Gang

Jetzt wusste ich, warum alle Männer, die mir entgegen kamen, sich so klein machten. Erstens trug ich mein militärgrünes Blouson und darunter die Kapuzenjacke, was mich reichlich aufgepumpt wirken liess, (die Muskeln gehisst), obwohl ja eigentlich nur Luft drin war, eine Prise Stoff und Polsterung, und zweitens, und das hatte ich im Laufe des Daseins als Mann gelernt:

Es lag an meinem Gang.

Um als Mann in einer Welt bestehen zu können, in der Mobilität alles ist, musst du am Gang feilen. Es reicht bei weitem nicht aus, einfach nur ‚zu gehen‘. Zu gehen, wenn ich das schon höre. Als wäre gehen ein Tuwort wie jedes andere auch, ein x beliebiges schmächtiges Verb. Nein! GANG muss es heissen! Spreche vom GANG, wenn du deine Beine meinst. Gang, das geht!

BANGG!!

*

500beinegrafik

Meinen morgendlich ausgeruhten Keep looking out for Number One-Gang aufgelegt, schritt ich aus wie ein großes lässiges Polizeipferd. Ich war oben auf der Wupperstrasse unterwegs, in meinem ureigenen Revier, aber ich tat so, als wäre es Ratingen West. Feindesland, voller Hochhaus und freakiger Eckensteher.

Befindest du dich als Mann in einem fremden Viertel, kommt es ganz auf die Beine an, ob du direkt vermöbelt wirst oder ob du noch eine Chance kriegst. Mehr kann ein Mensch nicht erwarten in der Fremde. Und: „Die Chancen sind so oder so in der Welt. Wenn du sie nicht nutzt, nutzt sie ein anderer“, so eine Weisheit der Gräfin. Also, nutze deine Chance. Geh ordentlich, lass knukkern den Fuß!

Zeige der Welt deinen Gang – zeige einen Gang von Welt – und du wirst ernst genommen.

(Gelegentlich muss man selbst im eigenen Revier so kraftvoll ausschreiten, als wäre man in Ratingen West unterwegs, zur Auffrischung der Würde und des Respekts.)

Klar, zu sehr auf dicke Hose machen kann einem auch schlecht bekommen, wie man überhaupt in diesem ganzen Testosterongestöber stets darauf bedacht sein sollte, im richtigen Moment einen Gang zurückzuschalten.

*

foto.schuhe

„Du hast einen irritierend männlichen Gang. Du säbelst alles nieder, was dir im Weg steht. Führend ist das linke Bein, das Gefühlsbein. Auch wenn du ein Typ bist, der viel Kopfarbeit machst, das Gefühl bestimmt deinen Gang. Und je schneller du gehst, desto mehr wird dein Gang zur Machete, die sich den Weg frei haut. Du schickst deine Energie voraus, und folgst. Du gehörst zu den Leuten, die vorwärts fallen beim Gehen“, meint sie. „Als du noch jung warst, also vor ein paar Jahren, war es noch schlimmer. Da bist du mit einer Verve über die Straße gegangen, als wäre dein linkes Bein aus Gummi und du wolltest es wegwerfen und hast es dann doch wieder herangeholt. Du warst wie dein eigener Jojo unterwegs, aber nur mit links.“

„Und was war rechts?“

„Na, normal war das auch nicht.“

*

Mehr möchte ich dazu auch gar nicht sagen. Ausser vielleicht: Die Gräfin meint, ich würde auf eine Art durch die Gegend stiefeln, als hätte jemand Cowboystiefel in meine Beine montiert. Dabei hab ich in meinem ganzen Leben noch nie Cowboystiefel getragen.

An anderen Tagen marschiere ich wie durch tiefen Morast, wobei ich die Schuhe schwungvoll nach hinten wegwerfe, so als  wolle ich alle Brücken hinter mir abreissen: Brennen sollt ihr, eiserne Bräute, mikrofein den Himmel verdunkeln! Ich meine ja nur. So was gibts eben auch, so Tage. So komische Gangtage.

Als wäre ich meine eigene kleine Gang.

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