Andreas Glumm ist kein Name

Die Erfahrungen, die ich mit Buchverlagen in unserem Raum gemacht hatte, waren ernüchternd. Keiner wagte frischen Wind reinzulassen, lieber erstickte man im eigenen Mief, alle hatten Schiss um ihren lumpigen kleinen Job, falls ein Buch mal nicht so lief wie erwartet.

Bücher sind sowieso überbewertet, meinte die Gräfin. Jeder Hinz und Kunz bringt doch heutzutage ein Buch raus, daran ist nichts besonderes mehr. Im Gegenteil. Es ist mittlerweile was besonderes, als Autor KEIN Buch zu veröffentlichen. OHNE Buch als Autor zu bestehen. Ein rein virtuelles Dasein aus Nullen und Einsen zu bestreiten, im Internet, das ja angeblich nichts vergisst. Während der Buchmarkt dement ist und ein Buch innerhalb von vierzehn Tagen vergisst, dann ist es weg vom Fenster.

Ein Buch bedeutet Unannehmlichkeiten. Werbemaßnahmen. Eine Lesereise. Ich hasse es vor Publikum zu lesen, ich hasse Hotelzimmer, ich hasse Reisen. Das ist alles Mist, der einem nur Zeit raubt und Konzentration und wo man nachts die Groupies abräumen muss, die Genitiv und Genital erst verwechseln und dann total süß finden.

Der Person hat gereibt!

Also warum zum Teufel solltest du weiter knickrigen Buchverlagen hinterherjapsen, wenn du das auch alleine geregelt kriegst im Internet?! Wo man als Self-Publisher alle Fäden selbst in der Hand hält? Ohne sich einem Verlag auszuliefern, der dich mit Prozentpunkten im FDP-Bereich abspeist?

WARUM?

neues notizbuch

„Darum.“

Der Chef des mittelgroßen ambitionierten Verlages aus dem süddeutschen Raum hatte mein Manuskript mit nach Marseille genommen, wo er vierzehn Tage Arbeitsurlaub plante. Danach wollte er anrufen. Er mich. Als kein Anruf kam, rief ich an.

Ach, der Herr.. Glumm. Sie wollte ich auch noch anrufen.

Na, das ist ja jetzt nicht mehr nötig, entgegnete ich kühl. Die Stimmung war am Boden angekommen.

Bevor es losging, wollte er etwas von meiner Biografie wissen. Ich war sprachlos. Es ist nicht so schwer, meinen Namen zu googeln, und wer sich dann ein bißchen Zeit nimmt, der erfährt im Internet einiges über mich. Wahrscheinlich hatte er diese Art von Recherche bislang nicht nötig gehabt, schliesslich rannten ihm die Autoren die Bude ein, Autoren, die von Ruhm träumten, mit dem sich kleckern und klotzen liess, von grandios übers Papier fliegenden Satzbauten, von Groupies mit hochgestrubbeltem Haar. Träumer.

Ich erzählte ihm etwas von mir. Gerade so viel, wie eben nötig. Wer ich war, woher ich kam, wo ich noch nie gewesen bin und auch nicht hin wollte. Dann sagte der Verleger, das er unschlüssig sei, was den Text betraf. Er passe in keine Kategorie. Das sei schon mal.. schwierig. Im übrigen, es gehe großartig los, baue aber im zweiten Teil stark ab.

Kann sein, sagte ich. Mit dem zweiten Teil hab ich mir jetzt nicht so die Mühe gegeben wie mit dem Anfang. Aber daran lässt sich arbeiten. Autoren arbeiten ständig an Texten. Das ist der Job eines Autors. Neue Arbeitstitel wären auch schon geboren:

Pulverdampf und heiße Lieder!

cropped-pulverdampf-nah1.jpg

Au Backe, sagte er. Klingt wie Elvis in der Südsee. (Das ist Elvis in der Südsee, dachte ich.) Und er habe da noch ein Problem.

„Du hast keinen Namen.“

Keinen Namen?

„Andreas Glumm“, sagte ich.

Nein. Keinen bekannten Namen.

Na wie denn auch, sagte ich. Wenn alle Verleger so reden werde ich nie einen Namen haben, nicht auf dem Buchmarkt. Und ganz unbekannt bin ich ja nicht, als Blogger.

Ja, als Blogger, sagte er. Doch wie viele kennen und lesen dich? Ein paar hundert? Ein paar Tausend, wenn es hochkommt?

Ja, für den Anfang doch besser als nichts.

Aber wenn du schon einen Namen hättest, wäre das besser. Egal als was. Hauptsache einen Namen. Als Basketballstar in Israel, als Schwanzlutscher in Arabien, ganz egal. Du verstehst, was ich meine? Die Leute kaufen kein Buch von jemanden, dessen Name ihnen nichts sagt. Besser noch sie kennen schon deine Fresse, die man vorn auf den Umschlag knallen kann. Das ist Umsatzbringer Nummer 1. Deine Fresse.

Meine Fresse, sagte ich.

Na, deine jetzt nicht. Pass auf, sagte er. Sag mir, warum ich mich für dich entscheiden soll und nicht für Autor Y, von dem ich hier ebenfalls ein Manuskript auf dem Tisch habe, einem Autor, der jünger ist als du und bekannter.

Das soll ich dir beantworten?!

Ja, sagte er. Erkläre mir, was dich auszeichnet.

Ich saß da und dachte, jetzt kratzt da jemand an deinem Lack. Da geht einer an deinen Haushalt. Der will sehen, ob du dich verkaufen kannst. Ob du ein Marktschreier bist für deine Belange. Daran ist natürlich nichts ehrenrühriges, dachte ich, und schwieg. Ich bin nicht gut im Verkaufen, ich kann mich nicht gut anpreisen.

Ich nahm Anlauf. Mann, war das dämlich.

„Jetzt mal ehrlich: würde nicht jeder Autor, der auch nur halbwegs von sich überzeugt ist, jetzt sagen, pass auf, Chef, nimm mich! nimm nicht den Anderen?“ sagte ich. „Dass ICH die Sachen schreibe, die die Leute lesen wollen? Das ist doch Humbug.“

Ich hörte Schreibtischgeräusche am anderen Ende der Telefonleitung, ein Verschieben von Stiften, Kratzgeräusche. Der Sauhund kritzelte, während wir miteinander sprachen. Wir nutzten beide Festnetz. Wir waren ungefähr gleich alt. Alter verlangt Chuzpe. Ohne Chuzpe bist du aufgeschmissen.

„Wenn du wenigstens einen Roman hättest“, klagte er. „Nicht nur Storys.“

„Es gibt doch kaum Autoren, die von so einem Leben schreiben wie ich“, hörte ich mich sagen, ungenau und hochtraberisch. „Wo alles drin ist, wovon keiner was hören will. Heroin, Altersdemenz..“ Das waren alles keine Gewinner-, keine Bringersätze. Ein Verleger will nicht hören, dass man anders schreibt, er will gefälligst hören, dass man ähnlich schreibt wie Bestseller-Heinz XY – so, und nicht anders.

Ich kackte ab. Dabei war ich fast sicher gewesen, dass der Verlag das Manuskript annehmen würde. Wir hatten schon über Vorschuss gesprochen und einen eventuellen Veröffentlichungstermin. Da hing die Wurst vor mir, zum Greifen nahe, ich hätte nur noch Hinschnappen müssen, und plötzlich – war sie weg. Weggezogen, wie zum Hohn. Mal wieder. Wenn du eine Chance vertust, tritt das Schicksal dir noch mal extra in den Hintern, mit der Pieke. Volle Lotte in den Steiss.

cropped-foto-andi1994.jpg

Scheiß doch auf die Verlage, meinte die Gräfin später. Mach es selbst. (Nachdem sie zuvor noch was anderes gesagt hatte, das ich interessant fand: DIE CHANCEN SIND SOWIESO IN DER WELT. WEN DU SIE NICHT NUTZT, NUTZT SIE EIN ANDERER.)

Nächster Satz der Gräfin:

„Du bist sowieso dann am besten, wenn du von hinten kommst und niemand mehr mit dir rechnet – genau das ist deine ganz persönliche Pole Position.“

Ich  blickte sie an. Wir waren seit mehr als 25 Jahren zusammen, niemand kannte mich so gut wie sie. Was sie sagte, war Gesetz. Manchmal ging sie durch die Wohnung und ich schaute ihr hinterher, mit diesem Gefühl der Rührung. Zwei Menschen, die gut miteinander können, haben etwas rührendes. Zerfall hat etwas rührendes. Sätze haben etwas rührendes, wenn sie zur Welt kommen in der richtigen Umgebung. In der Serengeti: Als würde ein Junges aus dem Hintern der Antilopenmutter fallen und losstaksen, in Nullen und Einsen.

Nur einen Namen musste das verdammte Kind haben.

Guntherschnabel vielleicht.

foto.abendbrotgebiet

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9 Gedanken zu „Andreas Glumm ist kein Name

  1. Jetzt verstehe ich auch, warum er dich nicht angerufen hat. Du hast KEINEN NAMEN! „Ich möchte Herrn sprechen!“ – wäre ja doof, fast schon anmaßend.

  2. ich ruf da auch ständig an
    nur keiner geht ran..
    der zweite teil war nicht so stark..daran künnen wir feilen..
    ich lag mal wider unterm hocker

    ich mag keine Anfänger..hihi

  3. Schade eigentlich, dass der Herr Glumm nicht zu hören ist. Schade auch, dass der Herr Glumm so ungern reist und in Hotelzimmern übernachtet, ich würde den Herrn Glumm ja gerne mal lesen sehen und hören.

  4. Pingback: Literarisches Schreiben, letzter Kurstag | der blogozentriker

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