, es knackte so laut darin, ich konnte ihn kaum verstehen.

„Ja sie kommt gleich runter!“ rief ich auf gut Glück.

„Machs gut“, rief ich Nishi hinterher, doch sie drehte sich nicht mehr um und sprang in den Aufzug. Sobald sie fort war, setzte ich den gesamten elften Stock unter Flutlicht. Ich inspizierte zunächst die Wäschekammer, ergebnislos. Dann nahm ich mir den großen Frühstücksraum und alle Zimmer der elften Etage vor, die nicht vermietet waren. Doch nirgends eine Spur von einem unbekannten Insekt. Vielleicht hatten Geschäftsleute aus Afrika oder Südamerika irgendwelche exotischen Käfer eingeschleppt, davon las man immer wieder. In klimatisierten Gepäckräumen flogen die Dinger behaglich um die Welt und kletterten zuletzt im Turmhotel erfrischt aus dem Koffer, um in Übersee eine neue Kolonie zu eröffnen. Ein neues Insektenkonto anzulegen.

Weil aber nirgends auch nur die Spur eines Insekts zu finden war, begann ich den Frühstücksraum einzudecken. Ich bereitete das Buffet vor, ich machte die Rechnungen fertig für die Abreisen, die am Morgen anstanden, und ich nahm Telefonate entgegen.

„Wecken Punkt Sechs Uhr fünfundvierzig“, diktierte mir der Flensburger Arbeitsvermittler für Seefahrt angeschickert in den Block, als er nach Mitternacht an der Rezeption auftauchte. Er zog seine Mütze in die Stirn und freute sich schon aufs Veteranen-Wandern der Marinekameradschaft Flensburg, das Ende September wieder auf der Agenda stand, wie er stolz berichtete.

„Wir marschieren in Zwanziger-Blocks durch Flensburg und singen deutsches Liedgut, ein Lied nach dem anderen. Das ist es doch, was uns Deutsche so stark macht in der Welt, wollen wir doch mal ehrlich sein. Wenn jedes andere Volk schon schlapp macht, singt der Deutsche immer noch ein Lied, sein Lied..“

Er wankte besoffen den Gang hinunter auf sein Zimmer.

Wie gewohnt baute ich gegen vier im Büro das Nachtlager auf. Ich holte einige Sitzelemente vom Empfang rüber ins Büro sowie Laken, Decke und Kopfkissen aus der Wäschekammer. Wenn nichts dazwischen kam, waren jetzt zwei Stunden Ruhe angesagt, bis der Bäckersbursche gegen sechs klingelte und im Erdgeschoß zwei Körbe frische Brötchen und Teilchen in den Aufzug stellte.

Kaum hatte ich mein provisorisches Bett gebaut und mich hingelegt, nahm ich im Dunkeln eine Bewegung wahr, als sauste etwas über den Teppich, direkt an meinem Kopf vorbei. Nishi Schumanns Worte noch im Kopf war ich so ruckzuck auf den Beinen, dass ich fast vornüber kippte. Ich stürzte zum Lichtschalter, Festbeleuchtung! Ich ging in die Hocke und entdeckte unterm Schreibtisch eine Art zusammengeknülltes Staniolpapier mit langen Härchen. Der Corpus erzitterte. Es war widerlich. Es kam direkt aus dem Urwald. Es hatte kaum Statur, nichts, woran sich meine Augen festzuhalten vermochten. Ein winziger Zombie. Ich nahm ein Tempotaschentuch und näherte mich dem Wesen, innerlich kotzend. Der Ballen Staniol schien zu spüren, was Ambach war, entknitterte sich und stürzte stracks über den Teppichboden Richtung Fenster, weiter im Zickzack, wie eine Mini-Ziege von Fels zu Fels. Ich meinte sogar die Hörner zu erkennen, von denen Nishi gesprochen hatte.

Ich griff mir ein stabiles Feinschmecker-Magazin, rollte es zum Schlaginstrument, doch das Vieh war wendig, auf spindeldürren orientalisch-flinken Beinchen machte es sich vom Acker, aus dem Büro raus. Es tauchte unter, sprang hässlich durch die Bude, jedes Mal kam ich zu spät mit meinem Schlaginstrument. Ein gutes Dutzend Mal schlug ich ins Leere, das Insekt peitschte durchs Büro, ich hatte Gänsehaut am ganzen Körper. Weil es so unfassbar hässlich war, es jeder Beschreibung spottete.

Es war wie auf dem Set eines Horrorfilms. Maske, Kameramänner, Tonleute – alle waren kotzen gegangen, bloß ich war übrig geblieben, der Night Auditor. Der Gelackmeierte. Ich schloss die Bürotür, damit das Viech nicht entwischen konnte. Es schien eine Auszeit genommen zu haben, es hockte unterm Schreibtisch und zitterte. Es hatte Angst. Es war so hässlich, dass es Angst haben musste, zerschlagen zu werden wie ein mieser kleiner Mini-Konzern, der mit anderen miesen Mini-Konzernen Hässlichkeits-Absprachen getroffen hatte. Das dicke Telefonbuch Bergisches Land fiel mir ins Auge. Wuppertal, Solingen, Remscheid. Ich nahm es in beide Hände. Dann wartete ich ab. Mein Zeitpunkt würde kommen. Ich mach dich platt, dachte ich, Sauvieh! Und fletschte die Zähne.

Ich kletterte auf den Sessel und blieb darauf stehen, wie ein Feldherr in aussichtsreicher Position. Zombie, auf dich prasseln gleich drei bergische sturköpfige Großstädte nieder, in einem einzigen dicken Telefonbuch. Wir sehen uns im Ring, Mini-Luder! Als das Insekt sein Versteck verließ und frech über den Teppich hopste, ließ ich das dicke Telefonbuch BAPPFFF! aus zwei Metern Höhe zu Boden fallen. Der Zeitpunkt des Fallenlassens war genau berechnet, schließlich musste ich einkalkulieren, dass das Insekt weiterraste, wenn das Buch schon in der Luft war und fiel. Hätte ich das Telefonbuch nur einen Tick zu spät aus der Hand gelassen, das Mini-Monster wäre mir entwischt.

Es lag begraben unter Hunderttausenden bergischen Telefonnummern. Wuppertal – Solingen – Remscheid. Zusätzlich, um auf Nummer Sicher zu gehen, setzte ich meine ganzen achtzig Kilo aufs Telefonbuch, minutenlang. Eins der widerlichsten, je auf Erden gesehenen Kreaturen wurde arg zerquetscht. Als ich das Buch schließlich vorsichtig anhob, warf ich einen höhnischen Blick auf den Leichnam.

„Ja, jetzt bist du zerknirscht!“

Punkt sieben Uhr liefen der Chef und Chefin zum Frühdienst ein. Ich zeigte ihnen den Fang und erklärte, was sich in der Nacht abgespielt hatte.

„Ein zweiter Zombie muss aber noch auf Achse sein.“

„Wo..?“

„Ja wo, das weiß ich auch nicht.“

Der Chef hielt das Kündigungsschreiben in der Hand. Er war ganz verdattert.

„Wovon spricht die Schumann denn hier..? Zwei winzige Ziegen hoppeln wie die Häschen, das ist doch.. Kokolores! Margot, guck du dir das mal an, was der Glumm da im Büro zerquetscht hat! Sieht aus wie Snickers-Papier, oder nicht! Höchstens ne Heuschrecke!“

Er blickte mich an.

„Nichts für ungut, Herr Glumm, aber die Schumann spinnt doch!“

Seit er zufällig ein Telefongespräch belauscht hatte, wo Nishi einer Freundin anvertraute, dass ihr bei langen Autobahnfahrten immer die Mumu schnurrte, hielt der Chef sie für eine Lesbe. Der Sohn wurde hinzugerufen, noch bevor er wie jeden Morgen nach Bad Honnef fuhr, wo er die Hochbegabtenschule besuchte. Entomologie war sein Hobby. Insektenkunde. Ich zeigte ihm den bräunlichen Brei, der mal ein Insekt gewesen sein sollte.

„Hier ist noch einer unterwegs?“

„Laut Nishi ja“, sagte ich. „Guck mal hier, die winzigen Hörner.“

„Das waren die Fühler“, meinte er.

Der Chefin wurde übel, sie stöckelte aufs WC, gleich neben der Wäschekammer, und kotzte.

„Und die spindeldürren Beinchen“, sagte ich, „bestimmt zehn Stück.“

„Dann ist es kein Insekt“, sagte der Sohn. „Insekten haben sechs Beine.“ Er war der einzige, der der ganzen Sache etwas abgewinnen konnte, für sein Studium. „Weibchen vergraben auch schon mal ihre Eipakete unterm Teppich, dann gibt es bald Nachwuchs..“

Ein Aufschrei war zu hören. Er kam vom WC, wo die Chefin vor der Kloschüssel kniete. Wir waren alle drei gleichzeitig vor Ort, der Chef, sein Sohn, ich. Doch zu spät. Das Rückenschild des zweiten Exemplars war bereits vom Pfennigabsatz eines Stöckelschuhs durchbohrt. Wir drängelten uns auf dem engen WC und starrten auf den gefliesten Boden.

„Das ist doch zerknülltes Snickers-Papier!!“ liess sich der Chef nicht beirren.

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4 Gedanken zu „Kleine Insektenkunde

  1. keine ahnung. ich hab mich mal durch foren geklickt, die sich auf hässliche exotische insekten spezialieren, aber auch da nichts gefunden, was den beiden kollegen auch nur entfernt ähnelte.

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