Arretiert!

Es war zu lächerlich, doch so waren die Zeiten. 1979 brummte mir der Richter am Amtsgericht zwei Wochenendarreste plus zwanzig Arbeitsstunden auf. Mein Vergehen: der Besitz von einem viertel Gramm Haschisch. Rein rechnerisch handelte es sich sogar nur um die Hälfte, da die Jungs vom Rauschgiftdezernat das kleine Piece im Schnee entdeckten und nicht exakt zuordnen konnten, als sie uns auf dem Parkplatz vorm Jazzkeller aus dem Auto zerrten.

„Na, was haben wir denn hier schönes?“ meinte der Mann von der Kripo und bückte sich.

„Keine Ahnung“, sagte Pepe cool, den Jointstummel im Mund. „Nie gesehen.“

„Gehört mir nicht“, krächzte ich.

Pepe kam eine Woche nach meiner Verhandlung mit zwanzig Arbeitsstunden davon, beim selben Richter. Ohne Wochenendarreste. Warum!? Weil ich den Mund nicht halten konnte. Ich musste ja dem Richter, der Staatsanwaltschaft und allen anderen anwesenden Autoritäten unbedingt mitteilen, wie ungerecht das sei, dass man sich in diesem Staat zwar mit einer Pulle Doppelkorn an jeder Straßenecke unbehelligt zu Tode saufen könne, (ich erwähnte, glaub ich, Frühstückskorn), für ein bißchen Haschisch hingegen in den Bau wandere.

„Schweinerei!“ rief ich in den Saal, und: „Riesengroße Scheiße hier!“ Möglicherweise auch „Free Nelson Mandela!“, ich weiss nicht mehr, ich war ein vielbeschäftigter 18jähriger Haschischpolitiker, der auf ausdrücklichen Wunsch der Schulleitung gerade die Schule verlassen hatte, das Jungsgymnasium.

Der Richter schaute mit jeder Silbe aus meinem erregten Mund verdrossener drein. Vom zunächst halbwegs belustigten „Junge, jetzt halt mal endlich den Rand..“ bis zum genervten „Jetzt reicht’s!“-Gesichtsausdruck, „dem Scheiß-Hippie hier pack ich zwei Wochenend-Arreste im Jugendknast drauf! In Remscheid!“

Verfluchtes Remscheid. Aber der Reihe nach. Einen Teil der Arbeitsstunden leisteten Pepe und ich gemeinsam in der Fauna, dem kleinen Tierpark am Stadtrand. Am ersten Tag drückte man uns Mistgabeln in die Hand und schickte uns raus in den Ziegenstall, zum Ausmisten. Es war tiefer Winter, schuppig kalt. In der Blockhütte angekommen, stellten wir erstmal die Gabeln an die Wand und klebten Papierchen zusammen für eine schöne Tüte.

„Sagt mal, ist das etwa Mist, was da dampft im Ziegenstall?“ sorgten sich die Tierpfleger, die uns per Fernglas überwachten, und so wurden Pepe und ich schon getrennt, bevor unsere Mistgabeln überhaupt gemeinsam zum Einsatz kamen. Pepe blieb allein bei den Ziegen zurück, während ich ins Vogelhaus verfrachtet wurde. Von nun an hatte ich es mit Papageien zu tun, großen bösen Vögeln, denen ich ebensowenig über den Weg traute wie sie mir.

Als ich die Voliere betrat, um frisches Wasser nachzufüllen und den Boden zu kehren, gerieten die Aras in heillose Aufregung. Sie flatterten wie bekloppt durchs Gehege und schlugen und knallten mit ihren Flügel gegen die Gitter, dass die Federn nur so durch die Luft wirbelten. Bekifft wie ich war, erwartete ich den Käfig mit einem Loch im Schädel zu verlassen: „Haschbruder, nimm dies! Und dies hier auch!“

Von den Tierpflegern war keine Hilfe zu erwarten. Sie überließen die Drecksarbeit Kleinst-und Mini-Kriminellen wie uns, die ihre Strafstunden abreissen mussten, während sie selbst in der überhitzten Kaffeeküche saßen und die Lage per Fernglas sondierten. Nur gelegentlich erhob sich einer vom Stammpersonal und machte eine Schubkarre Fleisch fertig fürs Affenhaus.

Wenn wir unser Tagespensum erfüllt und alle Attacken der Viecher überlebt hatten, klemmte ich mich auf den Rücksitz von Pepes Enduro-Maschine und wir düsten runter in die Wipperaue, wo Pepe und sein Bruder ein Fachwerkhaus gemietet hatten. Erst mal einen Bong ziehen, ein Fläschchen Ricard köpfen, Diana Ross hören.

Upside down, Boy, you turn me, inside out.

Kurz vor Weihnachten stand der erste Wochenendarrest an. Mit meinem Vater fuhr ich Samstagmorgen nach Remscheid, Punkt sieben setzte er mich vorm Jugendknast ab. Zeitpunkt der Entlassung: Sonntag, 18 Uhr. Im Autoradio lief Bing Crosby. Ich hatte Tränen in den Augen. Zwar galt es nur einen Tag, eine Nacht und einen halben Sonntag zu überstehen, aber, Mann, ich war eingesperrt. Als die Türe zufiel und der Schlüssel im Schloss umgedreht wurde, so laut, als wäre ein Supergimmick von YPS im Spiel, (NUR IN DIESEM HEFT: TURBOBOMBEN FÜR DIE OHREN!), wurde mir übel und ich musste kotzen.

Jeder Arretierte hatte eine Einzelzelle mit Bett, Tisch, Stuhl, Kleiderschrank und Pisspott. Tabak war verboten, zu Lesen gab es nur eine abgegriffene Bibel. Zudem musste die Pritsche tagsüber hochgeklappt bleiben, man sollte schließlich Buße tun und nicht pennen. Ich saß auf dem Stuhl und glotzte mir auf die Schuhe. Große Dinger waren das, richtige Frachtkähne. Ich spielte Fährmann auf der Wupper und setzte über aufs andere Flußufer. Ich erwischte zwei Schwarzfahrer. Sie hatten kein Geld dabei. Na, ich liess sie laufen. Ich hatte ein Herz für schräge Vögel, ein Faible für Gesockse. Ausser für Aras. Logisch.

Es war zehn nach Sieben. Genau zehn Minuten um. Noch dreiunddreißig Stunden, fünfzig Minuten. Ich nahm die schwarze Bibel in die Hand. Das ist doch mal eine Gelegenheit, dachte ich, die kommt hoffentlich nie wieder. Beim Konfirmandenunterricht Jahre zuvor hatte ich nur Augen für meinen Nachbar Sieberts gehabt, dem Unmengen Haare auf den Armen wuchsen, ganze Urwälder, und das im Alter von dreizehn Jahren. Wenn der Sieberts da schon soviel Haare hat, dachte ich, wie sieht dann erst sein Sack aus. Noch während ich nun auf Seite 2 verfolgte, wer damals in Judäa wen geheiratet und wieviel Kinder gemacht hatte, verlor ich den Faden.

Punkt zwanzig Uhr durften endlich die Betten runtergeklappt werden. Da ich mir am Abend zuvor mit Karlos und Benzini ordentlich die Kante gegeben hatte, (RAPIDO!), war mein Schlaf dünn und extrem flach. Das waren die Nerven. Das kam vom vielen Wodka. Wir hingen damals so viel mit den SHARKS rum, der legendären Motorradgang, innerhalb weniger Wochen hatte ich mir fünfzehn Kilo Übergewicht angesoffen. In dieser Nacht träumte ich von Monstern, die unterm Bett hervorgekrochen kamen und wie Schweine ohne alles aussahen, und von weichen Kissen.

Sonntagmorgen schob ich den leeren Kleiderschrank der Wand entlang bis er unter dem vergitterten kleinen Fenster zum Stehen kam. Dann kletterte ich auf den Schrank und verbrachte die Stunden bis zum Mittagessen damit, die kleine Straßenkreuzung inklusive Zebrastreifen zu beobachten. Mehr Ausschnitt gab mein Posten nicht her. Immer, wenn ich Schritte auf dem Gang hörte, sprang ich runter, setzte mich auf den Stuhl und nahm die Bibel zur Hand. Entfernten sich die Schritte, war ich wieder auf dem Hochsitz. Ich zählte acht Personen auf dem Fußgängerübergang bis zur Essensausgabe sowie einen humpelnden Hund ohne Herrchen und einen Kinderwagen, dessen Vorderreifen blockierten.

Mittag im Gulag. Punkt zwölf gingen die Zellen auf und die Gefangenen mussten sich in Reih und Glied vor dem Trog aufstellen, aus dem ein Wärter eitrige Erbsensuppe austeilte. Vor mir stand ein Langhaariger, ein Bekannter von Pepes großem Bruder. Er wohnte mit Freunden am Dorperhof in einer gemieteten Villa, die in der ganzen Szene berüchtigt war für wilde Kifferparties.

Der Typ vor mir hielt die Hände hinterm Rücken gekreuzt und ich wunderte mich, was er da so nervös herumnestelte, bis ich endlich dahinterkam. „Schnallst du es auch mal..?“ zischte er. Unbemerkt von den Wachleuten griff ich in seine geöffnete Hand und entnahm ihr ein kleines Stück Haschisch. Ein viertel Gramm vielleicht. Der Sonntag war gerettet. Mal abgesehen von der Erbsensuppe, deren Erbsen so erbärmlich schmeckten, als hätte der Koch kleine Legoklötzchen eingekocht und mit grünem Filz überzogen.

Ich bröselte das Haschisch in den Tee. Ein Wärter brachte einen Bogen Papier und einen Stift. Jeder sollte aufschreiben, wofür man ihn verknackt hatte und warum man die Tat bereue. Die Frage war nicht, ob man die Tat bereue, nein, direkt warum. Ich kritzelte Vorder- und Rückseite voll, in engen Zeilen, ich quasselte und quasselte. Ich wiederholte meine Vorwürfe, die ich schon vor dem Amtsgericht gemacht hatte, und forderte, befeuert vom Tee, die komplette Freigabe aller Drogen. Was man eben so schreibt, wenn man neunzehn ist. Wenn man die Wahrheit in der Tasche hat. Ab zwanzig leeren sich die Taschen zusehends.

Den zweiten Wochenendarrest einen Monat später riss ich fast schon routiniert herunter. Mit dem Unterschied, dass ich diesmal mein eigenes Piece in die Zelle schmuggelte und mir anderthalb schöne Tage machte, oben auf dem Kleiderschrank, als stiller Referee. Diesmal zählte ich 23 Personen auf dem Zebrastreifen plus einer hupenden Motorradeskorte. Das waren die SHARKS auf ihrem Sonntagsausflug ins Grüne. Ich winkte begeistert. Niemand blickte hoch. Na ja, warum auch.

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13 Gedanken zu „Arretiert!

  1. abgesehn von dem lachanfall ,den ich nicht im griff hatte ..estut noch weh..hihi..
    bin ich froh das es schränke gibt mit bibelischen versen

    man
    das macht einen fertig..hihi
    ächtz.

  2. Da bin ich aber froh, dass ich nur Arbeitsstunden bekam, damals 1979, als ich beim Klauen erwischt wurde. Ich musste den Hof des Marburger DRK-Gländes kehren, auch wenn es keinen Unrat gab, mich ausgenommen.
    Den Arrest hätte ich auch nur mit Drogen duchgestanden. Nur nahm ich damals keine zu mir, außer Bücher. Die verschlang ich wie ein Süchtiger.
    War das bei Ihnen im Knast erlaubt? Oder gab es nur die Bibel?
    Das wäre dann für mich die härteste Prüfung gewesen.

    Danke für den Einblick und die durch ihn ausgelöste kurze Erinnerung an eine meiner Jugendverfehlungen und ihren Folgen. Grüße, Uwe.

  3. 4x Wochenendarrest in D-Dorf Gerresheim. Meine Fresse, wen ich da alles getroffen habe. Die Kneipe schräg gegenüber machte schon um 5 auf, oder gar nicht zu, wat weiß ich?
    Danach alle stratzevoll ab in den Knast (nur Bibel). Göllner hatte nen Piece.
    Ach so, wegen Mofa frisiert.

  4. Abgesehen davon, dass es irre geschrieben ist, habe ich das auch ähnlich erlebt, ebenfalls zwei Wochenenden, sogar das mit dem Schrank – nur kam ich mit keinen anderen Arrestierten zusammen und hatte kein Bett sonder ne richtige knallharte Pritsche.

  5. Pingback: Link(s) vom 5. November 2012 — e13.de

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