Cadzand Camping: Vorsicht vor dem kleinen Belgier

Die Kindheit endet nie.

Vielleicht ein Seminar, oder das Leben.

Aber die Kindheit?

Nie.

*

Fatal, wie der kleine Bursche vom Campingplatz es geschafft hat, mich reinzulegen. Dabei war ich mir so sicher, dass er ein steifes Bein hat. Dass er ein behinderter Knirps ist.

Ach was, der hat kein steifes Bein, meinte die Gräfin dagegen mit einem Blick. Der spielt nur. Der spielt Humpelbaron.

Nee, der spielt nicht. Guck mal, was für ein verzerrtes Gesicht der hat. Der ist mit einem steifen Bein zur Welt gekommen, das sieht man doch.

Weisst du, was ich sehe? Ich sehe ein Kind, das für sich alleine spielt, und Kinder haben es faustdick hinter den Ohren, wenn sie für sich alleine spielen. Die tun nur niedlich, wenn Erwachsene in der Nähe sind und sie zwei Euro für ein Eis im Hörnchen abgreifen können. Wenn Kinder alleine sind, spielen Kinder grausame Sachen. Steifes Bein, Humpelbaron.

Davon wollte ich nichts hören. Ich stand im Bann des kleinen Lausejungen vom Zelt gegenüber, ich war blind für eine andere Perspektive. Es war speziell dieses eine Bild, das sich eingeprägt hat, wo der Kleine aus dem Vorzelt kommt und im schnürenden Regen Richtung Auto humpelt, das neben dem Caravan parkt, auf der durchgeweichten tiefen Wiese. Es stellt sich heraus, dass der Wagen abgeschlossen ist, also muss der Knirps zurück ins Vorzelt, um vom Vater den Autoschlüssel zu holen. Und die ganze Zeit hat der arme Kerl Probleme, auf dem tiefen Geläuf nicht das Gleichgewicht zu verlieren und hinzufallen.

Ein Wolkenbruch hatte kurz zuvor alle Camper in die Wohnmobile, Lord Münsterland-Caravans und Familienzelte vertrieben, ich war weit und breit der Einzige, der draussen unter seinem Regenschirm saß. Ich beobachtete den kleinen Belgier. Ich war Luft für ihn, ja, die ganze Welt war Luft für ihn – warum sollte er so tun, als habe er ein wehes Bein, wenn ihm niemand dabei zuschaute?

Das macht doch keinen Sinn, sagte ich.

Der kleine Belgier ist ungefähr zehn Jahre alt, er trägt ein Fußballtrikot von Chelsea London. Zehn Jahre ist ein großartiges Alter, besonders im Nachhinein, wenn man auf sein Leben zurückblickt. Aber im Nachhinein ist selbst 51 ein großartiges Alter, jedenfalls wenn man 81 wird und ein steifes Bein hat voller Kampfadern.

(Krampfadern heisst das, sagt sie. Ich meine aber Kampfadern, entgegne ich.)

Am nächsten Morgen bin ich früh wach und seh den Jungen auf dem Fahrrad über den Campingplatz stürmen, immer Vollgas. Er fährt Rennen gegen sich selbst, die Stoppuhr am Lenkrad befestigt, so dass er stets die aktuelle Rundenzeit im eigenen Kopf ausrufen kann.

Eene Minüt seven! verstehe ich ihn.

Neben seiner Tätigkeit als Radrennfahrer ist er gleichzeitig Kommentator des flämischen Sportkanals. Mit zehn Jahren lässt sich alles sein, was man sich erträumt, und zwar alles auf einmal und nie wieder.

Zwischendurch schmeisst er das Rad auf die nasse Wiese und rennt ins Vorzelt, um sich einen Schluck aus der schnellen Pulle zu genehmigen. Auf zwei höchst intakten Beinen. Von wegen Humpelbaron.

„Der hat doch tatsächlich die ganze Zeit nur gespielt, der alte Hinkebaron“, staune ich auf meinem Beobachtungsposten.

„Wer?“

„Na, der Bursche da drüben, der kleine Belgier. Der hat überhaupt kein steifes Bein.“

„Sag ich doch.“

Mein Urteilsvermögen ist am Boden. Ich mein, man vertut sich schon mal und hält ein froschgrünes Laubblatt, das in der Abenddämmerung reglos auf der Erde kauert, für eine plattgetretene Kröte, kann passieren. Logisch. Aber das ein 10jähriger Pico mich dermaßen an der Nase herumführt..

Erst jetzt fällt mir sein bulliger Gesichtsausdruck auf, seine bullige Statur, wie ein belgisches Kaltblut. Für sein Alter geradezu kriminell kalt und bullig. Ein flämischer Teufel. Wüssten alle Erwachsenen Bescheid, wie es um ihre lieben Kleinen wirklich steht, wenn sie für sich sind und spielen, sie würden ihre eigene Brut verstossen. Ja, der Homo Sapiens hat erneut eine tiefe Kerbe in mein Gemüt gehauen. Zutiefst gefoppt erhebe ich mich aus dem Campingstühlchen und blase auf dem Gaskocher den ersten Espresso des Tages an.

Drecksack.

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3 Gedanken zu „Cadzand Camping: Vorsicht vor dem kleinen Belgier

  1. Man(n) glaubt es kaum…und man will es eigentlich auch gar nicht wahr haben, aber diese kleinen Kröten laufen überall rum…vor allem in den Gegenden, wo Geld eigentlich nicht vorhanden ist..dies Bullenköppe, diese!! So ein Scheiss…aber immer wieder tauchen sie auf!

  2. das mit dem beinnachziehn kommt mir bekannt vor…hab ich da alter mann gespielt oder wars ne kriegsverletzung..hihi

    ganz der Alte!

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