Der Geruch von Regen

Manchmal sitz ich wie ein Bauer nach getaner Feldarbeit auf dem Klo, die Ellbogen auf den Knien, partiell verschmutzt, und denke nach. Was das eigentlich alles soll hier, der ganze Blödsinn, all die Tage, die Nächte, der Mond.

Und was sie eigentlich damit meinte, als ich sie fragte, was sie vermissen werde, wenn sie eines Tages tot ist. Vermutlich alles, antwortete sie. Alles, und den Geruch von Regen.

(Ich meine, gehört der Geruch von Regen denn nicht dazu, zu Alles?)

Und warum bei allem, was wir Menschen tun, stets die Möglichkeit droht, dass wir mittendrin abkratzen. Dass alles vergeblich ist, ein letztes Mal. Nie wieder.

Allez.

Warum einem ganz schummrig wird, wenn man an die Wucht der Zukunft denkt. Und warum wir, wie die Gräfin meint, niemals erfahren werden, was das soll mit dem Universum. Wer das alles erfunden hat. Gezeichnet. Und gebaut.

Warum König Saul von den Philistern als Brautpreis einhundert Vorhäute verlangte. (Eine hübsche Schnittmenge, sicher.)

Warum ich wieder mal in Hundescheiße getreten bin, obwohl der Haufen doch klar und ersichtlich vor mir lag – ein riesig dicker fetter Kackhaufen, den ich hätte sehen müssen, aber ich hab ihn nicht gesehen, nicht mal gerochen, ich bin voll rein mit den Sandalen. Vielleicht, um hinterher sagen zu können: Wusst ich’s doch, dass da ein Haufen liegt?! Kann sein. Beim Abgang. Voll reingesemmelt.

Oder warum ein an sich bedeutungsloses Bild mir partout nicht aus dem Kopf gehen will: Sommerferien 1992, wir fahren mit dem Auto durch das belgische Örtchen Nazareth, da begegnet uns ein Mofa-Fahrer ohne Helm, seine ausgebeulte, viel zu große adidas-Hose flattert im Wind wie ein zerissenes Segel. Seh ich andauernd das Bild. Was soll das? Wer hat etwas davon? Wer bestimmt, was ich sehe, wenn ich die Augen schliesse und mir Dunkelheit wünsche?

Warum ich mich neuerdings von einer dunklen Schwäche durchdrungen fühle wie von einem dunklen, sehr dunklen Siegerpferd.

Warum jeder Tag eine neue Vermählung ist, und in der Nacht ist die Braut im Kreisverkehr auf der Flucht in alle Richtungen.

Und warum es plötzlich nach Flieder duftet hier. Nicht, dass ich was unter mir gelassen hätte in der Porzellanschüssel, bewahre, nein, auch die Hose ist nur unten auf den Fußknöcheln, weil sich das so gehört, beim Denken auf dem Klo. Weil das so aussehen muss. Ist doch klar. Der Bauer und Denker. Mittel und Zweck. Wie sollte das denn sonst aussehen bittesehr!?

„Sag mal, was treibst du da eigentlich so lange?“ ruft die Gräfin aus der Küche.

„Nix.“

„Wie, nix?“

„Na, nix eben.“

„Für nix muß man aber nicht ne halbe Stunde auf dem Scheißhaus sitzen, mein lieber Schwan.“

„Doch, ich schon.“

Genau. Einfach mal dasitzen und nachdenken. Wie ein Bauer, die Ellbogen aufgestützt. Was das eigentlich alles soll hier, der ganze Blödsinn. All die Tage, die Nächte. Der Mond und der Stark Regen. Und die Anzahl der Wörter im Text: 476.

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5 Gedanken zu „Der Geruch von Regen

  1. ach ….Herr Glumm….die dunkle Schwäche….seien Sie froh….dattse die ärs gezz kennenlernen…….:-/. Wenden Sie sich lieber dem Geruch vom Regen wieder zu…….

  2. „Wer bestimmt, was ich sehe, wenn ich die Augen schliesse und mir Dunkelheit wünsche?“
    Wieder so ein großer Glummsatz.
    Das Erschreckende ist, die Antwort könnte lauten: „Die Dunkelheit.“

  3. hach, herr glumm, als stille mitleserin (auch im andern blog) nun doch endlich mal ein kommentar.

    weil mir dieses szene, wie schon viele hier, ein weiteres dèjà-vu beschert. gut, nicht wirklich auf dem klo seh ich mich und auch nicht im detail (heruntergelassende hose und so) – aber alles andere … und ganz besonders, immer wieder, aus dem nichts, aus dem loch, auf dem ich stehe, tauchen sie auf, diese absurden fragen, nein, mitnichten absurd. eben nicht.

    und erst diese sehnsucht, die augen zu schliessen. ja. die auch. und all das.

    dennoch immer wieder ALLEZ und weiter …

    (((ach und, danke für dieses blog hier!)))

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