Tage, wo Blut kam

Ich vertrug die Sauferei nicht mehr. Es gab Tage, da riss ich beim Aufwachen erschrocken die Augen auf – erschrocken, weil ich noch lebte, und weil ein neuer Tag wartete. Detonierter Bauch, die Zellen zerrüttet, solche Tage. Tage, wo Blut kam. Tage, wo ich mich abends lächerlich machte am Tresen, Tage, wo ich den Ausgang der Rockdisco nicht fand, wo ich mich auf dem Weg nach Hause verlief. Dieselben Tage, die mich morgens mit dem monotonen Geräusch von Wassertropfen empfingen, die in der Küche aus dem lecken Wasserhahn fielen und peu a peu eine Kerbe in den alten Spülstein trieben, im Takt schneller hastiger Herzschläge. Solche Tage. Bluttage.

*

Wenn ich aufs Klo ging und pinkelte, war ich stets darauf vorbereitet, Blut in der Schüssel vorzufinden. Das Menetekel. Auf das ich nur wartete, seit der beste Freund meines Schwagers an Blasenkrebs gestorben war, und das erste Anzeichen war, dass er Blut pinkelte. Nach dem Volleyball-Training nahm er meinen Schwager in der Umkleidekabine beiseite, „du, ich hatte eben Blut im Urin.“ Kein halbes Jahr später starb er in den Armen seiner Frau, ausgezehrt von der Chemotherapie. Seither wartete ich nur darauf, rot zu pissen. Erst recht an verkaterten Tagen.

Wo Blut sowieso kam.

*

Mittags im Karstadt-Schnellrestaurant. Ich verdrückte ein Zigeunerhack mit Pommes und Salat oder was immer heute Tages-Menü war, dazu ein Glas Cola, weil Bier noch nicht runter ging. Ich war fünfundzwanzig. Ich hatte immer gut ausgesehen, ich war ein gutaussehender Typ gewesen, ich hatte immer Frauen um mich gehabt, jetzt war ich alt und grau und erledigt, ich fühlte mich Scheiße, ich war Scheiße. Nichts stimmte mehr. Ich wartete nur darauf, dass Blut kam auf dem Klo, ich war ein versoffener ängstlicher kleiner Blutkandidat geworden.

Ich glotzte dem Serviermädel hinterher, das den Geschirrwagen durch die Gänge schob und Geschirr einsammelte, ich glotzte dicken Frauen in den Ausschnitt, die eine Linsensuppe in Arbeit hatten. Ein überlanges Bockwürstchen ragte zu beiden Seiten über den Rand des Tellers. Alles an der Frau war korpulent und traurig, sie war über und über zu viel. Sie kämpfte mit der langen Wurst, wusste nicht, wo sie den Löffel ansetzen sollte. War unschlüssig, ob sie lieber Messer und Gabel zur Hand nehmen sollte, zur Unterstützung. Warum sie das überlange Vehikel nicht einfach in die Hand nahm, die Finger zur Not mit einer Serviette geschützt, blieb unklar.

Als Soundtrack zu der kuriosen Szene hatte sich die Geschäftsführung des Karstadt richtig was einfallen lassen. Man ließ über Lautsprecher Nummern ausrufen, eine Nummer nach der anderen, kuriose Personalnummern, pausenlos, wie auf dem nationalen Nummerntag im Hause Karstadt.

„Die 366, bitte!“, „die 408, bitte!“, „die 369, bitte!“,

„die 500, bitte!“

Andere Frauen führten Selbstgespräche mit zittrigem Blick, bis sie entdeckten, wer ihnen auflauerte, wer sich Notizen machte, da fühlten sie sich ertappt und fingen an aufzuhören mit sich selbst zu reden. Das Zittern hörte nicht auf. Die Fragen auch nicht. Was schreibst der Kerl da? Schreibt der über mich?!

Na klar schreibe ich über euch. Ich schreibe, wie ihr das Maggi in eure Suppen pumpt, ich schreibe über Geschmacksverstärker und Gluten, die in euren Suppen um die Herrschaft raufen wie trotzige kleine Stöpsel. Ich schreib das alles auf, damit ich was zu tun habe und mir nicht noch mehr auf den Wecker falle. Würde ich nicht zufällig schreiben, ich würde einfach umfallen, ich wäre auf der Stelle tot.

Ich notierte Fetzen aus der Wirklichkeit anderer Leute, mich dagegen vernachlässigte ich. Vielleicht sollte ich mehr über mich schreiben, schrieb ich. Vielleicht sollte ich ficken fahren. Morgen ist Heiligabend.

Da kam immer der Heiland.

*

Lana war mir durch die Lappen gegangen. Sie hatte Schluss gemacht, war mit einem Bundeswehrsoldaten durchgebrannt. Sie hatte Mut bewiesen nach sechs gemeinsamen Jahren und den Schlußstrich gezogen. Mir blieb das ungute Gefühl allein zu sein in der Welt, unter all diese Leuten. Ich sollte ficken fahren. Männer, die allein sind, gehen in den Puff Ich war ein Mann, ich war allein, ich fuhr in den Puff nach Bacelonaaa. Ole. Ole.

*

re. karlos

*

Mein Barcelona war Düsseldorf. Als die S-Bahn in den Hauptbahnhof einlief und ich auf den Bahnsteig trat, war ich plötzlich unschlüssig, ob ich das richtige tat. Ob ich überhaupt Lust auf Sex hatte. Ob der temporäre Ankauf einer Frau helfen könnte, eine Einsamkeit zu lindern. Oder, wie Karlos gesagt hätte, ob ich wirklich DRANPACKEN wollte! ICH WILL AUCH MAL DRANPACKEN!

Mit Zahlschein.

Andererseits, nun war ich ja schon mal in Düsseldorf. Und wo ich nun schon mal in Düsseldorf war, beschloss ich Richtung Nordstrasse einzuschlagen. Zum Sexshop. Mit den kleinen Schneehaufen vorm Eingang, die mich an Pürree erinnerten, schmutziges, mit Rollsplitt verbackenes Pürree, und dass der Winter erst noch losging.

Im Laden drängelten sich einige Männer vor Schaukästen mit Fetischwäsche und Spezialwerkzeug, unbeholfen standen sie da, kleine Jungs an der Fleischtheke.

“Ich hätte gern.. ähm.. von dem.. da..”

“Von dem hier, kleiner Mann?”

“Genau, ja! Von dem.. da!”

“Das ist Gehacktes, mein Junge..”

“Gehacktes? ?! Oh.. ähm. Ein.. Pfund Gehack.. tes.”

“Ein Pfund, wird gemacht. Für die Mutti, hm? So. Und sonst noch einen Wunsch?”

“N- nein.. danke! Auf Wiedersehen!”

Ich nahm die erstbeste in einer langen Reihe von Video-Kabinen. Der Kabuff war eng wie ein Passfotoautomat und stank wie ein Dixie-Klo, trotz cws air control. In so einem Porno-Spind hatten Lana und ich mal ein Nümmerchen schieben wollen, doch kaum war die Tür zu, pochte es.

„He! Ihr beiden Ficker, kommt schön raus hier – aber dalli!“

Auf der Sitzbank lag eine Rolle Kleenex, ich kickte sie mit dem Fuß runter, wollte sie nicht berühren. Wichsgriffelrolle. Hau bloß ab. Ich warf fünf Mark in den Schlitz. Der Video-Bildschirm zeigte 64 Programme, per Knopfdruck abrufbar, zur richtigen Zeit, wie ein Werbe-Aufkleber suggerierte. Motto: Spürt der Masturbator, dass es ihm gleich kommt, muss er den Button nur solange bearbeiten bis es in einem der 64 Pornokanäle einem der Akteure auch gerade kommt, zur dekorativen Ejukalala. (Nun werd mal nicht albern, Freundchen. Sex ist eine ernste Sache. Besonders wenn man allein ist mit seinen Fingern.)

Ich hatte eine Knastszene drin. PROGRAM 23. Wärter rammelt blonde Inhaftierte, zweiter Wärter kommt hinzu, sich selbst rammelnd, wortlos. Ich hörte nur den Sound aus der Nachbarskabine.

„..endlich kümmert ihr euch um mein Fötzchen.. hab ich auch was davon..“

„blas ihn mir wieder hoch..“

„und jetzt.. zwei Schwänze.. ooh Mann..“

„das hat es ja nicht mal.. in Paris gegeben..!“

(PARIS? War es in Paris denn nicht genauso?!)

„..super.. jaaa.. spritz alles raus.. gleich.. jaa.. jeeetzt.. hast du es geschafft..“

„He! Ich bin auch noch da..!“

Ich auch! Ich war auch noch da. Aber ich wollte ja gar nicht abspritzen. Ich wollte nur meine Konstitution prüfen. Der Pimmel-TÜV. Er stand so dreiviertel. Schlechtes Zeichen. Zuviel Restalkohol im Blut. Kommt es mir gleich im Puff zu schnell. Kann ich mir auch gleich einen kloppen lassen, kommt billiger.

Fragte sich bloß, wo der überhaupt war, der Puff. Es war schon ein paar Jahre her, ich war betrunken und die Nutte war noch betrunkener und forderte dauernd MEHR GELD, aber ich hatte kein MEHR GELD, also krallte sie sich meine weiße Lotsenmütze, die ich spaßeshalber aufgesetzt hatte, als Trophäe, mir wars egal. Ansonsten konnte ich mich nur daran erinnern, dass der Puff ein großer Kasten war und wie eine Kaserne aussah. Hinterm Bahndamm.

Und so lief ich durchs Bahnhofsviertel, die Hände in den Hosentaschen, Runde um Runde, auf der Suche nach dem Puff. Schwachsinn alles, doch es trieb mich voran unter dichten schlammigen Wolken. Ich irrte umher, ohne Traute, jemanden nach dem Weg zu fragen. Einmal begegneten mir zwei Kerle, in ihrer Mitte ein Kasten Bier, die hätte ich fragen können, doch dann waren sie schon weg, bevor ich mich aufraffen konnte, sie anzusprechen.

Es ist fatal, aber jeder Einsame denkt, er fällt auf in seiner Einsamkeit. Dass es ihm mit riesigen Lettern ins Gesicht geschrieben steht: EINSAM. Darum versucht er die Einsamkeit mit Geschäftigkeit zu kaschieren, und als wäre es bloßer Zufall, dass er gerade alleine unterwegs ist, die große Ausnahme.

Je länger ich in der Bahnhofsgegend unterwegs war, desto bekannter kam mir das Viertel vor. Hatte ich hier nicht mal mit dem dicken Hansen Haschisch gekauft, Jahre zuvor?

*

Der Dealer hauste in einer Sozialwohnung, und Parterre war ein Kiosk, den vergesse ich nicht, der verkaufte Frühkölsch in Düsseldorf, und das nicht gerade unter der Ladentheke. Gleich vor der Kasse präsentierte man das Flaschenbier, richtig frech. Dafür hätte der Besitzer früher was auf die Nase gekriegt, spöttelte ich, doch der dicke Hansen war mit den Gedanken woanders und blickte durch mich hindurch. So nach dem Motto, was interessiert mich dein blödes Bier, wenn wir gleich fett was zu Rauchen kriegen. Es gibt kein Alter, wo man schärfer aufs Kiffen ist als mit Anfang/Mitte zwanzig. Da kann man rauchen wie andere Leute Luft holen.

Nachdem endlich der Türöffner aktiviert wurde und wir eingelassen wurden, verrammelte ein langer hektischer Kerl die Etagentür gleich wieder, mit schwerer Kette und Sicherheitsschloss. Und das bei meiner ausgeprägten Bullenparanoia. Obwohl ich im Laufe meiner langen erfolgreichen Drogenlaufbahn nicht ein einziges Mal von einer Hausdurchsuchung überrumpelt worden bin, weder daheim noch bei Freunden oder Bekannten, machte mich allein die Vorstellung kribbelig, die Schmiere könnte auf der Matte stehen. Kribbelig bis wahnsinnig, je nach seelischem Zustand. Es kam auf die Gesamtsituation an. Wie getriggert war ich? Hatte es in der Wohnung schon mal eine Razzia gegeben? Brach vielleicht die Weihnachtszeit an, wo das Rauschgift-Dezernat traditionell besonders aktiv war? Waren viele Drogen im Haus? Seit ich 1979 für eine winzige Menge Haschisch zwei Wochenend- Arreste in der JVA absitzen musste, hatte  ich mächtig Schiss vor dem Knast. Da wollte ich nie wieder hin.

Die Bude in Oberbilk war nicht mehr als ein langer düsterer Schlauch, der Teppichboden voller Brandlöcher. Elektrisches Licht kroch gelb und spärlich aus einer Deckenschale und verteilte sich notdürftig, mehr Lux gab die Wohnung nicht her, die Vorhänge waren zugezogen. Nachdem wir Platz genommen hatten, verschwand der lange Dealer kurz im Nebenzimmer und drehte die Musik auf. Aus mannshohen schwarzen Boxen wummerte Rodigans Rockers, die wöchentliche Reggae-Show auf BFBS. Das hatte noch gefehlt. Reggae…

„Der Arsch hat soviel Material im Haus, kannst du dir nicht vorstellen“, hatte der dicke Hansen auf der Hinfahrt noch getönt, doch nun hieß es plötzlich, Jungs, ihr müsst euch was gedulden, der Brösel muss noch gepresst werden. Dauert nochn kleinen Moment.

„Aber keine Angst, geht schnell. Kriegen wir gleich geliefert.“

Der Dealer bot uns Rauchproben an. Kundenservice. Zur Auswahl standen Grüner Türke und Roter Libanese sowie holländisches Powergras. Ich wäre am liebsten auf der Stelle wieder abgehauen, doch das Geld, das auf dem Tisch lag, war Hansens Geld, außerdem waren wir mit seiner Karre da. Und er hatte die Ruhe weg. Er saß da und wippte mit dem Autoschlüssel zu Rodigans Rockers – ein Reggae nach dem anderen, eine endlose Parade von Reggaesongs, stets im gleichen verfluchten Rhythmus, four on da floor.

Jah Man.

No man. Ich zog einen Bong. Fast widerwillig. Aber ich wollte mir keine Blöße geben. Das Wasser blubberte in der Flasche, als der Dealer plötzlich aufstand und hin und her tigerte. Abrupt blieb er stehen und spähte aus dem Fenster, als erwartete er jeden Moment ein Sondereinsatzkommando, das gab mir den Rest. Der Bong ließ das Haschisch in mir explodieren, sprengte meine Nerven –  ich bekam Panik. Der Typ hatte doch nicht umsonst so eine Action um seine scheiss Wohnungstür gemacht… warum war der so nervös..!? Es war, als zöge sich plötzlich ein Riss durch meine innere Landschaft. Dieses schiefe Angstgefühl, dass etwas gerissen war in mir, irreparabel, dass es auf ewig schief bleiben würde in mir: die alte LSD-Angst, im falschen Moment am falschen Gleis den falschen Zug genommen zu haben.

Eigentlich dürftest du gar nichts mehr kiffen, hatte Lana mal gemeint. Wenn du noch Wert auf dich legst. Auf die Gesundheit deiner Seele.

(Wenn du dein Lebtag lang Angst hattest vor den verschiedensten Dingen, bleibt am Ende nur noch eins: die Angst vor dir selbst, und sie bricht dir das Genick.)

In diesem Augenblick schälte sich ein zweiter Typ aus der Dunkelheit, er musste die ganze Zeit in der Ecke gesessen haben, auf einem Sessel, ohne einen Ton gesagt zu haben. Ein Gesicht war nicht auszumachen. Es waren nur blasse Umrisse, die sich kaum merklich bewegten. Ich signalisierte dem dicken Hansen, was los war, doch es ließ ihn kalt. Er spielte mit dem Autoschlüssel in der Hand wie mit einer Gebetskette, völlig unbeeindruckt von der Situation, in der ich gerade abzusaufen drohte. Der Dealer stopfte schon den nächsten Bubble Boy und stampfte mit den Füßen zum Reggae. Diese gottverflucht monotone Marschiermukke, die Echoeffekte – ich erstarrte zunehmend in dem ganzen Lärm, musste mich irgendwie abkühlen, mich runterholen, komm endlich runter, Glumm, sag was, egal was.. irgendetwas belangloses, befreie dich… Der Dealer schien zu merken, dass etwas nicht stimmte mit mir, er glotzte so komisch rüber, ein Moment der Konfusion in seinen Augen, doch er sagte nichts.

„Kennst du auch Soul Train..?“ fragte ich endlich, er verstand nicht, ich wurde lauter, mit ausrutschender Stimme wiederholte ich „..Soul Train.. auf BFBS.. immer mittwochs…“, doch er starrte nur in seinen Bong und meinte desinteressiert, “Soul? Nee, find ich nicht gut. Ich kann nicht immer alles gut finden.”

Ich kann nicht immer alles gut finden. Welch ein Satz. Da lagen die 80erjahre vor mir, zu einem Bündel geschnürt: Ich kann nicht immer alles gut finden.

*

Ja klar! dachte ich, als ich durch Oberbilk lief, Ich kann auch jetzt nicht gut finden, dass ich hier so blöd durchs Bahnhofsviertel stiefle und den Puff suche, aber ich stiefle nun mal so blöd durchs Bahnhofsviertel, so ist das nun mal, also reiss dich zusammen und frag endlich irgendeinen Passanten nach dem Weg, frag, wo der verdammte Bahndamm ist…

“Da vorn durch den Tunnel, die erste rechts und immer geradeaus.”

Hinterm Bahndamm. Ich erkannte es auf Anhieb wieder. Vorm Eingang zum Kontakthof drückte sich eine Gruppe türkischer Männer rum, lamentierend, Kerne spuckend. Ich trat in den Hof. Zwei Nutten lehnten an der Backsteinmauer.

“Kommste mit?”

Ich grinste.

“Da grinst der nur.”

Ich streifte die unterste Fensterreihe ab. Die meisten Vorhänge waren zugezogen. Auf den Scheiben pappten Zimmernummern, manchmal ein Name. Gabi. YVONNE 65. In der Hofmitte, an den Münzgeldautomaten, scharten sich die Freier, die sich den ganzen Tag den Schwanz in den Bauch standen, mit dem Ziel, für kleines Geld in die Kloake eines Weibchens vorzudringen.

Dann stand sie neben mir.

“Magst du dich verwöhnen lassen..?”

Lederstiefel, dunkles Haar, freundliche Augen.

“Weiß nicht”, mehr kriegte ich nicht raus.

“Komm.”

Sie hakte sich bei mir unter. Mit dem Lift drei Etagen hoch, Zimmer 55.

“Bist du das erste Mal hier?” fragte sie, als ich im Kabuff stand, die Hände in den Hosentaschen.

“Was.. nein.”

“Wieso guckst du dich dann so um?”

Gute Frage. Ein Bett mit roten und braunen Decken, zwei Stühle, ein Tisch, darauf eine Schale mit Präservativen und Bonbons.

„Nur so.“

“Und? Was ist Sache, du As? Schön bumsen und blasen?”

Ich stand da, verschwitzt. Die Fischangst meiner Hände.

“Nee. Lieber nur runterholen.”

“Och”, sagt sie enttäuscht und zieht sich nicht weiter aus. “Kost vierzig Mark. Warum nicht schön bumsen und blasen?”

Ich legte zwei Zwanziger hin, auf den Tisch. Sie stopfte die Scheine in eine Blechdose, zu den anderen Scheinen von anderen Männern.

“Na schön. Dann mach dir es mal bequem.”

Ich setzte mich auf den Bettrand.

“Schwanz waschen?” fragte sie noch.

“Nee.. Nachher.”

Ich liess die Jeans runter, sie setzte sich dazu, den Pullover knapp über die Titten hochgeschoben. Kalte Titten, wie gewachsene Titten.

“Wirklich nur wichsen hallelujah? Nicht schön bumsen und blasen?!”

Das lockerte mich ein bißchen.

“Nee, nur.. wichsen hallelujah.”

Ich legte mich auf den Rücken, mit aufgestützten Ellbogen. Sie nahm ein Kleenextuch und breitete es in Spritzrichtung über meinen Bauch aus. Wie ein kleines Auffangtuch lag es auf mir, eins von der Feuerwehr.

“Magst du geile Bilder sehen?”

Ich mochte nicht.

„Präser?“

„Nee.“

Dann machte sie es. Ich guckte ihr zu. Sie guckte sich zu. Sie machte es gut. Gekonnt. Ich schraubte kurz an ihren Titten rum, doch es blieben Fotos, da liess ich es wieder sein.

“Spritz in die Luft!” rief sie, als ich kam.

Sie lächelte.

“Ging schnell, ne..?”, sagte ich, halb fragend.

“Naja. Bei manchen Typen muss ich das Ding nur berühren, schon explodieren sie.”

Sie ging zum Waschbecken.

“Komm, schön Schwanz waschen.”

“Nee. Lass mal.”

“Na, musst du wissen. Jetzt hast du schön leer gespritzt und du weißt, dass ich gut bin. Kommst du später noch mal wieder, schön bumsen und blasen.”

“Mh”, sagte ich, und nahm schön die Treppe.

Im Kontakthof schnitzte ich mir was markantes um den Mund rum, ich mein, wer weiß, vielleicht hat ja einer von den Pennern mitgekriegt, wie ich mit der Kleinen aufs Zimmer verschwunden bin, und jetzt, keine zehn Minuten später, bin ich schon wieder zurück. “Schnellspritzer”, höre ich sie mich verhöhnen, “dreimal hoch, dreimal runter, ha ha ha!” Also schnitzte ich mir was markantes um den Mund rum, so als wollte ich sagen: Ich hab mit der Kleinen nur ein Geschäft abgewickelt, oder ich hab sie auf die Schnelle erdrosselt.

So lügte ich mich bis zum Ausgang, wo die Türken standen und lamentierten, lebhafter mittlerweile, Pistazienschalen spuckend. Natürlich hatte niemand was mitgekriegt von meinem Puffbesuch oder meiner markanten Schnitzarbeit, geschweige denn mich ausgelacht, Männer im Puff interessieren sich für alles mögliche, nur nicht für andere Männer.

Ich wollte jetzt auch nur noch raus aus dem Bahnhofsviertel.

*

Straßenbahn Richtung Altstadt. Tags drauf war Heiligabend, die Leute hatten es eilig. Schoben sich in Kolonnen durch die Fußgängerzone. Vorm Kaufhaus Horten stand ein dicker Junge mit Brille und Sheriffstern, zu seinen Füßen eine Zigarrenkiste mit Münzen, er trällerte Adventslieder fünf Minuten vorm Stimmbruch.

Ich stoppte an einer Bratwurststube.

„Drei Reibekuchen.“

Das einzig Wahre nach einem nietigen Bordellbesuch.

„Mit Apfelmus?“

Was dachte der denn. Der Koch, er trug ein weiße Kochmütze, reichte mir den Pappteller über den Tresen und erkundigte sich bei dem Touristen neben mir, „May I help you?“

„Yes, Sir. We want wurst.“

Der Koch nickte in Richtung Schwenkgrill, auf dem Thüringer Bratwürstchen kokelten.

„A long one?“

Der Tourist schaute sich unsicher um, sucht seine Frau, die in einiger Entfernung das Gepäck hütete.

„Mh, from Heidelberg, this wurst?“

„Heidelberg?“ Der Koch nickte. „Yes. Heidelberg.“

Ich reihte mich ein in den Strom der Passanten. Verhätschelte Gesichter, andere aus der Asservatenkammer. Von der Helligkeit der Schaufenster angezogen, blieb ich vor einem Frisörsalon stehen, guckte mir schön die Auslage an, den neuen Look, Dreadlocks.

Ich könnte mir auch noch mal die Haare schneiden lassen. Immer nur Locken, dicke unordentliche Dinger, seit Ewigkeiten. Komm mir überhaupt so siffig vor. Keine Alte guckt mich mehr mit dem Arsch an. Also, los jetzt. Rein da.

“Womit kann ich dienen?”

Na ja, Haare schneiden. Ob ich einen Termin habe? Ich habe nicht sehr oft Termine. Nein. Der Geschäftsführer mustert mich geringschätzig und überfliegt eine offen liegende Kladde.

“Siebzehn Uhr hätte ich etwas frei.”

“Jetzt gleich geht’s nicht?!”

“Nein, leider. Sie sehen ja, alles besetzt. Tut mir leid.”

Ich sah da gar nichts, fand aber, dass er im Schritt stank und probierte es in zwei, drei anderen Salons, bei Gina schließlich hatte ich Glück. Kleiner Palast. Gina persönlich half mir aus der Jacke und bot mir einen Platz an, an einem Bistro-Tischchen.

“Möchtest du Kaffee?”

Sie servierte ihn postwendend und lauwarm. Ich schnappte mir eine Illustrierte, ein Stadtmagazin, wo Leute für eine Szene schrieben, die längst verreckt war an ihren eigenen Leuten, aber was redete ich hier überhaupt? Wen juckte das? Gina half mir da raus. Persönlich.

“Kommst du mit?”

Vor einer Galerie von zwanzig Spiegeln versank ich in einem ledernen Drehstuhl, Gina griff mir ins Haar.

“Steht dir doch viel besser so, kommen deine Augen mehr zur Geltung.”

Augen? Die ist gut. Trübe Glubscher. Blutunterlaufenes Material. Ich bin unrasiert und blass. Es juckt. Junge, bin ich lädiert. Seh ich scheisse aus. Bin ich froh, wenn der Mist runter ist.

“Stehst du mal auf?”

Sie band mir einen Kittel um.

“Noch einen Kaffee?”

Ich setzte mich und schaute mir ein bißchen die Stylisten an, wie sie um die Kundschaft herumwieselten und dabei Konservation machten, mit flatternden Augenlidern.

“Kommst du mal mit?”

Ich war hier nur am Mitkommen. Diesmal nicht mit Gina, sondern mit einer Rothaarigen. Lobsterrot. Es ging eine Etage höher, zum Haarewaschen.

“Such dir ein Waschbecken aus.”

Ich nahm das erstbeste. Behutsam drückte sie meinen Kopf in die Nackenschale, Wasser brauste durch mein Haar.

“Temperatur angenehm?”

Es gluckerte leise im Abfluss. Sie legte Shampoo auf und massierte meine Kopfhaut. Ich schloss die Augen und entspannet, fast schien es, als machte sie es zärtlicher als nötig, aber vielleicht war es auch der Hygiene wegen, egal, heute bin ich für alles am löhnen, für die Hure, für die Frisöse, für alle zarten Finger.

“So”, sagte die Rote, rubbelte mein Haar trocken, “fertig.”

Ich wendelte die Treppe runter, wieder auf meinen Drehstuhl.

“Magst du noch einen Kaffee?”

Will die mich verscheißern? Sie reichte mir das Stadtmagazin, das ich wortlos weglegte, und dann fing sie an. Zu reden. Sie redete und schnitt und redett und schnitt, bis ich mich irgendwann genötigt sah, auch mal was zu sagen, bloß – was? Ihr französisches Aussehen verleitete mich schliesslich zu der originellen Frage, ob sie Französin sei.

Sie lachte. “Nein. Italienerin.”

Gott sei Dank.

“Aber meine Mutter stammt aus Frankreich.”

Scheiße.

Sie trug ein schwarzes Leibchen, das viel Bauch herzeigte, und während sie mit scharfem Schnitt in meine Parade fuhr, versuchte ich einen Blick von ihrem Busen zu erhaschen, aber der war gut und feste eingepackt. Schließlich war es soweit. Der Struwwel war entpetert, und Gina rasierte schon meinen Nacken aus. Sie präsentierte mir ihr Werk. Ich war hart an der Grenze zum Hautkopf. Doch, sehr diszipliniert. Gina föhnte, Gina gelte.

“Pass nur auf. Gleich auf der Strasse guckt sich jedes Mädel nach dir um.”

“Ich nehme dich beim Wort”, sagte ich, und zahlte vierzig Mark.

„Hier“, Gina reichte mir ihre Visitenkarte, “falls du mich weiterempfehlen möchtest.”

Draußen hatte ich dann die Kälte am Hals, sehr ungewohnt, dieser ungehinderte freie Zugang zur Kälte. Ich taxierte einige schöne Düsseldorferinnen, he, alle mal herschauen, der Onkel war beim Frisör, doch die Resonanz war dürftig. Was möglicherweise auch an meinem Outfit lag. Also – keine halbe Sachen. Eine neue ganze muss her. Sache. Hose. Stangenware. Warenhaus. Hier gab es die neuen ganzen Sachen. Hosen. Herrenmieder. Stangenware.

Aus Jux probierte ich eine Bundfaltenhose, die passte sogar, war mir aber doch zu affig. Was mir gefiel, waren schwarze verwaschene Jeans in Karottenform. Ich nahm ein paar mit in die Umkleidekabine, die roch nach grober Leberwurst. Oder waren das meine Schweißfüsse? Eine Hose war mir zu weit, schlabberte an der Taille, die nächste Karotte war zu kurz, eine weitere zu eng. Ich kam einfach nicht zurecht mit den amerikanischen Größen. Gab entnervt auf. Stolperte durch die einbrechende Dunkelheit, die vorweihnachtliche Meute. Keine Sau nahm Notiz von mir.

Ich versuchte es im Kaufhof. Ging zielstrebig auf den Verkäufer zu, ein Asiate mit langem roten Lederschlips.

“Meine Bundweite”, sagte ich, „brauch ich.“

Er verstand nicht, ich wiederholte, er verstand und holte ein Zentimeterband.

“Was suchen Sie denn?”

“Schwarze Jeans in Karottenform”, erklärte ich bündig, er nickte und verschwand und schleppte wenig später einen Haufen Hosen an, nur die nicht, die ich meinte. Ein deutscher Oberverkäufer stiess hinzu.

“Kann ICH Ihnen weiterhelfen..?”

Er bedeutete dem Chinesen, sich vom Acker zu machen.

“Mein Kollege ist ganz neu hier”, sagte er entschuldigend, und ich trug dem Glattarsch auf, mir eine Karotte zu besorgen. Er brachte drei Stück in verschiedenen Größen, ich machte Leberwurst aus der Kabine, die Jeans passten alle drei, mehr oder weniger, ich entschied mich für die engere und behielt sie gleich an.

Mittlerweile war es dunkel geworden, dennoch versuchte ich das weibliche Düsseldorf zu provozieren, mit flackerndem Blick. An der Straßenbahnhaltestelle Richtung Hauptbahnhof gelang tatsächlich ein Flirt mit einer hinreißenden Dunkelhaarigen, bis sie einstieg und abrauschte, ohne sich noch mal umzudrehen, blöde Kuh.

Schnellbahn zurück nach Solingen. Ich starrte nur noch aus dem Fenster. Dingsda e pericoloso. Bitte nicht hinauslehnen. Ja genau. Mir doch egal. Fall ich eben raus. Bin ich eben tot. Aber tot mit Kurzhaar. Mein Gegenüber, ein Türke, machte mich per Handzeichen auf das Kärtchen aufmerksam, das mir aus der Jackentasche gerutscht war. Ich hob es auf. Endstation. Noch vom Bahnsteig aus rief ich die Nummer an und fragte, was sie mir denn da versprochen habe, so leichthin.

“Wie..? Wer.. spricht denn da?”

“Na, der Kerl, dem du eben die Locken geschnitten hast.”

“Ah.. ja.. und was hab ich dir versprochen?”

“Na, dass sich jedes Mädel nach mir umdreht. Das haut nicht hin. Lüge!”

Gina gackerte.

“Du darfst nicht aufgeben.”

“Ja”, sagte ich, und legte auf.

3 Gedanken zu „Tage, wo Blut kam

  1. Pingback: Da grinst der nur | Glumm

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