Manchmal möchte ich ein Auto sein, manchmal möchte ich eine Leiche im Wald finden. Das ist ganz verschieden.

Manchmal möcht ich ein Auto sein, das durch die Waschanlage geschleust wird und runderfrischt und tipp topp gebürstet wieder die Strasse betritt und losbraust, mit neuem Lebensmut. Natürlich bringt das nicht wirklich was, runderfrischt. Runderneuert wäre das Zauberwort. Aber dazu müsste all das Wasser und der Aktivschaum, der aus Hochdruckdüsen spritzt, tief ins Auto eindringen. Die Karosserie entsiegeln, einen Blutaustausch vornehmen. Pimpen, den Motor pimpen. Alles auf null fahren. Bringt mir diese Waschanlage.

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Wie der liebe Gott die Natur erfand? Ganz einfach. Er liess sein gesamtes Inventar über Nacht draussen im Regen stehen und wartete ab.

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Paar tausend Jahre später, Freitagmittag. Am Treppenbach stapfen vier Kinder in Gummistiefeln und T-Shirt durchs Wasser. Sie spielen Unbesiegbare Spanische Fische.
„Schiffe!“ berichtigt mich die Anführerin in den größten Gummistiefeln. „Unbesiegbare Spanische Schiffe!“
Gott sei Dank, das macht wenigstens Sinn. Bei der Jugend von heute weiss man ja nie, besonders bei der frühen Jugend nicht, und hier am Treppenbach handelt es sich um frühe Jugend, Mitte September, bei leicht regnerischer Atmosphäre im Wald und Geknirsche von Rang & Reisig, was die so alles planen, im Kopf haben.

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Da wir gerade beim Thema sind, Gewalt & Tod: Es gibt Tage, da geh ich der Strasse entlang und plötzlich, ohne jegliche Vorankündigung, spüre ich, wie mir von hinten ein Reisebus in die Hacken knallt. Oder mir springt im menschenleeren Park ein Bekloppter von hinten in den Rücken, wie in alten Kung Fu Filmen, und die Stahlkappen seiner Arbeitsschuhe haben was zu bohren.

Und an ganz üblen, vegetativ komplett zerütteten Tagen reicht es schon, langsam an einem Drahtzaun entlangzuschleichen und die Zacken obenauf ritzen einem waagerecht die Augen auf.

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Vegetative Tage im September, grob und zart zugleich. So wie Francis Bacon gemalt hat: heftig, am liebsten.

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Am liebsten sitz ich im Wald auf einem umgekippten Birkenstamm und beobachte den Hund beim Schnuppern. Oder ich mache mich downhill auf die Socken bis ich Richtung Papiermühle auf ein von der Evangelischen Waldjugend errichtetes Tipi treffe. Das ist ordentlich gebaut und bietet Obdach. Ich mein, man muss ja nicht immer gleich auf eine Leiche stoßen im Wald, kaum verdeckt von hohem Farn. Manchmal tut es auch ein Tipi.

Obwohl, mal im Ernst. Das mit der Leiche finden im Wald verfolgt mich schon seit Jahren und hört vermutlich erst auf, wenn ich endlich was finde. Das ist schliesslich der Grund, warum ich andauernd in den Wald renne. Sagen wir, einer von zwei Gründen.

Erster Grund: Um dem Hund einen Gefallen zu tun. Zweitens: Sobald ich den Wald betrete beginnt in meinem Kopf automatisch die unheilvolle Stimme von Eduard Zimmermann zu erzählen. Das schreit geradezu nach einer Auffindesituation, nach rot-weissen Absperrbändern und einem einzelnen blutverschmierten Fuß, unweit des Großen Leichnams.

„DIETER, HIER, DIE MAUKE MUSS NOCH EINGETÜTET WERDEN“

„IS KLAR, CHEF!“

*
Eine Atmosphäre im Wald, als stiesse man hinter jeden Biegung auf einen neuen Leichnam.

„Guck mal, da liegt was“, sagt die Gräfin, stochert in einem grauen Abfallsack. „Ein Leichensack.“

„Ach so. Lass liegen.“

*

Aber merkwürdig, links und rechts der Leiche liegen zwei Kanister mit undefinierbarer schmutziger Flüssigkeit im Laub.

„Meinst du da ist Sprit drin?“ fragt die Gräfin. „Meinst du, die wollten den Sack mit der Leiche anzünden, um die Beweise zu vernichten?“

„Bestimmt“, sag ich. „Das haben die Mörder nur im letzten Moment vergessen.“

*
Ich bin seit jeher scharf darauf, eine Leiche zu finden, wenn ich mit dem Hund im Wald bin. Vielleicht nicht gerade scharf drauf, aber ich rechne damit. Ich bin stets darauf gefasst, beim Pinkeln im Gebüsch auf ein totes Gesicht zu strullern. Damit, wenn es passiert, ich nicht allzu etepetete bin.

*

Ich mein. Das muss doch mit dem Teufel zugehen, wenn in jeder verpimpelten XY-Ausgabe ein Finger aus dem Erdboden eines Friedhofes tritt, ich aber in dreissig langen Waldspaziergangjahren kein einziges Mal auf einen verbuddelten Toten stoße. Das kann doch nicht angehen, rein rechnerisch jetzt. Wahrscheinlichkeitsrechnung.

Es gab Tage, da hatte ich die Schnauze richtig voll. Da fühlte ich mich von allen von fremder Hand zu Tode gekommenen und in der Erde verscharrten Opfern verlassen. Dann schlug ich schon schnaubend vor Wut die abgelegensten Pfade auf und stiess noch ins dickste Dickicht vor, in der Hoffnung, ihr wisst schon. Aber nirgends ein Tötungsdelikt. Der Mitsubishi Boy meint jetzt, ich sollte mal unten im Keller nachgucken.

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12 Gedanken zu „Manchmal möchte ich ein Auto sein, manchmal möchte ich eine Leiche im Wald finden. Das ist ganz verschieden.

  1. wunderbar. schön assoziativ, sprunghaft, der anfang – und dann über umwege am thema, nein: der obsession entlang geschrieben. ein genuss. danke dafür.
    ich bin erst seit ein paar wochen ihr gastleser und werde es bleiben. mehr als ein paar wochen. versprochen.
    gruß, uwe

  2. keine ahnung, müsste ich nachschauen. ich tippe mal: in einem wald in der nähe von solingen. was ich da gemacht hätte als kind, weiß ich nicht wirklich, aber wahrscheinlich ist, dass ich mutwillig hochstände niedergeholzt hätte, so wie ich es im wald meines kindheitsdorfes getan habe. vielleicht wäre ich dann zum treppenbach gerannt, um die stirn zu kühlen und die brennenden hände und darüber nachzudenken, wie ich aus der nummer ungeschoren wieder rauskomme.
    gruß, uwe

  3. soweit ich das überblicke ist deine antwort fast perfekt…weil der treppenbach so steil den hang sich runterschlängelt,sone ne art treppe eben so breit wie pflastersteinwege… konnte man dort hervorragende staudämme bauen um sie später wieder zu zerstören ,das war ein riesenspass wenn der damm brach und der tsunami in die tiefe stürzte und so..
    dein holz hätte ich gebraucht..
    lg Kurt

  4. freut mich. ein perfektes team in einer vergangenheit, die es so für uns beide nie gab, außer hier in diesen kommentaren. was für eine spiegelfechterei. ganz nach meinem geschmack. gruß, uwe

  5. ich guck auch immer. und nein, ich fand auch noch nie eine und nochmals nein, ich habe das noch nie jemandem verraten. wie wärs mit einer anonymen selbsthilfegruppe für potentielle leichenfinderInnen? ich wär dabei … 😉

    (klasse geschrieben!)

  6. Danke für…:

    Ich bin stets darauf gefasst, beim Pinkeln im Gebüsch auf ein totes Gesicht zu strullern. Damit, wenn es passiert, ich nicht allzu etepetete bin.

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