Valentinade

„Sagen Sie mal, Herr Klump, wie ist das jetzt, wächst da ein neuer Zahn nach?“ fragte der Chef mit rußiger Stimme und zog an der HB.

Ich starrte ihn an. Ich war tags zuvor beim Zahnarzt gewesen, und der hatte einen entzündeten Backenzahn gezogen. Eine blutige Geschichte, mit viel Rotz und Schmerz. Der Chef, stattliche zwei Meter groß, Goldkettchen um den Hals, blickte mich an, ohne jeglichen Anflug von Ironie. Er meinte das tatsächlich ernst. Das war kein Witz.

„Nee“, antwortete ich, „nicht, dass ich wüsste.“

Es war kurz vor zwanzig Uhr, und es war Sonntag. Ich hatte ausnahmsweise keinen Nachtdienst, sondern Spätdienst, weil ich Karten fürs Theater hatte.

„Dass Sie sich für so was interessieren..“, wunderte sich mein Chef. „Ich persönlich kann mit Theater nichts anfangen. Meine Frau sagt immer, Dieter, was Kultur angeht, bist du ein Blödmanns Gehilfe – hähä.“ Er suchte seine Streichhölzer. „Und.. ich sag mal, was gibt’s da heut Abend?“

„Valentinaden.“

„Och! Was zu essen? So Rouladen?“

„Nee, Sketche von Karl Valentin.“

„Ach soo, Valentin! Den kenn ich! Ist so ein schmaler Hering oder nicht?“

„Hm. Ja. War.“

„War?“

„Ja, der war ein schmaler Hering. Der ist schon lange tot. Ein toter schmaler Hering.“

„Ach soo! Nee, is klar!“

Im Grunde war mein Chef ganz okay. Er gehörte zu den etwas naiven, ja leichtgläubigen Figuren, die ihrer eigenen Idee vom Leben nachhingen, obwohl alles dagegen zu sprechen schien. Die daran glaubten, ein Hotel garni in Solingen betreiben zu können, ohne sich zu verschulden. Die davon ausgingen, dass Zähne schon wieder irgendwie nachwachsen, wenn sie ausgefallen waren, oder die gleich den ganzen Weltraum erobern wollten, als Spielzeug-Astronaut Buzz Lightyear.

Niemand hat je so schön der Illusion seiner eigenen Grandezza nachgehangen wie Buzz Lightyear.

„Is klar, nee!“

Mein Chef war bekennender Kettenraucher, der drei Packungen HB am Tag qualmte und keine Probleme hatte, alle 60 Kippen in einem einzigen großen Glas-Aschenbecher auszudrücken, ohne ihn zwischendurch zu leeren. Was ihm jedoch Probleme bereitete war, was nicht in sein Weltbild passte war mein Wunsch, mir ein Theaterstück ansehen zu wollen. Das war Revolution.

„Gut, Sie haben mal gesagt, dass Sie ab und zu in eine Kneipe gehen, wo Kabarett gespielt wird oder so, aber richtig ins Theater..?“

„Jau, genau, da geh ich heut Abend hin.“

„In die Kneipe?!“

„Ja, das ist eine Kneipe mit kleiner Bühne, da kann man als Zuschauer zwischendurch ein Bier trinken oder ne Kippe rauchen..“

„Also doch in die Kneipe!“ Beruhigt steckte er sich eine HB an. „Ist mir übrigens aufgefallen: hier in der Gegend trinken alle nur Küppers, ne?“

Ich nickte. „Ja. Oder Kölsch.“

„Hähä“, röchelte er, dann machten wir uns an die Übergabe.

„Irgendwas besonderes?“ fragte er.

„Eigentlich nicht. Bis auf den Kerl von Moulinex im zwölften Stock. Der kam runter und wollte die Vorwahl von einer Region in Französisch-Guayana wissen, davon hatte nicht mal die Auskunft je gehört.“

„Gut, hm. Wenn der Franzmann noch mal runterkommt, verpass ich ihm gleich eine, Herr Klump. Soll er doch selber gucken, wo sein Französisch-Jajana wächst. Der Blödmann.“

„Die sind aber zu sechst“, gab ich zu bedenken.

„Zu sechst? Wieso?“

„Na ja, Firma Moulinex. Sechs Einzel. Alle auf der zwölf.“

„Ach so. Dann halt ich besser die Klappe.“

Ich zog mir die Jacke an, bereit zum Aufbruch.

„Sagen Sie mal, dann ist das doch kein richtiges Theater, was die da mache, in so ner verräucherten Kneipe“, liess der Chef nicht locker.

„Na ja doch, wieso nicht. Das ist eine freie Theatergruppe, die spielen überall, nicht nur im Theater. Ensemble Profan. Und wo sie heut Abend auftreten, im Birkenweiher, ist ausverkauft.“

„Ausverkauft? Was geht den da rein an Zuschauern?“

„Weiss nicht. Zweihundert Leute.“

„Zweihundert?“  Die Zigarette glühte wie ein Goldfisch. „Können die denn davon leben, die Schauspieler? Oder machen die das nur nebenberuflich, Herr Klump?“

Klump. Nach mehr als zwei Jahren hatte er es immer noch nicht gerafft, wie ich richtig hiess, aber ich hatte keine Lust mehr, ihm das klar zu machen. Und er hatte ja nicht mal Unrecht. Ich fühlte mich zunehmend wie ein Klumpen, der im elften Stock des Turm-Hotels seine Nächte zu Tode verklumpte vorm Kabelfernseher. Und was die Schauspielerei betraf, die war tatsächlich kein Geschäft: Mein alter Freund Karlos, Ensemblemitglied der ersten Stunde, jobbte nebenher als Sargträger auf dem Friedhof, um über die Runden zu kommen. So geschah es, dass er unmittelbar vor der Premiere noch einen Leichnam über den Friedhof wuchtete, und wenn es sich dabei um einen besonders schwergewichtigen Fall handelte, lösten sich beim Herunterlassen der Kiste auch schon mal die Seile und vierhundert Pfund sausten mit Radau in die Grube. Dann sang die Gemeinde.

„Herr Glumm, was machen die denn für Theater, wo Sie gleich hingehen?“ kam die knubbelige kleine Chefin des Hauses hinzu. Sie hatte in der Hotel-Küche einen Beutel mit Wurstresten gepackt, für unseren Hund daheim, und sie wusste, wie ich hiess. „Machen die auch Kabarett? Kabarett find ich gut. Kabarett guck ich gerne, so im Fernsehen. So Revue.“

„Na, die machen Verschiedenes. Wie soll ich sagen.. moderne Sachen, Drama. Auch mal ne kurze Oper. Ist verschieden. Irgendwie.. Pop.“

Ich verstaute die Tüte mit den Wurststückchen in der Jackentasche, fragte mich aber, wie das später in der drangvollen Enge der Kneipe kommen würde. Karl Valentin konnte man nichts vormachen: Hier schwitzt irgendwo ne Fleischwurst!

„Och nee, Oper! So richtig mit Dingens? Mit ähhm.. Orchester?!“ leuchtete der Chef vergnügt.

Verdammt! Konnte ich altes Plaudertäschchen nicht die Klappe halten?

„Nee, Orchester nicht. Obwohl.. manchmal sind schon Musiker dabei. Nicht immer.. wie soll ich sagen..“

„Also, dass Sie sich für so was interessieren, das hätte ich nicht gedacht!“ ging die Chose wieder von vorn los, als ich endlich doch noch den Dreh fand und einen letzten Versuch startete.

„Ehrlich gesagt, mich interessiert Theater nicht besonders, aber bei Profan spielt ein Freund von mir, mein bester Freund, schon seit Ewigkeiten, deswegen.“

„Ach so!“ blökte der Chef und zerknüllte die leere HB-Packung. „Nee, dann ist klar! Das versteh ich! Ist logisch! Also, bis morgen, Herr Klump! Schüss!“

©

foto.solingen

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3 Gedanken zu „Valentinade

  1. bei den valentinaden des karlos wäre ich gerne dabei gewesen. aber auch die dialoge zwischen dir und deinem damaligen chef haben den besonderen charme des aneinander-vorbei-redens, den auch einige von valentins texten auszeichnet. habe mich beim lesen köstlich amüsiert. gruß, uwe

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