Einbrecher im Bad

Ich blätterte im alten Biobuch und erfuhr, dass ich 400 Kilometer Darm in mir habe, von Leipzig bis München nur Sodom und Gomorrha, super Sache, und plötzlich: Blähungen. Militante Blähungen. Richtige Straßenkampfblähungen. Es pötterte und knatterte so brutal, als wäre ein Moped mit zerschossenem Auspuff um die Ecke gebogen. Noch eine Dreiviertelstunde später musste die Gräfin losprusten vor lauter Vergnügen. Sie konnte sich überhaupt nicht mehr einkriegen. Da ich in diesem Moment mit meinem Bruder telefonierte, war ich irritiert, ich wusste nicht, was los war.

“Wieso lachst du so?!”

“Na.. wegen EBEN, Mann! MAAHAHAAA!!”

“Was ist los? Warum lacht die so?” fragte auch mein Bruder.

“Wegen uns, wegen unserer Darmflora”, antwortete ich. Schließlich ist Darmflora vererbbar. Sie bleibt in der Familie. Da steht der Gestank in der Luft wie ein offener Beutel Kadavergehorsam. Das meuchelt hinterrücks. Da zerschellt der Glaube ans Gute im Menschen. Das ist unmenschlich.

Das war so.

*

Die Gräfin und ich hatten zu Abend gegessen, ganz normal. Na gut, vielleicht nicht ganz normal, denn die Gräfin hatte sich an Reibekuchen versucht, wünschte sich aber schnell  einen Ratgeber für Problem-Pfannen.

“Oder sehen so etwa Reibekuchen aus?!” wütete sie und warf entnervt die Brocken hin.

Und es WAREN Brocken.

Also gab es Tiefkühlpizza, verfeinert mit sündhaft teurem italienischen Thunfisch, Salami und Bio-Mozzarella. Dazu wurde Salat gereicht, da war ein bisschen viel Zitrone dran geraten. Ein bisschen arg viel Zitrone. Ehrlich gesagt, der Salat war eine einzige dicke Zitrone. Nein, es war nicht ihr Tag gewesen, das Kochen verlief holprig. Was selten vorkam. Eher sehr selten.

Nach dem Essen gab es Espresso. Frau Moll lag unterm Tisch und machte uns winselnd auf die Schokoplätzchen aufmerksam, die allmählich mal vom Tisch krümeln sollten, ohne Umwege in ihren Hals. Und dann stand da noch dieses Schale Weintrauben. Kleine unscheinbare Dinger, von denen ich nebenbei eine Handvoll nach der anderen einschmiss, im Fernsehen lief die Live-Übertragung der Leichtathletik-Europameisterschaft.

”Das ist mal wieder typisch. Alle Läufer sind super entspannt und gedopt, nur der Deutsche sieht scheisse aus, wie die letzte Rauchschraube!” motzte ich noch, als mir plötzlich anders wurde, untenrum. Von einer Sekunde auf die andere hatte ich Ziegelsteine im Bauch, einen ganzen Koffer voll. Eine Kolik! Mir brach der Schweiss aus. Mit Ende vierzig machen einen Dinge, die man noch nie hatte und plötzlich hat, verdammt nervös.

”Ich glaub, ich muss aufs Klo!” keuchte ich.

Ich schlug mir den Weg durch die Diele frei, der Hund sprang auf, was geht hier ab? Ich warf die Türe hinter mir zu, und dann saß ich da, auf dem Klo. Musste erst mal durchatmen, weil der Bauchschmerz nicht nachliess, im Gegenteil. Ich stöhnte auf.

“Alles okay?” rief die Gräfin.

In mir brummte und brodelte es wie in einem Trafohäuschen, das kurz davor stand in die Luft zu fliegen.

“Weiß nicht. Ich glaub, ich hab Dünnschiss!” antwortete ich noch, dann brach der Orkan los. Artilleriefeuer. Als wäre der Pfropfen von einer Propangasflasche abgepfiffen.

PFFARRZIIZZZ! KNATTTTTTOOGRRAD! PÖT!

Desaster. Die Badezimmertür sprang auf. Die Gräfin, kreidebleich.

“Was ist denn hier los?”

“TÜR ZU!!!” brüllte ich.

(Es gibt Dinge, die muss ein Mann mit sich selber regeln, ganz alleine. Heimlich Kokain rauchen, die Nachbarin vögeln, dünn scheissen.)

Die Schüssel war randvoll. Ich bekam almählich Panik.

“WAS IST DAS DENN??!” schrie ich.

foto.hundefurz

Ja, was war das wohl, mein Freund?! STUHLGANG WAR DAS! Feuriger Bohnendurchfall, schlechtes Fleisch! Ein verdammter Gasangriff in den Ardennen! Irgendwie so was! In der Richtung!

WEINTRAUBEN!

Ich hockte mich wieder auf den Lokus, weil noch eine Ladung hochkam. Es wurden insgesamt vier Ladungen. Die letzte war so heftig, dass die Suppe im 90-Grad-Winkel aus der Porzellanschüssel zurückgepfiffen kam, es war, als hätte ich auf ein stramm gespanntes Trampolin gekackt! Das ganze Klo war voll, con carne quasi. Klodeckel, Wände, die Spiegel, alles vollgeschissen.

foto.kuhfurz

Dann, als der Arsch Pause machte, hörte ich ein gefährliches Knurren.

“Das ist Frau Moll. Die denkt, es wären Einbrecher im Bad!” rief die Gräfin.

Ich musste ohne Ende nachspülen, ich musste das Badezimmer aufwischen bis es halbwegs wieder auf Vordermann gebracht war, ich musste das Gelächter der Gräfin aushalten ohne selbst mitzulachen – doch eines musste ich den Weintrauben und dem sauren Zitrus-Salat lassen: der Koffer war komplett leer. Alles hübsch in die Regale geräumt. Wunderbar leicht alles, untenrum.

(Es wunderte mich nur, dass der neue Brandmelder nicht angesprungen war.)

Als ich in die Wohnküche zurückkehrte, die Hände ein Seifenmassaker, rümpfte die Gräfin nur kurz die Nase, Frau Moll schnarchte, Plätzchenkrümel im Barthaar, und ich fühlte mich leicht wie eine Spatzenfeder.

Noch Weintrauben da?

4 Gedanken zu „Einbrecher im Bad

  1. es gab zwei filme ,das grosse Fressen und und hundert tage Sodom
    da musste ich immer aufs KLo.und nicht weil mir schlecht war…ein sauberes Klo ebend ..hihi

  2. Pingback: Beobachtungen am Bahnhof und im Schnee, Fäkalhumor, Boulevardjournalismus, Wissen, Domian und soziale Netzwerke | 1ppm

Hätte ich doch besser die Fresse gehalten

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