Das Ohrfeigengesicht

Als ich fünfzig wurde, war Volkstrauertag und es gab eine Riesenparty. Also irgendwo auf der Welt, bei mir nicht. Es war Mittwoch, ich fuhr mit der 83 Richtung Wuppertal, als der lange Jack zustieg. Jack, Hände wie ein Werkzeugmacher, die Stimme rau wie Jägermeister on the Rocks. Sein Körpergewicht pendelte neuerdings massiv hin und her, er hatte Magenkrebs oder irgendeine andere schwere Krankheit. Oder wie sonst konnte es passieren, dass er innerhalb zwei Wochen locker fünfzehn Kilo zulegte. Und wiederum 14 Tage später waren die 15 Kilo wieder weg, oder sogar 20, und er sah aus wie ein halbierter Holzfäller. Jack, der Jo-Jo, hieß es in der Szene. Jack war in Ordnung. Er hatte stets ein offenes Wort für einen.

Ob ich das vom Ohrfeigengesicht schon gehört hätte. Nee, wieso. Na, der wäre jetzt auch tot. Erst wusste ich nicht genau, wer mit Ohrfeigengesicht gemeint war, dann störte mich die Formulierung auch tot – wieso auch tot? Wer war denn noch tot? Bekam ich überhaupt noch was mit? Lebte ich noch in dieser Stadt? Auf diesem Planeten? Wo die Leute anscheinend andauernd umfielen und tot waren, ohne dass ich davon etwas erfuhr? Oder doch erst sehr viel später, so spät, dass sie schon mumifiziert waren, wenn die Kunde von ihrem Ableben zu mir durchdrang.

Der Name Ohrfeigengesicht war mir bekannt, war ja auch einprägsam, unverwechselbar eigentlich, doch welches Gesicht zu dem Namen gehörte, das wusste ich nicht. Mein Namensgedächtnis ähnelte zunehmend einer riesigen Grube, in der im Laufe der Zeit ganze Kasernen an Namen verschüttgegangen waren, hohe Mietskasernen mit doppelt und dreifach Klingelleiste. Zurückgeblieben waren bloße Namensschildchen, lose im Gedächtnis-Schutt, ohne jegliche Verbindungen zueinander, Silben, nur Silben.

Und außerdem:

Waren die Straßen nicht voller Ohrfeigengesichtern und anderen abgewatschten Visagen? JETZT MIT NOCH MEHR MONSTERN!? Eine visuelle Gesamtstörung, die besonders Leuten auffiel, die von außerhalb in die Stadt kamen und erschraken, was sich hier alles auf die Straße traute, ohne weggesperrt zu werden.

Ich grübelte.

“.. Ohrfeigengesicht. War das nicht der mit dem Zopf, der mal Spüli verkauft hat als Codein?”

“Quatsch, das war der Saarländer. Das Ohrfeigengesicht war der Typ auf dem Mofa, den kanntest du auch, den kannte jeder. Der saß immer so steif auf seinem Mofa, wenn er zum Hilten fuhr. Wie ne Statue.”

“Hm. Der immer so kerzengerade saß auf dem Mofa, der?”

“Genau der.”

Ein komischer Kauz. Er kam jeden Morgen auf seiner alten Zündapp zur Praxis von Doc Hilten geknattert, um seine Dosis Methadon abzuschlucken. Dann setzte er sich wieder aufs Mofa und fuhr nach Hause. Was Anderes tat er nicht, jedenfalls wurde er nie bei anderen Tätigkeiten gesichtet, außer beim Methadon abschlucken und mit dem Mofa fahren, nach Hause. Ein gedrungener bulliger Typ, der niemals lachte und so steif ging, als hätte er jahrelang nicht geschissen.

Ich fragte mich, wie das Ohrfeigengesicht sich wohl gefühlt haben muss, als es zum ersten Mal mitbekam, dass man es Ohrfeigengesicht nannte. Ich meine, diesen Moment muss es gegeben haben. Der Typ war ja nicht als Ohrfeigengesicht auf die Welt gekommen, mit dem Vornamen. Vielleicht stand er gerade in der Schlange bei Doc Hilten und wartete auf seine Methadonspeisung („Dem Methadon-Ritual ist unbedingt Folge zu leisten!“), als ihn jemand mit Ohrfeigengesicht ansprach.

„Ohrfeigengesicht? Wen meinst du?“

„Na, wen wohl, du Arsch.“

Im Obus der Linie 83, in Höhe Wasserturm. Jack erzählte, dass dem Ohrfeigengesicht vor Jahren bei einem schweren Verkehrsunfall beinahe das Rückgrat weggebrochen war. Seitdem hatte er ein medizinisches Korsett getragen, das zu dieser ungemütlich steifen Körperhaltung führte.

“Eigentlich hätte der gar nicht mehr Mofa fahren dürfen. Der konnte sich kaum noch auf der Karre halten, mit all den Schrauben und Eisen und Titanbolzen im Kreuz. Der war eine Ruine, eine wandelnde Werkstatt..”

Ich versuchte mir das Gesicht des Ohrfeigengesichts vorzustellen, was nicht so einfach war, da der Bursche so gut wie nie den Helm abgenommen hatte. Wenn er mit einem sprach, klappte er einfach das Visier hoch und nuschelte monoton ins Futter.

“Leg doch mal endlich den kack Helm ab”, hörte ich einmal, wie ihn jemand anpflaumte, “man versteht keinen Ton!”, doch das berührte das Ohrfeigengesicht nicht. Und wer den Kerl doch mal ohne Helm erblickte, verstand auch, warum. Er sah aus, als habe ein Kampfhund versucht, ihm den Schlaf aus dem Auge zu reiben und dabei gewaltig daneben gelangt. Die Stirn war von Narben und Katschen so übersät, dass die Bezeichnung Ohrfeigengesicht schon eine Untertreibung darstellte, ja, einen Kosenamen.

Das Ohrfeigengesicht starb im Spätsommer 2010, als innerhalb weniger Tage drei Junkies ihr Leben ließen, alles geschwächte langjährige Dauerkonsumenten. Erst hieß es, ungewöhnlich sauberer Stoff sei in Umlauf gewesen, dann stellte sich heraus, dass jeder der Abhängigen seinen eigenen Tod gestorben war, nur zufällig zur gleichen Zeit. Längst nicht jeder Junkie stirbt an einer Überdosis. Es ist eher so, dass die Leute sich aufhängen, weil sie die Sucht nicht mehr ertragen, oder dass ihre Organe den Dienst einstellen, oder sie bekommen Krebs wie jeder andere Mensch auch. Sie sind müde und schlafen ein und werden morgens nicht mehr wach, von einem Gehirnschlag überrascht.

Der etwa 40jährige Mann, den alle bloß als Ohrfeigengesicht kannten, erwischte den klassischen Junkietod. Er hatte sich einen letzten Schuss zur Nacht gesetzt, ein Betthupferl, und war daran krepiert – das war‘s. Mehr war nicht zu erfahren, es interessierte auch keinen. Bis auf Fahnder des Rauschgiftdezernats vielleicht, aus statistischen Gründen. Konnten sie wieder einen in ihre Jahres-Statistik einbauen, die im Januar in der örtlichen Presse verbreitet wurde, und die Leute lasen den Schmu und sagten, oho, na, wie gut, dass es die Polizei gibt, bei all den kriminellen Schmeißfliegen in unserer schönen Stadt.

Mit der 83 angekommen im Zentrum stellte ich Jack die Frage, die mir die ganze Zeit auf der Zunge lag.

“Sag mal, seit wann hieß der Kerl Ohrfeigengesicht? Seit dem Unfall?”

Ben Jakubeck, genannt Jack, neuerdings Jo-Jo Jack, gegerbte Haut, Werkzeugmacherhände und ein Zinken im Gesicht wie ein unfreundliches Geschlechtsteil, glotzte verständnislos.

“Keine Ahnung. Kann sein. Vielleicht sah der Arsch auch schon vorher scheiße aus. Woher soll ich das wissen. Ich hab mit dem nie ein Wort gewechselt. War eben ein Junkie, mehr weiß ich nicht. Und das mit dem Unfall.”

Na schön, nun war der Mann ja tot und auch ich konnte mich nicht daran erinnern, je ein Wort mit ihm gewechselt zu haben, doch als ich mir nun sein Gesicht vorstellte, dieses stets übelgelaunte, vernarbte Gelände, das sich hinter seinem ewigen Mofahelm verbarg, da musste ich Jack Recht geben. Verdammt, ja. Wir alle hatten unser kleines Leben gegen die Wand gefahren, Heroin war unser Supervater gewesen, (und war es immer noch, auch wenn wir uns brav wie die Chorknaben zur Substitution aufmachten, Tag für Tag, Woche für Woche, Jahr für Jahr.) Wir schenkten dem Supervater all unser Vertrauen, und wir wurden nicht enttäuscht. Jeden Tag packte er uns aufs Neue in Watte, damit nichts an uns drankam, damit wir nicht behelligt wurden vom Unbill des Alltags mit all seinen gefährlichen Aspekten wie Sexualität, Humor, Hygiene.

Der Supervater war allgegenwärtig, und musste doch stets neu gesucht werden. Oftmals war er nur schwer zu orten, es gingen Gerüchte um in der Szene, man habe ihn mal hier, mal dort gesehen, doch wenn man am beschriebenen Ort ankam, war er schon wieder fort. Sein leicht medizinischer Geruch stand noch in der Luft, es war zum Verzweifeln.

Jack hatte Recht.

Das Leben und seine Motive waren ebenso kompliziert wie unkompliziert und undurchschaubar wie durchschaubar, es war alles wie immer, und ein totes Ohrfeigengesicht war ein totes Ohrfeigengesicht – fertig, aus.

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