Der kleine Lacherfolg

In Köln war Photokina, das Turmhotel ausgebucht. Bis Mitternacht hatte ich alle Hände voll zu tun und insgesamt zirka eine ruhige Minute. Frühstücksraum eindecken, Minibars auffüllen, Telefonate durchstellen, aus dem Fenster stieren. Der Nebel war so dicht, dass sich die Innenstadt vom elften Stockwerk aus nur noch erahnen liess. Lediglich die Passats der Zivilbullen waren gut zu erkennen, in den dunklen Toreinfahrten. Nebelnacht war Bullennacht.

Die Telefonanlage blinkte auf. Eine Dame vom Flughafen Köln/Bonn rief an, im Auftrag der AVIS-Autovermietung. Es ging um die sieben Zimmer, die das Schweizer Fernsehen gebucht hatte, für Herr Santini und Kollegen.

„Die Herren sind gerade in Köln/Bonn gelandet, das wollte ich Ihnen nur mitteilen, die kommen gleich. Die sind unterwegs.  Nicht, dass Sie die Zimmer weiterverkaufen..“

„Nee, natürlich nicht. Gebucht ist gebucht. Sagen Sie, kommen die Leute vom Fernsehen aus der französischen Schweiz? Ich kann nämlich kein Französisch“, sagte ich, einfach so, mir gefiel ihre Stimme. Ich wollte noch einen Satz hören. Ich stellte sie mir am Flughafenschalter auf, mit Mützchen und Beinfreiheit.

„Bitte?!“ Sie lachte verdutzt. „Ja, äh, also, dann sollte ich noch fragen, wie man zu Ihnen kommt, über die Autobahn.“
Schon saß ich tief in der Bredouille. Wie zum Teufel sollte ich erklären, wie man von Köln nach Solingen kam, über die Autobahn? Ich arbeitete doch erst seit fünf Jahren im Turmhotel. Ich wohnte doch erst seit fündunddreißig Jahren in der Klingenstadt.
„Mh, das ist nicht .. so einfach von Köln nach Solingen“, sagte ich. „Ich fahre nämlich kein Auto, wissen Sie, und da..“
„Gut. Über die A3“, liess sie sich nicht beirren. „Aber welche Ausfahrt?“
„Ausfahrt.. Langenfeld..?“ sagte ich mehr oder weniger ins Blaue hinein.
„Lan-gen-feld..“, notierte die Frau gewissenhaft.  „Gut. Und weiter?“
„Äh, und weiter?“
„Ja, wie weiter, wenn die Herren die Autobahnausfahrt Langenfeld genommen haben.“
„Dann äh.. Moment. Von Langenfeld ist es beschildert Richtung Solingen-City.“
„Und in Solingen-City? Ist es weit zum Turm-Hotel?“
„Na, wir sind das höchste Haus am Platze, das kann man gar nicht ver..“
„..fehlen. Dankeschön.“
„Moment! Das Hotel ist ein riesiges Einwegfeuerzeug“, rief ich ihr sicherheitshalber noch nach, aber sie war schon weg.

Mitten in der Nacht standen die Schweizer im Neonlicht der Rezeption. Eine Gruppe ausgelaugter blasser Medienmänner, bemüht, keine Schwäche zu zeigen, irgendetwas, das man gegen sie verwenden könnte. Nachdem ich die Zimmerschlüssel verteilt hatte, fragte der Wortführer, ein kleiner Mann mit Schnurrbart, im harten Sound der Schweiz:

„Hören Sie, kann ich für morgen früh einen Weckruf anmelden?“

„Aber sicher doch“, sagte ich und hielt den Kugelschreiber schon parat. „Für wieviel Uhr?“
„Ja, das ist eine gute Frage. Lassen Sie mich kurz überlegen. Duschen, rasieren, frühstücken.. sagen wir, 6 Uhr 15. Ja, das ist eine gute Zeit. Sechs Uhr fünfzehn, notieren Sie das bitte.”
„Gut. Äh, welche Zimmernummer..?“
„Das ist.. Zimmer 36. Zwölfter Stock. Santini.“

Nun platzte die Weckliste schon vor lauter Zimmernummern und Weckzeiten, alle Kästchen waren voll, aber das war normal zu Messezeiten. Messenacht war Nummernnacht.

„Mich auch eintragen, aber für fünf vor sechs bitte!“ kam eine Stimme aus der zweiten Reihe, scharf  wie ein Buschmesser, das sich von hinten durchs Dickicht schlägt. Ein großer Mann, ein Lulatsch geradezu. Er klimperte mit dem Zimmerschlüssel und hielt ihn hoch, bis fast unter die Decke. Ich identifizierte die Nummer 43 auf dem Schlüsselanhänger.

„Nummer 43, 5 Uhr 55“, sagte ich und trug die Zimmernummer in die dazugehörige Spalte ein, als der Anführer mit dem Schnurrbart, der kleine Santini, erneut das Wort an sich riss.

„Das ist ja klar, dass der Felix zwanzig Minuten früher aufstehen muss, der ist ja auch zwanzig Zentimeter grösser, der Dödelkopp!“

Nachdem sich die Schweizer auf die Zimmer verabschiedet hatten, kehrte ich den kleinen Lacherfolg vom Boden auf und entsorgte ihn im Müllschacht. Der führte gut sechzig Meter in die Tiefe, und obwohl ich aufmerksam horchte, es war nicht mal ein Glucksen übrig, als er unten aufschlug.

Advertisements

4 Gedanken zu „Der kleine Lacherfolg

  1. das ist halt so bei uns schweizerInnen: wenn wir lachen, dann restlos, ohne restglucksen und ohne aufzuschlagen. 🙂

    5:55 ist übrigens der titel eines tollen songs einer schweizer band (züri west), doch das gab es damals noch lange nicht.

    dieses weckrufen klingt nach ziemlich schrägem job … 🙂 und ist im zeitalter von handys wohl längst ausgestorben?

  2. ich kenn ja nur berner bären..hihi

    züri west kann ich verstehn..als das glas vin in dee schrivvmascheen renjekippt oder so..sehr schön..

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s