Der Sturz im Treppenhaus

Chip wirkte schmal und zerbrechlich, und das Haar fiel ihm lang und dünn über die Schultern und glänzte, als hätte er ewig lang im Sprühregen gestanden. Er war ein großer Fan von Deutschrock. Er besaß alle Scheiben von Eloy, NEU aus Düsseldorf und von Kraftwerk, und er hatte den penibelst ausgekämmten Mittelscheitel der Welt, genau in der Schädelmitte, null Uhr, Greenwich-Time.

Mit langen zittrigen Fingern strich er sich das Haar aus dem Gesicht.

„Ins Klo“, rief er erbost. „Du sollst in das scheiß Klo kotzen und nicht daneben!“

Ich hing mit gequältem Gesichtsausdruck überm Pott und kotzte alles aus, was nicht niet- und nagelfest in meinem Inneren verschraubt war, und das war nicht wenig: Stücke einer türkischen Minipizza, Bier, etwas, das wie Lakritze aussah, ein Zigarettenfilter. Ein was? Was zum Teufel hatte ein Kippenfilter in der Kloschüssel zu suchen..?! IN MEINEM MAGEN!

Wir hatten den Tag über schwer gesoffen und dann den Fehler begangen, einen Bong zu rauchen, obwohl die Bongraucherei mir nicht bekam, wenn ich betrunken war. Bongrauchen war nichts für mich. Jedes Mal, wenn ich im betrunkenen Kopf einen Bong rauchte, gab mir das definitiv den Rest und ich endete als Auskotzer von Kippenfiltern oder weiß der Teufel was sonst noch alles.

Es gab da ein Problem: Wenn man bei Kiffern abhing, die auf Effizienz achteten, die aus jedem Brösel ein Maximum an Power herauskitzelten, dann kam man am Bongrauchen nicht vorbei. Entweder man zog am Blubber, oder man war draußen. Nun war Draußensein das letzte, was ich wollte, wenn ich einen sitzen hatte, im Gegenteil – es sollte weiter gehen, höher, tiefer, später, breiter! Niemals war ich schärfer aufs Kiffen als nach zehn, zwölf Bier und einigen Gespritzten, auch wenn ich wusste, dass ich es nicht vertragen würde.

Mein Kreislauf zeigte mir einen Vogel und brach zusammen, und ich fand mich auf dem Rand einer Badewanne in der Nordstadt wieder, nicht weit von mir.

„Nicht in die Wanne! Ins Klo! Ooh Mann – Scheiße..! DA VORN IST DAS KLO! NICHT DANEBEN! NICHT IN DIE.. WANNE!!“

Ich hatte gar nicht gewusst, dass Chip so hysterisch werden konnte. So.. motzig. Chip wohnte noch bei seiner Mutter. Sie hatte Runzeln und Falten im Gesicht wie ein alter Gobelin, sie sah zum Fürchten aus. Konnte eine Mutter so aussehen? Ging das überhaupt? Manch einer glaubte Chip nicht. „Das ist deine Oma, Chip, gib zu!“ Doch warum zum Teufel hätte uns Chip seine Oma als seine Mutter verkaufen sollen? Nein, es machte keinen Sinn. Sie sah verdammt alt aus, und nett war sie auch nicht. Sie war hager und fühlte sich vom Leben betrogen. Sie war seit Jahren Witwe. Aber sie war seine Mutter.

Chip hielt mir einen feuchten Aufnehmer hin.

„Hier, putz weg.“

„Tut mir leid, Chip“, röchelte ich. Ich war noch nicht fertig mit Kotzen. „Da kommt noch was..“

„Klar, Mann“, sagte er. „Schon gut. Mach einfach weg.“

Viertelstunde später. Ich war todmüde und wollte nur noch nach Hause, ins Bett. Vielleicht vorher kurz in die Küche und Chips Kühlschrank leerfressen. Doch dann erhob ich mich und verliess die Wohnung, ohne der Küche einen Blick zu widmen. Ich wankte durchs Treppenhaus – und verlor das Gleichgewicht. Ich war nicht mehr in der Lage, mich zu fangen, ich geriet ins Stolpern und fiel mit Riesengetöse die Treppenstufen hinunter, knallte der Länge nach hin, durch die geschlossene Etagentüre der Wohnung im ersten Stock – in der Mitte der Tür befand sich ein Glaseinsatz, der klirrend zerbarst.

Einen Moment glaubte ich, tot zu sein. Minimum halbtot, das Gesicht zerkratzt. Ich lag in einer fremden Diele, in den Scherben einer geborstenen Etagentür. Der Mordslärm hatte auch die Mieter auf den Plan gerufen, mit erschrockenen Gesichtern standen sie um mich herum.

„WAS IST DAS?“ schrie der Herr des Hauses.

Ich glotzte zu ihm hoch. Ich sah in ein haßerfülltes Gesicht, das nicht glauben wollte, was es da sah: Ein stinkbesoffener Jüngling, der mit voller Wucht in die Diele seines Heims gerauscht war, mitten durch die Tür, zur besten Abendbrotzeit, und nun vor ihm lag – ein Schädling.

Ich rappelte mich auf und sah an mir runter. Nirgends Blut, weder an mir noch auf dem Boden. Da waren bloß tausend kleine Scherben und das gesplitterte Holz vom Türrahmen, der auch etwas abgekriegt hatte.

„DAS.. DAS BEZAHLT IHR MIR, GLAUBT MIR DAS!“

Keine drei Monate zuvor hatten meine Eltern Timing bewiesen und eine Haftpflichtversicherung für mich abgeschlossen. Das war doch schon mal was. Durch das riesige Loch in der Tür erkannte ich Chip und seine Mutter, sie standen ganz oben auf dem Treppenabsatz und schlugen die Hände vorm Gesicht zusammen.

„Mann.. Scheiße“, räusperte ich mich, „schulligung.“

Chip machte nie viel Worte. Er wirkte kühl, beinah frostig. Als wären Eisbrecher in seiner Seele unterwegs, um den Verkehr notdürftig aufrecht zu erhalten. Doch das täuschte. Er hatte Witz und Esprit. Ich erinnere mich, wie wir uns einmal einen mescalinhaltigen Trip teilten und Chip meinte, dass es kein Wunder wäre, dass der Peyote-Kaktus aus Bolivien stamme.

„Da muss man ja surreal werden, bei so einer Landschaft“, meinte Chip. „Auch als Kaktus.“

Chip hatte nur ein Problem: er hatte kein Selbstbewusstsein. Er hielt nicht viel von sich. Er fand sich scheusslich. Zu dünn, zu doof. Zu zu. Und plötzlich war er von der Bildfläche verschwunden, und blieb es auch, eine ganze Zeit lang. Niemand wusste, was aus ihm geworden war. Gelegentlich sah ich seine Mutter, wenn sie auf der Wupperstrasse zum Supermarkt schlich. Ihr Blick war so eisig und nach innen gerichtet, so abweisend und grau-verloren, ich traute mich nicht, nach ihrem Sohn zu fragen. Außerdem war sie seit der Sache im Treppenhaus nicht gut auf mich zu sprechen.

Ich traf ihn zwei Jahre später auf dem Mühlenhof wieder, einem Platz mitten in der Stadt, voller Wasserspiele und schattiger Flecken. Er saß auf der Mauer, blass wie eh und je, die Matte gescheitelt, wortkarg. Er habe in einer Drückerkolonne gearbeitet, erzählte er mit schmalen Lippen und Froschäuglein, und sie hatten ihm übel mitgespielt. Geld vorenthalten, verprügelt, Psychoterror. Die ganze Kiste, die man aus der Zeitung kannte.

Aus der Halbdistanz betrachtet sah sein langes dünnes Haar immer noch aus, als wäre es im Regen gewesen. Aber der Glanz war dahin. Es war nur noch nass. Nass und lang.

„Und jetzt?“ fragte ich. „Was hast du vor?“

„Nächste Woche bin ich wieder weg.“

„Wohin?“

„Na ja, Zeitschriften werben.. Was sonst.“

„Ich dachte, die haben dich abgezogen.“

Seine dünnen Beine baumelten die Mauer hinab. Er lächelte, und er guckte mich klein und traurig an.

„Haben sie auch. Aber Hauptsache, ich bin unterwegs. Zuhause würde ich doch nur rumsitzen und darauf warten, dass Freunde klingeln und mir das Bad vollkotzen. Und die Freunde werden weniger mit den Jahren, glaub mir das, und am Ende klingelt niemand mehr. Nicht mal eure Kotze darf ich dann noch aufwischen. Nee, da bin ich lieber in der Kolonne unterwegs und tu so, als würde ich nicht merken, wie die mich verarschen. Ich mein, wenn die ihren Spaß daran haben.. sollen sie doch. Hauptsache, ich bin auf den Beinen.“

Er nuckelte an einer Zigarette.

„Weisst du, was das wichtigste ist im Leben?“

Ich blickte ihn gespannt an. „Das wichtigste.? Nee. Weiss ich nicht.“

„Das Wegkommen“, antwortete Chip.

Wir gingen rüber ins Mumms, und tranken ein paar Gläser. Am nächsten Tag war er fort. Ich hab ihn nie wieder gesehen.

®

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