Pflegegruppe 32

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So erlag er beinahe den Anstrengungen des Krieges gegen sich selbst und den erhaltenen Wunden in hiesiger Stadt.

*

“Da sind Sie dem Tod gestern ja nochmal von der Schippe gesprungen”, sagt Intensiv-Krankenschwester Simone beim Anlegen der bunten Krokodilsklemmen. Ihr Auftrag: ein EKG anfertigen. “Das war Rettung in höchster Not.”

Eine der drei Hauptarterien, die das Herz mit Blut versorgen, war schon seit geraumer Zeit dicht, wie ich im Nachhinein erfahre.

“Der Herzmuskel wurde nicht mehr mit Blut versorgt. Die zweite Arterie war nur noch zu zwanzig Prozent offen, und die dritte so akut mit Plaque verstopft, dass es den Infarkt auslöste. Sie haben Glück gehabt, dass Sie so schnell im OP waren. Nicht auszudenken, Sie wären irgendwo im Wald gewesen und die Rettungskräfte hätten Zeit gebraucht, um Sie zu finden…”

Hm..? Im Wald? Wie kommt sie denn darauf?

“Ich war tatsächlich mit dem Hund im Wald“, sage ich, fast ein bisschen empört, „aber zum Glück vorgestern.“

Unten an der Wupper sind wir gewesen, an der alten Papiermühle: Stöckchen werfen, räubern. Bei diesen schwülen Temperaturen. Ohne Handy natürlich. Wenn man mich da gefunden hätte, dann tot.

“Na, sehen Sie, wieviel Massel Sie hatten”, sagt Schwester Simone, und macht große Augen.

*

Der Tag, an dem mein Herz zusammenkrachte, war ein Tag wie jeder andere, mit dem Unterschied, dass mein Herz zusammenkrachte. Es war ein dreifacher Herzinfarkt. am Fronhof, mitten in der Stadt, 10. Mai 2012, gegen 10.00. Mittlerweile habe ich „meinen“ Herzinfarkt in meine Biographie integriert wie einen triumphalen Zwischenfall mit einem guten alten Kameraden. Dabei ist das beste, was ich darüber sagen kann: ich habe es überlebt. Vorläufig. Das ist das vorläufig beste, was ich darüber sagen kann.

So ein Herzinfarkt ist wie ein Orkan, der einem einen kurzen Einblick gestattet in die Gewalttätigkeit des Universums.

Danke Tollhaus Leben.

*

Auf der überraschend hellen Intensivstation wird morgens eine große Waschschüssel mit lauwarmen Wasser ans Bett gebracht, inklusive Seife und einer Zahnbürste-to-go. Aufstehen und mich bewegen ist mittlerweile erlaubt, aber nur im Radius der diversen Schläuche und Kabel, die mich anketten, einen Meter ums Bett herum. Gepinkelt wird in die Urinflasche. Ich mache eine Pulle nach der anderen voll und klingle.

„Ist voll, Schwester.“

Eine der ständig wechselnden Pflegerinnen meint es besonders gut mit mir und stellt zur Morgentoilette eine Dose 8×4 dabei, für eine frische feminine Note. Sie bleibt so lange am Bett stehen, bis ich mir tatsächlich einen Hub unter die linke Achsel sprühe, und so kommt es, dass mir bis in den Nachmittag hinein ein Klecks Blümchenscheiße um die Nase weht, wenn ich meinen Kopf ein Stück nach links drehe und aus dem Fenster schaue. Dass es das erste Deo meines Lebens ist, verrate ich nicht.

Am Abend wird  meine Lunge geröntgt, mit Hilfe eines mobilen Röntgenwagens. Ich sitze aufrecht im Bett, eine Röntgenschürze am Sack, die Platte vorm Bauch.

„Morgen früh werden Sie auf die Kardiologie verlegt“, sagt die Röntgenassistentin und drückt den Buzzer, wie in der Game-Show.

So. Ist die Röntgenaufnahme auch im Kasten.

*

Ich trage weiße Thrombosestrümpfe. Jeden Abend gibt’s eine Thrombosespritze in den Bauch. Man kann sie sich wahlweise auch ins Bein jagen lassen. Ich bleibe bei Bauch.

Wie viele Herzinfarkte gibt es in Solingen jeden Tag, Schwester?

Hm. Das ist verschieden.

Na, so ungefähr.

Manchmal zehn, manchmal gar keiner. Warum?

Na, nur so.

Bei anhaltend schwülem Wetter häuft es sich, auch im Winter, wenn die Leute früh morgens Schnee schippen wie die Bekloppten. Dann ist Alarm hier auf Station.

War ich vorgestern der einzige mit Herzinfarkt?

Hier in der Stadt?

Ja.

In unserer Stadt schon, ja.

*

Die Bildschirme werfen Tag und Nacht ihr Licht ins Zimmer, wie eine Wachmannschaft auf Dauerpatrouille. Die Geräte messen die Sauerstoffsättigung im Blut, der Puls wird kontrolliert, steriles Wasser läuft in meinen Arm, in der Nase steckt eine Sonde.

Als ich eingeschlafen bin, muss jemand die Blutdruckmanschette neu eingestellt haben, statt alle zwanzig Minuten wird der Blutdruck plötzlich alle Naselang gemessen. Ständig bläst sich die Manschette auf und wird so hart, dass ich denke, mir knallen die Oberarme durch. Das nervt. Das macht mich kirre. Ich nehme die Manschette ab, lasse sie vorm Bett runterbaumeln. Es dauert keine Viertelstunde, steht die Schwester am Bett.

Ist abgegangen, sag ich.

*

Da die Enzymwerte im Blut noch zu hoch sind, (was immer das bedeuten mag), kann ich die Intensivstation noch nicht verlassen, sagt der Kardiologe. Vielleicht morgen. Ist aber nicht schlimm, es gefällt mir auf der Intensiv. Pflegerinnen und Pfleger haben Zeit für einen, es ist schön ruhig, kein Geschrei auf den Gängen. Das sage ich auch der Schwester mit der rauen Stimme, als sie nach mir schaut.

Schön ruhig, ja. Das hat auch seinen Grund, sagt sie heiser, dass es so ruhig ist, ruhiger noch als sonst. Heut Nacht ist hier jemand gestorben, und das schlägt allen aufs Gemüt. Eine Frau ist gestorben, die sehr lange auf der Intensiv gelegen hat.

Später karrt Schwester Simone den einzigen tragbaren TV-Apparat der Station an, damit ich das Pokalfinale sehen kann. Als das Spiel läuft, gucke ich kaum hin. Ich weiß kaum, wer spielt. Hauptsache es steht ein Apparat am Bett, der nicht irgendeine Körperfunktion misst.

*

Heute wurde ich Zeuge des stummsten Verwandtschaftsbesuchs aller Zeiten. Meine dem Tod entgegendämmernde Zimmergenossin bekommt Besuch von einer Tochter und einer Enkelin. Punkt 15 Uhr, zu Beginn der offiziellen Besuchszeit, öffnet sich die Tür, die beiden Frauen betreten das Zimmer. Mit bangem Blick, und ohne mich auch nur im geringsten wahrzunehmen. Nur zögerlich nähern sie sich dem Krankenbett, und verschwinden aus meinem Blickfeld, hinter dem weißen Rollvorhang. Ab und zu verlässt die Enkelin, die Augen voll Tränen, die Todeszone und nimmt Platz auf einem Besucherstuhl. Es fällt kein Ton. Kein Hallo Mama, kein Hallo Oma. Ich höre nur das übliche Auf und Ab des Beatmungsschlauches.

Vielleicht hat die Patientin das Locked In-Syndrom, denke ich. So mit das übelste, was ich mir vorstellen kann: schreien, ohne gehört zu werden. Ein Niemand zu sein im eigenen Leib. Nach zehn Minuten verlassen die beiden Angehörigen wortlos das Zimmer und kehren nicht zurück. Klageweiber in der Vorbereitung. Man trägt noch nicht schwarz, aber das Gemüt ist schon eingemeindet.

*

„Du hattest immer so weiche schwere Augen“, sagt die Gräfin bekümmert, „aber seit dem Infarkt..“

„Was ist seit dem Infarkt?“

„Seitdem ist dein Blick hart und aufgerissen, so als hättest du das Böse gesehen… als hättest du einen Blick in die Hölle geworfen.“

„Die Hölle kannte ich vorher schon“, nicke ich bedächtig, „aber jetzt kenne ich auch den Hauptmann.“

*

Ich weiß gar nicht, in welcher Etage des Klinikums ich mich aufhalte, wo die Intensivstation liegt. Ich schätze, es ist der fünfte oder sechste Stock. (Später erfahre ich, es ist das Erdgeschoss.) Wenn ich aus dem Fenster schaue, seh ich in einigen hundert Metern die Müllverbrennungsanlage. Wie eine alte Dampfmaschine mit riesigem Schornstein steht sie da, und in der Morgensonne glitzern die silbern ummantelten Rohrleitungen. Niedlich wird es in der Nacht, wenn die MVA beleuchtet ist, dann erscheint sie als schlafende Raketenabschussrampe, aber in der Version der Augsburger Puppenkiste. Ich schaue aus dem Fenster, kann nicht schlafen, und warte auf die Blechbüchsenarmee.

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Als das Herz zusammenkrachte, war ich mit dem Hund auf dem Weg in die City. Donnerstagvormittag, 10. Mai 2012, halb zehn. Später schrieb ich über diesen Tag, die Luft sei so schwül und schwer gewesen wie Layla von Clapton. So gefährlich.

Ich nahm die steil ansteigende Kasinostraße und geriet im Schatten der langen, nicht enden wollenden Backsteinmauer des evangelischen Friedhofs in wachsende Luftnot. Das war nicht wirklich neu. Sobald es irgendwo steil bergauf ging, war ich schnell außer Puste. Ich schob es auf meine beschädigte Lunge, aufs Heroinrauchen, das ich zwar inzwischen aufgegeben, aber in den 90ern intensiv praktiziert hatte, und natürlich auf die hunderttausend Zigaretten. Mir war nicht klar, wie kaputt stattdessen mein Herz war.

Ich verlangsamte den Schritt. Die Sonne stach im Nacken, ich begann zu schwitzen. Eine gespenstische Schwäche machte sich breit, eine Herde Elefanten trampelte auf meiner Brust. Ich dachte sofort: Herzinfarkt, auch wenn ich mir unter einem Herzinfarkt eher eine Art Explosion vorgestellt hatte, in der Art einer Sprengfalle, die bei Berührung zuschnappt, statt diesem alles vernichtenden Schwächeln, begleitet von Panik- und Engegefühlen in der Brustgegend. und der fiebrigen Ausschüttung allen Schweißes, zu der ein Körper in der Lage ist – ein Gefühl, als wäre ich unter einen seelischen Sattelschlepper geraten.

*

Ich liege flach auf dem Rücken, darf mein rechtes Bein vierundzwanzig Stunden nicht bewegen. Eine strenge Vorgabe, die Schwester Simone mir wieder und wieder einimpft. Es könne sonst zu einer Verletzung der Leistenarterie kommen und passieren, dass ich innerlich verblute. Wenn man so was den ganzen Tag hört, bleibt man vierundzwanzig Stunden auf der Stelle liegen, klar. Dennoch gibt es am ersten Abend auf der Intensivstation einen verzweifelten Moment, wo ich das schier endlose Stillhalten kaum mehr ertrage und kurz davor stehe, mir sämtliche Schläuche und Sonden vom Körper zu rupfen und mich mitsamt Infusionsständer aus dem Fenster zu schmeißen, um den ganzen Scheiß hinter mir zu haben. Was natürlich gar nicht funktioniert hätte, nicht wirklich. Denn auch wenn das Fenster weit geöffnet ist an diesem stickig heißen Frühlingsabend, der Weg ins Freie wird von einem robusten Insektengitter versperrt.

Intensivstation: Verzweifelter Fluchtversuch von Mann (51) endet im Fliegenrollo!

*

Sonntagmorgen, neun Uhr, Visite. Zwei Ärztinnen und der kleine polnisch aussehende Doktor treten an mein Bett.

“Sie dürfen die heiligen Hallen heute wahrscheinlich verlassen und werden rauf auf die Kardiologie verlegt”, sagt er, “wenn die Werte in Ordnung sind.”

Eine Ärztin nickt.

“Ja, die Werte sind wahrscheinlich in Ordnung.”

Gestern hieß es zwar noch, ich werde runter auf die Kardiologie verlegt, heute heißt es, ich werde rauf auf die Kardiologie verlegt – doch was soll’s. Wenn die hier über Nacht nichts besseres zu tun haben als heimlich Stationen umzusiedeln, kann es ja so schlecht nicht bestellt sein ums Klinikum. Ich meine, ich bin immer für einen kleinen Gag zu haben.

Nach dem Aufwachen heut Morgen wurde mir sofort Blut abgezapft, zum xten Male. Meine Arme sind blau wie Pflaumenmus.

“Der Infarkt sollte noch einige Tage ausheilen, dann müssen Sie noch mal in den Katheterraum. Der dritte Stent muss noch gesetzt werden.”

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Erinnerungsfetzen:

Vor der Kirche, wo ich Unterschlupf gefunden habe, wo man den Notruf gewählt hat. Ich liege im Rettungswagen auf der Krankenbahre, da ruft von draußen ein Sanitäter: “Unter der Telefonnummer ist niemand zu erreichen.”

“Ist aber die richtige Nummer”, flüstere ich und wiederhole die Zahlenfolge, langsam wegsackend. Es ist die Nummer von Sannes Mutter. Sanne ist bei ihr zu Besuch. Sanne soll Bescheid wissen, was los ist, sie muss den Hund in der Kirche abholen. Der Wagen fährt an, ich nehme das metallische Zuschlagen der Schiebetür wahr, Kühle streift meinen Körper. Eine erregte Männerstimme: “Die Fußgängerzone ist blockiert!” Von da an halte ich die Augen geschlossen, es rappelt und rumpelt während der Fahrt, eine Infusion wird gelegt.

“Einmal Diazepam läuft durch.”

Ich öffne die Augen erst wieder, als ich im Klinikum in den Herzkatheterraum gerollt werde und mir auf dem OP-Tisch in Nullkommanichts Strümpfe, Hose und Hemd runtergezogen werden. Ich bin ein Fisch, der in Windeseile skelletiert wird.

“Ruhig bleiben, Herr Glumm. Ruhig.. Wir retten Sie jetzt.”

*

Pflegegruppe 32. Zimmer 13.

„Auf einmal geht das KLATSCH! und dann rappelt es und ich lieg wieder da“, erzählt Günter, der neue Bettnachbar. „Wegen dem Zucker“, fügt er frohgemut hinzu.

Günter ist 71 und ein Veteran, was Krankenhausaufenthalte anbelangt. Vor Jahren, so erzählt er, hatte er Wasser in der Lunge, und da drückte ihm im Besucherzimmer eine russische Handarbeitslehrerin, („ich weiß gar nicht, zu wem die gehörte, die tauchte auf wie ein Engel“), ein Schwämmchen unters Herz. Er demonstriert es umständlich.

„Hier, so. Und dann hat das Schwämmchen da innerhalb von vierundzwanzig Stunden peu a peu sämtliches Wasser abgesaugt.“

Jedenfalls verstehe ich das so. Sicher bin ich mir nicht. Günter erzählt viel, quasi ununterbrochen, und der Tag hat gerade erst begonnen. Weil er mich aber mit riesengroßen, nach Bestätigung heischenden Froschaugen ansieht, hebe ich den Daumen zum internationalen Gut gemacht-Zeichen: Allerhand, das mit der russischen Handarbeitslehrerin, wirklich, allerhand. Sämtliches Herzwasser, alles weg, hui. Leck mich am Arsch!

Günter ist zudem großer Jerry Cotton-Fan und nimmt gern Spielfilme auf DVD auf. Das ist sein grösstes Hobby, Filme aus dem Fernsehen aufzeichnen und später angucken. Er hat daheim ein üppiges Archiv aufgebaut.

„Meistens guckt meine Frau oben einen Liebesfilm und ich guck unten bei mir Krimis, aber manchmal gucken wir uns oben zusammen was an und dann schneide ich unten alles auf DVD mit, ist doch kein Thema.“

Dann erzählt er lang und bräsig von irgendeiner Tatort-Folge, die er gesehen hat, ich höre nach einer Weile kaum noch hin. Erst, als ich denke, so, jetzt musst du langsam mal den Kopf heben und nicken, damit er nicht denkt, du hörst gar nicht zu, erst da seh ich, dass er ein Handy am Ohr hat und mit seiner Frau telefoniert.

*

„Hast du gestern Tatort geguckt?“ höre ich ihre schrille Stimme aus dem Handy.

„Ja klar hab ich gestern Tatort geguckt „, sagt Günter.

„Gut. Hab ich für dich aufgenommen. Kann ich dann löschen, oder?“

„Tatort?“

„Ja. Tatort. Hast du doch schon gesehen.“

„Ja, hab ich gestern gesehen. Kannst du löschen. Aber danach bei Inspektor Lewis, da bin ich eingeschlafen. Hast du aufgenommen?“

„Inspektor Lewis hab ich auch aufgenommen. Soll ich nicht löschen?“

„Nee, Lewis nicht löschen. Bin ich gestern Abend nach fünf Minuten eingenickt. Guck ich mir dann in acht Tagen an, wenn ich zu Hause bin.“

„Gut.“

Gelungene Kommunikation unter Ehegatten ist alles.

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Der andere Bettnachbar ist ein Maschinenbau-Ingenieur namens Raschke. Er stammt ursprünglich vom Chiemsee und geht im Juli in Rente, nach einem Jahr Arbeitslosigkeit und einer fürstlichen Abfindung seines langjährigen Arbeitgebers.

„Meine Frau und ich sind unter die Mobilisten gegangen“, erzählt er und es dauert einen Moment, bis ich kapiere, dass er mit Mobilisten Leute meint, die im Wohnmobil durch die Gegend gondeln.

„Früher sind wir noch um die ganze Welt geflogen“, sagt der Mann, dessen bratwürstelrote Gesichtsfarbe den Herzkranken verrät.

(Günter: „Der Raschke hat eine künstliche Herzklappe, die klappert nachts manchmal so laut, als wär er wieder am Kühlschrank.“)

„Heutzutage sind wir froh, wenn wir morgens aufbrechen, ein paar Kilometer fahren und stehen bleiben, sobald wir meinen, dass es das Richtige für uns ist. Dafür muss man nicht um die Welt fliegen.“

Wieder einmal blickt jemand beifallheischend in meine Richtung. Wieso blicken die Leute alle in meine Richtung, wenn sie Bestätigung suchen? Bin ich der Big Bestätiger? Ohne mich. Ich lasse den Mann auflaufen. Ich nicke nicht, ich bestätige nicht, ich starre einfach zurück. Wäre Zimmer 13 eine Wiese, zwei Kühe stünden sich gegenüber. Die Verunsicherung ist mit Händen zu greifen.

„Obwohl, ab und zu im Winter eine kleine Fernreise… ich meine, dagegen ist ja nichts einzuwenden, oder..?“

Ich nicke. „Nee.“

*

So modern die Intensivstation auch eingerichtet ist, auf Pflegegruppe 32 scheinen die Krankenzimmer auf dem Stand der Sechzigerjahre eingefroren zu sein, mit ihrer zerschundenen Möblierung. Der Lack ist ab. Als ich das Nachtschränkchen neben meinem Bett genauer in Augenschein nehme, fühle ich mich an eine Musiktruhe aus dem Jahre 1958 erinnert, designmäßig auf Ostblock getrimmt. Besonders ansprechend die vielen silbrigen Knöpfe, die sich ohne Ende ins Nichts drehen lassen und die für nichts gut sind, sowie die eingebauten toten kleinen Lautsprecher und die Buchsen für den Anschluss moderner Tonbandmaschinen.

*

„Ja, selbstverschnittlauch!“ tönt Günter jedes Mal, wenn er in der Früh wach wird und die Augen aufschlägt. Gerne auch: „Guten Morgen, Kameraden zur See!“

Er ist schwer zucker- und herzkrank und wird morgen operiert. Er bekommt einen Defilibrator eingesetzt. Eine große Operation von mindestens drei Stunden Länge. Es ist seine insgesamt siebzehnte OP. Ein OP-Profi durch und durch. Entsprechend weiß er auch, worauf es ankommt.

„Man muss vorher noch mal richtig abkacken.“

Diesen Ratschlag beherzigt er selber in der ersten Nacht, die ich auf der Kardiologie verbringe, auf geradezu vorbildliche Art und Weise.

„Wer weiß, wann ich dafür wieder Gelegenheit habe“, schnauft er früh um halb fünf, als die ersten Vögel singen und er zum dritten Mal hintereinander den Pott aufsucht. Jede Sitzung, jeden noch so kleinen Klecks Stuhl leitet Günter mit einem ausgelassen knatternden Furz ein. Da kennt er nichts. Nichts ist ihm peinlich. Sollen die Nachtschwestern auf dem Flur ruhig Bescheid wissen, dass Günter, Zimmer 32, auf dem Töpfchen sitzt, früh um halb fünf. Ein echter Spitalprofi. Nicht mal als ihm Pfleger Daniel, 30, drei Stunden später einen Blasenkatheter anlegt, zeigt Günter Anzeichen von Nervosität.

„Wenn meine Frau anruft, sag ihr, wir gucken nächste Woche Inspektor Lewis. Kennst du Inspektor Lewis, Daniel? Nee? Ist Klasse. Musst du gucken, Daniel. Kannst mich ja mal besuchen. Ich hab zweitausend Krimis zu Hause, auf Video und auf DVD. Inspektor Lewis, Bones…“

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Sanne ruft an.

„Lass uns ein paar Tage an die See fahren, wenn du aus dem Krankenhaus kommst und etwas Zeit vergangen ist.“

Sie träumt von Abenteuern in den Dünen, von Wandern mit dem Hund, von Orten, wo uns niemand erreicht, wo keine Sondermeldung hinkommt, wo der Wind alles erzählt, was man wissen muss.

„Aber erstmal koche ich uns ne schöne Hühnersuppe, wenn du draußen bist.“

„Ja selbstverschnittlauch“, sag ich.

Da freut sich auch der Hund. Bleiben immer ein paar schöne Knochen übrig, bei einer Hühnersuppe, auch wenn wir jedes Mal Schiss haben, dass Frau Moll sich an spitzen Knochenteilen die Kehle aufschlitzt. Um so schöner, wenn alles gut geht und wir den Hund im Hintergrund knurpseln hören.

*

Mit jeder Minute, die wir in der Kirche auf den Rettungswagen warten, schnürt sich mein Brustkorb mehr zu. Es ist, als stünde eine Betonwanne auf meiner Brust, auf schweren Füßen, und in regelmäßigen Abständen steigt jemand hinzu und erhöht das Gewicht.

Man hat mich in ein Hinterzimmer gebracht, halb Lager, halb Garderobe, wo dieses Sofa steht. Können wir etwas für Sie tun, können wir Ihnen etwas bringen? erkundigt sich eine Frau leise. Ein Glas Wasser vielleicht? Ein männliches Gemeindemitglied hält sich im Hintergrund. Ja, ein Glas Wasser… flüstere ich und versuche mich lang zu machen auf dem Sofa, versuche etwas zu entspannen, doch wie soll man sich entspannen, wenn einem das Herz durch die Brust knallt. Wenn man dem Tod so nahe kommt, dass man schon rüberspucken kann.

Der Hund hockt vor mir und beobachtet mich. Er hat schon auf dem Fronhof nicht gewusst, was in mich gefahren ist. Auch die drei Mitglieder der evangelischen Gemeinde scheinen ratlos. Da wankt an diesem schwülheißen Vormittag Mitte Mai im Souterrain der Stadtkirche ein Mann auf sie zu, durch die Hintertür, die ausnahmsweise offensteht. Der Mann, er führt einen Hund an der Leine. ist bleich, Schweiß pläddert an ihm herunter, als käme er direkt aus der Sauna.

“Ich glaub ich.. hab einen Herzinfarkt..”, spricht er mit kläglicher dünner Stimme, “können Sie den Notarzt rufen..?”

Nun warten wir. Ich auf dem Sofa, halb hingeschlagen. Ein biblischer Moment. Ich kann ihm schon die Hand reichen, dem Tod, dem großen Ankäufer aller Zeit. Vor mir der Hund, der mir nicht von der Seite weicht, und drei gute Menschen, ständig auf dem Sprung, um die Ankunft des Rettungswagen nicht zu verpassen.

Mit jedem Moment werde ich schwächer, es ist, als rutschte ich Stück für Stück aus dem Bild. Ich trete aus dem Rahmen, mit ruckartigen kleinen Gedanken. Bald bin ich raus. Bald bin ich weg. Bald kommt der Tod. Es sind langsame, in sich stockende, gleichsam schwere wie leichter werdende Gedanken. Eine warme Hand schiebt sich unter meinen Körper, schaufelt mich sachte auf. Ich bin ein Kosmonaut, schon halb aus dem Weltraumanzug, schon halb in der Ewigkeit.

Und da schleicht sich im Mahlstrom des nachlassenden Bewusstseins eine kleine Idee ein, eine Abwägung: was, wenn du dich einfach sterben lässt..? Muss man Rettung in Anspruch nehmen, nur weil Rettung naht? Ist das verpflichtend? Es ist ja kein Suizidmoment, wo ich selbst noch groß aktiv werden müsste, wo ich mir eine Pistole besorgen oder von der Brücke springen müsste, nein, alles nicht nötig. Ich müsste weiter nichts tun, als den Dingen ihren Lauf zu lassen.

Ein bisschen nur noch, und ich trete sang- und klanglos aus der Welt, mit dem Grabsteindatum 10. Mai 2012, ein beruhigendes Gefühl irgendwie, warum auch immer. Kann es vielleicht sein, dass, wer die Ausweglosigkeit einer Situation annimmt, wer sich mit dem Unvermeidlichen zu arrangieren beginnt, gute Chancen hat, es noch irgendwie die Böschung raufzuschaffen?

*

Mittags steht die Oberärztin vor meinem Bett.

„Also, Herr Glumm, wie ich sehe haben unsere Ärzte Sie wieder von der Strasse weggeschnappt“, scherzt sie mit Blick auf mein Patientenblatt. „Sie sind ja zum ersten Mal im Krankenhaus, und das in Ihrem Alter, Respekt.“

Sie klebt einige Elektroden auf meine Brust und ein Maschinchen, das ein 24-Stunden-EKG durchführen soll. Auf dem dazugehörigen Merkblatt lese ich zwar was von empfindlichen Hochleistungsgeräten, doch der Anblick des handygroßen Dings erinnert eher an Raumschiff Orion. Auch Günter hat nur „Mann, sieht das Scheiße aus!“ ausgerufen, als er das Gerät tags zuvor am Körper tragen musste.

Die Oberärztin informiert mich über die Risiken der zweiten Herzkatheteruntersuchung, die einige Tage später, am Mittwoch, stattfinden soll, und erklärt den Eingriff anhand einiger Schaubilder. Ein Ballon wird durch die Arterie eingeführt und im Herzen aufgeblasen, um die von Kalk verstopften Gefäße zu öffnen. Dann wird ein Stent, ein kleines Gittergerüst eingesetzt, um das Gefäß auf Dauer geöffnet zu halten. Ich erfahre, dass es dabei, im Ausnahmefall, auch zum Schlaganfall kommen könne. Oder es stellt sich heraus, dass die Arterien so dicht sind, dass kein Stent mehr gesetzt werden kann. Dann wird der Eingriff abgebrochen, „.. und Sie werden über einen Zeitraum von einem Jahr medikamentös weiterbehandelt.“

Das lässt mich aufhorchen. Ich bin schließlich alles andere als scharf darauf, noch mal in den OP zu müssen.

„Kann man das nicht gleich mit Medikamenten weiter behandeln? Brauche ich unbedingt noch einen dritten Stent?“

„Ja natürlich“, sagt sie einigermaßen fassungslos, und schickt mich runter auf U1 zur Echo-Untersuchung. Da treffe ich zufällig den Oberarzt wieder, Doktor Dierks, der den Eingriff durchführte, gleich nach dem Infarkt.

„Sie hatten relativ schlechte Karten an dem Tag, als es passierte. Gut, dass Sie so schnell auf unserem Tisch gelandet sind“, sagt er und führt noch einmal aus, wie chronisch kaputt mein Herz schon war.

„Erinnern Sie sich überhaupt noch an mich?“ fragt er zum Schluss.

„Nicht wirklich. Nur der Klang Ihrer Stimme kommt mir bekannt vor.“

„Ja, ich musste laut werden, weil Sie einfach nicht still liegenbleiben wollten.“

Ein groß gewachsener Mann, der Oberarzt, kurzes blondes Haar, eher sym- als unsympathisch.

„Bis Mittwoch“, sagt er. „Und keine Angst. Das machen wir schon.“

*10. Mai 2012, Andi Stadtkirche, Susanne Eggert, 2012

*

Seit ich selbst in solch einem großen roten Kasten durch die Strassen geflogen bin, höre ich anders hin, wenn sich von hinten die Sirene nähert. Als wären die vielen Male zuvor bloß Staffage gewesen, jahrelanger Probealarm. Seit dem Herzinfarkt liege ich in jedem gottverdammten Ambulanzwagen, der durch die Strassen tobt. Seit mir das Leben gerettet wurde, wird mir jedes Mal das Leben gerettet, wenn die Sirene erklingt. Auch wenn jemand anderes hinten drin liegt in der Herzinfarkt-Limousine und um sein Leben kämpft – ich bin das.

Leute, die dem Tod von der Schippe springen, erzählen gern, sie lebten danach intensiver und genössen jeden einzelnen Moment. Solche Leute waren mir schon immer suspekt, genau wie die Schlaumeier, die sich selbst dauernd neu erfinden. Wie soll das funktionieren, wie soll man sich dauernd neu erfinden? Sind das alles fesche kleine Daniel Düsentriebs, die sich mit ihrem Helferlein beraten, bei flackerndem LED-Licht auf Sternenstaub-Basis? Ja, vielleicht. Vielleicht bedeutet sich neu erfinden aber auch gar nicht, ein Anderer zu werden, sondern lediglich der, der man schon immer hätte sein können.

Jedenfalls, ich lebte nicht intensiver als vor der heftigen Herzattacke, ich versuchte nicht, etwas neues auszuhecken, was meine Person betraf. Im Gegenteil, ich fühlte mich meiner Sicherheit beraubt, meinem geradezu unverschämten Glauben an meine Unversehrtheit, an die tausend Leben des Andreas Glumm. Mein Universum war beschädigt, mein Urvertrauen war beschädigt. Mein Urvertrauen, ewig zu leben und das Sterben den Anderen zu überlassen.

Daran kannst du nicht wirklich geglaubt haben, mag man einwenden, dass Andere sterben, nur du nicht, so naiv kann man doch nicht sein. O doch, kann man, und dazu muss man noch nicht einmal ausbuchstabiert an das Konzept von Ewigkeit glauben – es reicht schon, nach diesem Prinzip zu leben.

Leben reicht in aller Regel.

*

Heute wird der dritte Stent gesetzt. Auf der OP-Liste stehe ich an zweiter Stelle, das bedeutet ca. 9 Uhr. Um 11 Uhr sitze ich immer noch abholbereit auf der Pflegegruppe 32, die weißen Thrombosestrümpfchen drübergezogen wie eine gealterte Ballerina. Mein weiß-blaues Engelshemdchen, am Rücken offen, umweht meinen Körper. Ich bin nüchtern. Kein Kaffee, kein Frühstück, nichts.

Schwester Conny, Reibeisenstimme, schaut kurz ins Zimmer. „Na, alles gut überstanden?“

„Ich war noch gar nicht unten.“

„Ach so.“

*

Intensivstation, 13 Uhr 30.

Drei Jahre zuvor lag schon mein Vater hier, ebenfalls mit schwerem Herzinfarkt. Damals schrieb ich in mein Notizbuch:

Auf der Intensivstation liegen Männer und Frauen Bett an Bett, es wird kein Unterschied gemacht zwischen Männern und Frauen auf der Intensivstation, es gibt nur einen Unterschied auf der Intensivstation und das ist der Unterschied zwischen Leben und Tod.

Mein Vater überlebte den Infarkt, doch Weihnachten 2010 starb meine Mutter an einem Herzanfall, den sie im Krankenhaus während der Arztvisite erlitt, und jetzt, keine anderthalb Jahre später, liege ich selbst mit kaputtem Herz auf der Intensivstation, höre das Auf und Ab der Beatmungsschläuche, die meine Bettnachbarin mit Atemluft versorgen.

Ich habe keine Ahnung, wie die Frau aussieht, die keine drei Meter von mir entfernt mit dem Tode ringt, der weiße Rollvorhang verstellt den Blick, nur gelegentlich, wenn ich mich ein Stück aufrichte, sehe ich ihre nackigen reglosen Füße am Bettende. Ich höre die Gespräche der Schwestern, wenn sie die unbekannte Nachbarin umbetten, ihr einen neuen Verband anlegen und irgendetwas switchen.

“Nicht erschrecken, liebe Frau Meyer, wir switchen Sie jetzt.”

Was wird denn da geswitcht? wollte ich eigentlich die Schwestern noch gefragt haben, aber ich vergesse es. Krankenschwestern auf der Intensivstation sind bemerkenswert zuvorkommend, fast warmherzig, geschult vom Elend. Erstaunlich: Schwester Simone wohnt wie ich am Kannenhof,  gerade mal 50 Meter die Straße hoch. Sie war es auch, die mir am zweiten Tag den einzigen TV-Apparat der ganzen Station ans Bett rollte, damit ich das Pokalfinale sehen konnte. Die meisten Patienten gucken hier sonst kein Fernsehen, kicherte sie vergnügt.

Schwester, sag ich jetzt, was ist mit der Frau neben mir los?

Ich erfahre, dass die Patientin lungenkrank ist und tags zuvor einen Luftröhrenschnitt erhielt, ansonsten austherapiert sei Das bedeutet? frag ich. Die Schwester schaut zur Decke. Na, dass sie dem Herrgott schon übergeben ist, doch der ziert sich noch ein bisschen.

“So liebe Frau Meyer, nicht erschrecken, wir müssen nur kurz die Beatmungsschläuche tauschen.”

Es sei unklar, so Schwester Simone, ob die arme Frau überhaupt noch etwas mitkriegt.

Ja, ist sie denn im Koma?

“So ähnlich”, sagt sie ausweichend.

Die Schwestern sprechen dennoch mit der Patientin, als verstünde sie jedes Wort, als ich Samstagmorgen, halb im Bett liegend, halb sitzend, in Zeitlupe Kaffee und ein Brötchen mit Marmelade frühstücke. Ich trage ein weißes Plastikbändchen am Handgelenk mit Namen, Geburtsdatum und Fallnummer, sowie ein frisches hellblaues Engelshemdchen, das hinten offen ist und die Arschbacken freigibt.

Können Sie mir das mal zubinden, Schwester Conny?

Die Apparaturen rund um mein verkabeltes Bett sind medizinische Hochleistungsapparate, die LIFE VIEW heißen und INTELLI-VIEW und an Baywatch erinnern, an braungebrannte Rettungsschwimmer, jederzeit bereit, ein absaufendes nölendes Herz aus den Fluten zu heben, einen Schlaganfall zu glätten, einen Luftröhrenschnitt zu setzen, kommt her, ihr! Wir retten euch jetzt.

Wir betten Sie um.

*

Eine halbe Stunde mit Sanne telefoniert. Sie spricht mir Mut zu.

„Du machst das schon.“

Das Problem: als ich den Infarkt hatte, AKUT, wurden mir zwar zwei Stents gesetzt, aber davon bekam ich nichts mit. Da war ich mit Diazepam abgeschossen. (Da lacht das Junkieherz.) Warum schießt ihr mich diesmal nicht ab? frage ich natürlich. „Weil wir Sie während des Eingriffs brauchen. Sie müssen uns währenddessen zwei, dreimal Auskunft geben, da können Sie nicht narkotisiert sein.“

Schöner Mist.

Gegen 12 Uhr werde ich in meinem Krankenbett abgeholt und runtergefahren zu den OP-Sälen. Die Pflegerin der Funktionsabteilung Kardiologie, die mich durch die Gänge manövriert, keucht mit einem materialmüden, aber freundlichen Lächeln… „..diese alten Betten knarzen vielleicht…“

Weil man mir die tiefe Angst vor dem, was mir bevorsteht, auf eine Meile Entfernung ansieht, versucht sie mich zu beruhigen, als wir mit dem Aufzug unterwegs sind.

„Sonderfahrt“, knurrt der Lautsprecher. „Beim nächsten Halt bitte aussteigen!“

„Wir müssen raus!“ sag ich.

„Nein. Wir sind die Sonderfahrt.“

„Ach so.“

Die Pflegerin macht ihren Job gern.

„So ein Stent ist doch keine große Sache, das wird heute tausendfach gesetzt, da müssen Sie sich keine Sorgen machen, Herr Glumm.“ Meinen Namen hat sie mit fixem Blick vom Patientenblatt abgelesen, das auf meiner Bettdecke liegt. „Bislang hat danach noch jeder Patient gesagt, es wäre alles nur halb so schlimm gewesen..“

„Ich nehme Sie beim Wort“, sage ich, und weil ich das in den vergangenen Tagen bereits zweimal gesagt habe, komme ich mir albern vor und würde den Satz am liebsten löschen, wie ich es am Computer gewohnt bin, wenn mir ein Satz falsch vorkommt.

Vor den OP-Sälen im Basement werde ich zwischengeparkt, in einer der dafür vorgesehenen Parktaschen. Irgendwann taucht die nette Oberärztin wieder auf, die ich von Station kenne. Sie misst den Blutdruck, „120/80. Ich würde sagen: Bilderbuch.“ Sie versucht mir einen neuen Infusionszugang zu legen, was sich dann doch als kompliziert erweist. Die Venen sind dicht.

„Na klar, Sie haben Angst, Sie haben noch nichts gegessen, Sie haben noch nichts getrunken“, sagt sie. „Sie sind ganz kalt, Ihre Hände feucht, da habe ich logischerweise Schwierigkeiten, einen Zugang zu legen. Brauchen Sie etwas zur Beruhigung?“

Ich hab meine täglicher Dosis Polamidon schon genommen, dazu 2 ml Methadon aus dem eigenen Vorrat.

„Wäre vielleicht nicht schlecht.“

Ich bekomme eine weiche kleine Pille, die ich unter die Zunge legen soll. Kaum fünf Minuten später fallen mir dauernd die Augen zu. Eine Dreiviertelstunde lang liege ich im Gang und lasse all die blauen und weißen Kittel vorüberflanieren sowie die eine oder andere zivil gekleidete Gestalt, die ich nirgends zuordnen kann. Endlich werde ich in den OP geschoben. Es ist halb eins. Doktor Dierks, der mir das Herz schon während des Infarkts am 10.Mai soweit reparierte, dass ich weiterhin am Leben teilnehmen darf, erkundigt sich, ob ich etwas dagegen hätte, wenn er den dünnen biegsamen Kunststoffschlauch statt über die Leiste über meinen Arm einführen würde. Ich kann kaum so schnell ja sicher! sagen, Herr Doktor, wie es mir auf der Zunge liegt, weil dadurch die 24stündige völlige Bettruhe wegfällt, bei der das rechte Bein in pfeilgerader Haltung verharren muss.

„Vorsicht, jetzt wird es mal eben kalt..“

Ich bemerke kurz den Einstich der Spritze und mir wird heiß, aber nur kurz. Der Einschwemm-Katheter schwimmt im Blutstrom mit und findet selbständig seinen Weg zum Herzen.

„Sie haben hier eine stabile große Vene“, meint der Doktor.

Dann geht’s los. In den folgenden 30 Minuten kontrolliert er die beiden bereits gesetzten Stents, „sehr schön!“, und setzt einen dritten hinzu. „Das sieht alles sehr gut aus, Herr Glumm.“

Ich bin heilfroh, als der unter Flutlicht gemanagte Eingriff vorüber ist und ich zurück in mein altes 60erjahre-Krankenbett gehievt werde.

*

Während ich im Klinikum liege, ruft Karlos an zwei Tagen hintereinander bei uns zu Hause an und hinterlässt kurze Nachrichten auf der Mailbox, jeweils gegen 19 Uhr. Er hat keine Ahnung, was passiert ist, dass ich im Krankenhaus bin. Er fordert mich auf, alles stehen und liegen zu lassen und in Turnschuhen und Trainingshose, (“hast du noch die alte blaue von adidas?”), runter zum Sandplatz-Käfig an der Schwertstraße zu kommen, eine halbe Stunde kicken. “Ich bin seit gestern wieder im Training. Los, Glumm, mach hin, ich bin in fünf Minuten im Käfig.”

Sanne hört die Nachrichten ab und ist sich nicht sicher, wie sie reagieren soll. Ob sie Karlos zurückrufen soll.

“Nee, lass mal. Ich rufe Karlos selbst an, wenn ich hier raus bin.”

“Ich konnte nicht zum Käfig kommen”, sage ich ein paar Tage später am Telefon zu ihm, “ich hatte einen Herzinfarkt.”

Und dann erzähle ich ihm, was passiert ist an diesem 10. Mai 2012. Erzähle ihm vom Sofa in den Gemeinderäumen der Evangelischen Stadtkirche, im Untergeschoss, wohin ich geflüchtet bin, als ich mir in der Innenstadt, genauer: am Fronhof, nicht mehr zu helfen weiß, mit diesem elenden Getrampel in der Herzgegend, mit der eingeschüchterten Frau Moll an der Leine, mit dieser scheiß Angst zu sterben, und doch, wie seltsam kühl es mich mitunter lässt. (Die alltäglichen Gedanken, die mich beherrschen, als der Tod schon anklopft: wohin mit dem Hund, wenn der Krankenwagen kommt… wie erreiche ich Sanne…)

Ich erzähle von den Minuten auf dem Sofa, dem Warten auf den Rettungsdienst in den gebohnerwachsten Gemeinderäumen der Stadtkirche, wo Karlos‘ Vater viele Jahre als Küster arbeitete. Wo wir ihn als Teenies oft aufsuchten, weil Karlos einen Schlüssel abliefern sollte oder sonst eine Kleinigkeit zu tun war, Kaffeekochen, Kuchen anschleppen..

Als ich davon erzähle ist Karlos ganz still, weil er die Örtlichkeiten so plastisch vor Augen hat. Weil er das alles so gut kennt.

Suche einen Ort auf, der dir wohlbekannt ist, wenn der Tod anklopft mit langen dürren Fingern – wenn dafür Zeit bleibt. Wenn man es sich noch aussuchen kann. Ich hätte ja auch jeden x-beliebigen Passanten am Fronhof ansprechen können, ob er ein Handy dabei habe und den Krankenwagen rufen könne. Doch meine seltsam sperrigen, steifer werdenden Beine führten mich zum Hintereingang der Stadtkirche, zum Bibelspruch,

O Land Land Land, höre des Herrn Wort. 

Ausgerechnet am Fronhof… Am Fronhof, der grau schimmert im Sonnenschein, ich lasse die Sparkasse links liegen, (ich wollte Geld abholen), versuche Luft in meine Lungen zu bekommen, quasi das Fenster zu öffnen, doch ich bekomme das Fenster nicht mehr geöffnet, bei aller Anstrengung, nein, es funktioniert nicht. Ich kriege nur wenig Luft.

Vorbei an der Laderampe des Kaufhof, vorbei am Obststand, an dem Erdbeeren verkauft werden, Erdbeeren aus den Leichlinger Sandbergen, eine lokale Spezialität.

“Sie auch junger Mann? Eine schöne rote Erdbeere zum Probieren?”

Ich, den Hund an der Leine, von einem jähen Schweißausbruch überrannt, eile kopflos über den leeren Platz, trotz der steifer werdenden Beine, es ist die schiere Panik, die mich vorantreibt, verfolgt von der fröhlichen Stimme aus den Leichlinger Sandbergen, die sich schon dem nächsten Passanten widmet.

“Möchten Sie auch mal kosten, junge Frau? Ist nicht zum Sattessen. Ist zum Sattessen zu schade.”

Gelächter. Angstgefühle. Das ist kein Asthma, ich fühle es, das ist in der Brust. Das ist das Herz. Dieses scharfe Hinweggleiten wie bei einem fremden, gleichwohl bekannten Manöver… wenn dich das Herz verlässt, die Zentrale, Stück für Stück. O LAND LAND LAND, HÖRE DES HERREN WORT. Ausgerechnet.. der Fronhof.

Und was, wenn ich sofort eingeliefert werde, ins Krankenhaus muss? Wohin so schnell mit dem Hund? Er lässt doch keinen Sanitäter an mich heran. Er wird mich noch verteidigen, wenn ich Hilfe brauche. Ich lasse mich auf einer der grünen Drahtbänke nieder. Versuche zu entspannen. Zu relaxen. Auf dem Rücken liegen. Es geht nicht. Aus den Augenwinkeln nehme ich ein Schulmädchen wahr, ihr Sommerkleidchen, ihre wippenden weißen Waden, ihr fröhliches Gemüt – zu einem Zeitpunkt, als der Tod, die Kanaille, schon den Schlüsselbund hervorzerrt und mir präsentiert, ihn kräftig rasseln lässt.

Ich versuche es mit der Entspannungsübung, die uns als Kind beim RSV eingebläut wurde, in der E- Jugend, wenn wir beim Training nach einem langen Sprint k.o. waren: im Stehen den Rücken durchdrücken, dabei die Arme hinterm Kopf kreuzen – das entlastet die Lunge. Doch jetzt entlastet mich gar nichts. Ich bin in ein Metallkorsett gepresst, und das Korsett zieht sich immer enger zu. Es ist, als hätte meine Lunge auf Eisen umgestellt. Ist das schon Sterben? So schmal?

Mein Bewusstsein schwindet, taucht ab, und immer hektischer werden meine Schritte, gleichzeitig kraftlos, Wind fegt über den grauen leeren Platz. Links die Treppe runter, wo die Solinger Lieferfrau ihr Denkmal hat, die Stufen runtertaumeln, keine 20 Meter bis zum Hintereingang der Stadtkirche. Der Hund folgt mir wie ein Schatten. Die Eingangstüren sind geöffnet. Ich betrete den Flur. Im Vorraum lege ich mich auf eine Holzbank, auf den Rücken, es riecht nach Politur. Ich will sterben, wispere ich. Ich muss diesem Zustand entfliehen. Dieser Schwäche, die wie ein schweres knochiges Tuch auf mir liegt.

Ich kauere in der Ecke.

Der Hund hechelt nicht mal, trotz der Hitze. Er blickt mich an. Unsicher. Die Contenance nur noch mühsam wahrend. Jetzt langsam den dunklen Flur hinunter.. langsam. Du musst Hilfe holen. Du stirbst. Das Zeitfenster wird immer knapper. Da sind Stimmen hinter verschlossenen Türen. Doch wohin mit dem Hund, wenn der Krankenwagen kommt? Der kann doch nicht mitfahren. Ich kann mich nicht entscheiden, was zu tun ist, taumle den Flur zurück, nochmal in den Vorraum. Mit kleinen Schritten. Schwitzend. Das Bewusstsein.. es rutscht weg, der Brustkorb fühlt sich an wie ein Barren, dem die Holme wegbrechen, ein Gefühl, als hätte ich vierzig Jahre lang Tag und Nacht Filterlose geraucht und jetzt fliegt mir der ganze Laden um die Ohren.

Bevor ich mich aus der Hand gebe, fasse ich einen Entschluss: nein, du stirbst nicht, nicht jetzt. Wieder zurück, den dunklen Gang hinunter, den Hund an der Leine. Ich versuche Hilfe! zu rufen, doch alles, was rauskommt, ist kläglich. Als ich an einer Tür anklopfen will, öffnet sie sich im selben Moment. Der Schweiß pläddert an mir runter, als käme ich direkt aus einem Platzregen.

Erschrockene Blicke.

Hilfe. Ich habe einen Herzinfarkt.

18 Gedanken zu „Pflegegruppe 32

  1. Mensch Glumm,
    ich bin verdammt froh, dass Du das alles noch erzählen kannst, für mich sind das schöne Einblicke, habe ich doch jahrelang auf der anderen Seite gearbeitet – hatte Schwester Simone eigentlich rote Haare und Locken? Wenn ja, ne nette Ex-Kollegin…
    Wie auch immer: Sieh zu, dass Du dem Sensenmann weiter fern bleibst, der hat Dich noch nicht verdient!

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  2. Hach, herrlich, das ist schon wieder ganz der alte Glumm, wie ich ihn schätze. Ihr könnt dem jetzt die Stents wieder rausnehmen, der Mann ist ein für allemal geheilt. Und gebt ihm seine Kippen zurück und was er sonst noch an Drogen will. Ja, selbstverschnittlauch!

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  3. Natürlich nur, dass Du wieder schreibst: supergut und vor mit Humor, dass Du operiert werden musst ist natürlich blöd. Ich drück Euch die Daumen, dass Du bald wieder bei Deiner Gräfin bist.

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  4. nu habich thomas klin g vor mir lign (ok, ich hörschonauf),
    der ist JA RICHTIG GUT IST DER.

    Nur als Eremit war er mir zu teuer. Bleibt er halt nur lieb.

    (Sie Erstausgabenprotzer, Sie)

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  5. Lieber Andreas Glumm,
    die gravierendste Veränderung seit dem Infarkt ist wohl, dass sie die (kluge) Gräfin jetzt Sanne nennen. Die Träne, die sie glitzern sah, haben sie hoffentlich schon geweint.
    Es ist schön, die Auseinandersetzung mit der Situation mitzuerleben, auch im wechselnden Header…
    Alles Gute!
    Mika (Jahrelang begeisterte Leserin)

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  6. Der erste Satz („So erlag er beinahe …“) klingt übrigens wie ein Klassikerzitat. Habe es aber nicht finden können. Also ein echter Glumm, was? Überrascht mich dann auch nicht.Weiter gute Besserung!

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  7. wenn die dicht ind sie
    die esotherien um des bleid wegschnitts der zornifen falten in aspik
    der bescher von und mit
    der letzte kromel gekaut
    ja
    ich geh nach penny meim freund

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  8. Pingback: Crying | studio glumm

  9. schon acht Jahre her
    kann ich kaum glauben
    aber ihre Arbeit haben die gut gemacht!

    ein zwei Engel können nicht schaden.
    und im Alter ein Handy im Wald auch nicht.
    Sanne sowieso nicht und Leo , die halten dich auf Trab vermute ich mal.

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