Straße der Sehnsucht

Astrid funkelte in all ihrer Jugend. Sie war groß gewachsen und schlank, und sie roch lecker nach Brausetütchen. Ich lernte Astrid an einem schwülen Sommerabend im Keller kennen, einer Szenekneipe mit angeschlossenem Programmkino. Der Keller lag in den Katakomben einer stillgelegten Brauerei an der Schützenstraße. Stieg man die steile Treppe hinab und öffnete die schwere Stahltür, schlug einem der Hefegeruch vom jahrzehntelangen Einlagern von Bierfässern entgegen. Einige leere Exemplare hatte man in die neue Zeit gerettet, sie waren fest im Boden verschraubt und dienten als Stehtische. Darauf brannten Kerzen, die kaum mehr als ein funzliges Licht schafften. Es gab nirgends eine Lampe, der ganze Laden schien auf irgendwelchen Resten von Helligkeit zu laufen. Eine düstere Atmosphäre, die an den Cavern Club in Liverpool erinnerte. Die Decke war niedrig wie in der Tiefgarage, die Musik von früher. Coco, Pächter des Ladens, stadtbekannter Rock’n Roller, war beseelt von Schlagzeilen und Aufmachern in Boulevardzeitungen, die mit Harald Juhnke zu tun hatten, dem Berliner Entertainer und Trinker. Die Decke des Kellers war von vergilbten Zeitungsausschnitten übersät.

ER KANN ES NICHT LASSEN! HARALD JUHNKE WIEDER VOLL!

“Macht euch keine Sorgen um mich!”

JUHNKE IN LOS ANGELES: ERST WACHMANN BELEIDIGT, DANN BESOFFEN VON BÜHNE GEKIPPT!

“Ich hatte doch nur einen Piccolo vorher!”

Coco war selbst ein Schrat, ein Unikum, behangen mit Schmuck und schwerem Voodookram. Das Haar trug er wie Rod Stewart, er war übrig geblieben aus alten Mods-Tagen. Der Keller war sein Kind und er steckte all seine Energie hinein. Für das angeschlossene Programmkino kassierte er Jahr für Jahr Förderpreise des Landes, die ihn über Wasser hielten.

Das Kino war klein und gemütlich und hatte sein Stammpublikum, das auf ausrangierten Sofas und Ohrensesseln voller Brandlöcher Platz nahm, es durfte jederzeit geraucht werden. Als Aschenbecher standen leere Erdnussdosen bereit, Ültje.

Jahre später, zu Beginn der 90er, als die halbe Stadt plötzlich auf Morphinbase und Laudanum war, wohnte ein paar Häuser weiter die Strasse rauf Paolo, ein hagerer Italo-Dealer, der seine Stammkundschaft gern aus der Badewanne heraus bediente, ciao, ragazzi! Dabei hatte er eine Zigarre im Mund und spielte mit Badeschaum. Ein lässiger Vogel.

Wenn ich von ihm kam, aus seinem Badezimmer, und ein erstes Näschen gezogen hatte, vergrub ich mich nicht selten mutterseelenallein im unterirdischen Kellerkino und schaute japanische Kunst- und Sexfilme, bis ich selig wegdämmerte.

Der Sommer 1986 war ungewöhnlich heiß, und in Mexiko fand die Fußball-WM statt. Ich fand diesen Job im Turmhotel als Kofferträger für amerikanische Reisegruppen, die auf ihrer Heart of Europe-Tour Station in unserer Stadt machten. Sobald der Reisebus vom Flughafen Schiphol in Amsterdam ankam, meist am späten Nachmittag, verteilte ich das Gepäck der Touristen auf die einzelnen Zimmer, und am nächsten Morgen, vor der Abreise, sammelte ich es wieder ein. Dafür kassierte ich vom Reiseleiter pro Gepäckstück einen Dollar fünfzig. Bei im Schnitt fünfzig Touristen machte das 75 Dollar, und da sich die Amis beim Trinkgeld freigiebig zeigten, (vermutlich gingen sie davon aus, dass ich als Gepäckboy, wie in den USA üblich, nur vom tip lebte), waren 100 Dollar am Tag keine Seltenheit.

Ich wurde Stammkunde am Devisen-Schalter der Stadtsparkasse, wo ich alle vierzehn Tage bündelweise grüne Marie in D-Mark umtauschte, auch wenn abgegriffene Ein-Dollar-Scheine nicht gern gesehen waren. In diesem Sommer war ich ein gemachter Mann. Ich war jeden Tag früh auf den Beinen, ich hatte Bargeld auf der Tasche, ich war braungebrannt.

Wenn die Sonne morgens um neun auf die Dächer knallte, hatte ich meinen Job schon getan und schlenderte heim. Ich trug Nussöl auf, drehte einen kleinen Stickie und legte mich hinters Haus in den Garten, um mich in gewaltloser Koexistenz mit Bremsen, Wespen und Hornissen zu üben. Manchmal nahm ich auch ein Buch in die Hand und schlug mittenrein in die scheiß Viecher. Die Schnaken standen auf meiner Hassagenda ganz oben.

Die Zeit mit Lena war definitiv vorbei. Ich arrangierte mich mit dem Gedanken, von nun an ohne sie zu leben. Und es war gar nicht mal so übel. Ich entdeckte die Freiheit neu, niemandem Rechenschaft ablegen zu müssen. Auch wenn ich nicht viel tat, wofür ich Rechenschaft hätte ablegen müssen. Aber das würde noch kommen. Das würde alles noch kommen.. Sollte sie mir doch den Buckel runterrutschen.

Natürlich liebte ich sie immer noch. Aber die Tage, wo ich verzweifelt den Herrgott anrief und seine Männerkameradschaft anmahnte, in seiner Funktion als Schicksalsmacher, als Wegbereiter, als.. ALS GOTT EBEN, HERRGOTT NOCH MAL, waren vorüber. Sagen wir, fast, fast vorüber. Wenn ich nämlich an schlechten Tagen mein schickes Konfirmatonsjäckchen aus der Ecke holte und durch die Stadt promenierte, wartete ich ja nur darauf, dass sie in ihrem grünen Alfa vorbeirauschte, erstaunt das Seitenfenster runterkurbelnd: He, der Bursche sieht ja richtig gut aus..! DEN HOL ICH MIR ZURÜCK!

Arschlecken, Mariechen!

Nachmittags klingelte das Telefon. Es stand auf dem Fensterbrett, damit ich vom Garten aus bequem den Hörer abnehmen konnte. Es war das weltweit erste Mobiltelefon, und das auf analoger Basis. Lena war dran. Die große, verflossene. Wir waren seit einem halben Jahr auseinander, nach einigem Hin und Her. “Ich weiß, wie du dich fühlst”, hatte sie noch im Frühling am Telefon gesagt. “Du trinkst zu viel und morgens ist niemand da, der dir einen Kuss gibt.” Das war vorbei. Es war zwar immer noch keiner da, der mir einen Kuss gab, jedenfalls nicht jeden Morgen, aber es war nicht mehr so wichtig.

“Ladylover, sollen wir heute Abend was zusammen machen?” fragte sie.
Ich war überrascht.

“Klar”, antwortete ich. “Warum nicht. Blöde Kuh.”

Nach dem Gespräch legte ich mich wieder in den Garten und wartete, dass es dunkel wurde. Beobachtete meine Nachbarin, die alte Frau Kohl, die nur wenige Meter entfernt im Campingstühlchen saß und friedlich vor sich hin strickte. Als ihr ein Wollknäuel aus dem Schoß fiel und den kleinen Hang hinunter rollte, na, da ließ ich ihn rollen und zwinkerte nett zu ihr rüber.

Lena kam um acht. Mexiko spielte gegen Paraguay. Sie kam rein und schaltete rotzfrech um. Im ZDF lief Romeo gegen Julia.

“Romeo UND Julia!”

Haha. Per Fernbedienung knispste ich wieder nach Mexiko, wo Diego Maradona gerade seinen Auftritt hatte. Nach einem spektakulären Sololauf übers halbe Feld blieb er stehen, bückte sich und applaudierte den eigenen Füssen.

“Amorcito corazon!” schwärmte ich, “Blutsbruder!” Maradona war mein Held. Unverdorben, nicht korrupt, adelig. “Du mit deinem dämlichen Fußball”, meinte Lena. Wir endeten bei Shakespeare im Zweiten. Als sie eher nebenbei verkündete, dass sie um elf noch mit ihrer Busenfreundin Britta verabredet sei, wurde ich wütend.

“Wenn du nur zum Fernsehen gekommen bist, kannst du dich auch gleich wieder verpissen!”

Sie ging nicht weiter darauf ein. War überhaupt ganz zutraulich an dem Abend. Küsste meine Hände, legte den Kopf in meinen Schoß. Wir saßen gemeinsam auf einem Sessel und guckten Romeo gegen Julia. Ganz brav.
“Romeo UND Julia!”

Ich schaute sie von der Seite an. Es war sowieso besser, wenn sie nicht über Nacht blieb. Ich liebte die Frau immer noch, aber mein Widerwille wuchs mit jedem Tag, den ich alleine war und mich besser sortiert bekam. Ich wusste nicht, woher dieses Gefühl kam, aber plötzlich war es da. So lange war ich ihr nachgelaufen.. komm zurück.. bleib.. Nun nervten mich ihre flüchtigen Küsschen. Die konnte sie sich an den Hut stecken.

Es schellte. Harry und sein bester Kumpel Meckenstock flogen ein, mit zwei Plastiktüten voller Flaschenbier.

“Stören wir?” grinste Harry.

Lena mochte ihn nicht besonders, und das beruhte auf Gegenseitigkeit. Der labert nur Scheiße, dein Freund Harry, hatte Lena mal gesagt, als Harry am Tresen gerade die Vorzüge polnischer Frauen pries. Die sind super durchblutet, die Polackinnen, nicht so wie die deutschen Weiber mit ihren Spatzenköpfchen und dicken Hausfrauenbeinen. Worauf ihm Lena einen Vogel zeigte. Kauf dir doch gleich ne Plastikpuppe, die machen auch nicht so’n Lärm , wenn du in sie reinspritzt.

“Nee ihr stört nicht, ist schon in Ordnung”, grinste ich zurück, “Lena haut sowieso gleich ab”, und fühlte mich ganz wohl dabei.

Harry war schon ziemlich betrunken und wollte unbedingt Straße der Sehnsucht hören, den sentimentalen Evergreen von Peter Kraus. Ich besaß die Original-Single, die ich in diesem Sommer so oft spielte, dass die Leute schon von sich aus auf mich zukamen und die zerkratzte Edelschnulze forderten, während ich sie bald nicht mehr hören konnte. Ich war Straße der Sehnsucht pappsatt. Der Fluch des selbst angeschobenen Kults.

Ich hatte partout keine Lust, die Single aufzulegen, aber Harry und Meckenstock ließen nicht locker und irgendwann wurde es mir zu doof und ich gab nach. “Na schön – aber nur ein Mal.”

Lena verabschiedete sich.

“Nicht schon wieder die scheiß Schnulze. Ich hab Dienstag frei. Sollen wir noch mal was zusammen kochen?” flüsterte sie. “Dazu hätte ich Lust. Und auch zu anderen Sachen..”

“Meinetwegen”, sagte ich.

“Na ja, lass uns telefonieren”, sagte sie. “Ich ruf dich mal an.”

Was war das denn jetzt?! Ach, scheiß drauf. Weg war sie. In ihrem neuen Auto. Sie hatte es geschenkt bekommen, zu Geburtstag. Von ihrem Schrauber, einem ihr tausend Verehrer. Er wusste angeblich nicht, was er ihr sonst hätte schenken sollen. Ein Auto.

Mit den Jungs machte ich das restliche Bier leer, dann riefen wir ein Taxi. Auf der Fahrt ins Mumms, unserer Zentrale in der Innenstadt, gaben wir eine a-capella-Version von Straße der Sehnsucht zum besten. Ich zog vor, Harry und Meckenstock zogen nach. Zum Schluss fiel sogar der Taxifahrer in den Refrain ein. Einmal heiß geliebt zu werden, einmal nicht beiseite stehen, ja, das.. wär schön.. Straße der Sehnsucht, einsam und still, dir muss ich folgen bis an mein Ziel..

Das Mumms war komplett tot an diesem Abend. Die Leute hockten daheim und guckten Fußball. Harry und ich beschlossen, in den Keller zu fahren. Meckenstock hatte keine Lust, blieb im Mumms.

Meckenstock war ein undurchsichtiger Bursche. Er hatte immer Kohle auf der Tasche, obwohl er so gut wie nie arbeitete, und er war wie ein lässiger Geschäftsmann gekleidet, einer, der Popcorn-Maschinen verlieh oder große bunte Party-Zelte.

Vom vielen Saufen war seine Bauchspeicheldrüse angeschlagen, und weil nun jedes Schnäpschen ein Schnäpschen zuviel sein konnte, ließ er den Schnaps aus dem Bauch und soff konsequent Sekt, dem er zuvor durch ständiges Rühren den Sprudel entzog, zur Plirre machte, wie er es nannte, damit sein Magen noch ein Weilchen mitspielte.. “Alles Plirre.”

Dafür hatte er stets seinen eigenen speziellen Rührlöffel dab ei, extralang und in feines Anstecktuch gewickelt.

“Komm, trink ne Plirre mit”, forderte er mich auf.

Um die Uhrzeit Sekt, da war ich schnell hinüber.

“Ich will noch ein bißchen leben.. heute.”

“Heute?” echote er. “Muß das unbedingt heute sein?”

“Nee, nicht unbedingt.”

Er lachte.

“Na bitte.”

Er war eine einzige Trink-und Sitzmaschine und voller Marotten und Tics. So musste er ständig Dinge berühren. Man ging mit ihm durch die Stadt, runter zum Chinesen, und Meck blieb alle Nase lang stehen und spürte mit den Fingern den Hauswänden entlang. Ganz leicht nur, mit den Fingerspitzen. Hauswand für Hauswand. Als wären überall kleine Geheimnisse verborgen, Vagabunden.

Ich bin mal nachts mit ihm durch die Stadt gezogen, und irgendwann mal führte er mich in ein Innenstadt-Büro. Kärglich möbliert, wie in einem amerikanischen Film Noir-Thriller, kein Schild an der Türe, nicht mal eine Klingel. Auf meine Frage, wem das hier gehöre, hat er nur milde gelächelt. In eine Schublade gegriffen und einen Bündel Geldscheine rausgezogen. Dann sind wir wieder los. Ein rätselhafter Bursche.

Meck war schwul, aber auf eine solch unschwule Art und Weise, dass kaum jemand davon wusste. Und er war nicht gerne schwul. Ich würde alles dafür geben, normal zu sein, sagte er einmal zu mir. Dennoch gab es wichtigeres. Ich kannte niemanden, der sich so dem Trinken verschrieben hatte. Alles wurde dem Alkohol untergeordnet, quasi drumherum organisiert. Selbst der Vorgang des Trinkens war auf beinah soldatische Art ritualisiert: Das Glas vom Tresen gerissen wie eine scharfe Handgranate und zack zack runtergespült, auf ex. “UND JETZT MÜSSTE ES EINEN KNALL GEBEN – UND ICH BIN VOLL!” Das war sein größter Traum.

Harry rief ein Taxi. Es kam derselbe Fahrer, der uns eine halbe Stunde zu Hause abgeholt hatte.

“Zur Straße der Sehnsucht, Jungs?”

“Immer, Meister. Immer.”

Und dann saß sie da im Keller, an diesem zerschrammten und schwach beleuchteten Ecktisch, ganz hinten, Astrid. Mit hochgesteckter Doo-Wop-Frisur, mächtigen Möpsen und einem scheuen Rehlächeln. Ich setzte mich zu ihr, weil sonst nirgends was frei war, und baggerte sofort drauflos, ganz gegen mein Naturell. Ich machte richtig auf Silberrücken, ich betrommelte meine Brust, und als hätte Coco es gerochen, legte der Boss nur funzlige kleine Balladen auf. This ole Devil called Love, Something (in the way she moves) und solche Sachen, die mich zusätzlich anspornten und zur entscheidenden zweiten Luft verhalfen.

Irgendwann hatte ich Astrid soweit. Ich bin unheimlich weiß und ich komm aus dem Beton, entpuppte sich als der Schlüsselsatz. Wir gingen raus vor die Tür und fummelten und knutschten, als wären wir gerade Sechzehn geworden.

Endspielsonntag. Maradona und Argentinien waren Weltmeister geworden. Nach dem Finale gegen Deutschland strömten Tausende in die Innenstadt, mit riesigen Fahnen, stockbesoffen, Unheil lag in der Luft. Vorm Mumms riss ich irgendwem die Trompete aus dem Gesicht und zog “AR-GEN-TINA! AR-GEN-TINA” pöbelnd los, nicht etwa weil ich den Gauchos den Titel so sehr gönnte, sondern weil mich diese kalte sabbernde Aggressivität nervte, mit der die Leute durch die Stadt stiefelten und die Niederlage nicht verkrafteten.

So rempelte ich gegen die besoffene Menge an, “AR-GEN-TINA! AR-GEN-TINA!” trompetend und selbst natürlich keinen Deut weniger besoffen. Dass ich in dieser Nacht nichts auf die Fresse gekriegt habe, lässt sich im Nachhinein nur mit dem Sondereinsatz meiner Schutzengel erklären. Allein die Blicke, die ich dafür kassierte, dass ich als Deutscher Argentinien anfeuerte, reichten für den Verrätertod, sie knüpften mich an der nächsten Straßenlaterne auf. Dabei war ich nur ein alberner Störenfried, ein Lump unter tausend Aufrechten, ich war der Kerl mit dem Furzkissen, der nicht genug bekam.

Auch wenn ich fußballverrückt war: Weltmeister werden interessierte mich einen Scheiß. Mir gefielen andere Sachen. Mir gefiel siegesgewiss in die Schlacht ziehen und 10:0 untergehen – das war in Ordnung. Oder bei brütender Hitze ein 3:4 nach Verlängerung und dramatischem Spiel im Halbfinale, das hatte Größe. Verlieren zu können nach großem Kampf. Das war ritterlich.

Um zwei Uhr in der Nacht stand ich vorm Cafe Tijuana in Gräfrath, das einen Schlag Süden in die Stadt brachte, und hielt den Daumen raus. Tatsächlich hielt der erstbeste Wagen an und nahm mich mit bis in die Innenstadt. Auf der Schützenstrasse ruderte ich die letzten Meter bis zum Keller an den Hauswänden entlang und ruinierte meine Jeansjacke. Ich hatte nur eins im Kopf: ich wollte gucken, ob Astrid da war.

Nach unserem ersten Abend hatte ich versprochen sie anzurufen, was ich nicht gemacht hatte, warum auch immer. Im Keller stiefelte ich schnurstracks nach hinten, wo die Tische standen. Der Laden war rappelvoll an diesem Abend, und wieder saß sie in der dunklen Ecke.

“Hör zu”, sagte ich. “Ich hab dich nicht angerufen, das tut mir leid, aber jetzt bin ich hier. Nur wegen dir.”

Astrid meinte später, sie hätte es beinahe mit der Angst bekommen, wie ich da auf sie zugestiefelt kam, mit diesem irren Glanz in den Augen. Von da an waren wir zwei Tage lang zusammen. Sie wohnte in Wermelskirchen, gut dreißig Kilometer entfernt.

Am nächsten Morgen, es war Montag, fuhr sie mich zum Turmhotel, wo ich meinen Job zu erledigen hatte. So ein großer Gepäckboy, lachte sie. Sie wartete ein halbes Stündchen im Wagen, bis ich fertig war mit den Koffern und Taschen aus Kansas und Chicago. Weil der Devisenschalter der Sparkasse erst um neun öffnete, hatten wir noch Zeit und bumsten im Auto. Trotz der frühen Stunde war es schon so schwül, dass mir der Schweiß in die Augen rann und ich alles wie durch einen flirrenden Vorhang sah. Ihre Möpse waren wie im Kino. Danach fuhren wir nach Wermelskirchen und frühstücken mit Sekt, wobei ich die Hälfte des Schampus über meine Hose verspritze.

Nachmittags tauchten Bekannte von Astrid auf. Ein Pärchen aus Köln, eine dicke Matrone und ihr Feuerwehrmann. Sie konnten nichts mit mir anfangen, weil ich die ganze Zeit im Bett blieb mit meinem Ständer, den zwar niemand sah, der aber die Atmosphäre bestimmte. Jedenfalls waren Astrid und ich heilfroh, als die Beiden sich endlich verabschiedeten.

In der folgenden Nacht kühlte es nicht ab, es blieb stickig. Wir schliefen ohne Decke, und als ich wach wurde, mitten in der Nacht, war es stockdunkel und ich hatte keine Ahnung, wo ich mich befand. Normalerweise, wenn man sagt, es ist stockdunkel, ist irgendwo ein Spalt, durch den etwas Licht einfällt, ein Streifen nur vielleicht, oder die Ziffern eines Digitalweckers leuchten, irgendeine Kleinigkeit, doch in Astrids Schlafzimmer war nichts davon, um mich herum nur Finsternis, bodenlose Schwärze.

In Nullkommanichts stieg Panik in mir hoch, ich griff nach links ins Leere, drehte mich zur anderen Seite, bis ich einen Arm erwischte. Einen Körper. Ich beugte mich hinunter, hörte ein Atmen, aber ich wusste nicht, wem die Luft gehörte, wer das war, wer das sein sollte. Alles strebte fort von mir, ich suchte verzweifelt einen Punkt in der Nacht, der Nähe vermittelte, Orientierung. Ich geriet so durcheinander, dass ich vom Bett aufsprang und mich der Länge nach hinlegte, wobei ich noch den Ventilator mit zu Boden riss, der sofort ansprang und Wind machte, und Lärm.

“ICH BIN BLIND! ICH SEH NICHTS MEHR! HILFE!”

Noch am selben Vormittag nahm ich den Überlandbus von Wermelskirchen nach Hause. Ich nahm mir vor, ein paar Tage lang nichts zu trinken. Die alte Frau Kohl saß in ihrem zerschlissenen Campingstühlchen im Garten und zog sich Obsttorte rein, mit Sahne. Sie winkte freundlich, als sie mich am Fenster sah.

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3 Gedanken zu „Straße der Sehnsucht

  1. Pingback: Verlinkt: Straße der Sehnsucht | .-

  2. und jetzt müsste es einen knall geben – und ich wäre drin in deiner story. – gefühlsecht wie immer, und mit einer atmo, wie nur du sie hinkriegst. gruß, uwe

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