Arme Mutter von Vincent

Es ist schon erstaunlich, wie oft der Name eines Menschen zu seinem Wesen passt, ihm entspricht. So ist ein Axel stets um Wahrhaftigkeit bemüht, ein Andreas linientreu, und Volker, wenn er in die Jahre kommt, teigig und selbstmitleidig.

Margot, genannt Maggie, hatte schon feuerrot gefärbtes Haar, als noch niemand das Haar färbte, Mirko ist bauernschlau, jede Jacqueline stürmisch.

„Woher wissen die Eltern bloß, dass ihr Kind einmal ein Axel wird? Dass sie keinen Fehler machen bei der Namenswahl?“ frage ich die Gräfin. „Oder passt man sich im Laufe des Lebens einfach an seinen Vornamen an? Entwickelt man sich zum Axel?“

„Nee, das ist anders, Andreas. Schau, so eine Mutter hat neun lange Monate Zeit, um zu erfühlen, was da für ein Früchtchen in ihrem Bauch heranreift. Sie horcht in sich hinein, sie hält den Finger in den Wind, sie prüft. Bis zur Entscheidung.“

Das macht Sinn, ja. Deswegen ist Lucy immer klein und stutenbissig und trägt partyresistentes Haargel, deswegen ist Julio wortkarg, Julia blond und Anja meint es gut. Auch Benjamin glaubt, dass er brav am besten durchs Leben kommt, dagegen ist Patrizia so frech, sie kackt noch mit vierzig in den Sandkasten, wenn ihr danach ist.

Artur ist ritterlich, Tarik streng.

Jeder Michael hat seelische Probleme, Susanne ist nett, aber impertinent. Alexander sieht gut aus, ist aber verschlagen. Stefan schmiert gern dicke Brötchen, Tina jobbt als Auffüll-Trulla im Discounter, das tut sie bis zur Rente.

Robin interessiert sich für nichts so sehr wie für Meteoritenschauer, Gary baut in der letzen Bank aus alten Butterbroten die fünfte Versuchsvulva. Lou ist ein wenig langsamer als die Kameraden, Vincent der traurigste Junge der ganze Jahrgangsstufe.

Arme Mutter von Vincent.

Doch was ist erst mit den Müttern, denen nach neun Monaten Tragezeit bewusst wird, dass ihnen nichts anderes übrigbleibt, als ihren Sohn Jürgen zu nennen. Einfach, weil er so verflucht ultra-Jürgen ist, der Jürgen-Bub.

Noch ärmer dran sind Mütter, die nach neun Monaten die Waffen strecken und aufgeben. Ihr Kind gerät so gesichtslos, dass es sein Lebtag lang beim Nachnamen gerufen wird.

He Frömmelmann! Machs Maul zu, es zieht!

Dann wären da noch die großen, die ganz seltenen Ausnahmen. Die Uwe Seelers.

„Wenn ich die Ehefrau von Uwe Seeler wäre, ich würde auch nach vierzig Ehejahren Uwe Seeler zu ihm sagen und nicht etwa Uwe oder Schatz oder so was“, sagt die Gräfin. „Nee, Uwe Seeler. Immer.“

©

foto.otto

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13 Gedanken zu „Arme Mutter von Vincent

  1. Ohne Quatsch, ja da ist was dran.
    Fridjof und Volkhard waren Brüder,
    und wenn mir einer ständig „Hermann komm rein ,Das Brot ist ..
    also Rufnamen..
    können auch charakterförderlich sein.

    guter name

  2. da bin ich aber froh. mein vater – haessfau-fan seit urzeiten – benamte mich nur wegen seeler mit uwe und hoffte insgeheim auf eine telepathische talentübertragung. doch bei mir reichte es nur zum libero und nur bis zum 16. lebensjahr. dann wurde ich zum leser und also faul. das ballspiel ließ ich sein oder machte es nur noch mit ideen. meine herzdame nennt mich nur in ausnahmefällen mit meinem vornamen, nur dann, wenn es für mich eng werden soll. gruß, uwe

  3. was bin ich froh, dass ich – samt meinem vornamen – in deiner aufzählung nicht vorkomme, nochmal davon gekommen!
    doch oh weh, was mach ich jetzt mit meinem geliebten jürgen?
    das klischee passt hier nicht. hm …

    sowieso sind die namensvetter und namensbasen der von dir aufgezählten vornamen bei mir vom wesen her alle ganz anders. ich hab wohl einfach andere backformen mit ins leben bekommen?

    ich habe mal gelesen, dass besonders in den „einfachen schichten“ oft die kinder sehr „prominente“ namen tragen – quasi als sich selbst erfüllende profezeiung, oder aber, um wenigstens etwas glamour mit auf den weg zu bekommen. ich sag nur kevin.

    [ähm, sagt die gräfin denn einfach nur andreas zu dir? einfach nur andreas? was will uns das sagen? *zwinker*]

  4. Achja, in der dritten Klasse hatte ich mal einen Schüler, der sich vor mich stellte, kokett sein langes Ponyhaar zur Seite schnickte und sprach: Wissen Sie, Frau L., ich glaube, ich bin schwul. Außerdem mag ich keinen weichgespülten Jazz, wie mein Stiefvater ihn macht….und der Bub hieß tatsächlich Vincent. Das ist doch die Spitze des Eisbergs, nicht wahr!

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