Enid Blyton

Ich war elf Jahre alt und lebte in Fußballbüchern, wenn ich nicht gerade draussen war und selber Fußball spielte. Bis auf „Fußballtrainer Wulff“, vom Taschengeld gekauft, waren es meist alte Schmöker, die mir mein fußballvernarrter Patenonkel Fitting überlassen hatte, und sie trugen Titel wie Spinne, der Torwart und Elf Freunde müsst ihr sein. Dann gab es noch Uwe findet zum Fußball, Fußballweltmeisterschaft 1966, Fußballweltmeisterschaft 1958 und natürlich das dicke König Fußball aus dem Jahre 1954. Darin kamen Sätze vor, die mich so beeindruckten, dass ich sie wieder und wieder lesen musste, wie ein begeisterter junger Trinker.

Sätze wie: Der Druck des englischen Sturmes wurde von Minute zu Minute stärker. Oder: Das Drama kam dann in der zweiten Spielhälfte zum Höhepunkt. Oder: Es waren 100.000 Menschen, die trotz Regenschauern aushielten, und sie dankten dem Spieler durch nicht enden wollende Jubelchöre und liessen ihn hochleben.

Fans, die im strömenden Regen auf die Barrikaden gingen, um den englischen Jahrhundertspieler Sir Stanley Mathews zum Bleiben zu bewegen, der noch mit 50 (!) Jahren für Stoke City in der ersten englischen Liga auflief – ich konnte kaum genug von solchen Legenden kriegen, das war es, was ich lesen wollte. Ich wurde eins mit den begeisterten Massen, die ihren Helden auf Schultern durch die Strassen trugen, und die bittere Tränen vergossen, wenn er in die ewigen Sturmgründe einging.

Ich las von Garrincha, dem brasilianischen Fußball-Mythos der 1950er und 60er Jahre, und seinem Misstrauen. Das Geld, das er bei Botafogo verdiente, dem Club, dem er zeitlebens treu blieb, vertraute er keiner Bank an, er versteckte es daheim im Kleiderschrank. Zu Beginn der Saison, wenn eine neue Lieferung kam, in kleinen gebrauchten Scheinen, stemmte sich die ganze Familie mit vereinten Kräften gegen die Schranktüren, um sie wieder zuzukriegen. Dazu lief jedes Mal laute Bossa Nova Musik, um die neidischen Nachbarn auszutricksen.

Garrincha hatte nicht nur einen Onkel Dagobert-Geldspeicher der Holzklasse im Schlafzimmer, er hatte auch von Geburt schlimme Beine: ein O- und ein X-Bein. Rein rechnerisch hätte er nach jedem Schritt umfallen müssen. Stattdessen wagte er auf dem Rasen die witzigsten, ja die kaputtesten Dribblings, die Brasilien je gesehen hatte, er tanzte Gegner gegen jede theoretische Wahrscheinlichkeit aus, er belästigte und kompromittierte sie und liess sie hinter sich zurück wie gründelnde Enten. Er fiedelte alles und jeden um den Verstand.

Er starb besoffen.

Hier ruht Garrincha, der die Freude der Menschen war

so steht es geschrieben auf seinem Grabstein. Noch heute pilgern treue Fans zu seiner Ruhestätte, noch heute fliessen dort Tränen. Mehr noch als Pele oder Maradona dribbelte sich Garrincha ins Herz Südamerikas.

Aber der Mensch lebt nicht vom Fußball allein, auch der 11jährige Mensch nicht. Es gab auch andere Dinge. Andere Bücher. Auf dem Regal meiner großen Schwester entdeckte ich Abenteuerbücher von Enid Blyton. Nicht die berühmte Fünf Freunde-Reihe, sondern die Geheimnis-Bücher: Geheimnis um eine Tasse Tee, Geheimnis um einen roten Schuh, Geheimnis um eine Efeuvilla. Ähnlich wie bei den Fünf Freunden siedelte die Autorin die Geheimnis-Bücher in den englischen Sommerferien an, wenn Dicki, der Anführer, aus dem Internat zurückkehrte, um mit den anderen Spürnasen und Purzel, einem schwarzen Scotchterrier, in Peterswalde Verbrechen aufzuklären. In wo, Peterswalde? Ich war schockiert. Perplex. Wie zum Henker konnte eine Stadt in England Peterswalde heissen. Peter’s Wood meinetwegen, The Peter Forrest oder New Peter City – aber „Peterswalde“? Welcher Steinzeithonk hatte das übersetzt?

(Peterswalde, das klang ähnlich beknackt wie „Hans der Herzen“, wie ich einmal in totaler Kopffinsternis „Jack of Hearts“ übersetzt hatte, Herz-Bube. Karlos lachte sich jahrelang scheckig über meinen Fauxpas. „Na, Hans der Herzen“, begrüßte er mich gern, wenn ich mal wieder Zoff mit Lena hatte.)

Der grösste Feind der Spürnasen in Peterswalde war Grimm, der dicke Dorfpolizist, den alle nur „Wegda“ nannten. Wenn er auf seinem Rad unterwegs war und Purzel, Dickis Scotchterrier, kreuzte zufällig seinen Weg, trat Wegda nach dem Köter und schrie mit hochrotem Kopf „Weg da!“, worauf Purzel wütend wurde und im Laufen nach seinem Hosenbein schnappte. Dabei geriet Wegda, logisch, ins Straucheln und legte sich lang in den britischen Staub. Diese Szene gab es in jedem Buch drei Mal, also lag ich drei Mal japsend im Lesesessel.

Vom Taschengeld besorgte ich mir weitere Geheimnis-Bücher, bis ich die Reihe komplett hatte. Dann saß ich da und hatte nichts mehr zu lesen. In meiner Not beschloss ich, mir selbst was auszudenken, ein Buch zu schreiben. Ja warum denn nicht. Andere Leute hatten auch Bücher geschrieben, sonst hätte ich nichts zu lesen gehabt. Ich nahm ein leeres schwarzes Schulheft und legte los. Der erste Satz kam schnell, und er war gut. „Es war ein nebliger Montag“. Mysteriöser Stoff. Abenteueraroma. Ich schnupperte aus dem Fenster. Nebel. Hm. Hm.

Weiter.

Mir fiel nichts ein. Das Papier starrte mich an. Da stand nur ein Satz, ein zweiter wollte mir einfach nicht gelingen. Ausserdem, es war kein Nebel auf der Strasse. Wie sollte man über etwas schreiben, das es so nicht gab, nicht vor meinen Augen. Oder sollte ich vielleicht schreiben: Es war Dienstag und nirgends Nebel auf der Strasse. Das war vielleicht die Wahrheit, aber wen juckte die Wahrheit, wenn sie so lapidar daherkam. Wen juckte kein Nebel. Blödsinn alles, auf der verdammten Strasse vor meinem verdammten Fenster war verdammt noch mal nichts los, fertig, aus.

Vergiss es, dachte ich. Es mochte ja sein, dass Enid Blytons Spürnasen gefährliche, ja hochbrisante Kriminalfälle aufklärten in Peterswalde, doch nicht in Solingen, Solingen war nicht Peteswalde, es war nicht mal neblig hier. Was ich sah, wenn ich aus dem Kinderzimmer blickte, war in gut dreissig Metern Entfernung diese langgezogene Hecke, die von der Schillerstrasse kommend einen Bogen in die Kurze Strasse beschrieb. Diese Hecke und ein Kippenautomat waren wohl noch das Spannendste, was es zu sehen gab in diesem von jeglichem Spannungsnebel verschonten miesen Kaff.

Na schön – ein guter Schreiber kam mit dem Wenigen zurecht, das er vorfand. Vermutete ich mal. Woher sollte ich das wissen. Meine praktische Erfahrung, was das Schreiben betraf, beschränkte sich auf „Fußballtrainer Wulff“, der jeden Donnerstag im Vorabendprogramm lief. Ich versuchte, ein paar Dialoge mitzuschreiben, um zu lernen, wie man so etwas machte. Dazu überlegte ich, was es mit dieser langgezogenen Hecke und dem Kippenautomat auf sich haben könnte. Aber es war eben nur eine scheiss Hecke, die ab und zu von einem Gärtner gestutzt wurde, und ein Zigarettenautomat, der ab und zu mit frischen Fluppen aufgefüllt wurde – na ja und!? Ich klappte das Heft deprimiert zusammen und beschloss, mich wieder auf das zu konzentrieren, was ich gut konnte: Elf Jahre alt sein, gelernter Mittelstürmer, ne Zwei in Englisch.

Jeden Tag nach der Schule feuerte ich den Tornister in die Ecke und lief auf O-Beinen zum Fuße des Klauberg runter, wo unser Fussballplatz lag. Ein staubiger und relativ großer Platz, den es bereits in den 30er Jahren gegeben hatte, bis ihn die Nazis kurzerhand zum Exerzierplatz für Nazi-Pferde umfunktionierten. Das war auch der Grund, warum die Alten den Klauberger Bolzplatz den Reitplatz nannten.

Ausser mir waren auch Wiwi Wupperbusch und Pille stets mit von der Partie. Natürlich waren es viel mehr Jungs, die sich am Nachmittag dort trafen, aber wir drei waren so ziemlich immer da. Wiwi, gelernter Rechtsaussen, spielte mit mir gemeinsam beim RSV Kohlfurth, Pille, der Rotschopf mit den Sommersprossen, wohnte in der Nachbarschaft. Das musste reichen. Auserdem war Pille es gewesen, der die allererste Suzi Quatro-Single 48 Crash aufgetrieben hatte, zu einem Zeitpunkt, als sie noch gar nicht im Radio lief. Das gab schwer Renommee, davon zehrt Pille bis zum Ende aller Tage. Und dafür durfte er damals in unserer Mannschaft sein und den Ball aufpumpen.

Im Winter rückte ein Kamerateam an.

Die Schillerstrasse sollte als Kulisse für einen Spielfilm herhalten. Heutzutrage würde man von Location Scouts sprechen, die unsere Strasse als Drehort entdeckt hatten. Wir hatten aus der Zeitung daraus erfahren. Das mussten wir sehen. Vielleicht liess sich ja noch was lernen, für mein Buch. So ganz hatte ich die Idee noch nicht fallen gelassen, und ein Spielfilm drehen und ein Roman schreiben schien nicht so weit auseinander zu sein.

Die Strasse wurde abgesperrt. „Action!“ Ein normaler Wagen kam vorgefahren. Keine Ganovenkarre, keine Ladylimousine, ein normaler Opel. Ein Schauspieler stieg aus, rannte die Treppe hoch, ins Haus rein, in eins der backsteinroten Genossenschaftsbauten, die den Siedlungscharakter herausstrichen, während weiter unten auf der Schillerstrasse eine Reihe imposanter Gründerzeitvillen standen, die aber für den Film keine Rolle zu spielen schienen.

„Wieso ist die Tür denn auf? Die kann man doch nicht einfach aufdrücken! Die muss man aufschliessen!“ empörte sich Wiwi Wupperbusch neben mir. Er wohnte mit seinen Eltern nur drei Häuser vom Aufnahmeort entfernt. Er kannte die Haustüren aus dem Eff-Eff. Da konnte ihm keiner was vormachen. „Oder er muss klingeln! Dann kann ihm jemand die Tür aufdrücken. Also elektrisch.“

„Wieso, der hat seine eigenen Schlüssel“, meinte Pille. „Der ist doch erwachsen.“

„Aber trozdem muss er doch erst mal aufschliessen! Der hat die Tür aber einfach aufgedrückt! Das geht nicht bei den Türen! Die muss man erst aufschliessen, mit dem Haustürschlüssel! Die lassen sich nicht einfach aufdrücken, von allein. So ein Quatsch! Auch wenn er noch so erwachsen ist!“

Wiwi war kaum zu beruhigen. Ich sagte nichts. Türen, die offen standen? War doch okay, eigentlich. Scheiss doch der Hund drauf. Ein Dialog wurde gefilmt. Um etwas mitzukriegen, mussten wir näher ran. So nahe, bis der bärtige Kabelschlepper, den ich am besten fand, uns heranwinkte.

„Hier. Hol mir mal einer Zigaretten.“

Er gab mir ein Zweimarkstück. Ich lief zum Automaten Ecke Kurze Strasse und zog eine Packung Ernte 23. Als ich zurückkam, war der Dialog zwischen Mann und Frau schon im Kasten. Dabei hatte ich lernen wollen, wie das geht. Was der eine sagt, wenn der Andere was anderes sagt. Und zurück. So Ping Pong. Die beiden Schauspieler rannten die Haustreppe hinauf – wieder in den Flur rein. Ein Mann und die Frau. Als wären sie auf der Flucht. Die Tür standen offen und man konnte von der Strasse aus zusehen, wie sie sich im Flur küssten, mit den Rücken an die Kacheln gelehnt.

Aber den Dialog hatte ich verpasst. Als ich Pille und Wiwi Wupperbusch fragte, was das Paar gesagt hatte, als ich die Kippen geholt hatte, zuckten sie nur mit der Schulter. War zu leise, sagte Pille, aber ich glaubte ihm  nicht richtig. Er war mit den Gedanken woanders gewesen, jede Wette. Das machen die roten Haare, sagte meine italienische Oma immer. Rote Haare machen Jungs meschugge.

Klar, der hat ja auch einen roten Busch, Oma!

Nach drei Tagen waren die Filmaufnahmen beendet. Einmal hatte es Ärger gegeben, weil die dicke Angela, die immer Ärger machte und auf der Margaretenstrasse wohnte, während einer Filmszene volles Rohr angerannt kam, worauf die Szene wiederholt werden musste.

1974 lief der Film im WDR, dem dritten Programm. Wir saßen alle zusammen oben bei Wupperbuschs im kalten Wohnzimmer und waren bitter enttäuscht. Unsere Schillerstrasse war nur in wenigen Einstellungen zu sehen, und die Dialoge, so mein Verdacht, mussten woanders neu aufgenommen worden sein. So jedenfalls hatte keiner geredet, so geschwollen, als wir bei den Dreharbeiten zugeguckt hatten. Eigentlich hatten die ja nie viel geredet.

Das ist ja wie beim Blindenfilm, meinte ich aufgebracht, wie mit falschen Zähnen.

Keiner wusste, was ich damit meinte, auch ich selbst nicht so richtig, aber der Satz stand so in der Luft, wie ich ihn gesagt hatte, also liessen wir ihn da stehen bis ein Anderer was anderes sagte und ihn ablöste. Eins immerhin war geschafft: Mein Buch war fertig, ich hatte das schwarze Schulheft bis zur letzten Seite vollgeschrieben. Die Geschichte hatte Anfang, Mitte und Ende. Es ging um einen Kabelträger beim Fernsehen, der bei Aussenaufnahmen tot umkippte. Der Inspektor, ein gutaussehender einheimischer Lockenkopf, hatte alle Hände voll zu tun.

5 Gedanken zu „Enid Blyton

  1. (eigentlich) wollte ich mir heute meine lesebrille abholen..
    den scheiss könnt ich stundenlang amüsiert zuhören
    aber ich seh ja nix..

    die schlüsselszene hats mir besonders angetan…
    glummi

  2. Pingback: Woanders – diesmal mit Elternabenden, Wohnungssuche, Sexarbeit und anderem | Herzdamengeschichten

  3. Pingback: Link(s) vom 16. Februar 2013 - e13.de

Hätte ich doch besser die Fresse gehalten

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