Juli 1977, Chalon-sur-Saône

Nachmittags besuchte ein Teil der Gruppe eine antike Burganlage. In dem Gemäuer war es schön feucht und schattig, doch nach einer Weile wurde Pepe und mir langweilig, wir seilten uns ab. Ich hatte den kleinen schwarzen Cassettenplayer von Grundig dabei, ein Monogerät, mit dem wir uns abseits der kopfsteingepflasterten Wege im Gras niederließen und Groovin‘ hörten.

Ich hatte den Song auf einer verstaubten Langspielplatte meiner Eltern entdeckt, Spitzenreiter 1967, und gleich drei Mal hintereinander aufgenommen. Ein Hippie-Klassiker, hemmungslos altmodisch, mit Vogelgezwitscher und Ah-haa-haaa-Chorus, leicht wie der Atem, der um eine Mundharmonika streicht, bevor er das Instrument entert. Pepe schloss die Augen und lächelte, und ich schaute Pepe beim Lächeln zu, in der endlosen Sonne von Burgund.

(Als Karlos um die Ecke kam, lächelte er.)

Dass ich Groovin‘ gleich drei Mal hintereinander aufgenommen hatte, war Taktik. Wir konnten den Hals nicht vollkriegen von Dingen, die uns gefielen. Wir waren sechzehn und strukturell süchtig, bevor wir überhaupt nur eine Ahnung davon hatten, was Sucht bedeutete: endlose Wiederholung nämlich

endlessly groovin‘.

Couldn’t get away too soon.

The Young Rascals, Groovin‘ (Original 1967)

*

Juli 1977, Jugendaustausch. Mit zwanzig Jungs und Mädchen aus dem Haus der Jugend ging es nach Chalon-sur-Saône in Burgund, einer Partnerstadt von Solingen. Weil das örtliche Maison de L’Enfance zu klein war, hatte man uns in einem neu gebauten College in der Rue Jules Ferry einquartiert. Wir belegten eine ganze Etage, jeder hatte sein eigenes Zimmer, mit Blick auf einen Park mit künstlich angelegtem See. Es war komfortabel wie im Hotel, mit dem Unterschied, das wir tun und lassen konnten, was wir wollten, die Betreuer logierten ein Stockwerk tiefer.

Außer Pepe und Karlos war auch der Mitsubishi Boy mit von der Parie, der zumeist irgendwo im Schneidersitz herumsaß und auf der Gitarre schrammelte. Ein schüchterner gutaussehender Bursche, ein echter Beau. Wir waren in der selben Schulklasse und holten uns nach Schulschluss schon mal gegenseitig einen runter.

Dann war da noch dieser ungewaschene Knabe, der selbst bei 30 Grad im Schatten einen Deutschland-Parka trug und den alle nur Fischkopp riefen, (nach einer Weile auch die Franzosen, Fichköp), und da war Mickes, unser Houdini der Ironie, der jeden Morgen den Frühstücksraum mit der gleichen gespielten Überraschung betrat: „Jessas..!“ rief er, sobald er am Buffet die üblichen Marmeladentöpfchen und den Korb voller Baguettes zu Gesicht bekam, „Orangenkonfitüre und Knüppelbrot!! Sen-sa-tio-nell!“ Dabei machte er die gleiche gelangweilte Geste, mit der ein Magier das Kaninchen aus dem Hut zaubert.

Gegen Ende der Ferien ging Mickes zu „Orangeade, Kinder, Waaaahnsinn!“ über, bis er am Tag der Abreise das monotone Konfitüren- und Weissbrot-Fiasko ein allerletztes Mal auf den Punkt brachte, „Orangenkonfitüre und Knüppelbrot!! Sen-sa-tio-nell!“

Natürlich hatten sich auch Mädchen für die Fahrt angemeldet, doch aus unserer Clique war lediglich Gudi an Bord, die Perle von Karlos. Eine leidenschaftliche Rothaarige, schwer okay und immer hilfsbereit, wenn einer von uns Jungs eine Latte hatte, die er partout nicht gebändigt kriegte. Pepe und ich waren frei, unsere Mädchen waren daheim geblieben. Keine Keule, kein Geheule, sangen wir, no woman no cry.

Täglich trafen wir uns mit den einheimischen Jugendlichen vom Maison de L’Enfance und unternahmen etwas. Einmal waren wir bei einem Weinbauern zum Essen eingeladen.

Ein Sommerabend auf dem Land, eine lange Tafel in einem gemütlichen Baumhof, umgeben von hohen Hecken. Die Spezialität der Region, Poulette de Bresse, wurde aufgefahren, und es gab ausnahmsweise sogar etwas Tafelwein für uns. Vom Pastis unterm Tisch ahnten die Betreuer nichts.

Als es dunkel wurde, hörten wir ein Motorrad näherkommen, eine schwere Maschine. Das fiel schon deshalb auf und brachte den Tisch zum Schweigen, weil sonst nichts als das Zirpen der Grillen zu hören war, so still war es auf dem Land. Plötzlich hörte man, wie das schwere Gerät, und zwar ganz in der Nähe, direkt hinter den hohen Hecken, vom Weg abkam und wegrutschte. Ganz trocken. Zu hören war nur dieses sekundenlange monströse Wegrutschen von Motorradreifen auf einer Landstraße, ein Sound, der nicht zu den feierlich zusammengeschobenen Tischen und den darüber baumelnden Lampions passte.

Dann Stille. Kein Aufprall, kein bums, bloß Stille. Die gleiche Stille wie in der Kindheit, wenn man vom Rad stürzt und man liegt da und die Reifen drehen sich über einem in der Luft und tun so, als wäre alles wie gehabt, dabei ist der Boden plötzlich woanders und die Knochen tun weh.

Wir sprangen von unseren Stühlen auf, wollten zum Tor hinaus, jedenfalls einige von uns – ich nicht. Ich blieb sitzen. Der Gastgeber und andere Weinbauern schnappten sich Fackeln, die im Garten verteilt brannten, und eilten vom Grundstück. Noch bevor die Ambulanz und die Gendamerie eintrafen, hörten wir Stimmen von der Unfallstelle, Schreie, hilflosen Tumult.

Der Motorradfahrer war von einem Nachbarhof gekommen, und er war sofort tot gewesen.

Der Mitsubishi Boy war einer der Ersten an der Unfallstelle. Der Fahrer lag im Graben, der Helm war zerbrochen. Ein Büschel Gras quoll aus seinem Mund, oder Moos, der Mitsubishi Boy wollte es herausziehen, „ich dachte, der erstickt doch!“ „Nicht anfassen!“ schrie unsere Betreuerin. Mittlerweile war ein zweiter Motorradfahrer eingetroffen. Er hielt kurz an, brüllte so etwas wie „Mama!“ und fuhr direkt weiter, um Hilfe zu holen. Die beiden, so erfuhren wir erst später, hatten sich ein Wettrennen geliefert.

„MAMAAA..!!“

Eins der einheimischen Mädchen vom Maison de L’Enfance hieß Christine. Ein sehr stilles Mädchen, der Blick seltsam verloren. Irgendetwas stimmte nicht mit ihr. Erst wurde getuschelt, sie habe einen Selbstmordversuch hinter sich, dann hieß es plötzlich, sie sei abhängig von Heroin. Wir waren baff. Heroinsüchtig mit fünfzehn, ging das überhaupt? Wir konnten es kaum fassen. Die junge dunkelhaarige Christine barg ein Geheimnis, war von etwas Dunklem, Unerklärlichen umgeben, doch insgesamt, wenn man darüber nachdachte, schien sie nicht gerade das Wesen vom anderen Stern zu sein, das Heroinsüchtige für uns darstellten. Wir kannten das nur aus der Zeitung.

Alle wollten Christine helfen. Einer jungen Französin, die vielleicht nicht die schönste war, bestimmt aber die charmanteste im ganzen Departement. Besonders unsere deutschen Mädels waren vom Helfersyndrom infiziert und mobilisierten all ihre Kraft. Sie saßen zusammen und tuschelten. Sie tüftelten einen Turboentzug aus, mit viel Wandern und Schwimmen. Und wenn Christine clean war, wollten sie auch anderen französischen Drogensüchtigen helfen. Es gab erste Pläne für ein Schlampenwohnheim und Therapiehäuser, rund um Chalon.

Christine ahnte nichts von all dem. Sie trug Boots und ein lässiges blaues Jungshemd, bei dem die oberen zwei Knöpfe fehlten. Sie hatte schwere Burgunder Brüste, die sie nicht versteckte, aber auch nicht wirklich zur Schau trug. In ihrem Blick war etwas ängstliches, scheues, andererseits sehnte sie sich nach Freiheit, wollte niemandem gehören, nur sich selbst. Sie war Raubkatze und sie war Wärmflasche, wie es nur mit 15 funktioniert.

Und nicht mal ihre beste Freundin Joline schien zu wissen, wie es um Christine stand, was mit ihr nun wirklich los war.

Es gibt Fotos aus dem heißen Sommer 1977, als der Punk über die Welt kam, die gleichzeitig mit Elvis Presley ihren König verlieren sollte, in den kommenden, noch heißeren Augusttagen, und es gibt Fotos aus Chalon. Auf einem sitzen wir mit ein paar Leuten auf der Treppe der Kathedrale St. Vincent. Ich mit blonder Löwenmähne, an einer Gauloises saugend, lege den Arm um Karlos, und mein Blick schweift in die Ferne, während Karlos, blaue Turnschuhe, Blue Jeans und schulterlanges blondes Haar, mit offensiven Spielfilmblick in die Kamera blickt. Und exakt in der Bildmitte sitzt Christine, den Kopf gesenkt, hypnotisch-selbstvergessen, eine Fremde in der eigenen Heimat.

Sie sprach kaum je ein Wort. Schien nie wirklich anwesend zu sein, war allein mit ihrem traurigen kleinen Weltschmerz. Sie wirkte älter als die gleichaltrigen Französinnen, denen man bei allem, was sie taten, schon die spätere Ehefrau ansah, die Mutter von zwei Kindern, die pharmazeutisch-technische Assistentin, die Staranwältin, die es, vielleicht, nach Paris schaffen würde, und dann mit 41 auf den Straßenstrich von Lyon.

Bald stellte sich heraus, das wir etwas falsch verstanden hatten. Das passierte häufig. Wir sprachen kein Französisch, die Franzosen sprachen kein Deutsch, und ihr Englisch klang wie ein dünner Unterwasserdialekt. Nicht Christine hatte einen Selbstmordversuch unternommen und Heroin probiert, no no no, die Gefährtin ihres großen Bruders war es gewesen, eine Haschischdealerin.

Als Pepe das hörte, fuhr er sämtliche Antennen aus. Haschisch, das war sein Zauberwort 1977. Sofort machte er sich an Christine heran, radebrechte und versuchte es mit Händen und Stift, er gab alles, und schließlich war es getan. Er überredete Christine, ein wenig Haschisch zu besorgen. Er selbst hätte auch einen großen Bruder, argumentierte Pepe, der auch unentwegt Haschisch rauchte, da müsse man doch zusammenhalten, er blätterte im Schulwörterbuch: coopération, Madmoiselle! International!

Noch am selben Tag brachte Christine Pepe einen kleinen Brösel vorbei, wollte ansonsten aber nichts damit zu tun haben. Sofort scharte Pepe die Leute um sich, mit denen er das Piece zu verbraten gedachte: Ole und mich. Ole, ein hochgewachsener langfüßiger Schreinergeselle, von dessen Schultern aus ich in einer Nacht-und Nebel-und Neuf Pastis-Aktion das Straßenschild Rue de la Banque in der Altstadt von Chalon abschraubte. Vermutlich war auch Karlos zum Rauchen eingeladen, doch der war in diesen Sommerferien kaum präsent, er hatte ja seine Puppe mit.

Gleich am Tag der Ankunft im College hatte er seine Matratze rüber ins Zimmer von Gudi geschoben, und da blieb sie für den Rest des Monats. Nur gelegentlich verließen die Beiden  das Zimmer für kleinere Ausflüge in die Mensa, um sich zu stärken.

Nahe der Rue Jules Ferry gab es diesen kleinen See, den Lac des Pres Saint-Jean, von den die Einheimischennur Le Grand Mare genannt. Um den führte ein Rundweg, und da irgendwo sollte das Haschisch verputzt werden, so wurde es beschlossen. Für mich war es Kiffpremiere, aber das behielt ich für mich. Das musste ja nicht jeder wissen. Der Legende nach hatte ich nämlich bereits im Sommer zuvor, als ich mit meinen Eltern in Zeeland im Urlaub gewesen war, fünf Gelsenkirchener Hippiemädchen kennengelernt, mit denen ich eine dicke Pfeife durchgezogen hatte. Das stimmte sogar, oder doch beinahe, jedenfalls fast, nur dass ich das Inhalieren des Rauches nur simuliert hatte, als ich an der Reihe war, und dann die Pfeife schnell weitergegeben hatte.

Ich war doch nicht bekloppt, hör mal.

Jetzt  aber, in Chalon, gab es kein Zurück mehr. Wir saßen zu dritt am Seeufer. Pepe baute die Tüte, überraschend fachmännisch klebte er die Papers aneinander. Da man den Park erst vor kurzem angelegt hatte, war die Bepflanzung des Geländes eher spartanisch, man wurde das Gefühl nicht los, unter Beobachtung zu stehen. Überall Augen. Kameras.

Christine hatte Pepe noch gewarnt, bloß nicht draußen am Grand Mare zu rauchen, wegen der vielen Flics, die dort angeblich in zivil herumspazierten, gedrillt auf  das Aufspüren von deutschen Haschischrauchern. Dementsprechend hektisch rauchten wir den Joint weg. Als Ole kurz vor dem Filter nochmal an der Reihe war, japste er nervös: „Da kommen Leute!“, und wir zerstreuten uns in alle Winde, als hätten wir Gott-weiß-was angestellt und Leichenteile in einer Pfeife verfeuert. Ich rannte links um den See herum, Pepe und Ole in die andere Richtung. Ich wurde erst langsamer, als klar war, dass mir niemand folgte. Außer Puste verließ ich das Seegelände und tapperte angekifft in die Welt aus Pharmarcie- und Tabac-Reklame, merkwürdig befangen.

Pepe fand ich in dem Bistro um die Ecke. Er stand am Flipperautomat und ließ ungerührt die Kugel gegen das Glas knallen. Ich sah ihn nur von hinten und machte kehrt, bevor er mich entdeckte. Ich flüchtete ins College. Ich wollte allein sein, mit diesem merkwürdigen Himmel in mir. Zum Glück kam mir niemand entgegen, dem ich irgendetwas hätte erklären müssen.

Ich ging auf mein Zimmer mit der Nummer 46, verriegelte die Tür und fiel aufs Bett. Ich hörte das Blut rauschen in den Ohren, in der Ferne die Autobahn. Als es Abend wurde, kamen Leute an die Tür und klopften, riefen meinen Namen, ich antwortete nicht. Ich lag einfach da. Ein bleierner Hunger machte sich breit. Irgendwann schlief ich ein, bei sperrangelweit geöffnetem Fenster. Ich wollte Geräusche hören, unbedingt, die ganze Nacht, auch im Schlaf, und ich mein, klar, da war ja auch ordentlich Kapazität.

*

Der kleine Wiegand war mit 14 Jahren der jüngste, er war Messdiener in einer katholischen Gemeinde. Er hatte noch nie eine Zigarette geraucht oder ein Bier getrunken, er lehnte strikt jede ungesunde Lebensweise ab. So wie es mit 14 schon mal sein kann, bevor es losgeht. In Frankreich hatte der kleine Wiegand zum ersten Mal Sex in seinem Leben. Mit der süßen Lucienne. Die mit der kleinen Locke, die wie ein Flämmchen vom Kopf stand, die mit dem anschmiegsamen Akzent. Spätestens wenn Lucy ein bisschen herumalberte und Wiegands Vornamen flüsterte, „Volkärrr“, schmolz der Knabe dahin.

Als wir drei Wochen später zurück in Deutschland waren, wollte der kleine Wiegand kein Messdiener mehr sein.

„Jetzt war ich ja Ficker.“

Is klar, Volker. Logisch.

8 Gedanken zu „Juli 1977, Chalon-sur-Saône

  1. die schreiende frau war sein kumpel,der mit 2min.verspätung eintraf –
    sie hatten wohl ein rennen bestritten ,wer zu erst da iss .
    trudi sagte noch wir sollten ihn besser nich anfassen-ich wusste was sie meinte,später.der helm war zerbrochen.

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  2. Pingback: links for 2010-08-03

  3. ich wusste nichmal das ich da war,unterlampions,erst beim lesen wurde die erinnerung wahr
    das geräusch dauerte aber echt lange..-
    die kiste war im graben gelandet und er hatte wohl ein strassenschild gesehn als letztes..-
    denn kam sein kumpel angerauscht
    ich konnte nich so gut französich
    was ich verstand war ,mamma?

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