Der lange Stan, Don Giovanni und eine Fau mit dünnen Armen

Mittlerweile waren die meisten Leute, die mich grüssten, wenn ich durch die Stadt ging, Junkies. Das lag natürlich auch daran, dass andere Leute tagsüber gar nicht die Zeit hatten, durch die Stadt zu streunen und Leute zu grüßen.

“Was macht eigentlich der Lange, der.. verflucht, wie hiess er noch..? Der lange Stan?” fragte ich Giovanni, den ich nach Jahren zufällig wiedergetroffen hatte.

“Der lange Stan.? Der ist längst tot”, antwortete Giovanni.

“Der ist auch tot? Im Ernst..? Seit wann?”

“Na, den hat man doch direkt vorm Parkhaus gefunden, die Pumpe noch im Arm. Ist aber schon lange her.“

„Wie lange?“

„Hm. Ein halbes Jahr.”

„Ein halbes Jahr? Ist doch nicht lange.“

Die alten Knaben starben wie die Fliegen. Selbst die härtesten, die zähesten Brüder gaben den Geist auf. Jahrzehntelang malträtiert, machten die inneren Organe schlapp, Dominosteinen gleich fielen sie nacheinander um, plopp plopp. Doppelplopp.

Es gab auch Überraschungen. Leute, die sich fingen, in einem Alter, wo niemand mehr einen Penny auf sie setzte. Giovanni, der kleine Italiener, bei dem ich eine Weile Schore gekauft hatte, war eine späte Überraschung. In den Neunzigern lebte er mit einer Frau, deren Arme dünn waren wie ein Bündel Holz, und zwei kleinen Kindern in einer abgetakelten Sozialwohnung, bei deren Betreten man das Gefühl hatte, in einen Erdbunker zu steigen. In das dunkle Verliess von Ali Baba.

Ein bisschen schämten sich die beiden, in so einer dunklen Bude hausen zu müssen, wo im Sommer ein Gestank in der Luft war, als liefe man in Neapel der Müllabfuhr hinterher, bei brütender Hitze. Und das mit zwei kleinen Kindern, auf nicht mal anderthalb Zimmern und einem Klo, das diesen Namen nicht verdiente. Ein selbstgebasteltes abenteuerliches Geflecht aus einem Wassereimer, der halb gefüllt oben in der Ecke hing und bei Aktivierung durch eine runterbaumelnde Strippe umkippte und den Pott flutete. Kleine Geschäfte gingen auf diese Art runter, bei grossen musste mit der Klobürste oder der Hand nachgeholfen werden. Es war jedes Mal eine Stippvisite in der Dritten Welt, bei Giovanni Stoff zu kaufen.

Fünfzehn Jahre später sah ich ihn auf der Strasse wieder, wir fielen uns in die Arme. Es regnete, wir gingen ein paar gemeinsame Schritte unter seinem Regenschirm, wie Brüder. Er war rasiert, er war schlank, er war clean. Er sah große Klasse aus. Wir sprachen über den langen Stan.

„Ist mir gar nicht aufgefallen, dass der tot ist“, sagte ich.

„Na, ist ja auch kein Wunder“, meinte Giovanni.

Tatsächlich war Stan immer mal ein paar Monate im Bau und ein paar Monate draussen, so ging das ständig hin und her, im fliegenden Wechsel. Der lange Stan. Ein redlicher Süchtiger. Wenn er mit seinen langen Zotteln und Zahnreihen ohne Zähnen die Warenhäuser der Stadt betrat, schlugen alle Kaufhaushunde Alarm. Was Stan jedoch niemals davon abhielt, umgehend die Parfüm-Abteilung aufzusuchen, mit riesigen hängenden Manteltaschen. Er war der Zwei-Meter-Columbo aller Süchtigen, und er rauchte Zigarillos.

Der lange Stan, die dreiste Notwendigkeit, die personifizierte Platte, der Mann, der keinen Hehl aus seiner Sucht machte.

Dass ich Stan so lange nicht gesehen hatte, lag also an einer Pumpe in der Tiefe seine Armbeuge und nicht etwa am nächsten Aufenthalt in der JVA Siemonshöfchen, Wuppertal, wegen pathologisch fortgesetztem Ladendiebstahl. So war das also.

Als ich ihn das letzte Mal traf, war Stan gerade aus der Haft entlassen worden und hatte ohne Umweg seine Stammkundschaft in den Kneipen rund um den Neumarkt aufgesucht. All die alten Hartz 4-Knaben, die sich aufgrund Stans selbstlosem Warenhaus-Einsatz auch mal einen Flakon fürs Weib leisten konnten.

Ich fragte Stan, wie es geht und so. Ob er eine Wohnung habe, ob er im Methadon-Programm untergekommen sei. Bloß nicht, antwortete Stan, den Rucksack voller Aluminiumfolie zum Blowen, und dass er absolut keinen Nerv auf Methadon habe und lieber beim Originalstoff bleibe.

Eines aber trieb Stan, eins fünfundneunzig lang, die Zahnreihen ohne Zähne und Beine dünn wie Zündhölzer, die Zornesröte ins Gesicht. Im Büro des Gefängnisarztes hatte er kurz vor der Entlassung einen Blick in seine Akten werfen können und etwas von Borderline-Syndrom gelesen, schwerer Persönlichkeitsstörung.

“Ich und Borderline, nur weil ich seit dreißig Jahren saufe und drogensüchtig bin?! Alter, wie scheisse sind die denn drauf??!”

Giovanni und ich lachten noch über die kleine Anekdote, als wir uns Ecke Cronenberger Strasse verabschiedeten, zurück in den Regen.

Hätte ich doch besser die Fresse gehalten

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