Im Lärmland

Es fing nach Mitternacht an, steigerte sich stetig und endete selten vor vier, fünf Uhr am Morgen, und das über Tage – es schien kein Ende in Sicht. Es kam von oben, aus der Wohnung von Gus, dem Altpunk, der über uns lebte, mit seiner halbwüchsigen Tochter Greta.

Nun war das Geräusch nicht so furchtbar laut und störend, dass ich nicht hätte einschlafen können, eigentlich. Doch dummerweise war  es so:  wenn ich einmal wach war, aus welchen Gründen auch immer, dann lag ich da und mein Denkgeschäft, meine Bewusstseinsbude, die doch ruhen sollte, begann zu rotieren wie ein Karussell und liess sich nicht mehr stoppen.

Ich überlegte fieberhaft, was dieses unangenehme, in Intervallen auftretende Geräusch verursachen könnte, was hinter diesem Schlurfen und Grollen steckte, doch ich kam nicht drauf und genau das machte mich stinkig, dass ich überhaupt darüber nachdenken musste anstatt schön zu schlafen und mich in Träumen gesund zu stoßen: Dass man, nein, dass Gus mich nötigte, seinem nächtlichen Lärm auf die Spur zu kommen.

Und dann fand ich erst recht keinen Schlaf mehr. Die Nacht war dann gegessen. Das Grollen erinnerte mich an kleinwüchsige Bodenturner, die die Rolle rückwärts einübten, von einer Ecke des Zimmers in die andere. Zwischendurch machten sie Pause. Mal zwanzig Sekunden, mal eine Minute lang, ein Durchatmen, die Hoffnung, dass es vorbei sein könnte, aber dann ging die (sachte) Hölle wieder von vorne los.

Ich kam nicht dahinter, was da oben los war, und warum nur nachts. Einmal glaubte ich, eine Geschirrspülmaschine hätte sich selbständig gemacht und wäre Nacht für Nacht über den Zimmerboden gerumpelt, doch die Gräfin war sich sicher, dass Gus keine Spülmaschine besaß.

Je länger der Lärm dauerte, desto sicherer war ich, dass über uns eine schräge Geschichte vor sich ging. Man weiß schließlich nie, was Nachbarn tun, was sie planen. Sie geben vor, friedlich Hartz 4 zu beziehen, in Wahrheit sind sie undercover beim Amt für Voodoo beschäftigt und zeigen mit dem Finger auf einen: „Du Spießer, für dich ist Zimmerlautstärke wohl das A und O im Leben, wie!?“

So ist das. Ich verabscheue euer Lärmland. Laute Musik und andere emsige Klangteppiche machen mich kirre. Lärm begreife ich als Angriff auf meine Person, nahe an der Folter. Lärm ist mein Feind. Ein schweres Nervengift. Ein Tiefflieger, der noch vierzig Dezibel draufpackt, wenn du schon zu Boden gegangen bist.

Als der Bruder vom dicken Hansen zufällig zu Besuch kam und ich von dem allnächtlichen Gepolter erzählte, (die Gräfin steckte sich übrigens Stöpsel in die Ohren und schlummerte selig, eine Option, die ich nicht hatte, ich vertrug diese Mickymäuse im Ohr nicht), da lachte er nur. Er hatte eine Zeit auf Kuba gelebt und kannte sich aus.

„In Havanna ist ständig Lärm, irgendwo läuft immer Salsa, trommelt einer auf Bongos herum, wird gestritten und gevögelt. Das gehört in Havanna dazu. Dagegen ist das doch hier Pipifax.“

Das mochte sein. Ich lebte aber nicht in Havanna und ich hatte auch nicht vor, dafür zu üben. Irgendwann hielt ich den Krach nicht mehr aus. Es war genug. Es reichte. Ich wollte eine Nacht durchschlafen.

“Vielleicht drucken die da oben Falschgeld. Dann soll Gus wenigstens ein paar Bündel rüberschieben, der Schweinehund.”

Was schleierhaft war: wieso die Bude tagsüber still blieb, es war das reinste Schweigegelübde. Es machte keinen Sinn, und es führte kein Weg daran vorbei. Ich würde Gus zur Rede stellen müssen. Wieder einmal. Es war ja nicht so, als würden wir bei leisen Leuten wohnen.

“He!” rief die Gräfin mir nach, als ich die Treppe hochstiefelte. “Bleib cool. Lass dich nicht provozieren.”

Wir hatten uns schon mal gegenseitig am Schlaffittchen gehabt, Gus und ich. Ein Jahr zuvor war es zum Eklat im Treppenhaus gekommen, als er und sein besoffener Kumpel Sprotte gefeiert hatten, so laut, dass wir eine Etage tiefer die Contenance verloren. (Flurpunk).

Ein anderes Mal hatte Greta ihre neue Spielekonsole genau auf der Stelle am Boden platziert, unter der eine Etage tiefer mein Bett stand. Der Dauerbrummton ihrer neuen X-Box war wie ein Fleck an der Decke, der sich langsam aber sicher ausbreitete und meine Gesundheit bedrohte. Keine Frage. Gus und Greta waren beschissene Krachmacher und ich stand mal wieder wie ein sabbernder Köter vor ihrer Tür, bereit zum Angriff.

Ich drückte die Türschelle. Drinnen lief Musik. Da drin lief immer Musik. Punk war das allerdings nicht, wie sonst. Eher so Singer/Songwriter-Zeugs, das plötzlich wieder Konjunktur hatte.

Gus öffnete die Tür. Es war Mitternacht durch. Er kaute und malmte auf irgendwas rum, ein Baguette vielleicht, ein verdammtes Knüppelbrot, und machte große Augen.

“Hallo Gus.”

“Ja. Hallo. Ist was? Kau ich vielleicht zu laut? Oder worum gehts..?”

Er legte den Kopf eine Nuance zurück, nach hinten, da wo die Musik spielte, als würde er andeuten wollen: Du willst doch nicht im Ernst behaupten, das wäre zu laut?

“Sag mal, Gus, habt ihr irgendeine neue Maschine gekauft? Eine, die nur nachts arbeitet? Jede Nacht mein ich.”

Seine Augen zogen sich zusammen, zu Schlitzen.

“Maschine? Was meinst du?”

Er stellte das Kauen ein.

“Na, weiss nicht. Eben irgendwas, was nur in der Nacht an ist. Das über den Boden schabt und schlirrt. Was weiss ich.”

“Maschine?”

Er blickte kurz nach rechts, in das bewusste Zimmer, in dem sein halbstarkes Töchterchen lebte, Greta, die Jung-Punkerin, die gar kein Punk mehr war und auch das Zimmer bewohnte sie nicht mehr. Sie hatte sich die kleine Kammer unterm Dach unter den Nagel gerissen. Da konnte sie in Ruhe bumsen, mit ihrem neuen Freund, einem langhaarigen Singer/Songwriter-Verschnitt.

“Wir haben keine neue Maschine”, meinte Gus.

“Und woher kommen dann jede Nacht diese verfluchten Geräusche? Dieses Grollen?!”

„Grollen? Nachts? Moment..! NACHTS! NATÜRLICH! Du meinst Fritz! Greta hat sich einen neuen Goldhamster gekauft, der läuft im Käfig jede Nacht Rad, wie ein Bekloppter, immer nur Rad! Na klar, Fritz macht den Sound!“

Gus riss die Augen auf und machte einen wachen Eindruck, so wach hatte ich die olle Penntüte noch nie gesehen.

„Ich bin die ersten Tage auch nachts wach geworden und hab gedacht, was ist das fürn Poltern hier, hat einer die Xbox angelassen?“ fuhr er fort. „Aber das ist Fritz, das ist unser neuer Hamster!”

Er kaute fröhlich sein Baguette weiter. Auch ich war insoweit erleichtert.

“Ich dachte schon, du würdest hier oben heimlich Gefangene machen und kochen.”

Er verstand nicht.

“Schon gut”, sagte ich und ging nicht näher auf meinen Voodooverdacht ein.

Schnell einigten wir uns darauf, dass der Hamsterkäfig unterfüttert werden müsste, mit einer Schaumstoffunterlage vielleicht, damit wir Ruhe hatten im Haus. Die Wände und Böden waren so dünn, sie wirkten wie Resonanzböden. Es war die Hölle.

“Weisst du was? Ich hab noch ne dicke blaue Turnmatte im Keller. Kennst du auch die Dinger, auf denen wir früher in der Schule Flick-Flack üben mussten und Rolle rückwärts und so ein Scheiss“, sagte Gus. „Was meinst du, was so ne Matte alles abdämpft. Da kann ein Elefant draufscheissen, das hört kein Schwein. Die schieb ich einfach unter den Käfig.”

Auf einen Versuch liess ich es ankommen. Ich musste unbedingt ne Stunde pennen. Als ich eine Etage tiefer im Bett lag, die Augen schon geschlossen, durchzuckte es mich. Zum einen rätselte ich, warum zum Teufel das Geräusch jede Nacht das Zimmer abgewandert war, wenn Fritz doch angeblich nur im Käfig war. Zudem ging mir auf, dass der Goldhamster das Zimmer über mir quasi für sich allein hatte, wenn Greta oben in der Mansarde wohnte. Niemand kontrollierte den kleinen Kerl in der Nacht. Ich lag da und starrte an die Decke.

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