Zeeland

Autobahn Richtung Zeeland. Immer größere Wiesen fliegen vorüber, auf denen immer bösartigere holländische Kampfschafe weiden und Autos anblöken. Es bewölkt sich.

“Erzähl doch mal was”, gähnt sie.

“Erzählen..? Was denn?”

“Na, irgendwas. Unterhalte mich.“ Sie steht auf Männer, die schön Geschichten erzählen können. Dafür hat sie eine Schwäche. „Dann fahre ich auch langsamer. Und ich fahre ja schon langsam, dir zuliebe. Ich mein, Tempo Hundert, pff. Das ist doch nicht schnell. Wenn’s nach mir ginge, ich würd ja schneller fahren.”

Sie will schnell ankommen, darum geht’s ihr. Damit sie das Autofahren schnell hinter sich hat. Dabei hasst sie das Schnellfahren, genau wie ich. Das ist paradox, klar. Schnell fahren, damit man es schnell hinter sich hat.

“Bleibt ja immer an mir hängen, die scheiß Fahrerei”, meckert sie.

Wir hassen beide Autofahren. Vor allem, auf der Autobahn unterwegs zu sein. Es ist die ständige Präsenz des Todes, die mitfährt, Bilder von Schwerverletzten, die auf dem Asphalt liegen, in Brei und Scherben getunkte Körperteile, es macht mich kirre. Blutige Bilder, die unvermittelt vor meinem inneren Auge antanzen, Fetzen von Automassakern. Antennen, die sich ins Gedärm bohren.

Kampfgeschwindigkeiten.

Ich muss solche Bilder jedes Mal abschütteln wie ein Hund die Nässe. Bei Bildern, die zu lange im Kopf bleiben, die schon zu jucken beginnen, hilft nur noch die Augen weit aufreissen, so weit wie möglich, bis die Szenen herausgedrückt werden und über die Klippe stürzen.

Früher, klar, früher ist alles immer gut ausgegangen. Wenn man jung ist, geht alles gut aus. Man ist nach München gefahren und weiter nach Wien und Budapest und überall heil angekommen – sogar den Autoput durch Jugoslawien hat man überstanden, doch die Zeiten sind vorbei. Wo immer alles gut ausging. Wo jeder Bluttest negativ ausfiel, jeder Unfall glimpflich endete. Das wissen alle, die älter zu werden. Die das schaffen, denen das gelingt. Die wissen, dass im Alter die Dinge nicht notwendigerweise glimpflich ausgehen. Dass es dem Schicksal urplötzlich total schnuppe ist, ob du die viertausendste Autobahnfahrt überlebst.

Sie drosselt herunter auf Tempo 95, uns beiden zuliebe, und ich sterbe direkt insgesamt ein gutes Zehntel Tode weniger. Das ist ja schon mal was. Ein Onkel von mir ist 1967 auf der Autobahn zerfetzt worden, auf der Fahrt ins Wochenende. Im Ford Taunus. Da kam er gerade von der Grundausbildung der Bundeswehr. „Onkel Jürgen ist tot“, sagte meine Mutter. „Er hatte einen schweren Autounfall.“ Ich war sieben Jahre alt. Ein paar Tage liess ich meine Matchboxautos in der Geheimtruhe, in der ich meine Autos aufbewahrte.

“Fahre Neunzig“, biete ich der Gräfin an, wie auf dem Basar, „und ich erzähl dir was schönes.”

“Au ja.”

Wenn die Gräfin die Geschwindigkeit weit herunterdrosselt, so weit, dass sie zum Schluss ganz stehen bleibt, müssen die Wagen hinter uns ebenfalls stehen bleiben. Das ist der Plan. Alle Autos müssen schließlich stehenbleiben auf der alten holländischen Reichsautobahn, alle Insassen dürfen weiterleben, mit Gliedmaßen, die nicht im hohen Bogen durch die Gegend schiessen und vor den Hufen der Kampfschafe landen. Dafür muss ich ihr nur was erzählen. Ich muss sie nur ein bisschen unterhalten. Dummerweise bin ich leer im Kopf. Da ist nichts, was ich erzählen könnte. Die Story vom Onkel Jürgen kennt sie bereits.

Ich seufze.

“Mir fällt nichts ein.”

“Soll ich wieder schneller fahren?” sagt sie. Es ist Spaß, die Drohung, und dennoch.

Hastig durchleuchte ich mein Gehirn nach erzählbarem Stoff, Erlebnissen, doch der Stollen bleibt dicht. Blickdicht. Das Tachometer klettert in den roten Bereich. Der Astra ächzt bei jedem Teilstrich. Das ist ja doch kein Spaß!

“Also.. schön. Äh.. die drei Rockettas wohnten..”

“NEIN! KEINE ROCKETTAS-STORY!”

“Warum nicht?”

“Die machen mich verrückt, deine drei Rockettas! Mit denen kann ich nichts anfangen! Ich hasse die Rockettas! Die sind so.. dämlich! Wenn ich den Namen schon höre. Die Rockettas sind wie die Daltons! Die haben auch das Trottel-Gen!”

Kurz hinter Bergen op Zoom geht ein heftiger Regenschauer nieder. Erstaunlich, mit welch heiligem Zorn dieser Sommer es kübeln lässt. Die Gräfin wird gezwungen ein Abbremsmanöver einzuleiten, weil die Wagen vor uns abbremsen, dabei fängt die Karre an zu stottern und zu schlingern, als mache sie Männchen, ein Männchen nach dem anderen.

“Das hat die scheiss Karre von dir”, sagt die Gräfin. “Das Männchen.”

Zum Glück lässt der Schauer so schnell nach, wie er gekommen ist. Wir sind quasi durch den Regen hindurchgerast, haben ihn getunnelt, wie ein Surfer die Monsterwelle. Maverick. Manchmal ist Rasen gar nicht übel, klar. Wenn es schnell vorbei geht. Wo sie schon mal dabei ist, drückt die Gräfin das Gaspedal feste durch, bis die Tachonadel 150 anzeigt. Ganz schön happig. So schnell bin ich seit Jahren nicht beigefahren. Ich halte mich am Handschuhfach fest und fiepe wie ein Topf Muscheln.

Es ist eine Kausalkette, das Leben. Alles hängt immer mit allem zusammen. Es gibt keine isolierte Betrachtung. Nirgends. Schnell fahren, heisse Muscheln im Topf. Blöde Gedanken bei Tempo 150.

“Weisst du, was das ist, Leben?” starte ich einen philosophischen Versuch, als wir bei Vlissingen endlich in ruhigem Fahrwasser dahingleiten.

„Nee“, sagt sie. „Aber du wirst es mir gleich sagen.“

Ich werde ganz feierlich. Mein Jäckchen knistert im Fahrtwind.

„Heil in Holland ankommen.”

Die erste Nacht im Zelt in Cadzand ist kühl, etwas feucht und saugemütlich. Die Gräfin hat vor der Abfahrt ein großes aufblasbares Gästebett gekauft, breit wie eine doppelte Luftmatratze, produziert in China. Aufgepumpt darf das Campingbett nur von autorisierten Pennern benutzt werden, verlese ich mich. Der zweite kleine Lacherfolg folgt am Morgen und geht auf ihr Konto.

„Scheiße, ich glaub, ich hab auf einem Seestern geschlafen.“

3 Gedanken zu „Zeeland

  1. und? war die matratze am nächsten morgen platt?

    wie es aussieht, bist du die scheherazade der deutschen autobahnen.

    (und du schaffst es vielleicht sogar, dass ich nicht mehr so schnell fahren werde, zukünftig, um schnell anzukommen, weil ich die fahrten immer schnell hinter mir lassen will. wie gut ich die gräfin diesbezüglich verstehe!)

Hätte ich doch besser die Fresse gehalten

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