Ich hab niemals ein Wort darüber verloren

1972 zog im Erdgeschoß ein ungleiches Paar ein. Sie war groß, trug gern Minirock und tausendundeine funkelnde Halskette und färbte ihr wallendes Haar hennarot. Er hingegen war klein, ein Zwerg, der hauptsächlich aus seiner ungeheuren Nase zu bestehen schien, die knochig und krumm in seinem Gesicht hockte. Eine unangenehme Erscheinung. Ein Kobold. Selbst im Sommer lief er in diesem schweren grauen Fischgrätmantel herum. Er hatte etwas brutales an sich, und er blickte einem nie in die Augen.

Der Umstand, dass er einen Kopf kleiner war als seine Frau, führte dazu, dass man die beiden kaum gemeinsam sah. Wenn sie überhaupt zu zweit das Haus verliessen, ging er einige Schritte vor. Einmal drehte er sich um und brüllte ihr etwas entgegen, was ich nicht verstand, aber ich sah, dass ihm die Adern aus der Stirnwand traten bis sie ihm fast zu platzen drohten. Er schien das Leben nicht zu mögen. Er verachtete es. Ich mochte ihn nicht. Ich ging ihm aus dem Weg.

Mittags kam ich aus der Schule. Meine Mutter war meist daheim, wo sie nicht nur die Hausarbeit erledigte, sondern auch die Bücher fürs Geschäft führte.

„Was will die Frau bloß von dem komischen Zwerg?“ mokierte sich Mutter, wenn das Thema auf die neuen Nachbarn kam. „Ob sie ihm hörig ist?“

Ich wusste nicht genau, was das bedeuten sollte, jemandem hörig sein, aber ich verstand die Richtung. Ich war zwölf Jahre alt. Mit meinen blonden Löckchen und den femininen Gesichtszügen machte ich ersten Eindruck auf Schwule, eine nervende Geschichte, die erst aufhörte, als ich Mitte zwanzig war und Drago, der verrückte schwule Kellner, ein letztes Mal für mich tanzte, hinterm Karstadt, wo es zugiger war als unter einer Autobahnbrücke.

„Nur für ein Küsschen“, krächzte Drago und liess die Beine fliegen, (Kasatschokk!), „und einmal Nüsse packen!“

Ich kam also aus der Schule, und da stand der kleine Mann im Erdgeschoß vor seiner geöffneten Wohnungstür. Es wirkte fast, als wartete er schon auf mich. Ob ich mal eben anfassen könne, fragte er überraschend freundlich. Alleine ginge das nicht.

Anfassen? Was denn anfassen?

Na, da drin, ein Sessel. Oder eine Couch. Ich weiß nicht mehr. Ich erinnere mich, dass mein erster Impuls mich drängte, einfach weiterzugehen, die Treppe hinauf zu steigen ins zweite Obergeschoß. Dass ich eigentlich nein sagen wollte. Dass ich keine Zeit hätte, weil meine Mutter mit dem Essen wartete.

Andererseits.. mal eben anfassen. Mein Gott, was sollte schon passieren. Er war ein Nachbar, wir wohnten im selben Haus. Da würde der Typ, den ich damals für uralt hielt, der aber vermutlich nicht mal Mitte dreißig war, mir schon nichts tun. Ausserdem, er hatte ja eine Frau. Das war es, was ihn in meinem 12jährigen Bewusstsein ungemein schützte. Dass er ein erwachsener Mann war, mit einer erwachsenen und sexy Frau an der Seite. So einer würde kein Interesse an einem 12jährigen Jungen haben, dachte ich. Ein Mann ohne Frau, gut, der vielleicht schon. Aber der nicht. Der war vielleicht komisch, der Kerl,  und seine Nase ein Monstrum, das schon. Aber gab es nicht überall komische Figuren?

Er ging voraus ins Wohnzimmer. Wir setzten uns. Aus der Nähe wirkte seine Haut grob wie Sackleinen, von Kratern zerfurcht. Aus seinen Ohren wucherte schwarzes Gestrüpp. Er trug eine graue Stoffhose. Sie war eng. Ich sah seinen Schwanz. Er zeichnete sich als Beule ab. Sie war zu groß, die Beule. Er bot mir zu trinken an.

„Limonade?“

Ich schaute mich um. Wo war das Möbelstück, um das es ging? Das wir zu zweit tragen sollten? War es das Sofa, auf dem wir saßen? Ich wollte nichts trinken. Ich wollte die Sache hier erledigen und dann heim, die Treppe hoch. Es war Mittagszeit. Ich war hungrig. Und natürlich, ich hatte Durst. Aber nicht auf seine Limo.

Mir war unwohl in der Haut. Er bemerkte meinen Blick, ich hatte wieder auf seinen Schwanz geguckt. Ich war durcheinander. Ich verstand nicht: Er konnte mich doch nicht wirklich anmachen wollen, während zwei Stockwerke über uns meine Mutter mit dem Essen wartete..!

Mit meinen zwölf Jahren hatte ich erste schwule Erfahrungen gemacht. Nichts richtiges. Ein bisschen mit dem Mitsubishi Boy gefummelt, und mit Thomas H. aus meiner Klasse. Mit gleichaltrigen Jungs. Aber bestimmt nicht mit einem Erwachsenen. Er rückte näher. Alles an ihm war ultimative Energie. Ich sah seine Schläfen zittern, sie pochten wie kleine Kraftwerke, und da passierte es: Angst schlug durch meinen Körper, vom Kopf durch den Bauch bis in die Zehspitzen, wie ein Blitz.

Es war genau wie in diesem Moment, als mich der Ladendetektiv hinterm Ausgang des Kaufhofs von hinten am Schlafittchen gepackt hatte, „Darf ich mal in deine Tasche sehen?“ und ich wusste, Scheiße, jetzt ist es passiert. Jetzt haben sie dich.

Jetzt hatte er mich: er begann mit klobigen Männerfingern meine Schenkel zu streicheln, wechselte ungeduldig ins Massieren. Seine Augen waren rot vor Flüssigkeit. Raus hier. Ich sprang vom Sofa auf und schnappte mir den Schultornister, rannte so schnell ich konnte durch den Flur Richtung Tür. Die Wohnung hatte den gleichen Grundriss wie unsere. Und ich war Sportler. Ich flog durch den Flur. Ich drückte die Klinke der Etagentüre runter, drückte sie auf.

Noch im Nachhinein verwundert es mich, dass die Türe nicht abgesperrt war. Dass er in seinem von Geilheit zugestellten Hirn tatsächlich davon ausgegangen sein muss, ich würde auf seine Zudringlichkeit eingehen, mit meinen zwölf Jahren.

Ich sprintete im Hausflur die Treppe hoch, alle achtundfünfzig Stufen, die ich so oft gezählt hatte, Stufe für Stufe, wenn ich mittags von der Schule kam, oder nachmittags vom Fußball.

(So wie Flure, Dielen, Korridore in jeder Wohnung und in jedem Haus die Zwischenwelt bedeuten, wo man in der Dunkelheit auf seine Ahnen trifft, bei jedem nächtlichen Gang aufs Klo, so sind Treppenhäuser die Sonderzone jedes Heims. Man hat die privaten Gemächer schon verlassen, ist aber noch nicht ganz in die Öffentlichkeit getreten. Ein allerletzes Durchatmen ist angesagt. Im Treppenhaus, unter Nachbarn. Guten Nachbarn, fiesen Nachbarn.)

Oben angekommen klingelte ich Sturm. Meine Mutter stand in der Küche, ich hörte das laute Radio, sie konnte die Schelle nicht hören. Weiter unten schlug eine Wohnungstüre zu, Schritte hallten durchs Treppenhaus. Ich drückte die Klingel, sie bog sich durch in meiner Panik, tapp! tapp! tapp! Er kam die Stufen hoch, als Mutter endlich das Geklingel hörte. Sie öffnete die Türe, seine Schritte stoppten abrupt ab.

Am liebsten wäre ich Mutter um den Hals gefallen. Stattdessen blieb ich wie angewurzelt stehen und sagte kein Wort. Ich blieb still. Viele Jahre später sah ich erstmals das Bild Der Schrei und fragte mich, woher der Maler Edvard Munch wissen konnte, was damals los gewesen war. Im Treppenhaus.

Ich ging in mein Zimmer, ich war verwirrt. Da wäre beinahe etwas verbotenes geschehen, und ich fühlte mich schuldig. Ich hätte ja nicht mit ihm in die Wohnung gehen müssen, ich hätte den Vorwand erkennen müssen. Es war meine Schuld, dachte ich. Und sagte kein Wort. Nicht an diesem Tag, nicht am nächsten Tag. Ich habe niemals ein Wort darüber verloren.

Das Paar zog wenig später aus, doch der Mann ist mir in den folgenden Jahren einige Mal über den Weg gelaufen, in der Stadt. Er erkannte mich nicht, oder jedenfalls tat er so, als wüsste er nicht, wer ich war, doch jedes Mal, wenn er mir begegnete, auf irgendeinem Bürgersteig, stur an seiner Kippe saugend, wurde mir heiß, sogar mein Hintern flatterte. Das passierte noch, als ich den Gnom längst um Haupteslänge überragte und ihn mühelos hätte umhauen können, zur Strafe. Doch ich hab es nicht getan.

Ich bin schuldig bis heute. Dass ich ihm niemals umgehauen hab.

5 Gedanken zu „Ich hab niemals ein Wort darüber verloren

  1. verrückt, immer wieder diese schuldgefühle! die werden ja in den meisten missbrauchsgeschichten erlebt. dabei so überflüssig.

    super, wie du reagiert hast. was wohl geworden wäre, wenn du deiner mutter damals alles erzählt hättest? ach, müssige frage. zum glück bist du weggerannt!

    (wie viele jungs der wohl …?)

  2. du hättest bestimmt so feste zugeschlagen das der typniewida
    und du hättesttest dann ein wissenwarumstrick ..um den schenkel..
    ich hätte nochmal nach geteert und getreten.
    büschen schwul sinn wir alle…
    aber nich mit jungs.

  3. wenn der glummi ja ,geht den berg hoch,jaja ,denn glöv ich dir misch turück ,alte zeiten .jaja ich bring mich um..
    um den verstand
    was ich gla<ube was denke..
    du machst mir ANGST

Hätte ich doch besser die Fresse gehalten

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