Hollies, Specials, Ska

Was die Mutter von Juri Garagin sagte, dem ersten Mensch im All, als sie von seiner streng geheimen Mission erfuhr?

„Was macht der Junge nur wieder für Sachen!“

*

„Ich finde, Krokodile sollten mehr Seetang fressen“, sagt sie, als wir uns gemeinsam die Serengeti im Fernsehen anschauen. „Dann müssen sie nicht mehr so hinterhältig nach Zebrabeinen schnappen.“

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In einer alten Top of the Pops-Ausgabe auf arte erwische ich die Hollies. Die Hollies waren eine merkwürdige britische Kapelle. Brachten einen Haufen unerheblicher Schnulzen raus, Dutzendware auf den Grabbeltisch der 60er/70er Jahre, darunter ein besonders übles Album mit Coversongs von Bob Dylan.

Um mit Nik Cohn zu sprechen: „Die Hollies waren eine makellose Hitmaschine, sie hauten nie daneben, und sie waren sehr langweilig.“ Nik Cohn haute so gut wie nie daneben, doch er schrieb diese Zeilen in den 60ern, und da waren zwei Hollies-Perlen noch weit entfernt. Zum einen das unnachahmliche (He ain’t heavy) He’s my brother, der große melancholische Rührkuchen unter den Brüderballaden, sowie die einpeitschende Gitarren-Rock-Nummer mit dem mafiösen Titel The day that Curly Billy shot down crazy Sam McGhee.

Das waren die Hollies.

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Als ich es im einsetzenden Gewitter so gerade noch nach Hause schaffe, ohne mich einzusauen, und dann im Bett liege und nachtropfe: das Regenwasser rinnt in die Augen und brennt, als wäre mein verdammtes Dach undicht, als wäre ich ein vernachlässigtes Aquarium.

Hört das auch mal wieder auf?

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Der Moment der Ansprache war dann ein schöner.

Die Eisenkerle in ihrem Pritschenwagen mit Essener Kennzeichen schoben sich den Kannenhof runter, im Schritttempo. Ich hatte sie schon von weitem kommen gehört, ihre Rattenfängermelodie liess nichts anderes zu. Man konnte ihnen nicht entkommen.

Heute war es MUSS I DENN, MUSS I DENN ZUM STÄDTELE HINAUS, das aus billigen, blechern tönenden Lautsprechern quäkte und in endlosen Schleifen wiederholt wurde, was einen schon in den Wahnsinn trieb, wenn man es nur fünfzehn, zwanzig Minuten lang aushalten musste. So lange, wie es eben dauerte, bis die Schrotthändler die Bürgersteige und Vorgärten nach verwertbaren Gegenständen abgegrast hatten und kehrtmachten, in die nächste Siedlung.

„He!“ Ich gab Handzeichen und hielt den Wagen an. „Moment!“

Während die Blech-Boxen weiter MUSS I DENN.. spielten, sprach ich die beiden Männer im Führerhaus an: „Was ich schon immer von euch wissen wollte: werdet ihr eigentlich nicht bekloppt, wenn ihr den ganzen Tag die scheiß Musik hören müsst?“

Und wie der jüngere der beiden Eisenkerle vom Beifahrersitz hochschnellte und mich anstrahlte,

„JA KLAR! “ rief er, „ICH BIN SCHON BEKLOPPT!“

Heilfroh, dass das auch mal jemand goutiert.

*

Gegen 21 Uhr gab die gesamte HiFi-Anlage mit einem Riesenknall den Geist auf. Jeder wusste sofort Bescheid: Das Ding ist gelaufen. Nichts mehr zu machen. Da die Party weit ab vom Schuß stattfand, konnte auf die Schnelle auch kein Ersatz besorgt werden. Das bedeutete, es gab keine Musik mehr – für den Rest der Nacht. Was erstaunlicherweise nicht weiter schlimm war. Im Gegenteil. Ohne die Diktatur der Rockmusik wurde die Stimmung sogar besser, lockerer. Wer unbedingt Musik hören wollte, wer also meinte, eine Party ohne Musik sei keine Party, der musste eben selbst für Musik sorgen.

Jemand trieb eine Klampfe auf, eine straighte Country & Western, andere trommelten auf Büchsen und einem leeren dash-Eimer. Sogar ein dünner Bass war kurz zu hören, eine aufgemotzte Wäscheleine. Jedenfalls, es war das letzte Mal, dass ich Velvet Underground live gehört habe, I’M WAITING FOR MY MAN, die zwei Akkorde auf der Gitarre waren der Renner des Abends, GOT TWENTY-SIX DOLLARS IN MY HAND.

Die Party hatte Franky organisiert und fand statt, weil drei Leute innerhalb einer Woche im September dreissig geworden waren: der dicke Hansen, Franky, und ich. Die Datscha standweit abseits irgendwelcher anderer Datschen mutterseelenallein und mitten in den Wupperbergen. Damit die Leute das Häuschen überhaupt finden konnten, hatte Franky weiße Kieselsteine ausgestreut, es sah aus wie bei Hänsel und Gretel, den ganzen weiten Pfad durch den Forst.
Was er nicht ahnen konnte: schon bald nach Einsetzen der Dunkelheit hatten sich Scherzbolde daran gemacht, sämtliche Steinchen einzusammeln und verschwinden zu lassen. So kam es, dass die Leute trotz des Vollmonds den Rückweg zum Parkplatz nicht fanden und durch den dichten Märchenwald irrten, mitten in der Nacht. Ca. vierzig hilflose Personen im Wald, funkte ein Streifenwagen der Kripo in die Zentrale.

Das war 1990 und die letzte Party, bei der ich je meine Finger drin hatte.

*
Ich war nie ein großer Freund von Punkrock, aber ich mochte die Leute, die Punkrock hörten. Es war ähnlich wie bei Heavy Metal. Die Musik gab mir nichts, doch die Metaller waren durch die Bank in Ordnung, mit ihren blauen Schlangen-Tattoos und den streng durchgestylten Mähnen zum Mitschunkeln auf Metal-Festivals.

Was ich mochte, war Ska, das rassige Mauerblümchen der Popmusik. Der wilde Onkel des Reggae. Vorwärts durch die Nacht, ihr Schuhe und ihr schwarzen Hüte. Die Specials waren die Könige des Ska-Beats.

Auf der 30er-Datscha-Party von Frankyboy, die weitaus besser war als ihr Ruf, sorgte ich unablässig für Specials, jedenfalls solange Strom da war. Die schönste Nummer war A message to Rudy. Kaum verklungen, setzte ich die Nadel von vorn auf. Von daher war die vom Mitsubishi Boy später geäusserte Vermutung, jemand der Partygäste hätte von A message to Rudy so die Nase voll gehabt, dass er kurzerhand die Stromleitung kappte, nicht von der Hand zu weisen.

Das waren die Specials.

*

Was bedeutet es eigentlich, wenn es auf dem Friedhof Freitagvormittags nach warmen Bratkartoffeln duftet? Das frage ich mich am 24. August 2012 unter Berufung auf die Wirklichkeit und sitze, was die Antwort betrifft, relativ ratlos da, zumal es unter der Friedhofsbank plötzlich bestialisch nach Pisse zu stinken beginnt. All-Time-Pisse. Unschön, aber scharf.

3 Gedanken zu „Hollies, Specials, Ska

Hätte ich doch besser die Fresse gehalten

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