Einen nocken eh!?

Wir waren fünfzehn und hingen Tag für Tag im Haus der Jugend herum, das wir nur das Haus nannten.

Einmal brachte Benzini einen Totenschädel vom Friedhof mit, wo er nach der Schule für 8 Mark Stundenlohn Gräber aushob. Weil der Schädel spackig war und voller Erde, setzten wir in der Töpferwerkstatt einen großen Topf Essigwasser auf und kochten ihn aus. Den Tipp hatte sich Benzini von Friedhofsmitarbeitern geholt – auf diese Art sollte er wieder seine schöne weisse Farbe erhalten.

Irgendwann im Laufe des Nachmittags betrat Trudy die Töpferwerkstatt, die stellvertretende Leiterin vom Haus der Jugend. Trudy war ein gutmütiges spätes Mädchen, das ein bisschen wie ein Alien aussah, der die Buchführung für seinen feinen kleinen Planeten erledigte. Als sie nun sah, wie wir Jungs uns um den brodelnden Topf herum drückten, rief sie fröhlich:  „Ja, was kocht ihr denn da, ihr Halunken? Lecker Blumenkohl??“

Von den Mädels mal abgesehen, gehörte Benzini zu unserer Clique, Karlos, der Mitsubishi Boy, Pepe, die beiden Hansen-Brüder – der lange Bronko zählte nicht dazu. Bronko war ein Außenseiter. Ein baumlanger Außenseiter, mit Muskeln an den wichtigen Stellen. In seinem Gehirn war weniger los. Eigentlich stand da nur ein einsamer Knüppel, ein Baseballschläger, er lehnte an der Wand und fiel schon mal um. Das gab dann so ein Geräusch, das wir Bronkos Sound nannten:

bup.

Bronko hatte einige Schleimer um sich geschart, die ihm hörig waren und ein Opfer besorgten, wenn ihm danach war. Bei Bedarf. Was Kleines, das möglichst schon ängstlich fiepte, wenn Bronko das Haus betrat. War ein armes Schwein gefunden, marschierte Bronko auf es zu und blökte, „WAT IS LOS?! EINEN NOCKEN, EH!??“ und verpasste seinem Gegenüber eine Kopfnuss, frag mich nicht nach Sonnenschein.

Einmal geriet der lange Bronko an den Falschen, an Scheti. Scheti, ein kräftiger kleiner Türke, der sich Jahre später während der Militärzeit in Ankara das Leben nahm, doch 1975 stand er noch voll im Saft.

„TÜRKENSAU, IS LOS, EINEN NOCKEN, EH?!“ blökte Bronko.

Er hatte kaum ausgeblökt, schon war Scheti, gut zwei Köpfe kleiner, wie ein zorniger Ziegenbock an ihm hoch gesprungen und hatte seinerseits eine Kopfnuss ausgeteilt, die nicht mal in der entferntesten Ecke der Galaxis irgendetwas mit Sonnenschein zu tun hatte.

Bronkos Nasenbein brach, und sein Blut schoss diagonal über den Flur und klatschte gegen die Wand des Jugendzentrums. Das war wie Porno gucken damals.

Ein gerechter Porno.

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5 Gedanken zu „Einen nocken eh!?

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