Alles Mist

Boxer kann ich besser leiden, seit man der Rasse das Sabbern weggezüchtet hat, dieses Gespucke, diese Unmengen von Speichel, die aus den Schnauzen fliegen wie ausser Kontrolle geratene Scum Shots – dem trauert wirklich niemand hinterher. Zudem lernten wir Tina kennen, eine Frau mit zwei Boxern, die uns zeigte, dass gerade Boxer liebe Hunde sind. Tina ist etwa in unserem Alter, sieht aber zwanzig Jahre älter aus, womit sie wenig Probleme hat. In gewissem Sinne kokettiert sie sogar mit ihrem verwohnten Antlitz.

„Jedes Mal, wenn ich in den Bus einsteige, springen die Einäugigen und die Lahmen auf und bieten mir eilfertig ihren Sitz an“, kichert sie. „Was willst du mehr.“

Meist trägt sie abgewetzte, ehemals knallbunte Regencapes, auch im Hochsommer, und einen blauen Hut. Nicht, dass sie kein Geld für Klamotten hätte. Sie gibt ihr Geld lieber für anderes aus. Keine Ahnung, wofür. Es lässt sich nicht festmachen, wenn man sie auf der Strasse trifft. Vielleicht lebt sie in prunkvollen Möbeln.

„Ausserdem, was soll ich grossartig anziehen, wenn meine zwei Sprinkleranlagen mich sowieso ständig bewässern. Da kann ich ja besser Neopren anziehen.“

Ihre beiden durchtrainierten Boxer Marley und King sind noch Boxer vom alten Schlag, mit mächtig Speichelfluss. Echte Sabbertaschen, deren Köpfchen ich grundsätzlich nicht streichle, wenn man sich begegnet. Es ist früh am Nachmittag, einer der letzten Wintertage. Es schneit nicht, es flust vom Himmel. Als habe der Herrgott für ganz Deutschland eine Handvoll Schnee vorgesehen, und die wurde ihm dann auch noch verweht, just in dem Moment, als er die Hand öffnete, um das Land zu segnen. Da blieb dann nicht viel übrig für den Zedernweg.

Tina hat nur einen der beiden Boxer dabei, Marley. Der Rüde ist ganz verrückt nach Frau Moll, die zwei machen sich sofort übereinander her, gehen eng in den Clinch, bis die Rippen krachen.

Tina, wie immer gesprächig, kommt schnell auf den Punkt.

„Ich hab einen Anruf gekriegt. Unser Kassierer hat sich vorgestern erschossen. Im Wohnzimmersessel. “

Wenn man das so hört, denkt man ja gleich: „Unterschlagung?“

„Nein, keine Unterschlagung. Ist ja nur unser kleiner Boxer-Club, da lohnt keine Unterschlagung. Die paar Groschen. Ausserdem hätte der Willi das nicht getan.“

„Na, denkt man das nicht immer?“ frag ich. „Nur weil Kassierer harmlos aussehen, in der Ecke sitzen und still die Mitgliederbeiträge zählen. Und was stellt sich hinterher raus? Es war der Buchhalter.“

„Der Buchhalter?“ blinzelt die Gräfin.

„Ja, der Kassierer“, sag ich.

„Ach, der Willi, nee“, meint Tina. „Der hat so was nicht.. der war..  nicht gewitzt genug für Geld unterschlagen. Eigentlich ein lustiger Kerl, ein richtig gemütlicher Kölner, bis man bei ihm vor einem halben Jahr Darmkrebs diagnostizierte. Da war er nicht mehr lustig. Ich hab ihn gar nicht mehr lachen gesehen. Der wurde immer trauriger.“

„Ach, der arme Kerl“, sagt die Gräfin, die selbst ein paar Tage malad war. Richtig darniedergelegen hat sie, eine grippekranke Prinzessin auf der Erbse, schlimmer noch, eine grippekranke Prinzessin auf der DNS einer Erbse.  „Der arme Kerl“, wiederholt sie.

„Ach was, so arm war der gar nicht. Letzte Woche hat Willi erfahren, dass der Krebs gutartig war, es hatte keine Metastasen gebildet. Da war gar kein Grund mehr, sich zu erschiessen, der Willi wäre wieder gesund geworden. Wahnsinn, oder?“

Tina trägt ein fliederfarbenes Blouson, komplett zerknittert, unterm Mantel.

„Und dann auch noch im Wohnzimmer.“

Tina redet stets in der gleichen Tonlage. Sie ist niemals aufgeregt. Immer cool. Ein Monolith in der Klanglandschaft. Sie hat eine knubbelige kleine rote Nase, wie ein Clown, der keine Maske mehr aufziehen muss, weil das Leben sich tief eingraviert hat. Tina ist eine praktische Frau. Manchmal ein bisschen mäkelig.

„Ich mein, da kommt die Rosi von der Arbeit nach Hause, geht ins Wohnzimmer, und wer hängt da im Sessel und hat sich ein Loch in den Kopf geschossen?! Der liebe Ehemann. Muss das denn sein? War das nötig? Hätte er nicht in den Wald gehen können wie andere Männer auch? Oder meinetwegen vor eine Mauer fahren. Am besten einen Unfall vortäuschen, dann hätte Rosi wenigstens die Lebensversicherung ausbezahlt gekriegt, aber so.. bei Selbstmord.. Es wird schon schwierig genug, einen Pfarrer zu finden, der die Beerdigung macht, der ein paar Worte spricht. Der war ja Katholik, der Willi. Ein Kölner Katholik.“

Ich beobachte eine Schneeflocke, die sich auf Tinas verknubbelter Nase niederlässt und auf der Stelle wegschmilzt, wie ein Stück Butter in der Pfanne.

„Vor eine Mauer fahren ist nicht ungefährlich“, sag ich. „Stell dir vor, du bleibst querschnittsgelähmt zurück, dann hast du die Kacke aber richtig am dampfen.“

„Ach was, mit Hundert vor die Mauer, da bleibt nicht viel übrig von dir“, hält Tina dagegen. „Der Willi fuhr einen klapprigen alten Ford, das hätte funktioniert, den hätte man mausetot aus dem Wrack gezogen. Aber gemütlich im Wohnzimmer sitzen, Zeitung lesen und sich umbringen, ne Viertelstunde, bevor Rosi nach Hause kommt.. das ist doch.. also.. Mist. “

*

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